OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Das Schumacher-Krematorium auf dem Friedhof Ohlsdorf: Architektur und Bauschmuck

 - November 2011
Ausgabe: 
Nr. 115, IV, 2011

"Dieses von 1930-1932 nach Entwürfen von Fritz Schumacher in zeitgenössischer Klinkerbauweise errichtete Krematorium ersetzte das alte von 1891 an der Alsterdorfer Straße.

Die Symmetrie der Anlage wird durch eine hoch aufragende Feierhalle betont. Eine vorgelagerte Terrasse verbindet über eine Freitreppe den Bau mit dem Friedhof. Zur Straße wendet sich eine sakral anmutende Fassade mit turmartigem Rauchabzug. Die Innengestaltung greift Gedanken des zeitgenössischen Kirchenbaus auf. Der Bauschmuck stammt von Richard Kuöhl."

Klinker-Keramik
Klinker-Keramik von Richard Kuöhl an der Fassade des Schumacher-Krematoriums. Foto: P. Schulze

So lautet die Kurzfassung der Bauwerksbeschreibung auf der blauen Tafel des Denkmalschutzamtes, die an jedem bedeutenden Bauwerk Hamburgs zu finden ist. Bedeutend wurde das Krematorium auch für seinen Architekten Fritz Schumacher (1869-1947). Er schreibt über sein letztes und persönlichstes Bauwerk Ende 1932 an seinen Bruder Hermann u. a. folgende Zeilen: "In der zweiten Januarwoche wird mein Krematorium übergeben, nach 8-jähriger Arbeit. Es wird mein letzter großer Bau sein und zugleich der persönlichste unter allem, was ich gebaut habe. Ich kann in ihm das Gleiche zeigen, womit ich in Dresden meine Tätigkeit begann, daß meine stärkste Neigung nach der Seite des Sakralen liegt."

Mit diesen Worten unterstreicht Schumacher die außerordentliche Bedeutung, die sein Krematorium auf dem Friedhof Ohlsdorf für ihn besitzt. Bereits in seiner Planung für das Krematorium in Dresden-Tolkewitz (1911 fertig gestellt) hat er sich intensiv nicht nur mit dem Wesen der Feuerbestattung auseinandergesetzt, sondern auch mit allen damit verbundenen notwendigen technischen Fragen. Später, 1939, hat er seine Erfahrungen dazu in einem 124-seitigen Handbuch der Architektur veröffentlicht.

Über die sakrale Wirkung seines Ohlsdorfer Krematoriums schreibt er 1933: "Dafür einen eigenen, aus der Aufgabe des Baus entwickelten Ausdruck zu finden, ist die künstlerische Seite dieses Bauproblems. Neben das Schmerzvolle, dem der Bau dient, muß man das Feierliche zu stellen versuchen." So wählte er für die Außenmauern nur gebrannte Steine, d. h. Klinker und Keramik, und im Inneren des Gebäudes zu seiner Ausschmückung überwiegend Buntglas, Mosaik und Metall, also Materialien, die symbolisch auf Feuer verweisen. Zu vielen seiner Bauten in Hamburg zog Schumacher Künstler heran, die größtenteils noch nicht bekannt waren. Mit dieser seiner eigenen Art von Kunstförderung ließ er mehrere Künstler für den Bauschmuck an seinem Krematorium mitwirken.

In erster Linie ist hier Richard Kuöhl (1880-1961) zu nennen. Mit seinem handwerklichen Können als gestandener Keramiker stellte er sich auf die Wünsche Schumachers ein und schuf die zahlreichen Kleinplastiken an der Fassade und im Eingangsbereich. Dazu zählen die Pfeiler des Umganges mit den jeweils vier kreuzweise angeordneten plastischen Klinkern mit floralen Motiven, die Fensteröffnungen der überdachten Freigänge mit Figuren volkstümlichen Charakters, wie Eule, Fisch und Blattwerk, und hoch oben am Giebel den Vogel Phönix als Sinnbild von Auferstehung und Unsterblichkeit, jener Vogel, der nach altem Mythos immer wieder aus der Asche zur Sonne aufsteigt, nachdem er sich in gewissen Abständen dort verbrannt hat.

Um eine betont sakrale Wirkung im Innern der großen Halle – nunmehr Fritz-Schumacher-Halle – zu erreichen, fiel für Schumacher dem Einfall des gedämpften Tageslichts eine besondere Rolle zu. Für die farbliche Gestaltung der hohen und schmalen Fenster konnte er den expressionistischen aus Ungarn stammenden Glasmaler Ervin Bossanyi (1891-1975) gewinnen. Er war 1929 von Lübeck nach Hamburg gekommen und hatte bereits für Schumacher in Schulbauten keramische sowie Wand- und Glasmalereien entworfen. Die Technik der Glasmalerei beherrschte er in jeder Phase. Sie sollte aufs Ganze gesehen seinen späteren Ruf als Künstler in England bestimmen, nachdem er 1934 dorthin emigrieren musste. Die vielteiligen und mehr als 100 m2 großen Glasgemälde zeichnen sich vor allem als reine Farbkompositionen aus und bildeten für Schumacher eine geistesverwandte Ergänzung seines Baugedankens. Auffallend in ihrer Wirkung ist der Wechsel von kalten zu wärmeren Farben in Richtung Eingang hin. Ausgeführt wurden die Entwürfe durch die heute noch in Hamburg und in der Glastechnik bekannte Firma Kuball, damals Atelier Kuball.

Das sehr schmale Glasfenster in der etwa vier Meter breiten Nische hinter dem Katafalk dämpft mit seinen bunten Farben das Gegenlicht, zieht aber in besonderer Weise den Blick des Betrachters auf sich, wenn das Licht des installierten Strahlers auf das Mosaik fällt. Goldglänzende Mosaiksteine umzüngeln, lodernden Flammen gleich, das hohe schmale Fenster. Heinrich Jungebloedt (1894-1976) aus Berlin liefert dazu den Entwurf. Er ist einer der wenigen auswärtigen Künstler, denen Schumacher einen Auftrag zukommen ließ. Jungebloedt hatte 1924 die künstlerische Leitung der Mosaikwerkstatt Puhl & Wagner/G. Heinersdorff in Berlin-Treptow übernommen und sich dabei intensiv mit der technischen Umsetzung von künstlerischen Entwürfen befasst. Im Auftrag der Akademie der Künste setzte er sich in der kleinen Schrift "Technik des Mosaiks" mit der 2000 Jahre alten Kunstart und mit neuen Impulsen für sie auseinander. Neben den Entwürfen zeitgenössischer Maler brachte er eigene Entwürfe in die Produktion seiner Werkstatt ein.

Auf der Empore der großen Halle stand einst eine Kleinorgel, die Hans Henny Jahnn (1894-1959) konstruierte. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er auch Orgelbauer und von 1931-1933 sogar Orgelsachverständiger der Oberschulbehörde in Hamburg. Vermutlich bei den Umbauarbeiten 1966 wurde die Orgel durch eine moderne ersetzt. Geblieben aber sind die beiden aufgeständerten Holzskulpturen auf der Empore. Sie werden dem Bildhauer Ludwig Kunstmann (1877-1961) zugeschrieben, der sein künstlerisches Schaffen mit einer Holzbildhauerlehre begann. Ob die beiden sehr hoch aufgeständerten metallenen Figuren rechts und links des Treppenaufganges im Außenbereich auch von ihm stammen, ist offen. Betrachtet man die Frauenfiguren mit über der Brust gekreuzten Armen, so erinnern sie an die sog. Mariensäule auf der Grabstätte des Bildhauers Kuöhl.

Die nach Norden hin benachbarte Halle A – nunmehr ein Kolumbarium – war mit 45 Sitzplätzen die kleinste der einst drei Feierhallen. Sie betonte in ihrer Schlichtheit die von Schumacher angestrebte Sachlichkeit von "Einäscherungsmaschinen". Die dritte und nach Süden benachbarte Feierhalle C wurde erst 1952 hinter der von Schumacher aus einem Guss errichteten friedhofsseitigen Fassade angefügt.

Vor der Renovierung stand unter dem nördlichen Laubengang eine nicht zu erklärende Besonderheit: eine flache Schale, in Kopfhöhe getragen von einem Rundstab, der unten in einer schüsselartigen Vertiefung verankert ist und unter der Schale mit fünf flachen und umlaufenden Figuren abschließt. Brannte hier einst ein Feuer, gespeist von einer Gasflamme, als Symbol der für die im Untergeschoss stattfindenden Einäscherungen? Die Fragen nach Funktion und Entwurf bleiben offen, auch nach einem Verbleib. Das brunnenartige Gebilde hat nach den Renovierungsarbeiten hier seinen Platz nicht wieder eingenommen.

Für Schumacher war es wichtig, dass sein fast bis ins Detail symmetrisch gehaltenes Bauwerk auch eine axiale Ausrichtung in dem von ihm umgebenden Freiraum erhielt. Dafür bot sich der damalige Nebeneingang mit Blick auf die Kapelle 2 an. Noch heute weist die Bezeichnung Nebenallee darauf hin. 15 Jahre nach Fertigstellung stellte der Architekt Heinz Jürgen Ruscheweyh das Mahnmal der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung in diese Blickachse. Sowohl für das Bauwerk, als auch für dessen Vorplatz bezog er sich in deren Abmessungen auf das aus der Krematoriumsfassade abgeleitete Maßwerk. Es entstand damit ein in seinen Proportionen wohlausgewogenes Ensemble. Die axiale Einbindung auch zu den Seiten, wurde in den 80er Jahren durch Anpflanzen von säulenförmig wachsenden Hainbuchen in der Talstraße gartenarchitektonisch unterstrichen. Früher standen hier schlank wachsende Omorika-Fichten.

Kontakt zum Autor: h.schoenfeld@hamburg.de

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