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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Suizid - ein letzter Ausweg in der Zeit des Nationalsozialismus

Die Jahre von 1933 bis 1945 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten waren für viele Menschen eine Zeit der Entrechtung und Verfolgung. Sei es, dass ihnen die Lebensgrundlage entzogen wurde, weil sie als "rassisch minderwertig" galten, sei es, dass sie in irgendeiner Weise von dem abwichen, was als richtig propagiert wurde, oder dass sie einfach zu erkennen gaben, dass sie nicht bereit waren, sich das eigene Denken abzugewöhnen, es bedeutete für viele Leiden und Tod.

Als letzten Ausweg aus einer eigentlich ausweglosen Situation entschieden sich damals nicht wenige Menschen dafür, ihrem Leben selber ein Ende zu setzen, nachdem man ihnen sonst jede Möglichkeit der Selbstbestimmung genommen hatte. Heute werden wir immer wieder auf genau diese Lebensgeschichten aufmerksam, wenn wir auf einem Stolperstein die Angabe "Flucht in den Tod" finden. Mit dem Projekt ‚Stolpersteine‘ hatte der Kölner Künstler Gunter Demnig 1992 begonnen, um an Menschen zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus unterschiedlichen Gründen zu Opfern wurden. Hamburg beteiligt sich seit 2002, und aktuell, Januar 2021, sind in Hamburg über 5.100 Gedenksteine verlegt.

Es geht dabei aber nicht nur um die Verlegung der Steine mit den Namen und Lebensdaten der Opfer, sondern auch um die Erforschung ihrer Lebensgeschichten. Zu rund 4.000 Menschen konnten bisher mehr oder weniger umfangreiche Biografien erarbeitet werden, die im Internet einsehbar sind auf den Seiten von www.stolpersteine-hamburg.de. Zum großen Teil sind sie auch in der zugehörigen Buchreihe veröffentlicht, die die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg herausgibt.

Wer sich mit den Biografien näher beschäftigt, wird feststellen, dass es bei den verschiedenen Gruppen von Opfern deutliche Unterschiede in der Häufigkeit der Todesursachen gibt, wobei die Angaben nicht immer verlässlich sind. Das betrifft besonders die Todesfälle in Gefängnissen und Lagern. So wird zum Beispiel in den Biografien politischer Häftlinge, die nach offiziellen Angaben Suizid begangen hatten, vielfach erwähnt, dass Angehörige dies anzweifelten, weil der Zustand der Kleidung des Verstorbenen deutlich erkennen ließ, dass es vor dem Tod zu schwersten Misshandlungen gekommen war.

Unter den Hamburger Opfern, deren Biografien bisher vorliegen, sind es zwei Gruppen, bei denen relativ häufig Suizid als Todesursache angegeben ist. Zum einen waren es die Homosexuellen. Bei den wegen „Unzucht“ Angeklagten oder Verurteilten lag die Selbstmordrate bei gut 20 %. Das Durchschnittsalter betrug hier etwa 40 Jahre, da auch viele jüngere Männer betroffen waren.
Anders die Altersstruktur bei den jüdischen Opfern, hier lag das Durchschnittsalter bei etwa 60 Jahren. Zunächst war es die zunehmende Demütigung und Entrechtung, die Menschen zu diesem Schritt bewegte. Ab Oktober 1941 war dann jeweils vor einer Deportation eine deutliche Zunahme der Suizide zu verzeichnen, und hier war auch der Anteil älterer Menschen besonders hoch.

Wie viele derjenigen, die durch Suizid oder durch andere Umstände in Hamburg verstarben, auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet wurden, ist bisher noch nicht erforscht worden. Wahrscheinlich sind viele dieser Gräber längst geräumt, aber selbst dann lässt sich im Rahmen von Führungen von den Opfern und ihren Schicksalen erzählen. Die Gräber zu den drei hier ausgewählten Biografien jüdischer Schicksale sind aber vorhanden und können jederzeit besucht werden.

Ergänzend sei hier noch angemerkt, dass bei den Forschungen auch die "Gegenseite" nicht außer Acht gelassen wird. Für Hamburg hat die Landeszentrale für politische Bildung schon mehrere Bücher herausgebracht, und man findet dazu reichliches Material im Internet auf www.hamburg.de/ns-dabeigewesene/, Untertitel ‚Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ...‘.

Literatur
Günter Kleinen, Selbstmord unter Juden und politisch Verfolgten - http://www.stolpersteine-bremen.de/
Christian Goeschel, Selbstmord im Dritten Reich, Berlin 2017

Cäsar Wolf und Elisabeth Wolf, geb. Meyer

Cäsar Wolf, Suizid 1933; Elisabeth Wolf, Suizid 1941 – Grablage G5, 207

Grabmal für Cäsar und Elisabeth Wolf

Zu den ersten, die nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten die Konsequenzen zogen, gehörte Cäsar Wolf, der sich am 13. Mai 1933 das Leben nahm. Sein Leben ist recht ausführlich dokumentiert, nicht nur in einer Opferbiografie zu seinen Stolpersteinen, sondern auch bei den Freimaurern und von der Hamburger Handelskammer.

Geboren wurde er am 18. Mai 1874 als jüngster von drei Söhnen des Fonds- und Wechselmaklers Abraham Wolf und seiner Ehefrau Auguste geb. Salomon. Sein Vater hatte 1871 das Fonds-Kommissionsgeschäft A. Wolf gegründet. Nach dessen Tod übernahm zunächst der ältere Bruder Max das Unternehmen als Alleininhaber, bis Cäsar 1894 nach seiner Banklehre als Mitinhaber eintrat und das Unternehmen in eine als offene Handelsgesellschaft geführte familieneigene Privatbank umgewandelt wurde. Im Februar 1899 heirateten Cäsar Wolf und Elisabeth Meyer, und im Januar 1900 wurde die Tochter Hildegard geboren. Sie heiratete 1922 den aus Hanau stammenden Salomon Fürth, Prokurist beim Bankhaus M. M. Warburg & Co. und bekam selber eine Tochter.

Beruflich hatte Cäsar Wolf beste Kontakte. Er wurde kurz nach 1900 in die "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns" aufgenommen. Außerdem gehörte er dem Verein der Mitglieder der Wertpapierbörse an und wurde 1925 vom Plenum der Handelskammer in den Vorstand der Wertpapierbörse, Abteilung Banken/Wertpapiere, gewählt. Neben seiner Geschäftstätigkeit setzte sich Cäsar Wolf für benachteiligte Menschen ein. Die Biografien nennen einen Verein zur Förderung armer Schauspielerkinder; einen Verein für Krüppelfürsorge, der sich um Schwerbehinderte, sowie die Vaterstädtische Stiftung, die sich um den Bau und die Verwaltung von Stiftswohnungen für minderbemittelte Menschen kümmerte.

Am 14. März 1901 trat Cäsar Wolf in die Loge "Absalom zu den drei Nesseln" ein. Von 1904 bis 1908 war er Schatzmeister der Loge und schließlich von 1909 bis 1931 mit einer Unterbrechung ‚Meister vom Stuhl‘. Wegen zunehmender antisemitischer Tendenzen hatte er das Amt im Mai 1923 niedergelegt, wurde aber 1928 von den Logenbrüdern erneut berufen.

Sowohl in der Loge, als auch in seinen Ehrenämtern wurde ihm Durchsetzungsvermögen, gepaart mit diplomatischem Geschick bescheinigt und, wie es heißt, erlebte die Loge unter seiner Leitung eine Blütezeit. Um das Freimaurer-Krankenhaus am Kleinen Schäferkamp kümmerte sich Cäsar Wolf besonders. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs sorgte er dafür, dass auf dem Gelände ein gut ausgestattetes Barackenlazarett errichtet wurde, außerdem rüstete er einen Lazarettzug aus, der von der Absalom-Loge dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt wurde. Das Geld dafür stammte zum Teil aus dem Vermächtnis eines Logenbruders, aber auch aus seinen eigenen Mitteln. Ab 1921 leitete er das Krankenhaus dann als geschäftsführender Vorsitzender. Es gelang ihm nicht nur, die Anstalt durch die schwierige Zeit der Inflation zu bringen, er verbesserte auch die personelle und technische Ausstattung, so dass die Klinik auch über Hamburg hinaus einen guten Ruf genoss.

Nach der Machtübergabe verlor Cäsar Wolf binnen kürzester Zeit alle Möglichkeiten, sich zu betätigen. Seine Ehrenämter durfte er nicht mehr ausüben. Auch aus dem Vorstand der Wertpapierbörse musste er ausscheiden. Die Freimauererlogen wurden gleichgeschaltet und schlossen ihre jüdischen Mitglieder ebenfalls aus. Als ihm dann noch ein junger Schnösel in Uniform mit den Worten "Juden sind hier ab heute unerwünscht" den Zutritt zum Krankenhaus verweigerte, erschoss sich in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1933 vor dem Krankenhaus.

Nach dem Tod von Cäsar Wolf übernahm der langjährige Prokurist Heinrich Georg Kruse das Bankhaus. Unbekannt ist, zu welchen Konditionen, aber damit war die "Arisierung" bereits vollzogen, bevor der Druck durch die Nationalsozialisten immer massiver wurde. Elisabeth Wolf lebte noch bis zum 4. Dezember 1941. Vor der Deportation nach Riga nahm sie sich das Leben und wurde neben ihrem Mann beigesetzt. Die Tochter konnte mit ihrer Familie nach Schweden emigrieren und überlebte.

Das Grab von Cäsar Wolf galt lange als verschollen. Auf Anfragen von Logenbrüdern hieß es schließlich, das Grab sei geräumt, was aber nicht stimmte. Hatte man das Grabmal schlicht übersehen, weil der Rhododendron sich zu sehr breitgemacht hatte? Oder hatte doch schon damals jemand mitgedacht? Denn das Pfeilergrabmal hat eine beeindruckende Höhe von etwa 2,50 Metern und bildet mit zwei gleichartigen Nachbarsteinen dieser Größe ein kleines Ensemble, das es so nur an dieser Stelle des Friedhofs gibt.

Erst als sich ein Friedhofsmitarbeiter, selber Freimaurer, des Problems annahm, wurde das Grab ausfindig gemacht, von der Loge "Absalom zu den drei Nesseln" restauriert und zur Gedenkstätte umgewidmet. Am 13. Mai 2009, dem Todestag Cäsar Wolfs, versammelten sich die Freimaurer am Grab zu einer Gedenkfeier, bei der nach freimaurerischem Brauch drei Rosen niedergelegt wurden. Das Relief dreier Rosen ist auch der einzige bildliche Schmuck des sonst eher schlichten Grabmals, also auch dies ein Symbol mit freimaurerischem Bezug, nur weit weniger auffällig als die bekannten Winkel und Zirkel, die man während der Zeit des Nationalsozialismus besser nicht zeigte.

Für Cäsar Wolf wurden drei Stolpersteine verlegt – vor dem "Elisabeth Alten- und Pflegeheim der Freimaurer von 1795 e. V." am Kleinen Schäferkamp 43, vor der Handelskammer und an der Oberstraße 107.

Quellen
www.stolpersteine-hamburg.de
www.freimaurer-wiki.de/index.php/Cäsar_Wolf
www.hk24.de/ueber-uns/stolpersteine-handelskammer-hamburg-4188176
www.hamburgerpersoenlichkeiten.de/
Hamburger Abendblatt 9.5.2009
Hamburger Morgenpost 14.5.2009

Paul Jessurun

Suizid 1936 – Grablage AC10, 108-116

Grabmal für Paul Jessurun

Das Grab von Paul Jessurun ist zwar nicht verschollen. Es liegt zwischen dem Stillen Weg und der großen Rasenfläche des anonymen Urnenhains bei Kapelle 8, aber es wird nur sehr selten von Besuchern wahrgenommen, und die große Grabmalwand trägt auch nur die Namen von Leopold Jessurun und Isidoro Weil. Mittig angeordnet ist als Schmuckelement das Relief einer Flammenschale, was auf den Umstand hinweist, dass es sich hier um Urnenbestattungen handelt, was der Blick in die Friedhofsunterlagen bestätigt. Dort im Register stehen auch die Angaben zu Paul Jessurun, die am Grab nicht mehr zu finden sind.

Die Familie Jessurun war seit dem 17. Jahrhundert in Hamburg ansässig. Gräber vonAngehörigen der Familie sind auf dem jüdischen Friedhof an der Königstraße in Altona und auf dem jüdischen Friedhof Ohlsdorf im Feld der portugiesisch-jüdischen Gemeinde zu finden. Der Erste, der hier auf dem kommunalen Friedhof beigesetzt wurde, war 1918 Paul Jessuruns Vater Leopold. Er war seit 1863 Hamburger Bürger und auch Mitglied der jüdischen Gemeinde, wo er von 1870 bis 1872 und von 1876 bis 1884 dem Vorstand angehörte. Zusammen mit einem Bruder führte er viele Jahre das vom Vater gegründete Unternehmen „David Jessurun, Lager von Rohtabaken“. Verheiratet war er seit 1873 mit Agnes, geborene Cohn (1850-1932). Der Sohn Paul wurde 1874 geboren, die Tochter Elisabeth 1878. Sie heiratete 1898 den in Curacao geborenen Isidoro Weil (1863-1938), der als Ex- und Importkaufmann tätig war, auch er jüdischer Abstammung. In der Ehe wurden zwei Söhne und eine Tochter geboren.

Sowohl Leopold Jessurun als auch Isidoro Weil waren offenbar geschäftlich erfolgreich. Familie Jessurun besaß lange Zeit ein Haus am Mittelweg. 1907 erwarb man stattdessen das Haus St. Benedictstraße 22, in direkter Nachbarschaft zum Haus der Familie Weil am Leinpfad 26, also beides Immobilien in bester Lage.

Der Sohn Paul blieb ledig und lebte bei seinen Eltern. Er war ebenfalls Kaufmann und von 1904 bis 1908 Mitinhaber der Firma Lüders & Jessurun, Ex- und Import. 1909 wurde er Mitinhaber der Firma Karl Schüler & Co., Friseur-Bedarfsartikel-Großhandlung, aus der er 1925 wieder ausschied. Von da an fehlen genauere Hinweise auf seine Tätigkeit. Es ist aus den Adressbüchern nur zu erkennen, dass er nach dem Tod seines Vaters Leopold weiterhin mit seiner Mutter Agnes in der St. Benedictstraße zusammenlebte. Allerdings verschlechterte sich wohl die finanzielle Situation, denn ab 1927 wurde untervermietet. Und als Agnes 1932 starb, war klar, dass Paul das Haus nicht halten konnte. Zu welchen Konditionen der Verkauf 1934 vonstattenging, ist nicht bekannt.

Paul Jessuruns letzte Wohnung lag am Klosterstern 6 im zweiten Stock. Dort erschoss er sich am 5. März 1936. Die fortschreitende Entrechtung war ein Grund für diese Entscheidung, aber auch die familiäre Situation, denn seine Schwester Elisabeth plante auszuwandern, so dass er allein zurückgeblieben wäre. Elisabeth wollte zu einem ihrer Söhne, der nach Kolumbien gegangen war. Allerdings konnte sie diesen Plan erst nach dem Tod ihres Mannes Isidoro im Dezember 1938 konkret angehen, und für Kolumbien war es zu spät, da dort 1939 ein fast vollständiger Einwanderungsstopp verhängt wurde. Erst im August 1941 verließ sie Deutschland zusammen mit ihrer Tochter in Richtung USA. Sie und ihre Kinder überlebten den Holocaust.

Quellen
Michael Studemund-Halevy – Biographisches Lexikon der Hamburger Sefarden, Hamburg 2000
Bestattungsregister Friedhof Ohlsdorf
Hamburger Adressbücher, verschiedene Jahrgänge
StaHH 314-15 Oberfinanzpräsident FVg 8635 (Weil, Elisabeth, geb. Jessurun)
Recherchen Margot Löhr

Leo Lippmann und Anna Lippmann, geb. von der Porten,

Suizid 1943 – Jüdischer Friedhof Ilandkoppel, Grablage N3, 169

Grabstein für Leo und Anna Lippmann

Leo Lippmann wurde am 26.5.1881 in Hamburg geboren. Sein Vater Joseph Behr Lippmann war 1870 aus Bayern nach Hamburg eingewandert und in das Geschäft seines Onkels "H. Lippmann, Commission und Lager von Blechen, Zink, Nähmaschinen etc." eingetreten, aus dem sich ein bedeutendes Importwarengeschäft entwickelte. Seine Mutter Antonie, geb. Laskar, stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie, die seit dem 17. Jahrhundert in Hamburg ansässig war. 1899 schloss Leo Lippmann die Schule mit dem Abitur ab und begann ein Jurastudium. Nach der Promotion folgte von 1903 bis 1906 das Referendariat in Hamburg. Hier wurde Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg auf ihn aufmerksam. Auf seinen besonderen Wunsch hin wurde Lippmann am 10. Oktober 1906 in einem neu eingerichteten Referat in der Finanzdeputation eingestellt. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er vor allem für Enteignungen von Grundstücken für den Bau der U-Bahn zuständig. 1906 hatte auch die Heirat mit Anna Josephine von der Porten stattgefunden. Sie war die Tochter des Arztes und Geburtshelfers Maximilian von der Porten.

Während des Ersten Weltkriegs leitete Lippmann das Kriegsversorgungsamt, das die Lebensmittelversorgung Hamburgs während des Krieges koordinierte. Nach Kriegsende wurde er 1920 zum Senatssekretär gewählt. Damit war er der erste nicht zum Christentum übergetretene Jude, der diesen Titel erlangte. Als der Titel mit der neuen Hamburger Verfassung abgeschafft wurde, wurde er im Juni 1920 Staatsrat in der Finanzverwaltung. Dass die Hamburger Finanzen während der Weltwirtschaftskrise nicht vollständig zusammenbrachen, war vor allem sein Verdienst.

1933 wurde Leo Lippmann auf Grund seiner jüdischen Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen. Er übernahm dann Aufgaben für die jüdische Gemeinde, die ihn im November 1935 in den Vorstand wählte. Er verwaltete die Finanzen und wurde 1937 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Eine mögliche Auswanderung lehnte er für sich ab.

Als die Gestapo am 10.6.1943 die Jüdische Gemeinde über die anstehende Deportation der restlichen Juden nach Theresienstadt informierte, nahmen sich Anna und Leo Lippmann in der Nacht zum 11. Juni 1943 gemeinsam das Leben. Beide wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert und auf der Grabstätte der Familie von der Porten (Grablage P19, 398-409, geräumt) beigesetzt.

Ehemalige Urne mit Kreuz auf dem Deckel für Leo Lippmann (heute Friedhofsmuseum)

1984 sollten die Urnen auf den jüdischen Friedhof umgebettet werden. Wer das veranlasste, geht aus dem Grabregister nicht hervor. Dabei ergab sich aber eine Schwierigkeit. Die Tonüberurne von Leo Lippmann trägt auf dem Deckel ein Kreuz, also ein christliches Symbol, und musste durch eine neutrale Urne ersetzt werden. Am 24. August 1984 wurden die Urnen des Ehepaares dann an der Ilandkoppel wieder bestattet. Die alte Urne wurde aber nicht entsorgt. Sie gelangte schließlich in das Ohlsdorf-Museum, wo sie jetzt zu sehen ist.

Stolpersteine für Anna und Leo Lippmann liegen in der Böttgerstraße 5 und für Leo Lippmann außerdem am Gänsemarkt 36 vor der Finanzbehörde. Außerdem trägt der große Saal der Finanzbehörde am Gänsemarkt seit 1993 den Namen Leo-Lippmann-Saal.

Quellen
www.stolpersteine-hamburg.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Lippmann
www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/lippmann-leo
www.hamburg.de/fb/wir-ueber-uns/26728/historie-lippmann/
Lippmann, Leo: Mein Leben und meine amtliche Tätigkeit. Erinnerungen und ein Beitrag zur Finanzgeschichte Hamburgs. Aus dem Nachlass hrsg. von Werner Jochmann, Hamburg 1964.

Fotos: Petra Schmolinske

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