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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Opfer von Diktatur, Hunger und Seuche: Der Friedhof am Goor bei Lauterbach auf der Insel Rügen

Das Goor ist ein Wald- und Naturschutzgebiet im Süden der Insel Rügen, in der Nähe des kleinen Hafenortes und zu Putbus gehörenden Seebades Lauterbach gelegen. An seinem Rand befinden sich zwei völlig gegensätzliche Schauplätze: das berühmte, historische Badehaus Goor und ein Sonderfriedhof aus der Zeit um das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eingang zum Friedhof von Goor, im Hintergrund beginnt das Waldgebiet

Auf dem langgestreckten Begräbnisplatz liegen knapp 100 Menschen bestattet, die im Jahr 1945 im Zuge von Flüchtlingsbewegungen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten auf Rügen gelandet waren. Allein in Lauterbach waren es Tausende, die in provisorischen Baracken untergebracht werden mussten. Uwe Driest schrieb in einem Artikel in der "Ostsee-Zeitung" vom 3. November 2017 über ihr Schicksal: "Während dieser Gemeinschaftsunterbringung wurden die geschwächten Menschen dann teilweise Opfer einer Typhus-Epidemie. Darunter die vierköpfige Familie Beyer. Der älteste Verstorbene ist der 1854 geborene Kurt Löchel. Drei kleine Jungen wurden erst ein Jahr zuvor geboren." Andere Flüchtlinge starben an Unterernährung und allgemeiner Körperschwäche. So erzählen viele der Grabstätten auf dem kleinen Friedhof Goor tragische Geschichten, die mit den Folgen der nationalsozialistischen Diktatur und des Zweiten Weltkriegs zusammenhängen. Viele andere, junge und alte Opfer, die auf der Flucht starben, fanden häufig keinen gekennzeichneten Bestattungsort mehr und mussten tot am Weg zurückgelassen werden.

Grabstätten der Flüchtlinge am Wegesrand

Ebenfalls an die Folgen des NS-Regimes und die Opfer des Faschismus gemahnt ein Gedenkstein, der auf der von Putbus und Lauterbach kommenden, zum Badehaus Goor führenden Allee zu finden ist. Er wurde 1978 errichtet, im Hintergrund standen die Vorkommnisse vom 30. April 1945. Damals kamen Häftlinge des NS-Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig mit zwei Booten unter strenger Bewachung in Lauterbach an. Das Lager war gut drei Monate zuvor evakuiert worden. Eine Ortsansässige wollte Brot an die Geschwächten verteilen, als SS-Wachleute auf die Häftlinge schossen. Ein Teil der Bootsinsassen starb, einige konnten fliehen. Im KZ Stutthof waren zuletzt Anfang 1945 wohl mehr als 70% der Häftlinge Juden. Stutthof spielt u.a. in Friedrich Dürrenmatts Prosawerk "Der Verdacht", in dem es um menschenverachtende medizinische Versuche eines Arztes geht, eine wichtige Rolle. Das Buch zählt zum literarischen Kanon des 20. Jahrhunderts.

Der Raum um Lauterbach und das Goor ist also voller Gegensätze. Auf der einen Seite zeigen sich Orte des Schreckens, die an die tragischen Folgen der nationalsozialistischen Diktatur erinnern. Auf der anderen Seite zeugt das am Greifswalder Bodden gelegene historische Badehaus Goor, das heute als Nobel-Hotel und -Restaurant betrieben wird, von der glanzvollen Ära des Seebades Lauterbach im 19. Jahrhundert. Das von Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus ab 1816 für ein hochadeliges Publikum errichtete, in weiß gehaltene Bauwerk erfuhr mehrere Umbauten.

Ab 1833 erhielt es eine im Stil des Neoklassizismus gestaltete Frontseite. Damit präsentierte es sich als monumentales Zeugnis der Bäderarchitektur in einem der privilegiertesten Seebäder Europas der damaligen Zeit. Zu den Gästen zählten u.a. der Forschungsreisende Alexander von Humboldt und Reichskanzler Otto von Bismarck. Mit dem Badehaus Goor war Lauterbach zugleich zum ersten Seebad auf der Insel Rügen und in Pommern geworden.

Denkmal für die Opfer des Faschismus, im Hintergrund das Badehaus Goor

Solche Sonderfriedhöfe wie am Goor bei Lauterbach, die speziell den Opfern von Krankheiten und Seuchen dienen, sind in der Kulturgeschichte seit Jahrhunderten bekannt. Pesttote beispielsweise wurden im späten Mittelalter in Massengräbern bestattet. Auch wurden besondere Pestfriedhöfe außerhalb der Siedlungen angelegt, auf deren Fläche später gelegentlich reguläre Begräbnisplätze entstanden. Pest, Hunger und Kriege sowie die hohe Sterblichkeitsrate, insbesondere bei Säuglingen und Kindern, machten den Tod bis weit in die Neuzeit hinein zu einem steten Begleiter des Alltags.

Noch der 1810 angelegte Melatenfriedhof in Köln erinnert mit seinem Namen daran, dass er auf dem Gelände eines Heimes für Kranke und Aussätzige ("Melaten"ei = malade) bzw. Leprosenspitals errichtet wurde. In Hamburg wurden über 8 000 Opfer der letzten Cholera-Epidemie vom August 1892 in einem Massengrab ohne namentliche Kennzeichnung auf dem weit draußen vor den Toren der Stadt gelegenen, damals noch jungen Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Erst sehr viel später wurde am Ort dieses Massengrabes ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer der für die Stadt Hamburg wegen der hygienischen Missstände so skandalösen Seuche errichtet.

Fotos Norbert Fischer

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Freitod (April 2021).
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