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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Grabsteine im Museum

Autor/in: Peter Schulze
Ausgabe Nr. 104, I, 2009 - Februar 2009

Während zum Beispiel in Ohlsdorf, Nienstedten und Kirchwerder historische Grabsteine in Grabmal-Freilichtmuseen oder sogenannten Museumsbereichen unter freiem Himmel museal zusammengestellt wurden, haben es einige alte und historisch besonders wertvolle Grabsteine sogar bis in Hamburgs staatliche Museen geschafft.

Dort sind sie vor den Unbilden von Wind und Wetter erheblich besser geschützt. Denn der durch die von Verkehr, Landwirtschaft und Industrie in die Atmosphäre abgegebenen Schwefel- und Stickoxide entstehende saure Regen hat speziell auf die kalkhaltigen Gesteine, aus denen viele Grabsteine bestehen, wie Muschelkalk, Kalksandstein und Marmor eine unablässig zerstörerische Wirkung. Der saure Regen bewirkt auch an den in Freilichtmuseen aufgestellten Steinen einen beschleunigten Verwitterungsprozesss und damit letztendlich eine Zerstörung der bildhauerischen Arbeiten, die ihrerseits oft Dokumente unserer geschichtlichen Vergangenheit sind.

Im Museum für Hamburgische Geschichte, das sich heute lieber kurz "hamburgmuseum" nennen lässt, werden einige wenige, aber historisch besonders interessante große Grabplatten museal ausgestellt. In der großen Halle im ersten Stock des Museums fallen vor allem sechs besonders große Grabplatten auf, die an den Wänden der Halle befestigt sind. Es sind dies:

1. Grabplatte aus Muschelkalk, 265 cm hoch, 171 cm breit, für Bürgermeister Murmester. Er wurde 1435 in Hamburg geboren und starb hier am 19.4.1481. Der Kaufmannssohn studierte Jura in Erfurt und Padua. Er war "Doktor des Heiligen Römischen Rechts und Bürgermeister dieser Stadt", wie auf dem Stein noch zu lesen ist, und er war maßgeblich beteiligt am Zustandekommen des Friedens von Utrecht 1473/74 zwischen der Hanse und England. Seine Büchersammlung, die er der im Jahre 1479 im Rathaus eingerichteten Öffentlichen Bibliothek testamentarisch vermachte, gilt zudem als Ursprung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, die damit in diesem Jahr ihr 530-jähriges Bestehen feiert.1

2. Epitaph aus Kalkstein, 220 cm hoch, 119 cm breit für Albert Krantz. Er wurde 1448 in Hamburg geboren und starb hier am 7.12.1517. Er studierte in Rostock, Mainz und Perugia, war Universitäts-Rektor, Theologe, Domherr, Kirchenrechtler, und Gelehrter. Besondere Bedeutung hat sein historisches Werk als Geschichtsschreiber des Nordens, der Geschichte Niedersachsens, Skandinaviens und Osteuropas, insbesondere von deren Kirchengeschichte und der Geschichte der Wenden.2

3. Grabdeckstein für den Pesthofchirurgen Christoph Emilius Fabricius (1720–1747) aus der St.-Johanniskirche. Auf dem Stein ist zu lesen, dass er "…dem Pesthof zwei und ein halbes Jahr fleißig und getreu bedient gewesen ist". Er konnte seinen Beruf also nur zweieinhalb Jahre lang ausüben, bevor er wahrscheinlich selbst Opfer einer Infektion wurde. Der Pesthof war 1606 außerhalb der Stadtmauer westlich des Heiligengeistfelds für Menschen mit ansteckenden Krankheiten eingerichtet worden. Zum Personal gehörten ein Pestarzt, ein Barbier bzw. ein Chirurg, ein Speisemeister sowie mehrere Pfleger. Die Anlage, später in Krankenhof umbenannt, fiel 1814 der Zerstörung des Hamburger Bergs durch französische Truppen zum Opfer. Ab 1825 übernahm das Krankenhaus St. Georg die Aufgaben des Pest- oder Krankenhofs.3

4. Grabstein der Familie Moller von der Adlersklaue. Sandstein 278 cm hoch und 143 cm breit. Dieser Stein stammt aus der Nikolaikirche, wo er "im Südosten der Kirche bei dem letzten Pfeiler, links vom Chor" über einem Sandgrab lag. Er zeigt das Wappen der Familie Moller von der Adlersklaue – im gespaltenen Wappenschild ein halbes rotes Mühlrad im silbernen Feld und eine weiße geflügelte Adlerkralle im roten Feld. Von dieser Familie ist nur wenig überliefert. Der erste hierzu gehörende Senator war der 1429 gewählte und 1464 gestorbene Diedrich, der zweite sein Urenkel Herrmann von 1582–1610. Das mit den angesehensten Familien verschwägerte Geschlecht scheint Ende des 17. Jahrhunderts ausgestorben zu sein. Der Grabplatz ist offensichtlich 1633 verkauft worden, denn dieses Jahr wird auf einer später eingeschlagenen Inschrift genannt, die zudem auf Hans Lemmermann Bezug nimmt. Jener war der 1644 gestorbene Vater des Oberalten, Ratsherrn und Bürgermeisters Joachim Lemmermann.

5. Grabstein für Dietrich Schreyge, Sandstein 160 cm hoch und 57 cm breit. Dies ist der wahrscheinlich älteste erhaltene Hamburger Grabstein. Er zeigt ein Kruzifix und Text in gotischer Minuskel. Er wurde angefertigt für den in hamburgischen Diensten stehenden Offizier Dietrich Schreyge, Sohn einer Hamburger Ratsherrenfamilie, der unter Bürgermeister Hein Hoyer bei der Erstürmung des Bergedorfer Schlosses am 16. Juli 1420 gefallen war.4 Der Stein, der lange Zeit am Schloss in Bergedorf angebracht war, sollte in den letzten Kriegstagen 1945 noch sichergestellt werden, ist dabei jedoch zerbrochen. Die Bruchstücke sind – entsprechend wieder zusammengesetzt – jetzt im Museum für Hamburgische Geschichte. Im Innenhof des Bergedorfer Schlosses kann man eine originalgetreue Kopie sehen.

6. Grabstein des Ehepaares van dem Holte. Kalksandstein 204 cm hoch, 124 cm breit. Auf Grund der Stiftung eines Predigthauses am 4. Oktober 1511 erwirkten Jacob van dem Holte und Frau Geseke bei dem hiesigen Domkapitel eine Leibrente und das Recht auf ein Grabmal in der Domkirche. Der noch zu Lebzeiten zumindest der Stifterin angefertigte Grabstein zeigt in lebendiger Reliefdarstellung einen Dudelsack blasenden Esel, umgeben von Schriftbändern mit Text in gotischer Minuskel. Gesekes Todesjahr ist mit 1516 angegeben, während für Jacob eine solche Datierung fehlt.

Dudelsack Esel
Grabstein des Ehepaares von dem Holte mit dem Bild eines Dudelsack spielenden Esels, früher an der Südwand der 1804 abgerissenen Dom-Kirche, heute im hamburgmuseum. Foto: Peter Schulze

Der musizierende Esel symbolisiert eine "verkehrte Welt", eine Welt närrischer Eseleien, wie zum Beispiel den seinerzeit üblichen "Unsinn", dass man sich durch den Kauf von Ablasszetteln, an dem der Klerus gut verdiente, einen Platz im Himmel sichern konnte. Die "wahre Welt" soll dagegen mit den Symbolen der vier Evangelisten in den Eckrosetten des Grabsteins dargestellt werden. Ein geflügelter Stier ist das Zeichen für Lukas, der Engel für Matthäus. Zu Johannes gehört der Adler und zu Markus der geflügelte Löwe. An weiteren symbolhaltigen Darstellungen sind auf dem Stein zu sehen: Ein nackter Mann im linken Wappenfeld, bekleidet nur mit einem Korb, soll an die Vergänglichkeit der Welt erinnern. Ein Kranich, rechts, hingegen bedeutet Wachsamkeit in Glaubensdingen.

Dieser Grabstein mit dem Dudelsack spielenden Esel, zuletzt platziert an der Südwand des Doms, war einst deutschlandweit berühmt. Für die Handwerksgesellen auf der Walz galt er als Wahrzeichen, dessen Kenntnis als Nachweis für einen Hamburgaufenthalt während der Wanderschaft akzeptiert wurde.

1 F. Kopitzsch /D. Tilgner: Hamburg-Lexikon
2 wikipedia.org/wiki/Albert Krantz
3 F. Kopitzsch /D. Tilgner: Hamburg-Lexikon
4 www.bergedorf-info.de/historisches/erstuermung.htm

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Musealisierung der Friedhöfe (Februar 2009).
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