OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Schmiedekunst in der Tegernseer Friedhofskultur

 - August 2005
Ausgabe: 
Nr. 90, III, 2005

Historische Grabkreuze aus Tirol vor dem Ohlsdorfer Museum erinnern Norddeutsche Besucher an die traditionsreiche Friedhofskultur Oberbayerns; im Tegernseer Tal bleibt diese Schmiedekunst auch heute noch lebendig.

Auf allen Friedhöfen, älteren wie neueren, sind etwa ein Drittel der Grabkreuze aus kunstvoll geschmiedetem Eisen gefertigt – der Rest teilt sich in Holzkreuze und oft naturbelassene Grabsteine, so zu sehen auf den alten Kirchfriedhöfen in Egern oder Kreuth, sowie auf dem 1809 angelegten Tegernseer Friedhof.

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Geschmiedete Lilie auf einem Grabkreuz in Tegernsee (Foto: Behrens)

Bei den jüngeren Gründungen sieht es ganz ähnlich aus: So etwa auf dem Bergfriedhof in Bad Wiessee (1940), dem Gemeindefriedhof in Rottach-Egern (1947) sowie dem von der Egerner Kirche noch weiter entfernten Ringbergfriedhof, der in einem Zweckverband mit der Gemeinde Kreuth dort erst 1971 angelegt und ab 1973 belegt wurde.

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Schmiedeeiserne Grabkreuze auf dem Friedhof von Kreuth (Foto: Behrens)

Künstlerische Gestaltung und Motive zeigen eine große Vielfalt und Fantasie und werden individuell bearbeitet; die Techniken der Herstellung werden oft gemischt, das Eisen gegossen, geschmiedet, ausgestanzt. Die Grabkreuze sind hier selten älteren Datums, werden aber oft von Generation zu Generation weiter überliefert oder nach alten Vorlagen kopiert.

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Grabkreuz auf dem Friedhof Kreuth (Foto: Behrens)

Dies erklärt, dass sich in dieser modernen Grabmalkunst einige typische Merkmale der vergangenen Jahrhunderte wieder finden, so wie die historischen Beispiele der Tiroler Sammlung es zur Zeit in Hamburg zeigen – etwa die Bekrönung des auferstandenen Christus mit rotweißer Siegesfahne, flankiert von zwei Engeln, typisches Motiv der Barockzeit; oder die stilisierte Lilie, die in der Renaissance Leben und Tod symbolisierte.

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Christus mit Siegesfahne auf einem Grabkreuz in Bad Wiessee (Foto: Behrens)

Wie lebendig diese traditionsbewusste Schmiedekunst auch heute noch ist, zeigt der Kunstschmied Klaus Schmotz aus Egern, der in der vierten Generation unweit der Pfarrkirche St. Laurentius seine Werkstatt hat; zwischen 1984 und 2002 hat er dort fast 150 Grabkreuze hergestellt, allesamt in Handarbeit. Im Durchschnitt rechnet er 100 Stunden pro Kreuz (zwischen 60 und 130 je nach Größe).

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Kunstschmied Klaus Schmotz bei der Arbeit (Foto: Behrens)

Bei der etwas größeren und jüngeren Kunstschlosserei Gloggner & Reichhart in Kreuth rechnet man mit vier Wochen Arbeitszeit für die Herstellung eines Grabkreuzes, ohne Verwendung von Fabrikfertigteilen – es ist eben keine Massenware. Das Rohmaterial wird geschmiedet, einzelne Teile feuergeschweißt, Elemente elektrisch zusammengeschweißt, Bunde warm aufgezogen, das Ganze gesandstrahlt, als Rostschutz verzinkt, schwarz gestrichen, patiniert, und dann eventuell farbig gefasst und in einzelnen Teilen wie auch oft die Schrift blattvergoldet – ehe das Ganze schließlich 10 cm tief einbetoniert werden muss. Ein Kreuz kostete 2002 von 3500,– bis 5000,– Euro, dazu kommen noch die Malerarbeiten (600,– bis 900,– Euro je nach Aufwand und Gestaltung), sowie die Kosten für den Stein selbst. In 17 Jahren hat diese Kunstschlosserei ca. 100 Grabkreuze hergestellt und bis nach Mainz geliefert, etwa fünf bis sechs pro Jahr. Im Tegernseer Tal gibt es 16 solche Kunstschlossereien, die allerdings über ausbleibenden Nachwuchs klagen; die Ausbildung in der Berufsschule dauert drei Jahre bis zur Gesellenprüfung und noch vier Jahre als Geselle bis zur Meisterprüfung.

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Neu hergestelltes Grabkreuz der Fa. Gloggner & Reichardt (Foto: Behrens)

Auffällig sind allerorts die dicken Steinsockel, in denen die Kreuze fest verankert sind, oft in einer symmetrischen barocken Form – möglichst hoch genug, dass der Name auch im Winter unter Schnee lesbar bleibt; so kann ein Grabkreuz bis zu fünf Meter Höhe erreichen, wovon drei auf das Kreuz selbst, zwei auf den Sockel zu rechnen sind. Eine andere Besonderheit sind die Inschrift- oder Namenskästchen, welche oft an den Kreuzungspunkten der Grabkreuze angebracht sind und die sich vielleicht aus den früheren „Seelenhäuschen“ der Toten entwickeln haben. Auf der Rückseite tragen die meisten Kreuze den Namen ihres Herstellers, eingehämmert oder gemalt. Weihwasserkesselträger sind am Tegernsee nicht vorhanden; dafür findet man in dieser katholischen Gegend oft auf dem Steinsockel des Kreuzes eine Vertiefung für das Weihwasser, zum Teil mit Verschluss und Weihwedel (gelegentlich in Form einer Flaschenbürste!).

Wie auch immer die Beschaffenheit der schmiedeeisernen Grabkreuze sein mag: Der Besucher dieser südlichen Friedhöfe wird sich immer wieder begeistern können über die Vielfalt der Ausführung – kleine und große, leichte und überladene, strahlend von Gold, bunt oder kitschig: Keine gibt es zweimal! Die derzeitige Ausstellung Tiroler Grabkreuze auf dem Ohlsdorfer Friedhof legt davon ein beispielhaftes Zeugnis ab.

Literatur:
Roswitha Koch-Schropp: Totenhäuschen boten Seelen Unterschlupf. Schmiedeeiserne Kreuze im Wandel der Zeit. In: Münchner Merkur Nr. 252, 30./31. Okt./1. Nov. 1999

Reiner Sörries: Geschmiedete Kunstwerke. Grabkreuzmuseum Bergmeister in Ebersberg. In: Friedhof und Denkmal 2003, Heft 1, S. 15-18

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