OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Luftschiffkatastrophen

 - Mai 2009
Ausgabe: 
Nr. 105, II, 2009

Bevor das Zeitalter der Luftfahrt mit Flugzeugen, also Fluggerät schwerer als Luft, begann, fand Luftfahrt mit Fluggeräten statt, die leichter als Luft sein mussten, um fliegen zu können, nämlich mit Heißluftballons (ab 1709) und später mit Luftschiffen (ab 1852).

Leichter als Luft wurden Letztere durch eine Füllung mit leichten Gasen wie Wasserstoff oder Helium. Helium war unbrennbar, stand allerdings meist nicht zur Verfügung, deswegen besorgte durchweg Wasserstoff den nötigen Auftrieb. Er war billiger, aber leider auch brennbar und deswegen nicht ungefährlich.

Im Juli des Jahres 1900 gelang Ferdinand Graf von Zeppelin, der sich seit 1874 mit dem Luftschiff-Bau beschäftigt hatte, der erste Aufstieg mit seinem Luftschiff LZ 1 in Friedrichshafen am Bodensee. Dieses starre Luftschiff bestand aus einem Leichtmetallgerippe aus Ringen und Längsträgern, einer Außenhaut und im Innern zahlreichen mit Wasserstoff befüllten Gaszellen.

Auch der Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel spielte bei der Luftschifferei eine wichtige Rolle. 1910 war die Entwicklung der Luftschiffe so weit gediehen, dass ein kommerzieller Luftverkehr mit Luftschiffen aufgenommen werden konnte. In Hamburg gründeten Albert Ballin und Edmund Siemers 1911 die Hamburger Luftschiffhallen GmbH. In den 30er Jahren gab es regelmäßigen Linienverkehr mit Luftschiffen nach Süd- und Nordamerika. Auch Max Schmeling machte nach seinem Boxkampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 und dem in Deutschland viel umjubelten Gewinn der Weltmeisterschaft im Schwergewicht die Rückfahrt nach Deutschland nicht mit einem Dampfer, sondern mit dem Zeppelin "Hindenburg".

Knapp ein Jahr später kam es bei einer weiteren Fahrt des Luftschiffs "Hindenburg" am 6. Mai 1937 zu der Katastrophe von Lakehurst. Bei der Landung auf dem bei New York gelegenen Luftschiffhafen explodierte der Zeppelin und brannte völlig aus. 36 Fahrgäste und 22 Mann der 60-köpfigen Besatzung kamen dabei ums Leben. Wenn auch der Auslöser dieser Katastrophe nie endgültig gefunden werden konnte, die Verwendung von Wasserstoff wurde fortan für zu gefährlich gehalten. Die Blütezeit der Passagierluftschifffahrt war zu Ende.

Lakehurst war nicht das einzige katastrophale Unglück mit Luftschiffen, bei dem viele Menschen umkamen. Nicht nur im Ersten Weltkrieg, als Luftschiffe zum Kriegseinsatz kamen, sondern auch bei Übungs- und Erprobungsfahrten, gab es immer wieder Unfälle. Und an einige davon erinnern Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg, zum Beispiel an den Grabstätten von Günther Hanne oder von Hans H. W. Schaper (Grablage AD 24, 54-57).

Grabmal Hanne
Grabmal Hanne (Detail),
Foto: Peter Schulze

Das Grabmal Hanne liegt im ältesten Teil des Ohlsdorfer Friedhofs und wurde 1914 wahrscheinlich vom ersten Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes selbst entworfen. Es besteht aus zwei voreinander aufgestellten, unterschiedlich hohen Stelen aus rotem Mainsandstein mit bronzenen Reliefplatten. Die hintere, höhere Stele zeigt eine Bilddarstellung der Insel Helgoland in der Nordsee mit einem von rechts herankommenden Luftschiff. Hinweise auf die Katastrophe, die zum Tode Hannes führten stehen nicht auf dem Grabmal, wurden aber den Autoren des Katalogs "Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf" vonseiten der Familie seinerzeit wie folgt mitgeteilt: "Herr Kapitänleutnant Günther Hanne führte das Luftschiff L1, das erste Marineluftschiff, das anlässlich der Herbstmanöver am 9.9.1913 vor Helgoland in eine Windhose geriet und in der Nordsee zerbarst. Es gab nur wenige Überlebende." Genauere Beschreibungen der Unglücksursache sind in dem Buch "Die deutschen Marine-Luftschiffe 1912 – 1918" von Douglas H. Robinson zu lesen. Danach wurde L1 im Manöver erfolgreich dafür eingesetzt, aus großer Höhe frühzeitig 'gegnerische' Marineeinheiten zu entdecken und der eigene Marine zu melden. "… Als Luftschiff L1 am 9.9.1913 um 13.25 Uhr zu seiner 68. Fahrt startete, herrschte ruhiges und sonniges Wetter. Als es gegen 15.00 Uhr Helgoland überquerte, erhielt es allerdings eine Vorhersage über eine Schlechtwetterfront. Fallender Barometerstand kündigte den herannahenden Sturm an, der L1 erreichte, als sich das Luftschiff etwa 16 Seemeilen ostsüdöstlich von Helgoland befand. Sintflutartige Regenfälle prasselten auf das Schiff nieder, heftige Abwinde erfassten L1. Das Bleigewicht am Ende der 80 Meter langen Funkleine tauchte bereits in die See ein, während Wasser aus den am Kiel angebrachten Ballasttanks strömte. Das Luftschiff wurde daraufhin bis zu 1.500 Meter in die Höhe gerissen, weit über seine Prallhöhe hinaus. Danach begann es rasch zu sinken. In dem verzweifelten Versuch, sein Schiff wieder unter Kontrolle zu bringen, befahl Hanne 'Äußerste Kraft!' auf alle Motoren, ließ Ballast abwerfen und schickte seinen Wachoffizier Lehmann durch das Schiff, um Befehl zu erteilen, sämtliche Benzintanks zu slippen. Lehmann eilte aus der achteren Gondel, um mittschiffs Benzintanks abzuwerfen, aber ein paar Augenblicke später raste L1 mit tief gesenktem Bug und Motoren unter Vollgas in die schäumende See…" Hannes Luftschiff zerbrach in zwei Hälften und versank in der Nordsee. Von der 20-köpfigen Besatzung ertranken 14 Männer, sechs konnten von dem Fischdampfer Orion aus Geestemünde gerettet werden.

Absturz
Absturz des damals größten deutschen Luftschiffs L1 während eines Orkans in der Nähe der Insel Helgoland
Zeichnung von A. Betrame

Ein bemerkenswertes Grabmal für einen weiteren bei einer Luftschiffkatastrophe ums Leben gekommenen kaiserlichen Marineoffizier ist östlich von Kapelle 7 zu finden: Der zwei Meter hohe und 1,15 Meter breite Stein für Oberleutnant zur See Hans H. W. Schaper. Der hoch aufragende Fels zeigt in der Mitte einen unter der Sonne fliegenden Seeadler als Symbol der Fliegerei umgeben von einem ovalen Eichenlaubkranz mit einer Kaiserkrone und darunter ein Eisernes Kreuz. Am Fuß des aufrecht stehenden Felsens lehnt eine rechteckige Schrifttafel mit dem Text:

HANS SCHAPER
OBERLEUTNANT - Z. S.
EIN DEUTSCHER MANN
GEB. AM - 26. JUNI 1883
TODESFLUG MIT DEM LUFT-
SCHIFF S.L. 6 AM 18.11.1915
LEUCHTENDE LIEBE - LACHENDER TOD

Lange Zeit war das zu den erhaltenswerten Ensemblegrabmälern zählende Grab von Rhododendron völlig verdeckt und die Schrifttafel von dicker Moosüberwachsung völlig unleserlich. Dank eines offenbar kürzlich durchgeführten Rückschnitts des Aufwuchses kann man das Grabmal indes zur Zeit wieder in voller Größe betrachten.

Das Unglück, bei dem Hans Schaper den Tod fand, nahm seinen Ausgangspunkt auf dem Luftschiffhafen Seddin bei Stolp im heute polnischen Teil von Pommern. Von diesem Stützpunkt aus starteten am 18. November 1915 die beiden Luftschiffe SL 4 und SL 6 zu einem Flug zum Finnischen Meerbusen. Die Bezeichnung SL bedeutet, dass es sich um Luftschiffe der Bauart Schütte-Lanz handelte, die im Gegensatz zu den Zeppelinen kein Leichtmetall- sondern ein Sperrholzgerippe besaßen.

Grabmal Schaper
Grabmal Schaper, Lage AD 24, 54-57
Foto: Peter Schulze

SL 6 stand unter dem Kommando von Kapitänleutnant Hans Boemack. Oberleutnant Hans Schaper war sein Wachoffizier. Ihr Luftschiff stürzte schon nach kurzer Fahrt bei Kempen im Kreis Stolp nach einer Explosion an Bord brennend ab und brach auseinander. Die Trümmer des Luftschiffs wurden bei dem Rittergut Kempen gefunden. Angeblich soll eine gebrochene Benzinleitung die Katastrophe verursacht haben, doch das konnte nie genau festgestellt werden, da niemand von der 20-köpfigen Besatzung überlebte. Das Unglück wurde von dem zweiten Luftschiff SL 4 lediglich aus 20 Seemeilen Entfernung beobachtet. Die meisten Toten wurden in einem gemeinsamen Grab auf dem Stolper Friedhof beerdigt. Ein Denkmal mit den Namen aller Besatzungsmitglieder wurde ein Jahr danach dort enthüllt. Oberleutnant Hans Schaper aber bekam ein Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Am 26. November 1915 fand hier die Beisetzung statt.

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