OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Über Erinnerung und Gedächtnis

 - Oktober 2010
Ausgabe: 
Nr. 111, IV, 2010

Die Begriffe "Erinnerung" und "Gedächtnis" sind seit den 1990er Jahren geradezu zu Leitbegriffen der deutschen Geschichts- und Kulturwissenschaften geworden.

Otto Gerhard Oexle, Aleida und Jan Assmann, Harald Welzer und andere haben in mehreren Studien über das kulturelle, kollektive, kommunikative und biografische Gedächtnis geforscht. Bedeutende Projekte haben mit diesen oder ähnlichen Leitbegriffen gearbeitet. In der einschlägigen Fachliteratur wurde immer wieder beschrieben, wie bedeutsam Orte, Räume und Landschaften für das kollektive Gedächtnis sind.

Zu den Pionieren der Erforschung des Zusammenhangs von Raum, Landschaft und Gedächtnis gehört der französische Soziologe und Durkheim-Schüler Maurice Halbwachs (1877-1945), der seit den 1920er Jahren seine wichtigen Studien publizierte. Für unser Thema von Bedeutung war zuletzt sein Werk über "Stätten der Verkündigung im Heiligen Land: eine Studie zum kollektiven Gedächtnis". Maurice Halbwachs schrieb über die "sinnliche Gewissheit" von Erinnerungsstätten: "Die Vergangenheit wird Teil der Gegenwart: man kann sie berühren, glaubt sie unmittelbar zu erfahren".

Halbwachs bleibendes Vermächtnis ist zunächst die Erkenntnis der sozialen Gebundenheit von Gedächtnis. Zugleich hat er die "Verräumlichung" von Vergangenheit untersucht. Halbwachs sah die materiellen Artefakte, die aus vergangenen Epochen übrig blieben, als symbolische Träger der Erinnerung an das Vergangene. Oder, um es anders zu formulieren: Das, was im öffentlichen Raum als Artefakt die Zeit überlebt hat, repräsentiert viel mehr als seinen bloßen materiellen Wert.

Damit nähern wir uns dem Begriff der "Gedächtnislandschaft". Er ist in den Geisteswissenschaften seit Mitte der 1990er Jahre eingeführt. Wegweisend war das Konzept des britischen Historikers Simon Schama, das er 1995 mit seiner Studie "Landscape and Memory" vorstellte. Simon Schama zeigte in "Landscape and Memory" die in die Landschaft gleichsam eingebrannten politischen Mythen, wenn er beispielsweise den Mount Rushmore mit seinen eingemeißelten Portraits amerikanischer Präsidenten analysiert. Weitere Studien anderer Autoren widmen sich jenen Gedächtnislandschaften, die in politischer Aufarbeitung von NS-Diktatur, Holocaust und Zweitem Weltkrieg entstanden oder spüren einem regionalspezifischen Umgang mit Tod und Trauer nach.

Landschaft bedeutet, das haben die neueren Forschungen ergeben, zugleich ein materielles Erbe wie auch einen Fundus von Ideen und Wahrnehmungsformen. Landschaften haben für bestimmte soziale Gruppierungen in ihrem eigenen Umfeld eine spezifische Bedeutung. Diese Bedeutung ist in der Regel sowohl kulturell als auch sozioökonomisch begründet. Sie verändert und entwickelt sich im Zuge historischen Wandels. In den multikausalen Wechselwirkungen zwischen Landschaftsentwicklung, Landschaftswahrnehmung und Landschaftsgestaltung lässt sich dem Handeln der Akteure nachspüren. Die Geschichte der Menschen ist in die Landschaft gleichsam eingeschrieben.

Indirekt geht das Konzept einer "Gedächtnislandschaft" auch zurück auf die „Lieux de mémoire” des französischen Historikers Pierre Nora (1984 ff.). Pierre Nora hatte dabei vor allem nationale Erinnerungsorte im Auge und wurde in Deutschland ab 1990 breit rezipiert. Sein Konzept fundiert auf der historischen Zäsur der Trennung von Geschichte und Gedächtnis: Die Historisierung von Gesellschaft und Kultur im bürgerlichen Zeitalter, die nicht zuletzt mit den Anfängen moderner Geschichtsschreibung verbunden war, bedeutete das Ende eines gesellschaftlich gelebten Gedächtnisses, indem sie Distanz zur eigenen Vergangenheit schuf – ohne diese jedoch gänzlich verschwinden zu lassen: "Das Interesse an jenen Orten, an die sich das Gedächtnis lagert […], rührt von diesem besonderen Augenblick unserer Geschichte her. Wir erleben einen Augenblick des Übergangs, da das Bewusstsein eines Bruchs mit der Vergangenheit einhergeht mit dem Gefühl eines Abreißens des Gedächtnisses, zugleich aber ein Augenblick, da dies Abreißen noch soviel Gedächtnis freisetzt, daß sich die Frage nach dessen Verkörperung stellt." Folgerichtig definiert Pierre Nora einen Erinnerungsort zunächst einmal als "Überrest", welcher Form auch immer. Es ist der rudimentäre, unreflektierte Modus, "in der ein eingedenkendes Bewusstein überdauert in einer Geschichte, welche nach ihnen ruft, weil sie nicht um sie weiß".

Dies ist inzwischen an unterschiedlichen Themen und Räumen exemplifiziert worden. Der Osteuropa-Historiker Guido Hausmann hat dieses Konzept 2009 an Hand des Flusses Wolga erprobt. Sein programmatischer Titel lautet: "Ein Fluss als Erinnerungsort vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert". Hausmann exemplifiziert das Konzept etwa mit der Sakralisierung der Wolga-Quelle oder an den landschaftlichen Relikten der Wolga-Treidler.

Ein anderes Beispiel betrifft die Küstenlandschaft an Nord- und Ostsee. Hier zeigen sich jene Artefakte, die auf eine symbolische Aneignung der Vergangenheit verweisen, in ganz unterschiedlicher Form: alte Hafenarchitektur, technikhistorische Dokumente wie alte Schiffskräne, Reste von Schiffswracks, musealisierte Schleusen-Relikte, alte Anker natürlich, aber auch Grab- und Erinnerungsmäler. Es sind kulturelle Symbole des Vergangenen, die im Allgemeinen eine spezifisch maritime "Gedächtnislandschaft" ergeben.

Erinnerungsmal
Erinnerungsmal an der Oste für die auf See gebliebenen Schiffer.
Foto: N. Fischer

Diese und andere Elemente der Gedächtnislandschaft zählen zu den – wie es der Regionalsoziologe Detlev Ipsen nannte "besonderen Orten": "Der besondere Ort ist der, der von Einheimischen und Fremden als herausgehoben betrachtet wird. … Besondere Orte werden immer als historisch empfunden, sie sind mit Bedeutung aufgeladen." Diese Form der Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit funktioniert ja nur dann, wenn sie auf historisch tradierten Deutungen aufbaut und wenn ein Konsens über die zu verwendenden Chiffren herstellbar ist.

So zeigen sich heutige Gedächtnislandschaften als Palimpseste – als Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, der sein Gedächtnis in jeder historischen Periode neu erfindet und entsprechende Artefakte mit Bedeutung versieht. Sie beanspruchen keinerlei Grad an historischer Objektivität. Vielmehr ist es die immer wieder neu ansetzende, selektive Gedächtnisarbeit, welche Erfahrung, Reflexion und Erinnerung miteinander verwebt und historisch immer wieder neue Aneignungen der Vergangenheit produziert, die sich in Relikten materialisieren.

Im öffentlichen Raum zeichenhaft sichtbar, produzieren diese dank ihrer besonderen "Patina" eine spezifische lokale oder regionale Identität. Zusammen bringen sie jene jahrhundertealte Gedächtnislandschaft hervor, die dokumentiert, was aus verschiedenen Epochen für erinnernswert erachtet worden ist – wie gesagt, Gedächtnislandschaft als Palimpsest des Vergangenen.

Dabei geht es nicht – zumindest nicht allein – um ästhetische Maßstäbe. Vielmehr tritt in der Gedächtnislandschaft zu Tage, was der amerikanische Landschaftsforscher und Begründer der "Cultural Landscape Studies", John Brinckerhoff Jackson, mit den Worten meinte, dass "selbst die unansehnlichsten Monumente einer Landschaft Schönheit und Würde" verleihen.

Literaturhinweise
Maurice Halbwachs: Stätten der Verkündigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis. Hrsg. von Stephan Egger. Konstanz 2003
Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Berlin 1990
Simon Schama: Landscape and Memory. London 1995
Aleida Assmann: Erinnerungsräume. München 1999
Norbert Fischer: Gedächtnislandschaft Nordseeküste: Inszenierungen des maritimen Todes. In: Norbert Fischer/Susan Müller-Wusterwitz/Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Inszenierungen der Küste. Berlin 2007, S. 150-183
Norbert Fischer: Tod, Friedhof und Gedächtnislandschaft. In: Leben mit den Toten. Manifestationen gegenwärtiger Bestattungskultur. Hrsg. Kunstamt/Heimatmuseum Reinickendorf. Frankfurt/Main u.a. 2008, S. 29-40
Insa Eschebach (Hrsg.): Öffentliches Gedenken: deutsche Erinnerungskulturen seit der Weimarer Republik. Frankfurt/M. u.a. 2005
Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. München 2006

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