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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Blumen für die Ewigkeit in der Grabmalkunst des Ohlsdorfer Friedhofs

Bei Rundgängen durch den Parkfriedhof Ohlsdorf bewundert man immer wieder seine Flora und botanische Vielfalt.

Nicht allein die etwa 450 Laub- und Nadelgehölzarten sind dafür ein Beispiel, auch blühende Sträucher, Stauden, Beet- und Zierpflanzen finden sich zuhauf und dies nicht nur während der im Frühling vorherrschenden Blütenpracht der Rhododendren. Den meisten Besuchern ist aber weniger bewusst, dass die Zahl der Motive aus der Botanik in der Ohlsdorfer Grabmalkunst fast genauso beträchtlich und vielfältig ist wie in der Natur! Diese Motive, meist aus Stein gefertigt (aber nicht ausschließlich), erscheinen als Halbrelief oder voll plastisch; als Hauptthema – ganzflächig – oder nur in Zierleisten und Kartuschen, für sich stehend oder zusammen mit Vasen, Schalen, Körben, als Strauß, Girlande, Kranz oder in Ranken. Viele dieser floralen Motive sind nur allgemein als solche zu erkennen und, besonders nach 1920 und der Reform der Grabmalkunst, oft stark stilisiert; andere sind dagegen naturalistisch dargestellt und daher sehr genau zu bestimmen. So kann man bei vielen der abgebildeten Pflanzen oder Blüten nicht nur über deren große Auswahl, sondern auch über ihre kunstvolle Darstellung staunen.

1. Pflanzensymbolik

Die von den römischen Sarkophagen übernommenen und seit der Renaissance sehr beliebten Festons ebenso wie die aus Laub gebundenen Kränze mit Schleifenschmuck aus der frühchristlichen Sarkophagkunst waren schon immer Teil des Totenkults; den Ohlsdorfer Grabsteinen geben die hier meist rein dekorativen Pflanzenmotive aus Stein oder Bronze schlicht und einfach Dauer, indem sie den realen Blumenschmuck zeitlos ergänzen. Etliche der Motive wurden dennoch auch – wenn nicht gar vorrangig – wegen ihrer Symbolik ausgewählt. Viele Pflanzensymbole waren schon in der Antike bekannt und sind in der Folge auch im christlichen Glauben aufgegangen.

Grabmal Boockholtz
Grabmal Boockholtz, 1894. Foto: Behrens

Dazu zählt allen voran die Rose. Sie ist bei weitem die meist dargestellte Blume der Grabmalkunst und eigentlich schon ein Thema für sich allein, das auch im Sommer 2000 drei Monate lang als Sonderausstellung "Rosen, die nie vergehen" im Museum Friedhof Ohlsdorf besonders behandelt wurde. Ihre Beliebtheit gründet sicher in ihrer zeitlosen Schönheit; nicht umsonst war diese Blume im 19. Jahrhundert eine beliebte Grabpflanze. Darüber hinaus ist die Rose seit der Antike mit dem Totenkult verbunden. In bestimmten Alpenländern führte ihre Bedeutung sogar zu der Bezeichnung "Rosengarten" für den Friedhof. Im christlichen Bereich ist sie Symbol der Maria, ihre Dornen werden mit der Dornenkrone Christi gleich gesetzt, rote Blütenblätter weisen auf seine Wundmale hin. Ganz allgemein gilt die Rose, insbesondere die rote Rose, als Zeichen der Liebe. Die für früh Verstorbene oft geknickte Rose ist zudem ein Symbol der Vergänglichkeit; in ihren Wachstumsstufen als Knospe, Blüte, dann verwelkt, erinnert sie an Jugend, Reife und Alter (wofür sie gerne als Rosenstock dargestellt wird). So findet man auf Ohlsdorfer Grabsteinen Unmengen von Rosen – als Strauß und Kranz, in Ranken und Girlanden, auch in der Hand von vielen jungen Frauen, Kindern und Engeln.

Grabmal Wichmann
Grabmal Wichmann, 1907. Foto: Behrens

Viele weitere Pflanzen werden in ähnlichem Sinne in der Grabmalkunst verwendet:

• der Mohn ist seit der Antike aufgrund seiner Wirkung als Betäubungs- und Schlafmittel bekannt; da er die Auffassung vom Tod als Schlaf versinnbildlicht (und damit oft einhergehend die Hoffnung auf eine Auferstehung), sind in Ohlsdorf seine Blüten, Blätter und Kapseln weit verbreitet;

• die Passionsblume erinnert an die Dornenkrönung und Kreuzigung Christi;

• Weintraube und Ähre sind Symbole des Abendmahls;

• Olivenzweige erinnern an Noah sowie an die Kreuzigung am Ölberg;

• die Lilie, als altes Lichtsymbol und Sinnbild der Reinheit, ist in Norddeutschland sowohl mit der Gottesmutter als auch mit Christus verbunden und wird auch für Kinder verwendet;

Grabmal Hammond-Norden
Grabmal Hammond-Norden, 1894. Foto: Behrens

• die Sonnenblume gilt als Sinnbild der sich Gott zuwendenden Seele;

• die Distel weist auf Christus- und Märtyrer-Leiden hin, die freiwillig getragen werden, aber Gutes im Gefolge haben;

• der (giftige) Aronstab, in Erinnerung an Moses älteren Bruder Aaron (sein Stab besaß Wunderkräfte und stand dem deutschen Pflanzennamen des Arum maculatum Pate) ist oft Prophezeihung der jungfräulichen Mutterschaft Marias;

• das Veilchen wird als Tugendsymbol der Sittsamkeit und als Mariensymbol verwendet;

Grabmal Jansen
Grabmal Jansen, 1906. Foto: Behrens

• der immergrüne Efeu gilt als Sinnbild von Unsterblichkeit, Ewigkeit und Auferstehung;

• die Eiche ist ebenfalls Symbol der Unsterblichkeit, da ihr Holz in Antike und Mittelalter für unverweslich galt;

• der Lorbeer (wegen seiner immergrünen Blätter und seines starken Duftes) ebenfalls Sinnbild der Unverweslichkeit und Jugend, ist als Kranz obendrein Zeichen für Sieg, Ehre, Ruhm und Frieden;

• Immortellen oder Strohblumen gelten als die "Unsterblichen";

• Palmzweige, Symbol des Lebens und des Sieges, sind Zeichen der ewigen Herrschaft Christi und seiner Zeugen.

Zu diesen Beispielen gehören noch viele andere Pflanzenmotive, die vermutlich aus ganz verschiedenen Gründen ausgesucht wurden. Symbolisieren etwa Trauerweide und Tränende Herzen am besten die Trauer der Hinterbliebenen? Liebten die Verstorbenen besonders Kastanien, Schneeglöckchen, Alpenveilchen, Osterglocken, Tulpen, Glockenblumen oder Seerosen? Sind Enzian und Edelweiß, mehrfach vertreten, ebensolche Zeugnisse einer Vorliebe für die Alpenwelt – oder weisen sie eher auf eine schweizerische Herkunft hin? Und sind Fichtenzapfen, Attribut der heiligen Afra von Augsburg, auch hier nur zur Erinnerung an die alte Heimat dem Wappen der Stadt entnommen?

2. Kunsthistorischer Überblick

Der 1877 gegründete Ohlsdorfer Friedhof besitzt auch Grabsteine von den alten Hamburger Friedhöfen, u. a. im Heckengartenmuseum, im Althamburgischen Gedächtnisfriedhof, im Ämtersteinmuseum sowie im Außenbereich des Friedhofsmuseums. Damit stehen Beispiele aus über zwei Jahrhunderten Kunstgeschichte zur Verfügung. Hier findet man zahlreiche Beispiele vom Anfang des 19. Jahrhunderts: Grabmale mit Lorbeer- bzw. Blütenkranz (Schäffer, 1802; Lauenburg, 1803), Weinreben mit Trauben (Amt der Weinverlasser und Fassbinder, 1805), Rosen- bzw. Blütengirlanden (Lütgens, um 1815; Brust, 1815), Ährenbündel (Dührkoop, um 1815), Ölzweig und Palmwedel (Lippert, um 1840), geknickte Rosenblüte (Steffahn, 1852), Mohnkapseln (Pluns/Carstens, 1860).

Im Cordes-Teil, dem westlichen und älteren Teil des Friedhofs mit größeren Grabanlagen, stehen häufig verschiedene florale Motive nebeneinander. Hier einige Beispiele bei bekannten bzw. leicht zu findenden Objekten:

Grabmal Schaeffer
Grabmal Schaeffer, 1890. Foto: Behrens

• Der Bildhauer Engelbert Peiffer webte Seerosen und Schilf in die Frisur seiner weiblichen Sandstein-Herme (Schaeffer, 1890, heute vor dem Museum am Haupteingang) oder nutzte beim Grabmal Heye/Nonne (1893) sowohl Mohn als auch Passionsblumen für die verschiedenen Verzierungen aus rotem Sandstein.

• Im Althamburgischern Gedächtnisfriedhof, auf einer Bronzeplakette von Xaver Arnold (Lappenberg, 1906), kann man Eichenblätter mit Eicheln erkennen, beim zweiten Blick auch Disteln.

• Vom selben Bildhauer liegen am Fuß der großen Christus-Figur aus weißem Marmor naturgroße Lilien und Rosen zusätzlich zu den von Wilhelm Cordes geliebten Barock-Rosen und -Anemonen im Postament aus rotem Main-Sandstein (1903-1905).

• In der Nähe – beim einzigen Grabmal unter Denkmalschutz in Ohlsdorf (Eckler, 1905) – fügt einmal mehr Xaver Arnold, einem bunten Bilderprogramm aus Sandstein nicht nur die üblichen Rosen und Anemonen, sondern auch einen Strauß Mohn hinzu; außerdem krönt er seinen großen architektonischen Aufbau über dem auferstandenen Christus mit einem Lilienstrauß.

Grabmal Stahmer
Grabmal Stahmer, 1897-98. Foto: Behrens

• Und bei dem früheren Entwurf von Cordes für den Senator Stahmer (1897/98) am Nordteich staunt man, neben den vielen Lilien, Ähren und Rosen links und rechts der Bronze-Büste von Xaver Arnold noch fein bearbeitete Fliederblätter und -Blüten aus Sandstein zu entdecken.

• Beim großen Grabmalaufbau Hünlinghof (1908) verziert der Bildhauer Valentino Casal beide seitlichen Bänke mit einem Rosenstock links und einem Lorbeerbaum rechts.

• Auf einem Muschelkalk-Kreuz hängt bis zum Sockel eine schwere Schleifengirlande aus Immortellen (oder Mohnkapseln?), links und rechts stehen Rosensträuße in zwei Blumenschalen mit je einer Passionsblume in der Mitte (Sagebiel, 1914).

Nach dem Ersten Weltkrieg und einer grundsätzlichen Grabmalreform werden die Grabsteine einheitlicher und merklich kleiner, es bleibt also weniger Platz für Schmuck. Zu den alten Motiven kommen jedoch neue, in teilweise stilisierter und rein dekorativer Weise hinzu. Die häufigsten bleiben dennoch Blumen und Pflanzen und die allzeit beliebte Rose.

Grabmal Stahl
Grabmal Stahl, 1938. Foto: Behrens

In der nationalsozialistischen Ära findet man häufiger Eichenlaub, auch Ähren. Und überdies erscheinen in den 1930er und 1940er Jahren, wie schon oben erwähnt, viele neue Pflanzen: Tulpen, Seerosen, verschiedene Glockenblumen, Alpenveilchen, Enzian, Edelweiß, Kastanienblätter und sogar verschiedene Obstsorten. Sie können die vordere Seite der Stele oder des Grabmals verzieren – meist über der Schrift – aber auch die schmalen seitlichen Kanten, gelegentlich die obere. Solche Motive sind sehr häufig anzutreffen (auch links vor dem Friedhofsmuseum in der Musealanlage aus der Linne-Zeit mit schönen Beispielen von Sonnenblumen, Mohn und Rosen).

Grabmal Cöllen
Grabmal Cöllen, 1941. Foto: Behrens

In der Nachkriegszeit gibt es immer noch Grabsteine mit Pflanzen und Blumenmotiven, vor allem Rosen; als Ort der Bestattung wählen Trauernde heute gerne die neuen Grabanlagen zu diesem Thema (sowohl in der Bepflanzung als auf den Grabsteinen) in der Nähe der Kapelle 10 oder neben dem 1897 angelegten Rosarium am Südteich. Die Bearbeitung des Steins ist im Vergleich zu früher leider oft viel einfacher; die Motive – meist nur leicht eingeritzt und selten von hoher Qualität, weil sonst merklich teurer – wiederholen sich. Hin und wieder findet man dennoch ein unerwartetes Motiv aus der jüngsten Zeit, vielleicht auch gerade dort, wo keiner es erwartet hätte: Etwa einen Aronstab mit Portrait für einen Jungen (ob er sich damit vergiftet hatte?...) auf einem islamischen Grabfeld (Grablage Bo 72) östlich der Kapelle 13.

Grabmal Forghani
Grabmal Forghani, 2000. Foto: Behrens

Es zeigt sich einmal mehr, dass der Ohlsdorfer Friedhof als Ganzes, und nicht nur speziell auf dieses Sujet bezogen, noch eine Menge schöner Überraschungen aus den beiden letzten Jahrhunderten bereithält und das jedem, der sich dort die Zeit zum Schauen und Entdecken gönnt…

Literatur:

Barbara Leisner u.a.: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte und Grabmäler, Hamburg 1990

Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole, München 1998

Jutta Seibert: Lexikon christlicher Kunst, Freiburg 2002

Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur, Braunschweig 2002

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Blumen und Pflanzen auf Gräbern (August 2011).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).