OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein junger Mann entdeckt den Friedhof Ohlsdorf

 - August 2014
Ausgabe: 
Nr. 126, III, 2014

Auszüge aus dem Tagebuch des 20jährigen Medizinstudenten Hans-Jörg Mauss aus Barsinghausen betreffend seinen Hamburg-Aufenthalt am 26. Oktober 1952 nach einem Besuch des Ohlsdorfer Friedhofs.

Dem Verfasser war damals noch nicht bewusst, dass er alsbald in Hamburg seinen Lebensmittelpunkt haben würde und dort 44 Jahre später, von 1996 bis 2008, sogar als 1. Vorsitzender des Förderkreises Ohlsdorfer Förderkreis e. V. erfolgreich wirken würde.

Mit der Veröffentlichung des nachfolgenden Textes ist er einverstanden:

"2. Tag: Den Vormittag widmete ich nur einem einzigen Denkmal: Dem Gedächtnismal für die Opfer des Bombenkrieges in Ohlsdorf von Gerhard Marcks – und dem Genuss des Großstadttreibens mit überfüllten Verkehrsmitteln, Straßen und Geschäften.

Dann in Ohlsdorf. Der Friedhof bedeckt eine geradezu phantastische Fläche, selbst eine eigene Autobuslinie verkehrt auf dem friedhöflichen Straßennetz. Abertausende von Trauerfeiern haben hier ihren Anfang und ihr Ende gehabt, ein Heer von Pastoren, Küstern und Totengräbern arbeitet in den 13 – 15 Kapellen. Mehrmals begegnete ich einer solchen Schweigegruppe: vorweg 8 Sargträger in dunklem Talar mit Dreispitz, als Bindeglied zwischen ihnen und dem Gefolge der einsame Pastor. Alles schweigend, alles dunkel. Unheimlich!

Dann setzen die acht den schwarzen Kasten ab, nehmen die Tragbalken auf die Schulter und ziehen lautlos ab. Einer hinter dem anderen, einer neben dem anderen. Keiner blickt zur Seite, sie sind tot wie der, den sie eben noch getragen, nur die Beine, 16 Beine trotten schwer und gewichtig in Maschinentakt. Als ich weitergehe, höre ich leise Gebete, später das monotone Fließen einer Pastorenstimme. Eine zweite Beerdigung!

Nach langem Gang finde ich endlich das gesuchte Ehrenmal. Als Mittelpunkt eines griechischen Kreuzes, auf dessen Armen die schmucklosen, erschütternden Erinnerungstäfelchen aus Blech, Emaille wie Haustürschilder und lackierter Pappe stecken, erhebt sich ein Sandsteinwürfel von Überzimmergröße. Seine obere Grenzplatte ist gefallen, innen ist er hohl. An einer der Wände, gegenüber dem Eingang fährt Charon mit breit-massigem Mongolengesicht und Übergröße einen gebrochenen Jüngling, ein Liebespaar und einen alten Mann in den Tod. Thematisch althergebracht, in der Ausführung erschütternd. Lange saß ich davor; denn der Anblick dieser kläglichen Schildchen da draußen, die vom Tode ganzer Familien sprechen, die verbrannt und zerrissen in den Fleeten und Ruinen begraben liegen, hatte mich schon tief getroffen. Wie viel mal stärker spricht dieses Mahnmal an als die 15-zeilige Urnenfläche zu Beginn meiner Friedhofswanderung zu Ehren der Ermordeten in den KZs. Hier wirkliche Menschlichkeit – dort klagende Architektur!"

Mauss
Grundsteinlegung für das Bestattungsforum des Ohlsdorfer Friedhofs am 24. März 2010. Der 78jährige Hans-Jörg Mauss legt Dokumente des Wirkens des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e. V. dem Grundstein bei. Foto: W. Haack
Heft-Rubrik: 

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