OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Europäische Route der Friedhofskultur

 - Februar 2012
Ausgabe: 
Nr. 116, I, 2012

Schon mehrfach haben wir in dieser Zeitschrift über die ASCE, die "Association of Significant Cemeteries of Europe", berichtet, die sich der Erhaltung historischer Friedhöfe im europäischen Raum verschrieben hat.

Dieser internationale Friedhofsverband, dem auch der Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof angehört, ist in den zehn Jahren seines Bestehens immer größer geworden und entwickelt laufend neue europäische Projekte. Noch unter dem Präsidium von Maria Luisa Yzaguirre aus Barcelona, die ihren Posten im letzten Jahr abgab, wurde die "Europäische Route der Friedhöfe" aus der Taufe gehoben. Da auch der Ohlsdorfer Friedhof inzwischen zu einem der Ziele dieser Route geworden ist, soll diese noch einmal ausführlicher vorgestellt werden.

Die erste Frage ist: Was verbirgt sich hinter dem Titel "europäische Kulturroute oder -straße" eigentlich? Am besten beantwortet wird diese Frage in der neuesten Vereinbarung des Europarates, unter dessen Ägide die Routen stehen: Mit ihnen soll das Potential für kulturelle Kooperationen ebenso verstärkt werden wie die nachhaltige territoriale Entwicklung und der soziale Zusammenhalt innerhalb Europas. Der Focus liegt besonders auf Themen, die einerseits für die europäische Einheit, Geschichte, Kultur und die europäischen Werte von symbolischer Bedeutung sind und andererseits der Entdeckung von weniger bekannten Zielen dienen. Zugleich soll der kulturelle Austausch und der Tourismus gefördert werden, weswegen eine breite Beteiligung unterschiedlicher Organisationen erwünscht ist. Die thematisch ausgerichteten, alternativen Reisewege leisten damit gleichzeitig einen Beitrag zur Erhaltung von unterschiedlichem kulturellem Erbgut und setzen dazu gehörige Projekte in Gang.

Es war der berühmte Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien, der im Oktober 1987 vom Europarat zur ersten Europäischen Kulturroute ernannt wurde. Seitdem ist die Zahl auf insgesamt 29 Kulturstraßen in ganz Europa angewachsen, wobei die Friedhofsroute zurzeit als letzte neu hinzugekommen ist. Die verschiedenen Routen mit ihren unterschiedlichen Themen – sie reichen vom Erbe Andalusiens, über den St. Michaels- und den St. Martins-Weg, die Route der Hanse, den Weg der Weinberge bis zur Route des jüdischen Erbes in Europa, um nur einige wenige zu nennen – spiegeln dabei die Geschichte der Menschen und ihre Wanderungen innerhalb Europas ebenso wider wie wesentliche geistige Strömungen im kulturellen Erbe unseres Kontinents.

Die Friedhofsroute will dabei speziell für das bedeutende sepulkrale Erbe und seinen hohen künstlerischen und geschichtlichen Wert werben. Die öffentliche und private Aufmerksamkeit soll auf ein unwiederbringliches und bedeutendes Erbe der europäischen Kultur gelenkt und dem Kulturtourismus sollen neue Orte erschlossen werden. Zugleich will man neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen europäischen Ländern und Regionen etablieren und dem Zusammenhalt des Kontinents mit einem gemeinsamen Projekt unterstützen, das neue transnationale Erfahrungen ermöglicht, da der Reiseweg über alle Grenzen hinweg geht. Daneben soll auch an der Wiederherstellung der sepulkralen Landschaft gearbeitet werden, so dass diese Kulturroute nicht nur ein Reiseweg ist, sondern zum Ausgangspunkt weiterer Forschungsinitiativen werden kann wie zum Beispiel von Kongressen und Ausstellungen; d.h. von Aktivitäten, durch die sich wiederum die Wahrnehmung dieses Kulturguts intensivieren lässt. So soll zum Beispiel auch in Schulen dafür geworben werden, Friedhöfe in das kulturelle Besuchsprogramm aufzunehmen.

Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass Touristen die gesamte Friedhofsroute auf einer einzigen Reise abfahren, denn zurzeit reicht sie von Tallins Friedhöfen Metsakalmistu und Siselinna (Estland) im Norden über Krakaus alten und neuen Podgorze Friedhof (Polen) im Osten, bis zum Friedhof von San Miguel in Malaga (Spanien) im äußersten Südwesten Europas. Insgesamt sind zurzeit 64 historische Friedhöfe aus 20 europäischen Nationen vertreten. Dabei steht Spanien mit 22 Begräbnisplätzen einsam an der Spitze, gefolgt von acht italienischen und neun deutschen Friedhöfen. Von den letzteren liegen allerdings alle, außer dem Ohlsdorfer Friedhof, in Berlin bzw. Potsdam.

Wie neu und ungewöhnlich übrigens diese Europäische Kulturroute innerhalb des globalen Tourismuswesens wirkt, kann man daran erkennen, dass die Welttourismus-Organisation der Vereinten Nationen (UNWTO) sie im Juni 2011 mit ihrem "Ulysses Award" auszeichnete, einem Preis, der für innovative Projekte im Tourismusbereich bestimmt und mit einer erklecklichen Geldsumme verbunden ist. Inzwischen gibt es auch Kontakte nach Südamerika, wo man die Idee der Friedhofsroute aufnehmen will.

Zur Verwaltung der europäischen Route wurde innerhalb der ASCE ein spezielles internationales Komitee aus dem Kreis der Mitglieder gebildet. Dort wurde die Idee der Kulturstraße entwickelt, die im Mai 2010 beim Europarat beantragt wurde. Dazu gibt es einen dreijährigen Aktionsplan für die Zeit von 2010 bis 2012. Er umschließt solche Ziele wie die Entwicklung eines Handbuches für die "Corporate Identity" der Route und einer ausführlichen Pressemitteilung, mit der die Route in den Medien präsentiert werden kann. Aber auch jährliche Treffen des wissenschaftlichen Komitees, ein Handbuch für die Kommunikation untereinander und nach außen, die Einrichtung einer Abteilung für Medien und Public Relations, ein Dokumentationszentrum und die Ausführung eines Planes zum Einwerben von Spenden gehören zu diesem Aktionsplan.

Schon erstellt worden ist die Internetseite http://www.cemeteriesroute.eu/en/, auf der für die Route – bisher allerdings nur auf Englisch – umfassend geworben wird. Eine Karte zeigt die Lage der teilnehmenden Friedhöfe, und auf einer Liste sind diese mit ihren zugehörigen heimischen Webseiten verlinkt. Für Interessierte ist der Bereich Download besonders lohnend. Dort kann man sich das Werbevideo ansehen, das aus Fotos der verschiedenen Friedhöfe zusammengestellt wurde, und man kann schon jetzt die Probeversion eines Handbuchs herunterladen, in dem alle teilnehmenden Friedhöfe im Bild und mit einem kurzen Text vorgestellt werden. Dort sind auch alle praktischen Informationen wie Öffnungszeiten und Adressen zu finden. Leider ist dieses Handbuch ebenso wie das Video bisher nur in Englisch zu haben. Zu wünschen ist, dass die deutschen Mitglieder sich umgehend dafür einsetzen, dass die Texte übersetzt werden, damit die Idee der europäischen Friedhofsroute und damit auch das Anliegen der Förderkreise von Friedhöfen in Deutschland eine größere Verbreitung finden.

Kontakt zur Autorin per E-Mail: barbara.leisner@web.de

Heft-Rubrik: 

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