OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Totengedenken und Opfergaben bei den Chinesen

 - Februar 2014
Ausgabe: 
Nr. 124, I, 2014

Da Hamburg eine Hafen- und Handelsstadt mit internationalen Verbindungen ist, halten sich auch viele Menschen aus anderen Kulturkreisen hier auf, manche nur für kurze Zeit, für andere wird es zur neuen Heimat. Und wenn ihr Lebensweg hier zu Ende geht, finden einige ihre letzte Ruhestätte auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Besucher der beiden kleinen chinesischen Grabfelder (zu finden in Bp 68 und N 34-35) können gut erkennen, dass die Chinesen einen eigenen "Stil" pflegen. Und neben der Gestaltung der Steine fällt auf, dass man oft kleine Opfergaben auf den Gräbern entdecken kann, besonders viele aber Anfang April. Zu dieser Zeit feiern die Chinesen das Qingming-Fest, das Fest der Ahnenverehrung – qingming = hell und klar – und da selbst in modernen chinesischen Familien die Ahnenverehrung noch große Bedeutung hat, ist für viele Chinesen ein Besuch der Gräber eine Selbstverständlichkeit.

Besucher
Der Besucherstrom zum Totenfest - die Schriftzeichen auf dem Banner haben allerdings nichts mit dem Ereignis zu tun. Sie besagen lediglich, dass der Friedhof ISO-zertifiziert ist. Foto: Schmolinske

In China gibt es aus diesem Anlass daher jedes Jahr eine regelrechte "Völkerwanderung". Um dem Rechnung zu tragen, hat die chinesische Regierung vor einigen Jahren das Totenfest zum offiziellen Feiertag erklärt. Das Fest fällt eigentlich auf den 15. Tag nach Frühlingsbeginn, in diesem Jahr also auf den 4. April, aber der genaue Termin wird jedes Jahr von der Regierung festgelegt, und damit sich Gelegenheit zu einem Kurzurlaub bietet, gibt es noch zwei zusätzliche offizielle freie Tage. Diese drei freien Tage hängen immer zusammen. Dafür muss dann allerdings in manchen Jahren mal am Wochenende gearbeitet werden, was jedoch in China kein Problem ist, da man dort keine Rücksicht auf den christlichen Sonntag nehmen muss. 2014 ist dies aber nicht erforderlich, da vom 5. bis zum 7. April frei ist.

Arbeiter
Ein Friedhofsarbeiter zwischen den Grabfeldern. Foto: Schmolinske

Vor den großen Friedhöfen, die im Allgemeinen außerhalb der Städte liegen, stehen an Qingming reihenweise Reisebusse und mittlerweile auch viele Pkw. Bei der riesigen Bevölkerungszahl in China darf man sich natürlich keinen Parkfriedhof vorstellen, wie wir ihn hier in Ohlsdorf haben. Der Platz ist knapp und es überwiegen große, eng belegte Grabfelder, zum Teil sogar mit völlig identisch gestalteten Grabmalen und einheitlicher Bepflanzung zwischen den Gräbern.

Um sich überhaupt zurechtzufinden, sind dann aber die Steine von Grabfeld zu Grabfeld verschieden. Die Gräber sind meist relativ klein, da aus Platzgründen überwiegend eingeäschert wird. Trotzdem lassen sich die Chinesen diese Plätzchen einiges kosten. Preise von 200. 000 Yuan, umgerechnet fast 25.000 Euro, für 1 m2 sind keine Seltenheit.

Musik
Ob hier wohl auch noch die Lieblingsmusik des Verstorbenen gespielt wird? Foto: Schmolinske
Speisen
Ein reichhaltiges Menü und Blumen auf dem Grab einer alten Dame. Foto: Schmolinske

Der Dunst, der am Totenfest über den Friedhöfen hängt, ist kein Nebel. Er stammt von den vielen Räucherstäbchen, die einen süßlichen Geruch verbreiten, und aus unzähligen kleinen Feuertonnen, in denen Totengeld verbrannt wird, aber mittlerweile auch papierene Autos, Anzüge, Schuhe und andere Gegenstände des täglichen Lebens. Dadurch sollen diese Dinge den Vorfahren im Jenseits zur Verfügung stehen und sie freundlich stimmen, damit sie die Geschicke ihrer Nachfahren positiv beeinflussen.
Auf die Gräber, die oft mit einer steinernen Platte bedeckt sind, werden Opfergaben gelegt, Lieblingsspeisen der Verstorbenen, vielleicht ein Fläschchen Schnaps und Zigaretten für den verstorbenen Opa, frische Blumen für die Oma. Zum Abschluss wird dann noch gebetet und alles fürs Familienalbum fotografisch festgehalten, möglichst mit dem Enkel. So üppig wie im obigen Beispiel fallen die Opfergaben auf dem Ohlsdorfer Friedhof im Allgemeinen nicht aus. Dafür ist zu beobachten, dass hier manche Familien chinesische und deutsche Traditionen mischen. Als Grabschmuck werden Ewiglichter aufgestellt. Das eine oder andere Engelchen ist mittlerweile auch hier gelandet, und am Volkstrauertag des vergangenen Jahres konnte man eine Familie beobachten, die diesen deutschen Gedenktag zu einem Besuch am Grab nutzte, um dann dort – ganz in chinesischer Tradition – Opfergaben abzulegen und Totengeld zu verbrennen.

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