OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grab und Landschaft

 - Februar 2013
Ausgabe: 
Nr. 120, I, 2013

Die Verbindung von Grab und Landschaft reicht weit in die Vergangenheit zurück. Schon in der Antike wurde der locus amoenus – der liebliche Ort – besungen, der in den Bereich der Schäferdichtungen und Idyllen gehört: eine fiktive, idealisierte Landschaft, die aus den immer gleichen Elementen zusammengesetzt war. Auch wenn es diese dichterische Tradition schon vor ihm gab, so galt der römische und damit "heidnische" Dichter Vergil in der christlichen Welt als "Vater des Abendlandes". Man deutete nämlich die Geburt eines Kindes in einer seiner Eklogen – seinen zehn Hirtengedichten – als Vorhersage von Christi Geburt.

Vergils Grab
Vergils Grab, Holzschnitt aus "Sito et antichità della città di Pozzuolo" von Scipione Mazella, Neapel 1594. Veröffentlicht über Bayrisches Staatsbibliothek digital, Permalink: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs..., Scan 301

In diesen Gedichten, die anfangs Bucolica genannt wurden (griechisch boucolos = Rinderhirte), geht es hauptsächlich um die Liebe und die Schönheit der Natur. Das Leben der Hirten verlegt Vergil dabei in die "Kunstlandschaft" Arkadien, "eine pastorale Landschaft, die durch immerwährenden Frühling und eine sich selbst erneuernde und reichlich spendende Natur charakterisiert ist".1 In diesen idyllischen Gefilden haben aber auch Tod und Erinnerung ihren Platz. In der 5. Ekloge stimmen zwei Hirten einen Wettgesang über das Ende des Hirten Daphnis an, wobei natürlich auch auch sein Grabmal erwähnt wird.2

Vergils eigenes Grabmal wurde im Übrigen schon in der Antike in der Nähe von Neapel verortet und bildete Jahrhunderte lang den Ort, den Reisende aus ganz Europa mit besonderer Ehrfurcht besuchten. So enthielten auch die Reisebücher seit dem Mittelalter immer Beschreibungen und Abbildungen dieses Monumentes.3 Es lag ehemals in freier Landschaft ganz dicht neben einem zweiten berühmten Ort – dem Eingang eines antiken Tunnels, der den Hügelzug des Posillipo durchquert. Heute findet man seine Überreste inmitten eines kleinen Parks, den die Stadt Neapel 1930 zur 2000jährigen Wiederkehr von Vergils Geburtstag anlegen ließ. Übrigens sind die ruinösen Überreste dieses Grabmals noch heute Ziel von Bildungsreisen.4

Ekloge 5
"Daphnis ego in silvis", Holzschnitt mit dem Grabmal des Daphnis aus "Publij Virgilij Maronis Opera" herausgegeben von Sebastian Brant, Straßburg, 1502 [VD16 M 6937], Seite: 16r, Permalink: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0047/image?sid=b66031...

Sicher nicht ohne Absicht stiftete der italienische Renaissance-Dichter Jacopo Sannazaro (1458-1530) ganz in der Nähe dieses antiken Bauwerkes und unweit von seiner eigenen Villa die kleine Kirche Santa Maria del Parto, die ihm zugleich als Begräbnisort diente. Dichterischen Ruhm gewann Sannazaro durch seine 1504 veröffentlichte Pastoralromanze Arcadia, die in ganz Europa zum Vorbild der erotischen Hirtendichtung wurde. Sannazaro wurde deswegen so bekannt, weil er in seinem Werk die Ideen der heidnischen Antike mit der christlichen Sichtweise der Welt zu verbinden vermochte.5 Auch das Motiv des Grabmals in der Natur nahm Sannazaro wieder auf. Anstelle des Hirten Daphnis war es nun die Hirtin Phyllis, deren viereckiges Monument mit Inschrift in der arkadischen Landschaft erschien.6 Mit seinem eigenen Grabmal hielt sich der Dichter allerdings an die christlichen Normen der Zeit, die eine Bestattung im geweihtem Raum verlangten.

Zeitgleich mit Sannazaros Arcadia erschien in Straßburg eine Ausgabe von Vergils Eklogen von Sebastian Brant. In diesem Druck findet sich die erste bekannte Darstellung des "Grabmals in Arkadien".7 Auf dem Holzschnitt stehen drei Hirten um eine rechteckige Tumba mit der Inschrift "Daphnis ego in silvis". Hinter ihnen erstreckt sich eine Landschaft mit grasenden Rindern und einzelnen Palmen, die von einem Bach durchflossen wird. Im Hintergrund sitzen die beiden Hirten, die Daphnis besingen.

Das Bild des "Grabmals in Arkadien" wurde in den folgenden Jahrhunderten von Künstlern aufgenommen und ausgestaltet. Als erster widmete sich anscheinend der italienische Barockmaler Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino, diesem Thema.8 Sein Gemälde vom Beginn des 17. Jahrhunderts zeigt zwei Schäfer, die auf einen Totenkopf starren, der auf einem quaderförmigen Grabmal mit den Worten "Et in Arcadia ego" liegt. Weltberühmt wurden die beiden Gemälde von Nicolas Poussin mit diesem Titel. In der ersten Version um 1630 entdecken Schäfer ein halb verborgenes Grabmal, auf dem ebenfalls ein Totenkopf liegt. Voller Überraschung scheinen sie die Inschrift zu lesen. In der knapp zehn Jahre späteren Fassung nimmt das Grabmal den Mittelpunkt des Bildes ein, wobei der Maler von der Darstellung des Schädels abgesehen hat und die arkadische Landschaft eine größere Rolle im Bild spielt.9 Auf allen diesen Bildern aber wird das Grabmal mit seiner Inschrift zu einem Memento mori, bei dem der Tote, beziehungsweise der Tod selbst, auf seine immerwährende Anwesenheit – selbst in den frühlingshaften und seligen Gefilden Arkadiens – aufmerksam macht.10

Hutschachtel
Grabmal mit Totenschädeln in einer Landschaft, Gemälde auf einer Hutschachtel aus dem 19. Jahrhundert, Detlefsen Museum Glückstadt (Foto Leisner)

Wie tief das Thema "Grabmal und Landschaft" in der europäischen Hochkultur verankert ist, zeigt übrigens eine Hutschachtel des 19. Jahrhunderts. Ihr Deckel zeigt das Bild eines Grabmals, das in einer angedeuteten Landschaft steht. Auf dem altarähnlichen Grabstein liegen drei Totenköpfe. Darüber steht der Spruch: "Wer kan von diesen Köpfen lesen, wer jener oder der gewesen." Gleich mehrere Motive sind hier vereint: zum einen der grundlegende Gedanke der Totentänze, dass "im Totenreich" alle gleich sind; sodann das Motiv "Grabmal in Arkadien" und zusätzlich weist die Dreizahl der Totenköpfe darauf hin, dass vielleicht auch die Erzählung von den drei Lebenden und den drei Toten eine Rolle spielt, die ebenfalls zum kulturellen Erbe Europas gehört.11

Die verschiedenen Stränge, mit denen sich der Topos "Grab und Landschaft" durch die Geschichte zieht, führen im 18. Jahrhundert zu einer Einbettung sowohl von echten Grabstätten als auch von Kenotaphen, also Grabmalen ohne Bestattung, in die künstlich hergestellten Landschaften der neuen englischen Gärten. Am berühmtesten ist sicher das Grab für Jean-Jaques Rousseau, das sein Freund und Gönner Marquis de Girardin 1778 auf der Pappel-Insel in seinem Park von Ermenonville errichten ließ. Das Grabmal bestand ursprünglich aus einer Urne auf einem würfelförmigen Sockel. Zwei Jahre nach dem Tod Rousseaus entstand dann der Sarkophag, der heute noch zu sehen ist. Rousseaus Leiche wurde wenige Jahre später in das Pantheon in Paris überführt.

Ermenonville
Rousseau-Insel im Park von Ermenonville, Abbildung aus "Ermenonville ancien et moderne" von E. Lemarié, 1897, 1 vol.; in-16. Digital veröffentlicht von der Bibliothèque nationale de France, département Philosophie, histoire, sciences de l'homme, Permalink: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k503806k/f103.image

Allerdings sind hinter dem Topos "Grab und Landschaft" innerhalb der neuen Landschaftsgärten unterschiedliche Ideen wirksam. Handelt es sich bei dem Grab für den großen Sozialreformer tatsächlich um den Ort seiner letzten Ruhe in freier Natur, so ließ in Kassel Landgraf Friedrich II. Vergils Grabmal in seinem Bergpark Wilhelmshöhe nachbauen und machte damit seinen Park zu einer Sehenswürdigkeit aus künstlich angelegter Natur und Versatzstücken der europäischen Kulturgeschichte. Auf ähnliche Weise wurden auch in anderen Landschaftsparks des 18. Jahrhunderts berühmte Bauten mit ihren unterschiedlichen Stilformen und in unterschiedlichen Erhaltungszuständen – teilweise in Miniaturform – nachgebaut und dienten damit sowohl der Belehrung, als auch dem "Ergötzen" der adeligen Besucher. So nimmt es nicht Wunder, dass Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) in Wörlitz, dem ersten großen deutschen Landschaftsgarten nach englischem Muster, sogar die Rousseau-Insel nachbauen ließ und – da man offenbar die Ausgestaltung mit dem späteren Sarkophag in Ermenonville noch nicht kannte – mit einer Zierurne schmückte. So changiert der Topos "Grab im Landschaftsgarten" zwischen einem Ort, der beim Besucher melancholische Gefühle erwecken soll, einer touristischen Sehenswürdigkeit und manchmal auch einer repräsentativen Begräbnisstätte für den Parkbesitzer.

Klopstocks Grab
Klopstocks Grab 1805. Kupferstich von Georg Döbler (1789-1845) nach Siegfried Detlev Bendixen (1786-1864), Permalink: http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN663955866

Das älteste bekannte – jedenfalls kurzzeitig – echte Grab, das bewusst in der freien Natur angelegt wurde, geht dabei auf Johann Moritz von Nassau-Siegen zurück. Er interessierte sich leidenschaftlich für Architektur und Gartenkunst. Die hügelige Umgebung seiner Residenz verband er mit einem System von Alleen, Kanälen und Sichtachsen zu einer ganz eigenen Parkanlage. Ein Jahr vor seinem Tod ließ er sich in dieser Landschaft eine große gusseiserne Tumba errichten, die mit Wappen- und Trophäen-Reliefs geschmückt ist. Vorgelagert ist eine halbrunde Mauer, die in der Mitte den Blick auf die Tumba freigibt. Als Prinz Johann Moritz 1679 starb, wurde er kurzzeitig dort beigesetzt, bevor sein Leichnam einige Monate später in die Familiengruft in Siegen überführt wurde. Für seine Zeitgenossen erhielt sein Grabmal in der freien Natur damit eine ganze eigene Authentizität.

Es dauerte noch eine Weile, bis es dann im späten 18. Jahrhundert geradezu Mode wurde, eine Grabstätte oder ein Mausoleum in der eigenen Gartenanlage einzurichten. Parallel dazu setzte am Ende des 18. Jahrhunderts mit der Verlegung der Friedhöfe in die freie Natur am Rande der Städte ebenfalls eine neue Verbindung von Grabstätte und Landschaft ein. Im Rahmen des allgemeinen Hygiene-Diskurses kehrte nun auch das Bürgertum dem innerstädtischen Raum den Rücken und suchte Begräbnisplätze auf, die zwar noch in geweihter Erde lagen, aber doch schon in ländlichem Raum verortet waren. Ein wichtiges Beispiel bildet das Grab, das der Dichter Klopstock für seine 1754 gestorbene Frau Meta auf dem Ottenser Dorffriedhof in der Nähe von Altona erwarb. Eine weitere Linie führt von dem ersten parkartig angelegten Friedhof Père Lachaise in Paris zu den großen Parkfriedhöfen in Amerika und im Norden Europas, zu denen auch der Ohlsdorfer Friedhof gehört.

Gegenwärtig setzt sich anscheinend ein noch viel stärkeres Bedürfnis nach freier Natur und jetzt, als ein historisch relativ neues Moment, zugleich möglicherweise auch eine endgültige Abkehr von der jahrhundertealten Tradition des christlichen Grabes in geweihter Erde durch, wenn man sieht, wie Friedwälder, Ruheforste und ähnliche Anlagen immer mehr Anhänger gewinnen.

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1 Faber, Richard (Hrsg). Arkadische Kulturlandschaft und Gartenkunst: eine Tour d‘ Horizon. Würzburg : Königshausen & Neumann, 2010, S. 60
2 Vergil, Eclogae V, 42 ff.: "et tumulum facite, et tumulo superaddite carmen: Daphnis ego in silvis, hinc usque ad sidera notus,formosi pecoris custos, formosior ipse" (Türmet den Hügel ihm auf und schreibt auf den Hügel die Worte:'Daphnis war ich im Walde, bekannt bis zu den Gestirnen: Schön war, was ich gehütet, das Vieh, doch schöner ich selber.')
3 siehe zum Beispiel: Mazzella, Scipione. Sito et antichità della città di Pozzuolo. Napoli 1594  Permalink: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs... vgl. zum Thema insgesamt: Pisani, Salvatore. Qui cineres? Vergils Grab am Posillip zwischen literarischer Erinnerung und politischer Mnemo-Topographie, in: Et in Arcadia ego. Grab und Memoria im frühen Landschaftsgarten, hrsg. von Horst Bredekamp/Annette Dorgerloh. (2012 noch im Druck)
4 Vgl. den Blog des Sebastian-Münster-Gymnasiums in Ingelheim http://www.smg-ingelheim.de/unterricht/latein/SchuelerberichtNeapelfahrt...
5 Vgl. Jacob Burckhard, Die Cultur der Renaissance in Italien. Leipzig 1908, 10. Aufl., S. 285 http://archive.org/stream/diekulturderrena01burc#page/286/mode/1up
6 Winter, Sascha. Im ewigen Kreislauf der Natur. Begräbnisse des Adels in Gärten des späten 17. und 18. Jahrhunderts. In: Düselder, Heike; Weckenbrock, Olga; Westphal, Siegrid (Hrsg.). Adel und Umwelt: Horizonte adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit. Tagung Stift Börstel, Berge. Köln (Böhlau) 2008, S. 105-130, hier S. 112
7 Winter a.a.O, S. 112, Anm. 27, vgl. die Abbildung in: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502/0047/image?sid=fd2bb9...
8 Bild abgebildet auf: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Et-in-Arcadia-ego.jpg
9 Abbildungen unter http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fb/Poussin1627.jpg und http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fd/Nicolas_Poussin_052.jpg
10 Zu weiteren Darstellungen siehe den Artikel "Et in Arcadia ego" im Reallexikon der deutschen Kunstgeschichte, Bd. 6, Spalte 117ff. Et in Arcadia ego: Bd. 6, Sp. 117/118 
11 Drei hochmütige, meist junge Edelleute treffen unerwartet drei Tote, deren zerfressene, in Leichentücher gehüllte Körper einen grauenvollen Anblick bieten. Die Toten berichten von ihrem früheren weltlichen Leben und ermahnen die Lebenden ein gottesfürchtiges Leben zu führen. Vgl. dazu Reallexikon der deutschen Kunstgeschichte, Bd. Drei Lebende und drei Tote: Bd. 4, Sp. 512

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