OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Memorials auf Hamburger Friedhöfen – Welche Erinnerung wird an den Orten des kollektiven Gedächtnisses und der Trauer bewahrt?

 - Oktober 2010
Ausgabe: 
Nr. 111, IV, 2010

Friedhöfe, speziell solche mit landschaftlich und parkartig gestalteten Anlagen wie der Ohlsdorfer Friedhof, bilden eine kollektive Gedächtnislandschaft, in der viele tausende von Einzelschicksalen in den Grabsteinen der dort Beerdigten bewahrt werden.

Friedhöfe sind aber immer auch als Orte benutzt worden, um besondere Erinnerungsmale aufzustellen, darunter teilweise auch solche, die anderswo in der zugehörigen Stadt keinen rechten Platz fanden.

Ein besonderes Beispiel dafür ist das Erinnerungsmal an die Opfer der Nationalsozialisten, die in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Die hohe Wand mit den Urnen, in denen die Erde aus den einzelnen Lagern bewahrt wird, wurde nicht in der Hamburger Innenstadt sondern auf dem Ohlsdorfer Friedhof gegenüber dem Krematorium errichtet. Das hing auch mit den politischen Verhältnissen der direkten Nachkriegszeit zusammen, als sich die SPD und KPD so weit zerstritten, dass dieses Erinnerungsmal in zwei getrennten Feiern eingeweiht wurde.1

Doch welche Memorials finden sich auf den Hamburger Friedhöfen außer diesem ungewöhnlichen Sonderfall? Wenn man die Grabmalmuseen einmal auslässt, deren Steine eigentlich auch als Erinnerungsmale bezeichnet werden könnten, da sie nicht mehr im ursprünglichen Zusammenhang mit ihren Gräbern bewahrt werden, so fällt auf, dass es besonders die Kriege sind, die ihre Zeichen in Form zahlloser "Gefallenen-Ehrenmale" in die besondere Gedächtnislandschaft der Friedhöfe eingegraben haben.

Zu ihnen zählt auf dem Ohlsdorfer Friedhof als eines der ältesten das von den alten Friedhöfen umgesetzte und fast vergessene Grabmal der Hanseatischen Kampfgenossen von 1813-1814. Es wurde erst zwanzig Jahre nach der Franzosenzeit aufgestellt, um an die damals schon vergangene "Kampfgenossenschaft" zu erinnern und den Zusammenhalt der Genossen noch im Tode zu befestigen.2

Kampfgenossen
Grabmal der Hanseatischen Kampfgenossen, 1832 auf dem St. Maria Magdalenen-Friedhof aufgestellt, historische Ansicht. Foto: Archiv

Später folgte das Mal, das für die im Lazarett verstorbenen Soldaten des Krieges von 1870/71 gesetzt wurde und das heute bei den Soldatengräbern des Ersten Weltkriegs neu aufgestellt worden ist. Beide Denksteine wurden zwar als Grabmale gesetzt, haben aber heute nur noch eine Gedächtnisfunktion. Dagegen erhalten die künstlerisch ausgestalteten Gedächtnismale für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges und für die Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs dadurch, dass jene, an die erinnert wird, an Ort und Stelle beigesetzt sind, eine weit über die Funktion eines Memorials hinausgehende Bedeutung. Diese Auffassung gilt im Übrigen auch für die Grabstätten und Erinnerungsmale für die Opfer des Nationalsozialismus auf den Friedhöfen.

Handelsmarine
Denkmal für die 1914-1918 in amerikanischer Gefangenschaft verstorbenen Schiffsoffiziere der deutschen Handelsmarine, Arthur Bock, 1920. Foto: B. Leisner

Doch es gab wie bei den Hanseatischen Kampfgenossen auch später Gruppierungen, die das Gedächtnis ihrer militärischen Gemeinschaft aufrecht erhalten wollten. So erwarb 1924 die "Kameradschaft ehemaliger 265er", also die Angehörigen des Regiments 265, eine Fläche auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Darauf wurde ein Findling mit einem Bronzemedaillon für ihre in Masuren, Düna, Wolhynien, Winterberg und an der Somme gefallenen Kameraden aufgestellt.3 Noch während des Ersten Weltkriegs sammelten die Schiffsoffiziere der deutschen Handelsmarine Geld, um ihren in amerikanischer Gefangenschaft verstorbenen Kameraden im deutschen Vaterland ein Denkmal zu setzen, das ebenfalls auf dem Ohlsdorfer Friedhof seinen Platz fand.4 1931 setzten die Überlebenden des Ersten Weltkriegs aus dem Verein Garde-Korps in Hamburg laut Inschrift "Denen, die für uns starben" ein Holzkreuz auf Travertinsockel.5

Ähnliche memorials aus der Zeit der Weimarer Republik finden sich auf vielen anderen Friedhöfen im Hamburger Raum, genannt seien zum Beispiel nur das aufwendige Erinnerungsmal auf dem Harburger Friedhof, das aus einer halbrunden Sockelwand mit einer bronzenen Inschrifttafel besteht, auf deren mittlerem Sockel ein trauernder Engel einen Schild hält – die zugehörige Bronzetafel trägt neben den Zeilen "Für das Vaterland starben die Kameraden" und "Treue den Treuen" die Namen und Todesdaten von 21 Gefallenen des Ersten Weltkrieges6 – oder an das Kriegerdenkmal auf dem Waldfriedhof in Wohldorf-Ohlstedt, das die Erinnerung an die Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs mit einem Ensemble von schlichten Kreuzen, Stelen und Tafeln bewahren will.7 Ja, man kann sicher sagen, dass die Friedhöfe sich als Ausweichorte für alle jene Gruppierungen anboten, die an die ihnen persönlich bekannten gefallenen Kameraden erinnern und damit wahrscheinlich auch eine kameradschaftliche Gedächtnis- und Trauerkultur mit Kranzniederlegungen und Erinnerungsfeiern durch den Bezug auf einen festen gemeinschaftlichen Ort untermauern wollten.

Ganz anders verhält es sich mit den offiziellen Erinnerungsmalen, die für die beiden Friedhofsdirektoren in Ohlsdorf aufgestellt worden sind. Sie sind personenbezogene Denkmale, die passenderweise am Wirkungsort der Geehrten ihren Platz gefunden haben. So steht am Rosengarten das Denkmal für den ersten Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes, das 1920 von Fritz Schumacher entworfen wurde und die Büste des Geehrten auf einem hohen Sockel in einer steinernen Pergola zeigt,8 während der zweite Friedhofsdirektor Otto Linne erst in neuester Zeit eine wesentlich weniger aufwendige Stele in der Nähe seiner typischen gradlinigen Kanallandschaft im Osten des Friedhofs erhalten hat.9

Zieht man ein Fazit aus diesem kurzen und unvollständigen Überblick über memorials auf Hamburger Friedhöfen, so wird deutlich, dass die mehr oder weniger private Erinnerung an gefallene Kameraden ein besonders wichtiges Themenfeld der Gedächtnisbewahrung außerhalb der eigentlichen Grabstätten gewesen sein muss. Sie wurde von Seiten der Traditionsverbände getragen und war wahrscheinlich für den inneren Zusammenhalt dieser Verbände von Bedeutung. Weitere Themenfelder, die aber nicht ganz so stark vertreten sind, sind die Erinnerungen an einzelne mit dem Friedhof zusammenhängende Persönlichkeiten und möglicherweise auch an kollektiv erinnerte Geschehnisse, die aus dem alltäglichen Leben der Stadt ausgegrenzt werden sollten. Einen Sonderfall, bei dem sehr verspätet eine solche Erinnerungsarbeit geleistet wurde, behandelt Helmut Schoenfeld in seinem nachfolgenden Artikel über das Denkmal für die Opfer der Cholera von 1892.

1 Barbara Leisner, Ellen Thormann, Heiko K.L. Schulze, Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler, Band 2, Hamburg 1990, Katalognr. 30
2 S. Anm. 1, Katalognr. 86
3 S. Anm. 1, Katalognr. 17
4 S. Anm. 1, Katalognr. 10
5 S. Anm. 1, Katalognr. 14
6 Ellen Thormann, Der Alte Friedhof und seine Grabmäler. In: Harburger Jahrbuch XVI, 1980-85, S. 153-179, hier S. 172.
7 Volker Plagemann, "Vaterstadt, Vaterland ..." Denkmäler in Hamburg, Hamburg 1986, S. 201, darin auch zahlreiche weitere Beispiele
8 S. Anm. 1, Katalognr. 12
9 Vgl. dazu Helmut Schoenfeld, Linne-Denkmal: Über die Realisierung des Wettbewerbsergebnisses. In: Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 97, II, Mai 2007

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