OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Buntglasfenster von Ervin Bossanyi in der Fritz-Schumacher-Halle

 - Februar 2012
Ausgabe: 
Nr. 116, I, 2012

Der in Ungarn 1891 geborene jüdische Künstler Ervin Bossanyi lebte und arbeitete fünf Jahre in Hamburg – von 1929 bis 1934.

Sein Weg führte ihn 1910 von Budapest nach Paris und während des Ersten Weltkrieges in die Internierung. Als er 1918 nach Paris in sein Atelier zurückkehrte, war es geplündert und zerstört. Ein Jahr später folgte er seinem Bruder Karoly nach Lübeck. Hier lernte er die Familie des Gartenarchitekten Harry Maasz und damit seine spätere Frau, die Pianistin Wilma Maasz, kennen, die er 1921 heiratete. Sohn Jo kam 1924 auf die Welt. Bis 1929 blieb er in Lübeck und entwarf Wandgemälde, Keramiken und Glasfenster für öffentliche und private Auftraggeber im norddeutschen Raum. In Hamburg entstand eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Erhalten sind in der ehemaligen Mädchenschule und dem heutigen Ballett-Zentrum in der Caspar-Voght-Straße drei Brunnen mit farbiger Fliesenmalerei von Bossanyi. Als sein bedeutendstes Werk in Hamburg gilt die Gestaltung der Buntglasfenster in Schumachers Krematorium, Teil des heutigen Bestattungsforums.

Drei Fenster
Eine Gruppe von drei schmalen Bossanyi-Buntglasfenstern in der Fritz-Schumacher-Halle. Foto: H. Häussler

1934 emigrierte Bossanyi mit seiner Familie nach England, wo er sich eine neue künstlerische Existenz aufbauen musste. Der Schwerpunkt seiner Arbeit wurde die Glasmalerei. Dort entstanden "designs for stained glass" für die Universität London, die Tate Gallery, das Victoria & Albert-Museum und die Schalterhalle der Uxbridge-Station. In Oxford, Cambridge, Canterbury, York sowie Übersee, u.a. für Washington DC und Südafrika wirkte er ebenfalls. Bossanyi starb 1975 und wurde in unmittelbarer Nähe der Canterbury Cathedral beerdigt, nahe der beiden von ihm für das Südost-Querhaus der Kathedrale geschaffene Fenster Peace und Salvation.

Drei Fenster
Foto: H. Häussler
Flammen
Foto: H. Häussler
Pelikan
Foto: H. Häussler
Tauben
Foto: H. Häussler

Selber zunächst dem antisemitischen Terror in Ungarn entflohen, in Frankreich interniert und dann nach England emigriert, lebte er in seiner Familie und seinem Freundeskreis gemäß seiner Philosophie, dass der Mensch in Harmonie mit der Natur bleiben muss, in Toleranz und Friedfertigkeit den Mitmenschen, den Pflanzen und Tieren gegenüber. Gewalt, Intoleranz und Orthodoxie lehnte er ab. Er war religiös und gestaltete vielfach religiöse Themen, aber gleichzeitig war sein religiöser Standpunkt kosmopolitisch (Maike Bruhns: "Kunst in der Krise – Band II", S. 79ff).

Die große Feierhalle des Krematoriums mit den farbigen Fenstern sollte nach dem Wunsch von Fritz Schumacher zwar sakral wirken, jedoch nicht religiös festgelegt sein. Die sehr farbigen Fensterbänder erinnern stark an gotische Kirchen. Die 37 einzelnen neun Meter hohen und nur 0,35 Meter schmalen Fensterbänder erzählen keine biblischen Geschichten, sondern sollten durch ihre intensiven Farben und einige figürliche Symbole auf die einzelnen Menschen der Trauergemeinde wirken.

Rückwärtig über dem Rednerpult im Westen der Halle ist ein schmales Fenster zu sehen, das über dem Alpha und Omega wie ein Baumstamm von den Ästen des goldglänzendes Lebensbaumes eingefasst ist, einem hoch aufragenden Mosaik des Berliner Künstlers Heinrich Jungebloedt. Das Fenster zeigt in den unteren Feldern Blumen und Pflanzen in dunklen Farben, darüber stilisierte Flammen. Nach oben werden die Farben heller und mehrere Sterne funkeln. Der Blick der Trauergemeinde in Richtung auf den Sarg wird begleitet durch die seitlichen Fenster. In westlicher Blickrichtung dominieren in ihnen die Farben Blau, Grün und Violett, also die kalten Farben.

Die seitlichen Fenster sind beiderseits in fünf Dreiergruppen gefasst. Die Farbkomposition zeigt starke klare Farben meist nur in abstrakten geometrischen Formen mit Kreissegmenten und Linien. In einigen Feldern könnte man allerdings die Sonne und vielleicht auch ein stilisiertes Hamburg-Wappen mit den beiden Sternen über den beiden Türmen erkennen.

Für den Blick zum Ausgang des Gebäudes (im Osten) wurden in einem sechsteiligen Fenster warme Farbe gewählt: Rot, Gelb und Braun. In dem Giebel über dem Ausgang mit seinen sechs Fensterbändern wird die Komposition gesteigert. Der Trauergemeinde soll hier die Wege zurück ins Leben gezeigt werden. Ähnlich wie in dem schmalen Fenster über dem Rednerpult treten aus den abstrakt zugeordneten Farben einzelne Figuren hervor. Dominierend über einem braun und einem blau gehaltenen Feld (Erde und Wasser) ist die alles überstrahlende Sonne zu sehen. Während außen am Giebel der vergoldete Vogel Phoenix aus Keramik von Kuöhl zu sehen ist, sind im Innenraum auf den rückwärtigen Fensterflächen in den seitlichen Feldern unterhalb der Sonne ebenfalls Vögel zu erkennen, u.a. die Taube und der Pelikan, der seine Jungen füttert. Im linken Fenster befinden sich unten die Signaturen: Maler Bossanyi Hamburg 1930 1931 und Atelier Kuball.

Inschrift
Versteckte Textbotschaft in einem von Bossanyis Buntglasfenstern mit dem Text "DA IST JO'S LIEBLING DER UNBEMERKT HERRLICHE FRÜCHTE WEIT VOR ALLEM TRAURIGEN FINDET" und dem Bild einer Taube und einer Quitte. Foto: H. Häussler

Bossanyi liebte Vögel und ganz besonders die Taube, vor allem die Ringeltaube. Der Lieblingstaube seines kleinen Sohnes Jo hat er in dem südöstlichen Fensterband über dem seitlichen Ausgang zur Cordes-Halle versteckt ein Denkmal gesetzt. Und wenn man genau hinschaut, sieht man sogar eine Quitte des prächtigen Quittenbaums im Garten seines Wohnhauses Hoheneichen 24 in Hamburg-Wellingsbüttel. Auf drei blauen Schrifttafeln sind die Worte gekritzelt: DA IST JO’S LIEBLING DER UNBEMERKT HERRLICHE FRÜCHTE WEIT VOR ALLEM TRAURIGEN FINDET. Unter den Schrifttafeln ist die Taube zu erkennen und eine Quitte.

Zu der Farbgebung schrieb Fritz Schumacher 1933: "Den einzelnen Fenstern liegt kein Motiv zugrunde, nur die Gesamtheit der Fenster hat gleichsam ein Motiv. Während nach der Seite der Totenfeier schwermütige Töne von Violett, Blau und Grün herrschen, mischen sich nach der Seite des Hallenausgangs Töne von Braun und Gelb in diese Harmonie, die sich im Chörlein der Musikempore zu starken lebensvollen Farben steigern. Es ist der Eindruck, den der hat, der sich nach der schmerzlichen Feier wieder dem Leben zuwendet."

Die Fenster und ihre Einfassungen wurden im Zuge der Restaurierung in der Werkstatt der Bleiglaserei Kutzner in Leipzig repariert und gereinigt, so dass sie heute wieder in strahlenden Farben zu bewundern sind.

Literaturhinweis: Jo Bossanyi and Sarah Brown: Ervin Bossanyi – Vision, Art and Exile. London 2008. Kontakt zur Autorin per E-Mail: bano.hh@t-online.de

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