OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ohlsdorf – Vom Parkfriedhof zum Reformfriedhof

 - Mai 2018
Ausgabe: 
Nr. 141, II, 2018

Cordesteil und Linneteil

Cordes-Linne

Wilhelm Cordes (1840–1917) war der erste Leiter des Ohlsdorfer Friedhofs, ab 1879 zunächst als Verwalter, ab 1898 dann als Direktor. Er gestaltete den älteren Teil des Friedhofes, heute daher allgemein als 'Cordesteil' bezeichnet. In seiner gartenkünstlerischen Planung überwog bei aller Zweckmäßigkeit das Ästhetische, Romantische. Für diese Art der Gestaltung prägte man den Begriff 'Parkfriedhof', der in Ohlsdorf untrennbar mit dem Namen Cordes verknüpft ist.

Sein Nachfolger Otto Linne (1869–1937), der von 1919 bis 1933 den Friedhof leitete, setzte dagegen Grundgedanken der Friedhofsreformbewegung um, die ab etwa 1900 zu grundlegenden Neuerungen in der Friedhofsgestaltung führten. So entstand im Linneteil ein 'Reformfriedhof' als räumlich klar gegliederte Anlage.
Die unterschiedlichen Auffassungen beschrieb Alfred Aust in seinem Ohlsdorf-Führer so: "Cordes schuf einen herrlichen Park, in den er seinen Friedhof hineinbettete; Linne legte einen Friedhof an und versuchte, ihm den Charakter eines Parks zu geben. Cordes Liebe galt der Natur, den Bäumen, den Büschen und Blumen; er schaffte in erster Linie mit dem Herzen. Linne stellte das Grab in den Mittelpunkt seiner Erwägungen. Die Natur sollte dazu Rahmen und Kulisse liefern. Er plante in erster Linie mit dem Verstand. War Cordes der romantische Ästhet, der aus lebendiger Anschauung schöpfte, so sann Linne mit Zirkel und Lineal über dem Reißbrett."1

Die Entwicklung bis 1919

Die oben stehende Skizze lässt die Unterschiede zwischen den beiden Auffassungen deutlich erkennen. Sie zeigt auch, in welchen Schritten der Friedhof gewachsen ist. Bei seiner Eröffnung 1877 hatte er eine Größe von etwa 130 Hektar. Als schon nach 20 Jahren der Platz knapp wurde, konnte im Norden ein etwa 60 Hektar großes Areal hinzu erworben werden, dass ab 1899 von Wilhelm Cordes in ähnlicher Form gestaltet wurde wie der ältere Teil. Ab 1910 musste man sich erneut mit dem Platzproblem befassen, da die Kapazitäten schneller erschöpft waren, als man berechnet hatte.

Diskutiert wurde eine Umgestaltung des bestehenden Teils zu Gunsten einer besseren Flächenausnutzung, die aber abgelehnt wurde, denn "Die Schönheit seiner Anlage auch späteren Geschlechtern zu erhalten, wird der allgemeine Wunsch sein." 2 Für die Anlage eines weiteren Friedhofs an anderer Stelle auf Hamburger Gebiet fanden sich keine geeigneten Flächen. Die Lösung war schließlich, das östlich an den Ohlsdorfer Friedhof angrenzende Gelände auf damals preußischem Gebiet – insgesamt knapp 160 Hektar – zu erwerben. Ein Weg verläuft entlang dieser alten Hamburger Stadtgrenze. Er ist im Friedhofsplan gut zu erkennen.

Cordes-Projekt
Cordes-Projekt 1915. Archiv Förderkreis

Auch für die neuen Flächen stellte Cordes einen Generalplan auf, den man nun jedoch nicht einfach übernahm, sondern Otto Linne, seit dem 1. Januar 1914 Leiter des Gartenwesens, zur Begutachtung vorlegte. Da Linne als Soldat eingezogen war, bearbeitete sein Stellvertreter, Garteninspektor Goppelt, das Gutachten. Dieser schrieb, es "dürfte bekannt sein, daß der Ohlsdorfer Friedhof sehr häufig als Muster für andere Kommunalfriedhöfe gedient hat. Die Nachahmungen des Ohlsdorfer Friedhofes waren so häufig, daß man in der Fachwelt den Ausdruck ‚ohlsdorfern‘ gebrauchte. Wenn man die nach Muster des Ohlsdorfer Friedhofes angelegten Friedhöfe betrachtet, so findet man keinen, der sein Vorbild erreicht hat." Und auch das Cordes-Projekt war für Goppelt "nur eine mäßige Nachahmung". "Nicht die Meisterhand Cordes, sondern die Hand eines seiner Schüler, und nicht des besten, scheint hier den Stift geführt zu haben. Die künstlerische Auffassung der landschaftlichen Friedhofsgestaltung, die dem vorhandenen Friedhof seinen Wert gibt, fehlt hier gänzlich. ..."3

Das Gutachten riet klar vom Cordes-Plan ab, genauso Fritz Schumacher, den man ebenfalls um Stellungnahme gebeten hatte. Sowohl Goppelt, im Auftrag von Linne, als auch Schumacher legten zusammen mit dem Gutachten eigene Entwürfe als Alternativplanung zum Cordes-Projekt vor, und die Baudeputation empfahl dem Senat, diesen Projekten den Vorzug vor Cordes zu geben. Dass man von Seiten des Senats auf die Empfehlung nicht einging, wurde damit begründet, dass es sich ja nicht um einen neuen Friedhof an anderer Stelle handle, sondern lediglich um die Erweiterung. "Diese Erweiterung nach ganz anderen Anschauungen auszuführen, als die vorhandene Anlage, die als ein hervorragend schönes Werk ihres Schöpfers allgemein anerkannt wird, erscheint dem Senate im Interesse der Erhaltung eines einheitlichen Charakters der Gesamtanlage nicht ratsam."4

Nachdem Cordes auf Grund von Platzmangel schon seit 1914 gezwungen war, ohne Genehmigung Flächen zu aptieren, wurde seine Planung im Juni 1916 schließlich angenommen. Und auch als Cordes am 31. August 1917 starb, setzte man die Arbeiten zunächst noch nach seinen Plänen fort.

1919 wurde erneut massive Kritik am Cordes-Projekt laut. In einer Eingabe an den Senat beklagte der Bund Deutscher Architekten, unterstützt vom Künstlerrat Hamburg und vom Verein Heimatschutz im Hamburgischen Staatsgebiet, dass man hier nur noch die Mängel des älteren Teils ohne die Vorzüge habe. Die Vorzüge des Cordesteils waren natürlich die räumlich großzügig gestalteten Partien mit den großen Familiengräbern und die reinen Parkbereiche. Bemängelt wurden aber die großen Reihengrabfelder. "In diesem landschaftlichen Friedhof sind jedoch auch dichtbelegte Gräberfelder eingestreut, die nach den Hauptwegen durch stärkere Pflanzungen abgedeckt sind, so daß sie dem Spaziergänger nicht bemerkbar sind. Dem Geist der damaligen Zeit entsprechend hat man auf die Ausgestaltung der einzelnen Gräberfelder keinen Wert gelegt, sondern geglaubt, die Frage der häßlichen Massengrabquartiere durch ein Verbergen hinter Strauchkulissen zu lösen."5

Wesentliche Kritikpunkte an der neuen Planung waren die mangelnden Orientierungsmöglichkeiten, Unübersichtlichkeit und eine eintönige Führung der Hauptwege ohne Rücksicht auf die Geländestrukturen. Dies zeigte sich am deutlichsten im östlichsten Teil. Hier hatte Cordes eine Schwäche des älteren Teils, nämlich die schlechte wirtschaftliche Ausnutzung, dadurch beheben wollen, dass er große, zusammenhängende Grabfelder für die Reihengräber plante, teilweise gut 300 Meter lang und bis zu 100 Meter breit und damit noch wesentlich größer als die schon so deutlich kritisierten Gräberfelder im Cordesteil.6

Die erneute Debatte führte dazu, dass Otto Linne, seit 1919 kommissarischer Direktor des Friedhofes, nun doch zum Zuge kam. Er hatte neue Pläne entwickelt, und diese wurden schließlich von Senat und Bürgerschaft genehmigt. Der "Bruch" zur Cordes-Planung ist in der Skizze durch die blaue Linie angedeutet. Zwar gab es auch im Cordesteil in der Folgezeit Veränderungen, wenn Grabfelder im Sinne der Reformbewegung neu gestaltet wurden. Davon waren aber die Straßen- und Wegeverläufe nicht betroffen, so dass die Strukturen der Cordes-Planung erhalten blieben.

Die neue Planung unter Otto Linne

Wie sah nun die neue Planung aus? Aus zeitgenössischen Publikationen lässt sich ersehen, welche Forderungen die damaligen Fachleute an eine Friedhofsanlage stellten. So schrieb Professor Emil Högg von der technischen Hochschule in Dresden bereits 1914: "Der alte Ohlsdorfer Friedhof ist der Ausgangspunkt für unsere Friedhofskunst und jahrzehntelang war er das berühmte Vorbild für alle Neuanlagen in Deutschland. Er setzte an Stelle des öden Leichenfeldes den Parkfriedhof, ja er gab sogar Anregung zu dem Waldfriedhof, für den wir uns heute begeistern. Aber die Entwicklung ist erfreulicherweise weder beim Parkfriedhof noch beim Waldfriedhof stehen geblieben … Unsere Baukunst im weitesten Sinne, also einschließlich der Gartenbaukunst, hat an Straffheit, an Klarheit, an architektonischem Bewußtsein seither mächtig gewonnen, und wir Modernen halten diese Entwicklung für eine gesunde und fortschrittliche."7

1921 wurde der Reichsausschuss für Friedhof und Denkmal gegründet und erarbeitete in der Folge Richtlinien für die Friedhofsgestaltung, u.a. diesen Passus: "Der grundlegende Bestandteil des Friedhofs, sozusagen die Urzelle, ist das Einzelgrab; die Summe der Einzelgräber ergibt das Gräberfeld, die Summe der Gräberfelder den Gesamtfriedhof. Große Friedhöfe werden … sich als eine Verbindung von Einzelfriedhöfen darstellen. In der charakteristischen Gestaltung der einzelnen Gräberfelder … liegt eine der wesentlichen Aufgaben des Friedhofsgestalters. Es ist anzustreben, auf den größeren Grabfeldern die verschiedenen Grabstätten geschickt zu vereinigen und zu verhindern, daß auf größeren Friedhöfen Teile der Gesamtanlage luxuriöser, andere dagegen ärmlicher gestaltet erscheinen."8 Für die Gräberfelder wurde empfohlen, sie relativ klein zu halten, möglichst nicht mehr als 200 bis 300 Gräber in einem von den angrenzenden Grabfeldern deutlich abgeschlossenen Bereich.9

Doch zum Friedhof gehören nicht nur die Gräber. Zur Planung der Straßen und Wege gab es diese Empfehlung: "Der Weg dient dem Verkehr, er stellt die Verbindung zwischen den Einzelheiten her. Daraus folgt, daß jeder Weg ein Ziel haben muß, dem er zustrebt. Und dies Ziel will naturgemäß auf dem schnellsten Wege erreicht werden. Also ist der gerade Weg der ursprüngliche und nicht der gebogene, wie man eine Zeitlang annahm. Trotzdem hat aber der gebogene Weg seine Berechtigung, wenn nämlich die Umstände diese Form als geboten erscheinen lassen ... Eine steile Anhöhe wird z. B. im Bogen umgangen werden, oder der Weg führt in Schlangenlinien, Serpentinen, zur Spitze. Ein Teich, ein Baum oder ähnliches veranlassen ebenfalls eine Umleitung des Weges. Diese wenigen Beispiele zeigen, wie falsch es war, der Form des Weges eine übertriebene Bedeutung beizumessen, indem man glaubte, durch gebogene Wege eine Anlage landschaftlich, also naturgemäß zu gestalten."10

Luftbild Kap13
Blick auf Kapelle 13 und den Bereich des heutigen Bombenopferkreuzes. Archiv Förderkreis

Wie wurden diese Forderungen nun von Otto Linne in seiner Planung umgesetzt? Die Luftaufnahme zeigt die geforderten gerade Wege. Die Anlage ist klar gegliedert, also architektonisch aufgefasst. Auch die Größe der einzelnen Grabfelder entspricht offenbar weitgehend den Empfehlungen. Otto Linne schrieb dazu 1926: "Der Friedhof ist zur Aufnahme von Gräbern bestimmt. Das einzelne Grab ist also die Einzelzelle und aus der Zusammensetzung dieser Einzelzellen muß notwendig der Friedhof gebildet werden. So ergibt sich die Grabreihe, das Grabquartier. Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, war, diese Grabquartiere zu räumlich begrenzten, leicht auffindbaren, übersichtlichen Räumen zu gestalten, in denen für jedes Grab, für des Armen Grab wie für das reichste Familiengrab ein möglichst guter, ruhiger, friedlicher Platz zu schaffen war."11

Bei der Betrachtung der Luftaufnahme kann man sich allerdings die Frage stellen, wie Linne wohl das Problem der leichten Auffindbarkeit gelöst hat. Eine weitere Forderung der Fachleute lautete: "Im wesentlichen haben die nicht zu den Grabstätten gehörenden Pflanzungen die Aufgabe, den Abteilungen (Einzelfriedhöfen der Gesamtanlage) räumliche Gestaltung zu geben und die Gesamtanlage künstlerisch zu gliedern."12 Und diese künstlerische Gliederung musste als Orientierungshilfe genutzt werden.

Linne legte dazu sehr genau fest, welche "Leitpflanzen" an welcher Stelle zu verwenden waren. Zum Teil nehmen die Straßennamen direkt Bezug auf die jeweils dominierende Gehölzart. Im Friedhofsplan finden wir Eichenallee, Eschenallee, Kirschenallee, Lärchenallee und die Sorbusallee, die ihren Namen von den hochstämmigen Ebereschen (Sorbus aucuparia) bekam. Außerdem wurde jeweils festgelegt, mit welchen Sträuchern die Grabfelder von der Straße abzugrenzen waren. Für die Kirschenallee zum Beispiel war zur Baumreihe aus Vogelkirsche (Prunus avium) eine Hecke aus Schneespiere (Spiraea arguta) vorgesehen.

Allerdings hat sich seit damals viel verändert. Nur in der Eichenallee sind es tatsächlich noch die damals gepflanzten Bäume. Kirschen, Lärchen und Sorbus sind durch junge Bäume ersetzt worden, und in der Eschenallee findet man fast nur noch Buchen. Die ursprüngliche Unterpflanzung ist weitgehend verschwunden, dafür hat sich an vielen Stellen der Rhododendron breit gemacht.

Mittelallee
Mittelallee - Blick auf Kapelle 13. Archiv Förderkreis

Auch die Mittelallee hatte 1927 mehr zu bieten als heute: "Die Mittelallee ist als Mittelpromenade mit zweiseitigem Fahrweg ausgebaut. Die Wände werden gebildet aus Pseudotsuga Douglasii (Lindl.) Carr. mit vorgelagertem Wall von Rhododendron ponticum L. Die Mittelpromenade ist zweireihig bepflanzt mit hochstämmigen Prunus serrulata Lindl. var. Hisakura Koehne, die in einer etwa 1,5 m breiten Rabatte mit Cydonia japonica Pers. stehen." Für botanisch interessierte Laien hier in der Reihenfolge der Nennung die Übersetzung: Es handelt sich um Douglasien, eine Rhododendron-Art, Japanische Blütenkirsche und Zierquitten. Von dieser Bepflanzung hat sich aber nichts erhalten. Der Mittelstreifen ist heute Rasenfläche. Ebenso wie die Straßen erhielten die Hauptwege durch einheitliche Bepflanzung ihren jeweils individuellen Charakter. Verwendung fanden hier zum Beispiel Ulmen, Lärchen, Scheinzypressen, Hemlocktannen, Eiben, Coloradotannen und Orientfichten.

Ulmenweg
Mit Ulmen bepflanzter Hauptweg um 1925. Archiv Förderkreis

Was für die Wege galt, galt natürlich erst recht für die Grabfelder. Im Grabquartier BL56 an der Mittelallee waren diese Gehölze vertreten: "Die baumartige Umrandung dieses Einzelfriedhofes wird an der Süd- und Westseite von Picea omorica Panc., im Norden und Osten von Pseudotsuga Douglasii Carr. gebildet. Den Koniferen vorgelagert sind Streifen von Syringa chinensis Willd. und Ribes sanguineum Pursh. Unterteilt wird dieser Friedhof durch einen Mittelplatz, der mit Sorbus intermedia Pers. bepflanzt und mit einem Brunnen ausgestaltet ist. Außerdem dienen an den vier Hauptkreuzungspunkten 16 pyramidal gezogene Eichen von 4 m Höhe zur Aufteilung, während die sonstige Unterteilung durch Spiraea van Houttei Briot. erfolgt."14 Die deutschen Namen der Gehölze sind: Serbische Fichte, Douglasie, Flieder, Blut-Johannisbeere, Schwedische Mehlbeere und Prachtspiere. Auch hier ist die Bepflanzung heute deutlich verändert. Nur bei fünf Douglasien, die sich zu stattlichen Exemplaren entwickelt haben, kann es sich eventuell noch um die ursprünglichen Bäume handeln. Alles andere ist heute nicht mehr zu finden.

BL56
Plan des Grabquartiers BL56. Archiv Förderkreis

Ein weiteres Gestaltungselement wird in dieser Beschreibung genannt – ein Brunnen.

Sternbrunnen
Der Sternbrunnen (BL 66 / BL 67). Archiv Förderkreis

Die unterschiedlich gestalteten Brunnen sind als charakteristische Elemente im Zentrum der Grabfelder platziert und helfen somit bei der Orientierung. Bekanntestes Beispiel ist wegen seiner markanten Form der Sternbrunnen. Eine Ausnahme ist der "Chinesentempel", der auf einem kleinen freien Platz den westlichsten Punkt des von Otto Linne gestalteten Friedhofsteils markiert.

Chinesentempel
Der "Chinesentempel" (BI 51 / BK 51)

Eine neue Aufgabe – die Aschengrabgärten

Die Feuerbestattung war zunächst eine eher elitäre Bestattungsart und nicht so billig, dass sie für minderbemittelte Personen von Interesse gewesen wäre. Die Einrichtung des Hamburger Krematoriums hatte der 'Verein für Feuerbestattung in Hamburg' vorangetrieben, der die Anlage ab der Eröffnung 1892 auch betrieb. Als das Krematorium 1915 vom Hamburgischen Staat übernommen wurde, versuchte die Friedhofsverwaltung, diese Bestattungsart stärker zu fördern. Die Preise wurden gesenkt, was in der Inflationszeit zu einem deutlichen Anstieg führte. Waren es 1915 noch 537 Einäscherungen, stieg die Zahl 1923 schon auf 2037 und wuchs in den folgenden Jahren kontinuierlich weiter an.15

Aschengrabgarten
Plan der Aschengrabgärten in BK 54 und BK 55. Archiv Förderkreis

Auf dem Friedhof waren zunächst kleine Bereiche geschaffen worden, in denen die Urnen oberirdisch aufgestellt werden durften. "Mit der Zunahme der Feuerbestattung häuften sich diese Urnen aber in dem Urnenhain so sehr, daß sehr unschöne Bilder entstanden. Mehr und mehr ist daher die Friedhofsverwaltung dazu übergegangen, die Aufstellung der … Urnen über der Erde zu verhindern und ihre Beisetzung in der Erde zu fördern. Statt der Urnenhaine wurden Aschengrabgärten geschaffen. Die geringe Größe der Aschengrabstätten verlangt naturgemäß auch eine entsprechende Ausbildung der Grabmale."16

Brunnen_BK55
Zentrum des Grabquartiers BK 55 mit Brunnen. Archiv Förderkreis

Otto Linne ordnete einige dieser neuen "Aschengrabgärten" entlang der Teiche an, die die Verbindung vom Prökelmoor zum Bramfelder See bilden. Auf diese Weise konnte er Bereiche nutzen, die wegen des höheren Grundwassers für Erdbestattung nicht geeignet waren.

Mustergrabmal
Mustergrabmal für ein Urnengrab. Archiv Förderkreis

Nach dem vorstehenden, detaillierten Plan wurden die Grabfelder zu beiden Seiten des T-Teichs gestaltet. Die um 1930 entstandene historische Aufnahme zeigt den mittleren Bereich von BK55, der durch akkurat geschnittene, in der Höhe gestaffelte Hecken gegliedert wurde. Die Vorschriften für die Größe der Steine waren sehr genau. Wie die Hecken waren sie in der Höhe gestaffelt. Um den zentralen Brunnen sind nur niedrige Kissensteine zugelassen. Für die zweite Reihe, also vor der mittleren Hecke, wurden höhere Kissensteine gefordert und hinter der Hecke waren kleine Stelen aufzustellen, etwa so hoch wie die Hecke. Vor der umgrenzenden Hecke waren auch höhere Pfeiler zugelassen.

Grabmäler – "typisch Linne"

Wie das Beispiel des Aschengrabgartens zeigt, erforderte eine so genau durchgeplante Gestaltung der Grabfelder natürlich auch Regeln für die Grabsteine. Ab 1900 hatte man nicht nur auf eine Reform der Friedhofsgestaltung hingearbeitet. Es entstand auch die Grabmalreformbewegung, die die bisher dominierenden Typen und Materialien ablehnte. Anstelle industriell hergestellter Massenware forderte man handwerklich gut ausgeführte Arbeiten der heimischen Steinmetze aus "heimischen Materialien". Besonders in den neu angelegten Friedhofsbereichen sollten diese Vorstellungen nun konsequent umgesetzt werden. 1920 wurden entsprechende Richtlinien herausgegeben. Als zulässige Materialien kamen infrage: helle, "natürliche" Gesteinsarten wie Travertin, Tuffstein, Muschelkalk, hellfarbige Granite, Sandstein und körniger Kalkstein sowie Schmiedeeisen, dauerhafte Holzsorten, Bronzeguss und matt gebrannte Terrakotten. Kunststein musste so "steingerecht" bearbeitet werden, dass man ihm die künstliche Herstellung nicht ansah. Ausnahmegenehmigungen gab es in Einzelfällen, abhängig von der Grablage. Die früher in großer Zahl aufgestellten obeliskartigen Grabmale aus poliertem schwarzem Granit waren zum Beispiel nicht mehr erwünscht, ebenso die "Grotten" aus Kunststein.17

Aschengrabfeld
Ein Aschengrabfeld mit kleinen Stelen in einheitlicher Größe. Archiv Förderkreis

Auch die Zahl der Grabsteintypen wurde erheblich beschränkt. Außer der Stele waren Kreuze, Pfeiler, Liegeplatten und Kissensteine zulässig. Die Größe wurde weitgehend von der Grablage bestimmt. In Urnengrabfeldern z. B. galt für Stelen meist eine einheitliche Höhe von etwa 60 Zentimetern, denn innerhalb eines Feldes sollten sich die Grabsteine möglichst gut in das Gesamtbild einfügen.

Die neuen Bestimmungen führten allerdings zu heftigen Protesten. In einem Zeitungsartikel vom 9. November 1920 im Hamburger Fremdenblatt – Titel: "Gegen den Ohlsdorfer Zwangserlaß" – wurden die Richtlinien als Eingriff in die Gewerbefreiheit bezeichnet, da die Grabmallieferanten fürchteten, auf Obelisken, Grotten und anderen bis dahin gefragten Modellen sitzenzubleiben. Auch viele Grabnutzer fühlten sich bevormundet oder ärgerten sich mindestens über den bei der Verwaltung einzureichenden Antrag auf Genehmigung eines Grabmals: "Genaue Zeichnung (Ansicht, Seitenansicht, Rückansicht, Grundriß und Schnitt im Maßstab 1:10) mit genauer Angabe über Material, Bearbeitung, Art und Anordnung der Schrift und Farbgebung sind in dreifacher Ausfertigung beizufügen."18 Auf Grund der zahlreichen Einwände musste der Entwurf in einigen Punkten nachgebessert werden, und das Gesetz trat erst im Februar 1926 in Kraft.

Reformstele
Eine typische "Reformstele" (BO 63). Foto: P. Schmolinske
Variante
...und eine interessante Variante. Foto: C. Behrens

Der häufigste Grabmaltyp war seit der Grabmalreform die Stele. Am schlichtesten sind die sogenannten "Reformstelen", hochrechteckige, glatte Platten, die etwa 1925 aufkamen. In der einfachsten Form ist der obere Abschluss ein sehr flaches, pyramidenförmiges Dach.19

Die Inschriften sind vertieft in einer schlanken, eher zart wirkenden Antiquaschrift ausgeführt. Ornamente wurden nur dezent verwendet, denn "Die Schrift ist … in hohem Maße formbestimmend für das Denkmal, sie wirkt als Form rein ornamental, und in den meisten Fällen genügt sie als einziger Schmuck des Denkmals."20 Das Beispiel oben links steht in BO63. In diesem Grabfeld für Erdbestattungen waren Stelen mit einer Höhe von etwa 1,50 Meter und einer Breite von etwa 75 Zentimetern vorgeschrieben. Allerdings waren hier auch farbige und sogar dunkle Gesteinsarten zugelassen, und je nach Gesteinsfarbe variierte dann die Farbe der Schrift. Der andere Stein – aus dem Quartier BO61 – zeigt mit seiner eigenwilligen Form eine interessante Variante, ist aber ebenfalls typisch für seine Entstehungszeit.

So schlichte Grabsteine waren natürlich nicht jedermanns Sache. Wenn man sich schon in Form und Größe unterordnen musste, wünschte man doch ein gewisses Maß an Individualität, was sich besonders gut durch Schmuckornamente erreichen ließ. In solchen Feldern waren grundsätzlich nur helle Steine erlaubt, je nach Grablage stehend als Stele, Kreuzgrabmal oder Pfeiler, bzw. liegend als Kissenstein oder Liegeplatte.

Huppertz
Becker
Wagner

Die oben abgebildeten Beispiele, eine Stele, ein Pfeiler und ein aus der Kreuzform weiterentwickeltes Grabmal, sind typische Beispiele für die 1920er und frühen 1930er Jahre. Sie haben bei aller Verschiedenheit gemeinsame Merkmale. Schrift und Ornament sind beide erhaben, wirken dabei aber sehr flächig, vergleichbar einem Scherenschnitt. Tiefe, also die dritte Dimension, ist bei den Ornamenten nur leicht angedeutet. Wie bei der Reformstele wurde eine Antiquaschrift verwendet, hier aber in einer breiten Variante. Ab Anfang der 1930er Jahre wurde die Antiqua dann nach und nach durch die Frakturschrift verdrängt.

Breitstele
Eine typische Breitstele. Foto: P. Schmolinske

Bei der Wahl der Motive für den ornamentalen Schmuck dominierten zunächst Symbole mit religiösem Bezug – zum Beispiel Kreuz, Herz und Anker als Synonyme für Glaube, Liebe und Hoffnung – und florale Motive, die rein dekorativen Zwecken dienten. Ein deutlicher "Trend" zu Darstellungen mit persönlichem Bezug – z. B. Berufssymbolen – setzte nach 1930 ein. Auf größeren Familiengräbern hatte man auch größere Gestaltungsfreiheit, aber hier dominierte ebenfalls die Stele, oft in der Form der Breitstele. Und natürlich gab es neben den hier beschriebenen typischen "Linne-Steinen" auch Grabmale, denen man die Entstehungszeit nicht auf Anhieb ansieht.

Die übrige "Ausschmückung" der Gräber

Auch hierfür gab es nun Vorschriften. Nicht mehr zulässig waren Grab-E­infassungen aus "totem Material" und einzeln stehende Eingangspforten.21

Grabbank
Ein typisches Ensemble - Reformstele und Bank. Archiv Förderkreis

Dafür wurde mehr Wert gelegt auf eine ansprechende Bepflanzung, denn um einem schönen Stein zur Geltung zu bringen, sollte selbstverständlich auch die gärtnerische Gestaltung ein gewisses Niveau haben. Damit das gewährleistet war, wurden richtige Musterbücher herausgegeben, und man hatte dann eine Gärtnerei mit der Pflege zu beauftragen. Auch wer auf seiner Grabstätte eine Bank aufstellen wollte, musste sich nun mit bestimmten Typen abfinden. So wie auf dieser Aufnahme haben damals sicher viele Familiengräber ausgesehen.

Bepflanzung
Bepflanzungsvorschläge aus einem Musterbuch. Archiv Förderkreis

Der Linneteil heute

Wer sich heutzutage im Linneteil umsieht, wird feststellen, dass es nirgends mehr Grabfelder gibt, die noch ein wirklich geschlossenes Bild zeigen. Schon vor Jahren stellte Helmut Schoenfeld fest, dass man heute die Ideen Otto Linnes kaum noch wahrnehmen könne. "Die Feinstruktur seiner Planung ist verschwunden, haben doch Unkenntnis und Pflegevereinfachung sie seit Jahrzehnten kontinuierlich zerstört und den allgemeinen ästhetischen Vorstellungen Vorschub geleistet, besonders aber dem Wunsch, viel Grün mit zum Teil wahllos gepflanzten Bäumen und der Bevorzugung von Rhododendron catawbiense als immergrünem Raumteiler und Sichtschutz zu erzielen. Der Linneteil des Friedhofes ist dadurch bereits seit langem in der Phase, sich zu einem gesichtslosen Einheitsbrei von Parkfriedhof zu entwickeln, der künftig leider nur noch durch seine nicht veränderbare Grundstruktur … dem Betrachter als Dokument einstiger Gartenkunst erkennbar bleiben wird."22

Brunnen_in_BK55
Der heutige Zustand des Grabquartiers BK 55. Foto: P. Schmolinske

Als Beispiel hier eine aktuelle Aufnahme des Aschengrabgartens in BK55. Die Hecken sind verschwunden, ebenso die Fliederbüsche im angrenzenden Grabfeld. Dafür macht sich statt der ursprünglichen Hecke teilweise der Rhododendron breit. Nur noch wenige Grabmale der ersten Belegung sind erhalten, und links hat man zwei höhere Stelen in eine Reihe hineingesetzt, die für Kissensteine vorgesehen war. Man muss schon sehr genau hinschauen, um die ursprüngliche Struktur zu erkennen.

Dem Cordesteil mit seiner weniger formalen Auffassung schadet die mangelnde Pflege insgesamt weniger. Der Waldteil und die natürlich erscheinenden Teiche, dazu die gartenkünstlerisch gestalteten Bereiche – Althamburgischer Gedächtnisfriedhof, Cordesterrassen und Millionenhügel – bestimmen das Bild, das viele Besucher vom Ohlsdorfer Friedhof haben und bevorzugen, wie der bei einer Veranstaltung der Wunsch: "Mehr Cordes, weniger Linne!" zeigt, den eine Teilnehmerin im Zusammenhang mit dem Projekt Ohlsdorf 2050 äußerte.

Trotz der entstandenen Defizite müsste es aber durchaus möglich sein, in einzelnen kleinen Bereichen mit vertretbarem Aufwand wieder einen Zustand herzustellen, der den Reformfriedhof Otto Linnes nachvollziehbar und seine Bedeutung für den Ohlsdorfer Friedhof deutlich macht.

Quellenangaben, Literaturhinweise

1 – Aust 1953: Aust, Alfred: Der Ohlsdorfer Friedhof, Hamburg 1953 – hier zitiert nach S. 32
2 – Mitteilung des Senats an die Bürgerschaft No. 326 vom 26. November 1913 – Archiv Förderkreis
3 – Handakte Goppelt – Archiv Förderkreis
4, 6, 15,17, 18, 19, 21 – Leisner, Barbara/Schulze, Heiko K. L./Thormann, Ellen: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Hamburg 1990 – hier zitiert nach S. 40, 41ff, 53f, 56, 170 und 196
7 – Högg, Emil: Die Erweiterung des Ohlsdorfer Friedhofes. In: Hamburgische Zeitschrift für Heimatkultur, 6. Jg., Mai 1914 – hier zitiert nach S. 2
8, 9, 12, 20 – Hirzel, Stephan: Grab und Friedhof der Gegenwart, München1927 – hier zitiert nach S. 121, 61, 122 und 68
11 – Linne, Otto: Der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. In: Friedhofskunst, Heft 6, 1926, S. 74–96 – hier zitiert nach S. 86
13, 14 – Kuphaldt, Georg Friedrich Ferdinand: Die Praxis der angewandten Dendrologie in Park und Garten, Berlin 1927 – hier zitiert nach S. 268 und 272
16 – Linne, Otto: Das Friedhofswesen Hamburgs. In: Hamburg und seine Bauten mit Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg 1918–1929, Hamburg 1929, S. 43–47 – hier zitiert nach S. 47
22 – Schoenfeld 2002: Schoenfeld, Helmut: Ein Reformfriedhof und die neue Gartenkunst – das Beispiel Ohlsdorf in Hamburg. In: Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. (Hg.), Vom Reichsausschuss zur Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Kassel 2002, S. 87-95 – hier zitiert nach S. 94

Bestmann, Johannes: Über Friedhofskunst sonst und jetzt, Gütersloh 1909

Eimler, Arthur: Friedhofsschmuck und Grabbepflanzung, Wiesbaden 1929

Friedhofsdeputation (Hg.): Friedhof zu Hamburg Ohlsdorf, Führer, Hamburg 1897

Goecke, Michael: 100 Jahre Hauptfriedhof Hamburg-Ohlsdorf. In: Das Gartenamt, Heft 2/1977, S. 85–97

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