OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ruhe finden unter Bäumen – der Ohlsdorfer Ruhewald

 - Oktober 2010
Ausgabe: 
Nr. 111, IV, 2010

Seit knapp zehn Jahren gibt es in Deutschland das Angebot, seine eigene Asche unter einem persönlich ausgewählten Baum in einer Urne bestatten zu lassen; möglich zunächst nur in freier Natur, in Wäldern oder Forsten und bekannt geworden durch das FriedWald-Konzept als alternative Bestattungsform außerhalb von Friedhöfen.

Die steigende Nachfrage nach dieser Alternative brachte sehr schnell die Friedhofsverwaltungen auf den Plan, auch ihre mit Bäumen bestandenen und noch nicht belegten Flächen in ähnlicher Form zu nutzen. Bereits 2003 entstand in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof nahe der Mittelallee das Feld für Baumgräber. "Unter alten Eichen und hellen Birken liegen die Baumgräber in idyllischer Landschaft", so ist auf der Hinweistafel zu lesen (s. auch Heft Nr. Nr. 84, I, 2004 mit dem Thema:"Unter allen Wipfeln ist Ruh"). Doch diese Anlage wurde vielen Nachfragen nach einer Alternative nicht gerecht. Der Bezug zu einem Baum fehlte und das Grabfeld schien zu "gepflegt" zu sein.

Ruhewald
Ohlsdorfer Ruhewald. Foto: N. Fischer

Die Friedhofsverwaltung reagierte prompt. Drei Jahre später wurde eine etwa zwei Hektar große verwilderte Fläche hinter der Kapelle 11 als Ruhewald angeboten. Zwei Jahrzehnte zuvor war sie zwar als Urnengrabfeld bereits hergerichtet, aber wegen ihrer Abgeschiedenheit nicht freigegeben worden. Die Fläche war damals sich selbst überlassen worden. Eine erhoffte natürliche Entwicklung zu einem Brutgebiet für Nachtigallen blieb jedoch aus. Der Wunsch aber, in einem naturnah gehaltenen lichten Wald bestattet zu werden, wuchs unerwartet schnell und hält an. Jetzt werden unter den Kronen und in Stammnähe von 80 markierten und bezeichneten Bäumen Urnen bestattet. Dem jeweiligen Beisetzungsbaum zugeordnet ist eine metallene pultartige Tafel auf der Name und Nummer des Baumes verzeichnet sind und, wenn gewünscht, auch der Name des dort Beigesetzten. Die genaue Beisetzungsstelle ist mit einem ebenerdig eingelassenen Granitpfosten markiert. Wegen der gestiegenen Nachfrage erfolgte bereits eine Erweiterung. Dennoch ist absehbar, dass in etwa zwei Jahren die Kapazität des Ruhewaldes erschöpft sein wird.

Ruhewald-Schild
Schild am Eingang zum Ohlsdorfer Ruhewald. Foto: N. Fischer

In dem über 50jährigen Baumbestand und in den Neuanpflanzungen überwiegen die Stiel-Eiche und die Wald-Kiefer. Zum Charakter eines Mischwaldes tragen u. a. einzeln gesetzte Rot-Buchen, Blut-Buchen und Rot-Eichen bei. Um den natürlichen Charakter des Ruhewaldes zu erhalten, werden Krautflora und aufkommende Strauchschicht unter den Bäumen einmal im Jahr gemäht. Weitere Pflegemaßnahmen finden nicht statt. Im streng waldbaulichen Sinn kann man daher nicht von einem Wald reden. Es fehlt ihm nämlich der typische mehrschichtige Aufbau. Der Begriff "Hain" wäre angemessener, drückt er doch die von dieser Bestattungsfläche ausgehende Stimmung aus.

Baum Nr. 20
Schild am Baum Nr. 20. Foto: N. Fischer

Trotz seiner Abgelegenheit, der Ruhewald ist in einer der äußersten Ecken des Friedhofes gelegen, trifft man dort immer wieder Besucher an, die auf selbst getretenen Pfaden durchs Gras stapfen, ihren Baum aufsuchen und meist am begrenzenden Wegesrand Blumenschmuck ablegen. Im sehr nüchtern gehaltenen Entree der Anlage an der Ecke Kirschen-/Eschenallee stimmt eine Tafel mit dem tiefsinnigen Zitat des libanesischen Dichters und Philosophen Khalil Gibran (1883-1931) auf den Besuch ein:

Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt!

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