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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Symposium in Dresden: Die Friedhofsreformbewegung im europäischen Kontex

Anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Reichsausschusses Friedhof und Denkmal, des Vorläufers der heutigen Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. (siehe dazu auch den Artikel in "Ohlsdorf - Zeitschrift für Trauerkultur", Nr. 149), fand am 16. Oktober 2021 in Dresden ein Symposium statt. Es widmete sich aus internationaler Perspektive der Friedhofsreformbewegung. Veranstaltungsort war das historische, von Fritz Schumacher entworfene Krematorium in Dresden-Tolkewitz.

Dresdner Krematorium von der Elbseite

Den Auftakt bildete der Vortrag von Gerold Eppler (Kassel), der Waldo Wenzel, dem Initiator und langjährigen Vorsitzenden des Reichsausschusses, mit seinem Lebensweg thematisierte. Eppler stellte den Architekten und späteren sächsischen Regierungsbaumeister mit seinen Netzwerken in den jeweiligen Kontext seiner Zeit. Zu einem Schwerpunkt seines Vortrages wurden Wenzels Engagement im Rahmen der nationalsozialistischen Diktatur. Gerold Epplers Recherchen zufolge war Wenzel ideologisch eng mit dem NS-Regime verbunden. Er trat 1933 sowohl in die NSDAP als auch in die SA ein, wo er Rottenführer wurde. Norbert Fischer (Hamburg) berichtete über die Entwicklung in Österreich mit Fokus auf Wien. Dort waren bestattungs- und friedhofsreformerische Tendenzen im frühen 20. Jahrhundert eng mit der Einführung der Feuerbestattung einerseits und mit den Aktivitäten von Sozialdemokratie und Arbeiterbewegung andererseits verbunden. So wurde die Errichtung des ersten Wiener Krematoriums und die Anlage des umgebenden Urnenhaines in den frühen 1920er-Jahren ein Baustein der sozialdemokratisch geprägten Politik des "Roten Wiens". Guus Sluiter (Amsterdam) stellte die neueren Entwicklungen in der niederländischen Friedhofskultur seit den 1990er-Jahren dar. Sie sind u.a. geprägt von der Vielfalt der Aschenbeisetzungen, von starken Individualisierungstendenzen und dem Einfluss unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Julie Rugg (York) konnte nicht persönlich anwesend sein. Ihre Erkenntnisse über die Reformbestrebungen in Großbritannien wurden in einer Zusammenfassung verlesen. Demnach galt in Großbritannien die Idee des Rasenfriedhofes – möglichst ohne Umfriedigungen einzelner Grabstätten – im 20. Jahrhundert als fortschrittliches Projekt. Sie war geeignet, das teilweise ungeordnete Erscheinungsbild vieler Friedhöfe zu beseitigen, da die Pflege aus einer Hand durch die Friedhofsverwaltung erfolgen konnte. Ulrich Hübner (Dresden) erläuterte unter dem Titel "Symbol und Wahrhaftigkeit" die Gestaltung des Dresdner Krematorium von Fritz Schumacher. Insbesondere ging er auf die reichhaltigen innenarchitektonischen Elemente ein und erklärte die architektonischen Traditionen, in denen das Bauwerk steht.

Verbunden mit dem Symposium waren Führungen durch den Krematoriumsbau sowie über den umliegenden Urnenhain. Am Abend fand als Kombination aus Sitzveranstaltung und Friedhofstour eine Theateraufführung vom Literaturtheater Dresden unter dem Titel "Wer hat Gogols Schädel gestohlen" statt. Sie widmete sich dem Thema Sterben, Tod und Trauer in Russland.

[Ein ausführlicher Bericht über das Symposium, verfasst von Barbara Leisner, wird in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift "Friedhof und Denkmal" erscheinen.]

Foto: Norbert Fischer

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Tag des Todes (November 2021).
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