OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Vortrag zur Brekendorfer Totengilde

 - Mai 2001
Ausgabe: 
Nr. 73, II, 2001

Am 26.März 2001 kam Frau Maria Gießel aus dem über 100 Kilometer nördlich von Hamburg nahe der Autobahnausfahrt Owschlag liegenden Brekendorf zu einem Erfahrungsbericht zu uns in den Förderkreis.

Sie ist die Älterfrau (also Vorsitzende) der "Brekendorfer Totengilde", einer seit etwa 300 Jahren bestehenden Traditionsvereinigung, die ursprünglich nur den einen Sinn hatte, ihren verstorbenen Mitgliedern die sonst nicht erschwingliche standesgemäße Totenfeier und Beerdigung zu bezahlen. Man schloss sich deshalb zu einer Art Privatversicherung, nämlich der "Totengilde" zusammen und zahlte laufend einen mäßigen Beitrag, so dass im Todesfall eine Sterbekassensumme für die Bestattung zur Verfügung stand.

Da man mitten im Leben aber nicht ständig an den Tod denken mag, entwickelte sich langsam eine lebensnahe Parallelaufgabe: man feierte das Stiftungsfest, erst klein, dann immer aufwendiger, bis das Leben-Feiern wichtiger wurde als das Toten-Begraben. Da der Begriff der Totengilde ursprünglich aus Dänemark kommt (wozu Brekendorf bis 1864 gehörte) sieht sich die Gemeinde Brekendorf als "vor dem Kanal" liegend an, südlich von ihm, also hinter dem Kanal, kennt man diese Sitte nicht.

Lebhaft und anschaulich zeigte Frau Gießel die Vereins- und Festfahne, den Zinnpokal für den Bieranstoß, die Festschärpe, die Älterfrau-Festkette mit Medaille und das Anerkennungsschreiben von Ministerpräsidentin Simonis zum 100. Neugründungstag 1999. Im Juni ist Stiftungsfest. Man beginnt den Umzug mit Festkapellen, dann Reden und Scheibenschießen. Da über 1000 Mitglieder noch heute der Totengilde angehören, findet dieses Stiftungsfest auch heute große Resonanz. Dazu gehört auch eine Nahrungsmittel-Lotterie, das Bingo. Aus dessen Erlös gehen bis zu 5000 DM an die Totengilde zu gemeinnützigen Zwecken.

Bewundernswert diese stabile ländliche Tradition, die Leben und Tod wie selbstverständlich miteinander verknüpft und trotz Medienüberschwemmung in den Herzen der Menschen dort noch verankert ist – aber auch, dass nach über hundert Jahren nicht ein Ältermann das Regiment führt, sondern die prächtige Maria Gießel als Älterfrau!

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