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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Seebestattung - Über Geschichte und Gegenwart einer maritimen Bestattungstradition

Die Seebestattung war in früheren Jahrhunderten eine hygienische Notwendigkeit beim Tod auf hoher See und blieb anschließend als maritime Tradition Seeleuten vorbehalten.

Seit Anfang der 1970er Jahre wird die Seebestattung - als Variante der Feuerbestattung - auch in gewerblicher Form für "normale" Sterbliche praktiziert. Damit hat sie die Sepulkralkultur um neue Bestattungsorte, aber auch um besondere, maritime Formen der Trauer bereichert.

In der Geschichte der Bestattungskultur spielten die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer schon immer eine Rolle. Je nach Region, Kultur und historischer Epoche verwesten Verstorbene an der Luft, wurden verbrannt, in der Erde vergraben oder dem Wasser von Flüssen und Meeren übergeben. Kulturell-religiöse Aspekte ließen die christlich-westlichen Gesellschaften zunächst die Beerdigung bevorzugen, bevor die technische Feuerbestattung im Krematorium als zweite Bestattungsart hinzu kam.

Unter bestimmten Umständen jedoch waren auch Seebestattungen notwendig. Im Zeitalter der Segelschiffe mussten verstorbene Besatzungsmitglieder dem Meer übergeben werden, weil sie aus hygienischen Gründen nicht während der wochen-, ja monatelangen Passagen an Bord aufgebahrt werden konnten. So entwickelten Seeleute zur Seebestattung eine besondere Beziehung. Nur ihnen war lange Zeit mit Sondergenehmigung eine Seebestattung möglich, auch wenn sie an Land verstorben waren.

Die gewerbliche Seebestattung als Angebot für "normale" Bürger ist dagegen jüngeren Ursprungs. Im Jahre 1972 führte - nach eigenen Angaben - die heutige "See-Bestattungs-Reederei Hamburg" die erste gewerbliche Seebestattung in Deutschland durch. Drei Jahre später, also 1975, wurde auf Initiative des Bundesverbandes des Deutschen Bestattungsgewerbes von küstennahen Bestattern die Deutsche See-Bestattungs-Genossenschaft e.G. (DSBG) mit Sitz in Kiel gegründet. Mit gegenwärtig rund 400 Mitgliedern ist sie die größte Seebestattungs-Reederei in Deutschland. Die Zahl der Seebestattungen liegt in Deutschland gegenwärtig bei rund 6.000 jährlich, was einem Anteil von rund 0,6% an den Gesamtbestattungen entspricht.

Die Seebestattung wird heute als Variante der Feuerbestattung durchgeführt - das heißt als Urnenbeisetzung. Schon das Feuerbestattungsgesetz von 1934 gestattete sie gemäß seemännischer Tradition in Ausnahmefällen und mit besonderer Begründung. Heute unterliegt die Seebestattung den entsprechenden Gesetzesregelungen in den einzelnen Bundesländern. Immer noch bedarf sie - wie Jürgen Gaedke im "Handbuch des Friedhofs- und Bestattungsrechts" darstellt - einer Sondergenehmigung, weil die Seebestattung eine Bestattung außerhalb der vorgeschriebenen Friedhöfe bildet und damit dem allgemeinen Friedhofszwang für Aschenbeisetzungen zuwider läuft. Diese Sondergenehmigung wird in der Regel von der zuständigen Ordnungsbehörde auch erteilt, wenn ein "berechtigtes Bedürfnis" vorliegt. Im einfachsten Fall dokumentiert und begründet man seinen Wunsch bereits zu Lebzeiten schriftlich und verweist auf eine besondere, berufliche oder private Beziehung zum Meer. Allerdings besteht kein Anspruch auf eine behördliche Genehmigung (wobei die Entscheidung vor dem zuständigen Verwaltungsgericht angefochten werden kann).

Die Seebestattung wird von Reedereien, die vom jeweiligen Bestattungsunternehmen beauftragt wurden, mit speziell ausgestatteten Schiffen vollzogen. Die Reederei dokumentiert gegenüber der zuständigen Ordnungsbehörde die durchgeführte Seebestattung mit einem beglaubigten Auszug aus dem Schiffstagebuch und einer Kartenskizze, die geografische Länge und Breite der Beisetzungsstelle verzeichnet. Je nach Standort fahren die einzelnen Schiffe spezielle, genau markierte Beisetzungsgebiete in Nord- und Ostsee an - beispielsweise in der Deutschen Bucht (Nordsee) oder in der Kieler, Lübecker und Danziger Bucht (Ostsee). Die Gesamtfahrzeit beträgt je nach Lage des Beisetzungsgebietes zwischen eineinhalb und sechs Stunden. Die Urne, die der Versenkung der Asche dient, muss aus umweltverträglichen, schnell auflöslichen Materialien bestehen. Urnenproduzenten führen diese speziellen wasserlöslichen Seeurnen in der Regel in ihrem Angebot.

Zwar werden auch Beisetzungen in anderen Weltmeeren angeboten, aber die Seebestattung vor den Küsten von Nord- und Ostsee ist in Deutschland der Regelfall. Dabei legen die Schiffe, die zuweilen so pietätvolle Namen wie "Farewell" tragen, von Cuxhaven, Büsum, Flensburg, Kiel, Travemünde, Sassnitz oder anderen Häfen ab. Die Zeremonien während der sepulkralen Seefahrt sind von Reederei zu Reederei durchaus unterschiedlich. Häufig findet die Überfahrt zur letzten Ruhestätte im Beisein von Hinterbliebenen statt - jedoch ist die Zahl der Trauergäste naturgemäß je nach Größe des Schiffes begrenzt und geht über 20 Personen selten hinaus. Neben dem Abschied im Beisein von Hinterbliebenen gibt es auch so genannte "stille Beisetzungen" ohne Trauergemeinde, bei denen in der Regel mehrere Urnen gleichzeitig auf hoher See versenkt werden.

Während der Passage wird die Urne an einem geeigneten Ort an Bord aufgebahrt, zum Beispiel im Salon (Lounge) oder im geschützten Bereich des Decks. Gegebenenfalls kann noch während der Fahrt von den Hinterbliebenen eine Abschiedsandacht durchgeführt werden. Nachdem das Schiff an der vorgesehenen Beisetzungsstelle auf offener See angelangt ist, übergibt der Kapitän mit einigen Sätzen des Abschieds die - manchmal blumengeschmückte - Urne dem Wasser. Anschließend werfen die Hinterbliebenen letzte Blumengrüße hinab. Die Schiffsglocke schlägt acht Mal: in der seemännischen Tradition ein akustisches Zeichen, dass die Wache nun zu Ende ist, bedeutet der Glockenklang hier im übertragenen Sinn das Ende des irdischen Lebens. Für die anschließende Zeit der Trauer werden den Hinterbliebenen von verschiedenen Seebestattungs-Reedereien jährliche Gedenkgottesdienste und Gedenkfahrten angeboten. Sie finden beispielsweise in der Inselkirche St. Nikolai auf Helgoland (Nordsee) sowie in der Kieler und Lübecker Bucht (Ostsee) statt.

Und was passiert mit dem Inhalt der Urne, nachdem letztere sich vorschriftsmäßig aufgelöst hat? Von einem Hamburger Seebestattungs-Reeder wurde dies einmal mit beinahe lyrischen Worten wie folgt umschrieben: Es "... bleibt die Asche als kleiner Hügel auf dem Meeresgrund und wird von den Schwebeteilchen im Meer zugedeckt bis in die Ewigkeit. Eine Aurelie, Seesterne und Muscheln wachen am Grab."

[Anm. d. Red.: Dieser Beitrag zur Seebestattung erschien in ausführlicherer Fassung erstmals unter dem Titel "Muscheln wachen am Grab - Über die Seebestattung" in der Zeitschrift "Friedhofskultur", Jg. 2003, Heft 2; wir danken Evelin Scheibe / Redaktion "Friedhofskultur" für die freundliche Erlaubnis zum Nachdruck].

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Urne im Wohnzimmer? (Mai 2003).
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