OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Festmahl nach dem Tod? Römisches Jenseits in Timgad (Algerien) – und heute

 - Mai 2013
Ausgabe: 
Nr. 121, II, 2013

Seit 1982 gehört die Stätte Timgad im Nordosten Algeriens zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der römische Kaiser Trajan ließ die früher unter dem Namen Thamugadi bekannte Militärkolonie im Jahre 100 errichten. Hier ist die typische Struktur römischer Stadtgründungen mit quadratischer Form und Unterteilung besonders gut erkennbar. Die Ruinenstadt liegt knapp 200 km südlich der Mittelmeerküste in einer grünen Ebene nördlich der Aurès-Berge, etwa 100 km südlich von Constantine und 40 km östlich von Batna.

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Römischer Grabstein in Timgad/Algerien. Foto: C. Behrens

In den gut erhaltenen Ruinen von Timgad befinden sich höchst interessante Grabstätten. Nicht allein, dass man Inschriften und figürliche Darstellungen in gutem Zustand auf den senkrechten Stelen entdeckt; die davor liegenden, mit Halbreliefs versehenen kleinen Grabplatten sind noch bemerkenswerter: Hier handelt es sich offenbar um üppig gedeckte Tische für die Verstorbenen. Deutlich kann man darauf Pfannen, hübsch dekorierte Servierplatten, Speisen wie Fische oder Brot, aber auch Teller und Löffel erkennen – alles für das Festmahl bereit!

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Speisen für den Verstorbenen auf einer chinesischen Grabstätte auf dem Friedhof Ohlsdorf. Foto: C. Behrens

Dies erinnert uns heute zum Beispiel an den Trauerbrauch der chinesischen Totenfeier, wenn Anfang April Speisen und Obst, auch Bier, gelegentlich mit Plastiklöffeln oder Stäbchen (wie in Ohlsdorf am 2.4.2007 aufgenommen) ans Grab gebracht werden. Oder am berühmten "Día de los Muertos", dem Totensonntag der Mexikaner Anfang November: Einmal im Jahr erwarten diese die Verstorbenen zu Hause, um sich später von ihnen wieder feierlich bis Mitternacht auf dem Friedhof in einem Blumen- und Lichtenmeer beim Essen und Trinken zu verabschieden. Ebenfalls zum Essen und Trinken versammeln sich Hinterbliebene aus dem von uns weniger weit entfernten Osteuropa am Grab ihrer Angehörigen anlässlich von Geburts- oder Todestag oder anderen christlichen Feiern – diesmal allerdings mit Wodka anstelle von Tequila.

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