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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Traueranzeigen im internationalen Vergleich: Fünf Beispiele

Einige Merkmale und Tendenzen des deutschen Umgangs mit Traueranzeigenwurden anhand von beispielhaften Ausschnitten nahegebracht.1

Interessant ist nun ein Blick über die deutschen Grenzen hinaus, d.h. ein Vergleich mit anderen Ländern – in diesem Fall mit Frankreich, Benin, Bulgarien, Serbien und der Kanarischen Insel La Palma. Diese recht frei gewählten Beispiele sollen einen Eindruck dafür vermitteln, wie unterschiedlich der Umgang mit dem Anzeigen eines Verlustes sein kann – und wie viel dieser über die jeweilige Kultur auszusagen vermag.


I. Frankreich

Schon beim direkten Nachbarn Frankreich sehen die Anzeigen gleich anders aus. Vor allem fällt eines sofort auf: hier sind weder schwarze Umrandung noch Kreuze vorhanden, ganz zu schweigen von weiteren Motiven. Unter "Décès" in der Rubrik "Carnet" (Le Monde) und "Carnet du Jour" (Le Figaro) werden die Traueranzeigen, einfach in Spalten aufgelistet, nur durch einen dünnen Strich von einander getrennt. Die Schrift ist klein, der Name der Verstorbenen fett gedruckt, aber kaum größer.

Inhaltlich sind ebenfalls wichtige Unterschiede hervorzuheben. An erster Stelle genannt werden die Namen der Angehörigen, häufig mit der genauen Verbindung zu dem Toten – z. B. als Ehefrau, Mutter ("sa maman"), Bruder usw. Erwähnt werden dann Todestag (manchmal sogar die Uhrzeit!), Todesort, oft auch das Alter des Verstorbenen, nie jedoch sein Geburtstag. Neben Beruf und eventuellen Ehrenzeichen ("commandeur de la Légion d’Honneur", ... des Palmes académiques, … de l’ordre du Mérite de la République fédérale d’Allemagne; "croix de guerre 1939-1945" usw.), wird gelegentlich auch angegeben, wo der Verstorbene ausgebildet wurde (z. B. "ancien élève de l’Ecole Polytechnique", einer höchst angesehenen Hochschule) – ein wichtiger Aspekt in Frankreich, da bestimmte Hochschulen nach hartem Wettbewerb nur die allerbesten Studenten aufnehmen.

Bekannt sind die Worte "Ni fleurs ni couronnes"– Blumen und Kränze unerwünscht. Interessant ist der Zusatz "ni plaques" bzw. "ni articles funéraires" (keine Gedenktafel oder Ähnliches...): Diese industriell gefertigten Tafeln (meist von zweifelhaftem Geschmack...) sind sehr beliebt in Frankreich, wie auch in anderen südlichen Ländern Europas; sie halten einfach besser als frische Blumen der Sommerhitze auf dem Friedhof stand. Hin und wieder sind Spenden erwünscht; aber viel seltener als in Deutschland findet man Zitate aus der Bibel oder private Kommentare (wie: Lucide, sereine, libre – klar, ruhig, frei; oder: "sie hatte gesagt: ‚Meine Kraft ist eine Mischung von Optimismus, Neugier und Lust am Lieben"). Und zuletzt steht eventuell noch:"Condoléances sur registre", d.h., dass man sich im Kondolenzbuch eintragen kann, und dies gelegentlich sogar direkt unter einer Internet-Adresse.



II. Benin, Westafrika

Das Land Benin war früher eine französische Kolonie. Daher findet man dort ähnliche Bräuche – nur eben denen Afrikas angepasst. In der Traueranzeige für eine engagierte Frau, ihres Zeichens diplomierte Hebamme, Gründerin und Präsidentin sowohl der Föderation der Frauen im ehemaligen Dahomey als auch einer Frauenklinik in Cotonou, geehrt als "Officier du Mérite du Bénin", steht ihr Ehemann (ebenfalls Arzt, Mitglied der "Lions International") erst in achter Position, die vier Kinder sind noch weiter hinten eingereiht: In der Hierarchie sind die Stammesgruppierungen, verschiedene Autoritäten und ältere Menschen in Afrika einfach bedeutender.

Auf der Traueranzeige, die den Verwandten und Freunden als Faltblatt gesandt wurde, ist die Verstorbene zweimal groß, sogar in Farbe abgebildet; neben diesen Bildern finden sich die folgenden drei Texte:

"Ihr, die Ihr mich kanntet und liebtet, vergesst mich nicht in Eurem Gebet"; dazu ein Zitat (von Omar Khayyam – eine Art Carpe Diem); und zuletzt, wieder in der ersten Person, ein Zitat aus der Bibel (2 Tim.4, 7-8).

Die Trauerfeier für die gläubige Methodistin wurde übrigens auf drei Tage verteilt; die Trauergesellschaft versammelte sich am ersten und dritten Tag beim Gebet und Gesang in der Kirche, die Bestattung fand am zweiten Tag auf dem Friedhof statt.



III. Bulgarien

Varna
Todesanzeigen in Varna, Bulgarien. Foto: C. Behrens

Kaum ist der Besucher in Bulgarien gelandet, so wird ihm beim Schlendern, zum Beispiel durch die engen Gassen der Altstadt von Varna, gleich etwas auffallen, das er dann immer wieder wird entdecken können: Unzählige Todesanzeigen hängen einzeln oder dicht gruppiert einfach überall da, wo sie von allen Passanten gut zu sehen sind – an Bäumen, Straßenlaternen, Eingängen, Telephonzellen. "Land der Rosen und der Todesanzeigen", so betitelte 1977 auch mit Recht der Tagesspiegel in Berlin einen Artikel über Bulgarien. Die weißen, meist schlichten, schwarz umrandeten Todesanzeigen sind in DIN-A4-Größe gedruckt oder photokopiert. Manchmal mit einem Kreuz, einem Engel oder blumigen Verzierungen an den Ecken versehen, selten farbig, tragen sie immer ein Bild des Verstorbenen.

Nesebar
Todesanzeigen in Nesebar, Bulgarien. Foto: C. Behrens

Eines muss man dabei unbedingt wissen. Die Anzeigen sind nicht nur Todesanzeigen in unserem Sinne, sondern auch Einladungen zu Erinnerungsfeiern; diese gelten natürlich zum Todestag selbst, dann aber auch nach 40 Tagen, nach einem Jahr, nach drei, fünf, sieben Jahren und nach 10, 20, 30, 40 Jahren... Dabei werden jeweils drei Erinnerungsfeiern begangen: die erste in der Kirche für alle, die zweite auf dem Friedhof, die dritte zu Hause für den engsten Kreis. Zu dem Anlass werden bestimmte Speisen gegessen: Dazu gehören gekochte Weizenkörner mit Honig oder Zucker und Bonbons; und Rotwein, nachdem etwas davon als Trankopfer aufs Grab, oder zu Hause (draußen!) ausgegossen wurde. Übrigens kann man mit etwas Glück eine solche Zeremonie bei uns in Deutschland beobachten, so auch in Hamburg auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Eine weitere Besonderheit des Landes wird dem Reisenden ebenfalls bald auffallen: Die Häuser, in denen getrauert wird, sind von der Straße als solche zu erkennen. Meistens hängt an den Türen oder am Gartentor eine große schwarze Trauerschleife aus Stoff oder Plastik, oft versehen mit der Traueranzeige.



IV. Serbien

In der Wochenzeitung Die Zeit, Nr. 47, vom 18.11. 2010, S. 24, erschien ein spannender Artikel von Danja Antonovic mit folgendem Titel: "Wer in Serbien stirbt... gibt so schnell keine Ruhe. Die Toten halten die Lebenden auf Trab". Unter den Fotos fand sich der folgende Kommentar: "Zeitungsanzeigen kann es gar nicht genug geben". Außerdem schreibt die Journalistin "Es gibt kaum jemanden, der sie nicht liest" und "Erst wenn der Name in der Zeitung steht, ist der Mensch tot"...

So erfährt man, dass die Todesanzeigen wohl die dörflichen Klageweiber in der Hauptstadt Belgrad ersetzt haben, und dass allein die älteste Zeitung des Landes "Polityka" davon täglich bis zu zehn Seiten druckt! Da nicht nur die Witwe des Verstorbenen sondern auch ihre Nachbarn und Verwandten welche drucken lassen, wird ein gewöhnlicher Toter mit bis zu 30 Anzeigen gewürdigt... Und vor vier Jahren, nach dem Tod des früheren serbischen Präsidenten Miloaevi, füllten die Todesanzeigen seiner Freunde wie auch seiner Gegner zwölf Seiten!

Ähnlich wie in Bulgarien verlangt der Kodex der serbisch-orthodoxen Kirche eine ganze Menge von den Angehörigen. Nicht nur zum Begräbnis wird "Zito" gekocht, wo diese Süßspeise aus Weizen, Zucker und Muskatnuss mit Schnäpschen am offenen Grab angeboten wird: eine zweite Messe folgt sechs Tage nach dem Tod (bzw. drei Tage nach der Beerdigung), eine dritte genau nach 40 Tagen, "dann hat die Seele des Verstorbenen das irdische Reich verlassen. Man trifft sich am Grab, Zito, Schnäpschen, Erinnerungsanzeige in der Zeitung". Und wieder eine Messe nach sechs Monaten und nach einem Jahr. "Im dritten, fünften, zehnten Jahr gibt es Erinnerungsmessen – und Anzeigen"; die Erinnerungsanzeige mit demselben Photo wird nicht verändert und so bleibt man in der Zeitung ewig jung...

V. La Palma

So groß wie Hamburg (rund 700 km2) liegt die Insel La Palma im Atlantik auf der Höhe Südmarokkos am westlichen Rand des Kanarischen Archipels; dieses gehörte früher zu Spanien und hat heute Autonomiestatus. Beim Wandern durch die grünste Insel der vulkanischen Kanaren stößt man auf eine Besonderheit: Man findet wiederholt Traueranzeigen mitten in der Natur – an einer Kreuzung, entlang einer Straße oder eines Pfades, neben einem Kreuz, meist auf einer Mauer unter einen Stein gesteckt; seltener liegen sie direkt am Boden, sind zusammengefaltet oder können an einem hölzernen Lichtmast angepinnt sein. Meistens sind die weißen DIN-A4-Blätter mit ihrer dicken schwarzen Umrandung schon von weitem sichtbar und an einer Stelle mehrfach vorhanden; so kann sich jeder Interessierte bedienen und ein Exemplar mitnehmen – sofern das Papier nach den vielen Regengüssen überhaupt noch lesbar ist!

La Palma
Todesanzeigen auf La Palma. Foto: C. Behrens

Hier findet sich kein Photo des Verstorbenen, dafür prangt ganz oben und mittig gesetzt ein farbiges Bild der Maria mit Kind, oder eines Heiligen, oder eines Christus-Kopfes... Darunter folgen zuerst die übliche Formulierung "Ha fallecido el Señor/la Señora..." (Gestorben ist Herr/Frau...); dann Vornamen und Namen, fett und groß geschrieben; dann klein geschrieben das Alter, sowie ein bei der dortigen katholischen Bevölkerung wichtiger Zusatz: "Confortado con los Auxilios Espirituales"– wörtlich: getröstet durch geistliche Hilfe, oder anders gesagt: ausgestattet mit den Heiligen Sakramenten. Und noch die drei Initialen D. E. P., die spanische Übersetzung für die lateinischen Buchstaben R. I. P. (resquiescat in pace oder: er/sie möge in Frieden ruhen). Dann werden die trauernden Angehörigen auf mehreren Zeilen aufgelistet – Witwe, Kinder, Schwiegerkinder (hijos políticos), Neffen und Nichten, Onkel, Cousins usw. Erst ganz zum Schluss, und zwar noch kleiner geschrieben, kommen die Einzelheiten über die Trauerfeier, Datum und Ort der Beerdigung.

1 Siehe dazu im selben Heft „Deutsche Traueranzeigen unter der Lupe”; auch empfehlenswert ist das 2009 neu verlegte Buch von Matthias Nöllke und Christian Sprang "Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen".

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Traueranzeigen (Februar 2011).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2020).