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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Bildhauer Arthur Bock (1875-1957) in Hamburg

Der Bildhauer Arthur Bock, vor fünfzig Jahren am 26. Oktober 1957 82-jährig gestorben, hat vierzig Jahre lang in Hamburg gelebt und gewirkt.

Zeit genug für den Künstler aus Leipzig, das Stadtbild seiner zweiten Heimat nachhaltig zu prägen, besonders aber deren Friedhöfe und weit voran – Ohlsdorf. Das Denkmalschutzamt zählte im Jahre 1990 58 Grabmale "des fleißigsten Bildhauers auf dem Ohlsdorfer Friedhof" (wie Jens Marheinecke ihn nannte), die alle zwischen 1903 und 1948/49 entstanden sind. Der heutige Zustand sämtlicher Standorte wurde geprüft, inklusive der Grab- und Denkmale auf sechs anderen Hamburger Friedhöfen. Da durch die Zerstörung von Haus und Atelier im Jahre 1943 weder Werkverzeichnis noch Archive erhalten und die Werke nicht immer signiert oder datiert sind, bleibt leider eine Schätzung des Umfangs seiner Kreativität approximativ. Durch Abräumungen, spätere Versetzungen innerhalb eines Friedhofs bzw. von einem zum anderen, aber auch aufgrund neuere Erkenntnisse, zählt man vermutlich nach wie vor 58 Grabmale in Ohlsdorf sowie 13 weitere in Nienstedten (6), Groß-Flottbek (2), Altona (1), Bahrenfeld (1), Tonndorf (1) und Öjendorf (2). Damit – gemeinsam mit sieben Kunstwerken im öffentlichen Raum und einer Büste im Privatbesitz – befinden sich derzeit etwa 80 Werke des berühmten Bildhauers in Hamburg. Für jeden weiteren Hinweis ist die Autorin dankbar!

I. Die ersten Jahre in der Hansestadt

Als der junge Arthur Bock nach seiner Ausbildung in Leipzig, Gotha, Dresden und Berlin 1903 in Hamburg als Kunstprofessor zu lehren beginnt, ist er gerade 28 Jahre alt. Gleich im ersten Jahr schafft er drei bemerkenswerte Skulpturen für Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof, zwei aus Bronze (Rodatz/Röder und Scharlach), die dritte aus weißem Marmor (Plesch/Ritz). Ein Jahr später entsteht die bronzene Skulptur zum Gedächtnis an August Heerlein, dessen Tochter sich als sehr junges Mädchen abbilden lässt.

Heerlein
August-Heerlein-Stiftung, 1904, (Foto: Behrens)

Die Trauernde im Museum Friedhof Ohlsdorf ist ebenfalls dieser ersten Zeit zuzurechnen. Diese beiden Werke werden, ebenso wie das Grabmal Uhlmann von 1909, im Heft von Caesar Scharff und Arthur Bock "Der Hamburger Friedhof und sein plastischer Grabschmuck" als Entwürfe von Bock abgebildet. Typisch für viele dieser Frühwerke sind ihre Natürlichkeit und Leichtigkeit sowie der spürbare Einfluss des Jugendstils. In der gleichen Zeit entstehen am Hamburger Hafen, Steinhöft 9, die bronzenen Skulpturen der Eingangsportale vom "Elbhof" (1904/05), zwei Männer als "Stürmische Wogen" und zwei junge Frauen als "Flüsternde Wellen".

Elbhof
Eines der Portale desElbhofs am Steinhöft 9, 1904/05 mit Figurengruppe "Flüsternde Wellen" (Foto: Behrens)

Das Kontorhaus war die erste Annäherung an den neuen Standort an der Elbe. Es folgen große öffentliche Aufträge für die Hafenstadt; 1910 sind es, ebenfalls als Männer und Frauen dargestellt, die allegorischen Plastiken der Winde an den Landungsbrücken, 1912 die thronende "Justitia" auf dem Oberlandesgericht; dazu stand eine große Brunnenanlage der Hansestädte am Sievekingplatz, ehe sie der IGA 1953 und den neu geplanten Wallanlagen etwas abseits und dann ohne Wasser weichen musste.

Sievekingplatz
Brunnenanlage am Sievekingplatz, 1912, mit drei Frauen, darstellend die drei Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck (Foto: Behrens)

Bemerkenswert bleiben doch die vier geretteten Muschelkalk-Gruppen mit drei Männern "Technik, Handel und Industrie", drei Frauen "die Hansestädte Hamburg, Lübeck, Bremen", sowie zwei kleine Gruppen von je drei Kindern, die "Streit" und "Frieden" verkörpern – leider jetzt im Trockenen und weit auseinander gestellt.

Kinderstreit
Ursprünglich zur Brunnenanlage am Sievekingplatz gehörende Figurengruppe mit drei streitenden Kindern (Foto: Behrens)

Zwei weitere Monumentalwerke mit reitenden Arabern auf Kamelen "den überseeischen Verkehr darstellend" waren an der Schaartorbrücke als Krönung zweier Pfeiler an der Wasserseite vorgesehen; ob sie jemals dort angebracht und später im Krieg zerstört wurden, wissen wir nicht. Fernerhin ist ein späteres, ebenfalls dem Thema "Elbe" gewidmetes Werk im Blankeneser Hessepark zu sehen, der seit 1926 als öffentliche Anlage dient: "Die kleine Elbjungfrau" aus Marmor, auch als "Die Hockende" oder "Kauernde" bekannt. Als Ausnahme trifft man zudem auf ein Seemotiv in der Grabmalkunst, drei fliegende Seemöwen aus Bronze, die Bock gleich zweimal verwendete – in Ohlsdorf (Thomsen/Wiebe, 1932) und Nienstedten (Blumenthal, 1938, hier mit dem Spruch "Seefahrt ist Not").

Ein weiteres Werk, das Bock in diesen ersten Jahren für den öffentlichen Raum schuf, ist die bronzene "Diana mit Hunden" von 1911, die der Mitbegründer der Beiersdorf AG Oskar Troplowitz stiftete und welche seit 1925 im Stadtpark im Garten am Brunnenhaus aufgestellt ist.

Agnesstraße
Frau mit Hund, 1909-11(?), Agnesstraße 1 (Foto: Behrens)

In Winterhude stutzt man schließlich angesichts einer ähnlichen, aber weniger bekannten Skulptur in einem privaten Garten an der Agnesstr. 1, Ecke Fernsicht, hier aus Marmor mit einem einzigen Hund. Keine Signatur, kein Datum – dennoch ist Arthur Bock leicht zu erkennen: an dem russischen Windhund einerseits, wie auch an der Frau mit ihren drapierten Hüften (und dem gleichen Ohrschmuck wie bei einer der oben zitierten Hansestädte) andererseits. Hermann Hipp bestätigt die Annahme: Troplowitz, der tatsächlich mit Bock (von dem es außerdem ein Foto mit einem Windhund gibt) verkehrte, ließ diese Villa in der unmittelbaren Nähe der Außenalster 1908/09 bauen.

Troplowitz
Orpheus und Eurydike am Grabmal Troplowitz, 1918, O 24, 129-38 (Foto: Behrens)

Es überrascht also wenig, dass Arthur Bock später das Grabmal von Troplowitz gemeinsam mit Fritz Schumacher und Hugo Klugt gestaltete. Wie bei der Diana, hat Bock gerne die Fundgrube der Antike als Inspirationsquelle genutzt: 1918 wählte er für Troplowitz die Sage des Orpheus, der mit Lyra und Gesang seine Frau Eurydike aus der Unterwelt zu retten versucht – das Motiv findet sich als Halbrelief im Tempelbau auf dem Altarstein gegenüber einem Pilger.

Schumacher
Orpheus und Eurydike am Grabmal Schumacher/Wulff, 1920, P 8, 213-28 (Foto: Behrens)

Dasselbe Thema setzt er ein anderes Mal als Vollplastik aus Kalkstein um, allerdings mit erkennbaren Veränderungen in den Haltungen (Schumacher/Wulff, 1920). Ein drittes Grabmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof erzählt von der Ikarus-Legende, dessen dramatischer Absturz mit dem nach hinten weit gespannten Körper und der vor Schreck gespreizten linken Hand uns sehr nahe gebracht wird (Jerwitz, 1920).

Jerwitz
Ikarus am Grabmal Jerwitz, 1920, P 19, 358-67 (Foto: Behrens)

Aus der Abend-Ausgabe vom 23. Juli 1914 der "Hamburger Nachrichten" erfahren wir aus einem mit der Überschrift "Zum Professor ernannt" versehenen Artikel, dass "dem hamburgische Bildhauer Arthur Bock von dem Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha der Titel Professor verliehen" wurde. Seit dieser Zeit, mit knapp vierzig also, und weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt, signiert Bock meistens seine Werke mit einem entsprechenden "Prof. Arthur Bock Hamburg".

II. Weitere Themenkreise in der Grabmalkunst

Der Erste Weltkrieg bringt Bock neue Aufträge. In Ohlsdorf wurde das Grabmal für den Fähnrich Walter Roy, gefallen 1915, in neuer Lage als Kriegergedenkstein 1997 museal aufgestellt; der begleitende Spruch "Seid stolz, ich trage die Fahne" ist dem "Cornet" von R.M. Rilke entnommen und passt gut zu dem leblos Liegenden mit Helm und Schwert. Das "Hamburger Fremdenblatt" vom 17. Juni 1916 berichtet von einem großen Denkmal für deutsche Kriegsgräber in der Champagne, "den Prof. Arthur Bock, der seit langem schon den Künstlerkittel mit dem stolzen Manneskleid der Gegenwart, der feldgrauen Uniform getauscht hat, aus Muschelkalkblöcken geschaffen hat, während Granatfeuer seine Arbeit umtobte".

Das Bronzerelief des Grabmals Graf von Holck in Nienstedten, mit einem reitenden Ritter im Mittelteil, nimmt Bezug auf den Dienst des Grafen Erich in der berittenen Truppe, der zu den hervorragendsten und beliebtesten Turnreitern vor dem Ersten Weltkrieg gehörte; laut Werner Johannsen kann diese Grabwand mit einem gepanzerten, im Gebet verharrenden Ritter frühestens 1916 aufgestellt worden sein – das Jahr, in dem er gefallen ist. Ein zweiter Ritter steht breitbeinig in Rüstung und Umhang beim "Professorenfeld" (so genannt, weil Grabmale von Professor Bock dort besonders oft vorkommen), in den Händen ein Schwert und vor ihm ein großes Schild mit Wappen (Götz 1926).

Mutter Erde
Denkmal für die 1914-18 in amerikanischer Gefangenschaft verstorbenen Schiffsoffiziere, 1920, V 7, 290 (Foto: Behrens)

Ebenfalls von Bock ist in Ohlsdorf das aus Muschelkalk gefertigte Denkmal für die 1914-18 in amerikanischer Gefangenschaft verstorbenen Schiffsoffiziere der Handelsmarine; der Kopf des Opfers liegt im Schoß einer trauernden Mutter, der Spruch dazu heißt "Glücklicher, der du die Sonne noch siehst, o grüß uns die Heimat, die wir, getreu bis zum Tod, mehr als das Leben geliebt" ("Mutter Erde" 1920) und erinnert an den tapferen König Leonidas und seine 300 Männer 480 v. Chr. im Pass der Thermopylen.

Kriegerdenkmal Altona
Kriegerdenkmal, um 1925, Hauptfriedhof Altona (Foto: Behrens)

Beim Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges (um 1925), am Hauptfriedhof Altona, sitzt ein fast nackter Soldat mit Helm und Schwert und schaut in die Ferne. Das Grabmal Thomsen/Wiebe (1932) greift ebenfalls den Krieg auf: Es zeigt ein granatähnliches Gebilde umgeben von drei fliegenden Möwen (in Nienstedten fliegen diese um eine Marmorsäule).

Thomsen Wiebe
Grabmal Thomsen/Wiebe, 1932, (Foto: Behrens)

Ein weiteres beliebtes Thema ist der Wanderer mit Wanderstock in der Hand – ehe er den Todeskuss des Engels empfängt (Scharlach 1903), gehend (Troplowitz 1918, Otto Ernst 1926), kniend (Schiller 1925, Bröckel 1927, Michaelis 1929) oder auch ohne Stock (Schroeder 1933) im Moment des Sterbens oder Einschlafens.

Schiller
Grabmal Schiller, 1925, V 13, 115-23 (Foto: Behrens)

Männer werden auch gerne als Arbeitende dargestellt: in Gestalt eines Sämanns zum Beispiel, als volle Bronzeplastik (Langer 1928) oder bronzenes Halbrelief (Bülle 1932, Schwabe 1937, Krasemann 1940); der begleitende Spruch "Ich muss wirken so lange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann" ist nur bei Langer um den ganzen Sockel herum angebracht.

Langer
Grabmal Langer, 1928, Friedhof Nienstedten (Foto: Behrens)

Der Schnitter als geläufige Allegorie des Todes ist ebenfalls mehrfach vorhanden – mit der ersten Hälfte des selben Spruchs beim Halbrelief Hilscher (1932) oder einem anderen Satz bei zwei Skulpturen aus Marmor "Und wenn es köstlich gewesen, so ist es Müh(e) und Arbeit gewesen" (Nootbaar 1938, Schoeter 1939).

Hilscher
Grabmal Hilscher, 1932, Friedhof Nienstedten (Foto: Behrens)

Dargestellt werden auch einzelne weibliche Gestalten; gelegentlich als Schlafende, so eine junge Frau mit dem Spruch "Ich schlafe aber mein Herz wacht" (Reubert 1919) – meistens aber als Trauernde, oft stehend (Museum Friedhof Ohlsdorf; Winter 1910 mit gesenkter Fackel; Naumann 1926, Bauer 1936), liegend (Hegel 1926), sitzend (Schoknecht 1928), halbkniend vor einem Sarkophag (Wendt 1927) oder kniend am offenen Grab (Kolb 1931).

Alsen
Grabmal Alsen, 1925, AC 12, 67-72 (Foto: Behrens)

Von Bock gibt es einige Engel- und Psyche-Darstellungen. Besonders beeindruckend ist der große weibliche Jugendstil-Engel Plesch/Ritz von 1903 mit seinen riesigen Flügeln aus weißem Marmor. Andere weibliche Todesengel küssen einen müden Wanderer (Scharlach 1903) oder holen sanft früh verstorbene Kinder mit einer symbolreichen Lilie ab (Alsen 1925, Semmelrath 1927). In der Musealanlage von Öjendorf, in der in den 1970er-Jahren aus Ohlsdorf abgeräumte Grabmale eingerichtet wurden, steht ein schlafender Engelskopf mit Blumenkranz (Tuschinski 1921). Ohlsdorf besitzt zwei hübsche geflügelte Psychen, die eine kniend auf einer Art Sarkophag (Meyer 1929), die andere gebückt über einen Schmetterling in den offenen Händen, Symbol der unsterblichen Seele (Emde 1927). Letztere, auch "Stirb und werde" genannt, besitzt eine Zwillingsschwester, allerdings mit quadratischem statt rundem Sockel und einem anderen Spruch – "Alles was Seele bist du liebliche Psyche allein, erwach ich aus irdischer Ruh, lass mich Gespielin dir sein"; diese Bronzefigur steht seit 1982 im Eingangsbereich des Tonndorfer Friedhofs und wurde angeblich für eine ehemalige Schülerin Bocks geschaffen.

Tonndorf
Bronzefigur "Psyche", Friedhof Tonndorf (Foto: Behrens)

Eine vierte, spätere Psyche von Bock, diesmal fortschwebend und ohne Flügel, steht auf dem neuen Mennoniten-Friedhof am Holstenkamp; die Anlage wurde am 28.11.1937 eingeweiht und "den Toten, deren sterbliche Hüllen einst auf dem alten Friedhof beigesetzt waren und nun an dieser Stätte einen Ruheplatz fanden" gewidmet. Das Bronzerelief auf dem Klinkerdenkmal wird links und rechts von einem dem Glauben dieser Gemeinde entsprechenden Spruch begleitet: "Du hast meine Seele aus dem Tode gerissen, ich werde wandern / vor dem Herrn im Lande der Lebendigen".

Christliche Motive wie Kreuz oder Christus-Darstellung kommen, wenn schon nicht sehr häufig, ebenfalls bei Bock vor. Ein bronzener, kreuztragender Christus, schon 1905 entworfen, wurde in Ohlsdorf 1933 als (hohle und doch klingende!) Galvanoplastik von WMF für die Familie Sievers (Patenschaft Daglioglu) bestellt – von gleichem Aussehen wie die steinerne Version im Kasseler Hauptfriedhof oder die kleine Variante am Grabmal Kuhlmann (1935).

St. Thomas
Grabmal Kuhlmann, 1935, heute Patenschaft der Englisch-Bischöflichen Gemeinde St. Thomas à Beckett, Y 30, 235-6 (Foto: Behrens)

Beim aus Muschelkalk gefertigten Grabmal Claussen von 1912, sitzt eine Frau mit offenen Armen, hinter ihrem Kopf dieser Spruch: "Ich will euch trösten, wie er seine Mutter tröstet". Kreuze von Bock sind in Ohlsdorf mehrfach vorhanden, als Krönung eines Grabmals (Rittscher 1908), zwischen zwei Putti stehend (Schilmann 1925), oder umarmt von Trauenden (Methler 1927) wie auch von Sterbenden (Schroeder 1933, Ahlff 1947/48).

III. Hauptmotiv: Menschengefühle

Wie hier festzustellen ist, versucht Arthur Bock durch Allegorie, Legende, Symbol Gestik, Haltung oder Spruch Grundmotive menschlichen Seins auszudrücken. Es gibt in Ohlsdorf tatsächlich wenige schlichte Grabmale von ihm, darunter eine halbrunde Steinbank mit Kreuz und Rosengirlanden (Rittscher 1908); ein Porträt aus Bronze auf einem großen Granitfelsen (Menzel 1911); vier Pfeiler mit Eisengittern und zwei Lorbeerkränzen als einzigem Schmuck (Eversmann 1911); zwei seitliche bronzene Vasen oder Leuchter auf je vier Löwenklauen (Heldern 1920); eine schlichte Travertin-Stele mit kleinem Schwan-Motiv und einem für Bock typischen Spruch "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" (Werner 1930). Sie alle bleiben Ausnahmen, auch wenn die vier Pfeiler sich in Ohlsdorf bei zwei anderen Grabanlagen wiederfinden, dort ergänzt durch eine sitzende weibliche Gewandfigur mit verlöschender Fackel (Gumprecht 1911) bzw. einen großen Engel und Kind (Alsen 1925).

Bei den meisten seiner Grabmale aber, wie auch bei den Landungsbrücken und dem Hansestädte-Brunnen schon oben erwähnt, gestaltet der Bildhauer seine Themen mithilfe menschlicher Darstellungen. Was er bis zu seiner Übersiedlung nach Hamburg im Jahre 1903 in Ohlsdorf "an Grabschmuck Aufstellung gefunden hatte, war mit wenigen Ausnahmen schablonenhaft hergestellte Massenware. Bock ist einer der ersten Pioniere des guten Geschmacks in der Hamburger Friedhofskunst", schreibt Alfred Aust 1953 in seinem Führer über den Ohlsdorfer Friedhof – noch zu Lebzeiten des Bildhauers, der kurz darauf seinen 80. Geburtstag in Ettlingen/Baden feiern wird ("Hamburger Anzeiger" vom 12.5.1955).

Besonders klar deutet Bock in drei seiner Ohlsdorfer Skulpturen das "Werden, Sein, Vergehen" durch die verschiedenen menschlichen Altersstufen. So beschreibt Aust das Grabmal Albrecht (von 1915?), ein Werk aus weißem Marmor mit einem Paar in der Mitte, das Sein, zutreffend als "von betonter Formdynamik und starkem künstlerischen Ausdruck": "Freudig folgt das Auge des Beschauers dem harmonischen Spiel der Linien und erkennt in dem zarten Herauswachsen der Gestalten aus dem Stein die intensive Vertiefung des Künstlers in die Gesetze des Materials. Deutlich und klar erwächst die ansteigende Linie – das Werden; dann fällt sie, der Gestalt des Mannes folgend, zum Fuß des Grabmals – das Vergehen. Links hockt die junge Mutter, die das Neugeborene zum Licht der Sonne emporhebt; zur Rechten ruht müde der Greis, den Blick der wärmenden Sonne zugekehrt". Ähnlich bearbeitet Bock eine wandartige Grabanlage aus Muschelkalk, genannt "Die Lebenszeit der Frau", mit drei Figurengruppen – rechts als "Morgen" im Osten ein myrrhenbekränztes Mädchen, als "Mittag" in der Mitte nach Süden eine frontal sitzende Mutter mit Knaben und Säugling, links als "Abend" im Westen eine Greisin mit Enkel (Mond 1920 oder 1926). Beim dritten Beispiel geht Bock für drei bronzene Halbreliefs von den Jahreszeiten aus – in der Mitte geht ein Paar zusammen, das sich anschaut, zwischen einem Kind mit Frühlingsblumen links und einem Greisen mit Ährenernte rechts (Walter 1926).

Wie schon mehrmals erwähnt, stellt Bock Kinder (hauptsächlich Knaben!) oft und gerne dar, sehr früh schon mit einem kleinen nackten Jungen, ein Putto ohne Flügel, der die Himmelsrichtung anzeigt (Rodatz/Röder 1903). Wir treffen streitende bzw. schlafende Kleinkinder am ehemaligen Sieveking-Brunnen (1912), Säuglinge in den Armen junger Mütter (Albrecht 1915, Mond 1920, Dirks-Wetschky 1921), zu früh gestorbene Kinder von Engeln mitgerafft (Alsen 1925, Semmelrath 1927). Herzbewegend ist ebenfalls das Grabmal Sauerberg von 1932 mit einer kauernden Frauengestalt in langem Gewand, die einen nackten, stehenden Knaben umarmt, den Kopf an seine Schulter gelehnt; dazu der Spruch "Verweile so schön durft ich zum Augenblick sagen". Ein weiteres rührendes Beispiel steht in Nienstedten, eine kniende Mutter, die mit 43 Jahren vier Kinder verlassen muss (Vogel 1934). Auch für den achtjährigen Eberhard Hauch schafft Bock um 1936 ein Medaillonrelief eines nackten Knaben mit Füllhorn voller Rosen. Beim Grabmal der Familie Scholtz schließlich (1928), "Der glückliche Weg des Lebens", das 1997 von Ohlsdorf nach Nienstedten versetzt wurde, steht ein Knabe aus Bronze zwischen seinen Eltern und blickt zu ihnen auf; nach Austs Meinung beweist der Künstler hier "seine Virtuosität in der Verwendung des Materials zur höchsten Steigerung seelischen Ausdrucks. Es ist (...) eine Plastik in einem klassizistisch gemäßigten feinen Formgefühl von lebendiger Anmut". Das Paar legt sich gegenseitig eine Hand auf die Schulter und blickt sich an; passend dazu steht auf dem Sockel die Inschrift "Dein Weg ist mein Weg / wo Du hingehst will ich auch hingehen".

Hier findet sich besonders anschaulich die Verknüpfung der Bock’schen Lieblingsthemen Liebe, Abschied und Trennung durch den Tod – vor allem bei Paaren glänzt der Bildhauer in der Ausarbeitung von Haltung, Gesichtsausdruck, Blickaustausch. So spricht wieder Alfred Aust beim Grabmal Albrecht (1915) von stehendem "Mann und Weib, die sich in den Stürmen des Lebens fest umfangen halten (...). Das Werk atmet die innige Verbundenheit zweier Menschen, das Einssein von Leib und Seele, das feste Zusammenhalten in Leid und Freud". Genauso begeistert beschreibt er das Werk der "Stätte des Scheidens" (Nordheim 1912/1921), das aus Muschelkalk nach einem prämierten Entwurf auf einer Baufach- und Grabmalausstellung in Leipzig 1913 entstanden ist: "Welche Zuversicht in dem Antlitz des Mannes, welches Vertrauen in dem Blick der Frau! Wir werden uns wiedersehen, was auch kommen mag! (...) Von diesem unerschütterlichen Glauben beseelt, bietet sie ihm den Mund zum Kusse. Wie sehr diese Liebe zwischen Mann und Weib vergeistigt (...) ist, zeigt die feine, zarte Bewegung des Mannes, wenn er mit der linken Hand das Haupt der geliebten Frau berührt."

Friedrichs
Grabmal Friedrichs, seit 2002 Patenschaft Beiersdorf AG, 1925 (Foto: Behrens)

Als Beispiel seines Könnens im Bronzeguss mögen auch die zwei auf einem Sarkophag knienden Menschen (Friedrichs 1925) stehen, Symbol der den Tod überwindenden Liebe, wie der Spruch dazu heißt: "Was wir bergen in den Särgen ist Vergänglichkeit; was wir lieben, ist geblieben, ward zur Ewigkeit". Solche Paare hat Bock allein in Ohlsdorf zehnfach in Kalkstein, Marmor oder Bronze dargestellt, jeden Schritt im Prozess der Trennung auch immer neu verarbeitet (Mittelstrass 1914, Dirks-Wetschky 1921, Hegel 1926). Passende Inschriften oder Titel begleiten oft diese Werke, etwa "Wem nie von Liebe Leid geschah, dem war auch Lieb von Liebe nie" (Meyer 1929), "Trennung unser Los, Wiedersehen unsere Hoffnung" (Stock 1932) bzw. "Der Kuss" (Kirch 1938), eines seiner Hauptwerke.

IV. Schlussbemerkungen

Das Fehlen von Dokumentationsmaterial aufgrund der durch Bomben zerstörten Lebens- und Arbeitstätten lässt viele Fragen über Bock und seine Tätigkeit in Hamburg offen. Als Erstes würde man gerne wissen, wie viele Werke er tatsächlich geschaffen hat, und wie viele davon durch den Krieg verschwunden oder zerstört worden sind. Ein weiterer Punkt wäre zu klären, inwiefern er mit dem Bildhauer Caesar Scharff wirklich zusammengearbeitet hat. Die einzige Quelle, die uns zu Verfügung steht, ist das schon erwähnte Heft "Der Hamburger Friedhof und sein plastischer Grabschmuck – Ein Wort an das kunstliebende Hamburger Publikum". Davon gibt es zwei undatierte Drucke (Scharff starb mit 37 Jahren am 21.10.1902), deren Vergleich sich lohnt. Das erste Heft, mit 18 Seiten Text plus Abbildungen und von Scharff allein signiert, ist im Museum Friedhof Ohlsdorf vorhanden, das zweite mit beiden Namen (1904?) in Hamburger Privatbesitz. Größe und Aussehen sind gleich, der Name "Arthur Bock" auf dem Umschlag in anderer Schrift ist sichtbar hinzugefügt; das mit beiden Namen unterschriebene Vorwort spricht weiter von "meinen Ausführungen", der begleitende Text bleibt unverändert. Die bronzene Plastik Diederichsen von 1901, Musterbeispiel des Jugendstils, ist das bekannteste Werk von Caesar Scharff in Ohlsdorf; im zweiten Heft steht dessen Abbildung jedoch (wie auch drei weitere) mit beiden Namen versehen. Hat Bock an den Entwürfen der Grabmale wirklich mitgearbeitet – was im Fall Diederichsen durchaus denkbar wäre, wenn man zum Beispiel die gesamte Grabwand und die beiden seitlichen Sphinxen mit den oberen Figuren am Elbhof vergleicht? Oder hat er den frühen Tod seines Kollegen ausgenutzt, um sich mit fremden Federn zu schmücken?

Ein letzter wichtiger Aspekt – der besondere "Stil" von Arthur Bock – muss noch angesprochen werden. Jens Marheinecke schrieb darüber: "Schon in der Zeit des Ersten Weltkrieges fand er zu einer 'heroischen' Arbeitsweise. Das dritte Reich war zwar noch fern, doch viele seiner Skulpturen wirkten damals schon 'germanisch'." De facto sind die muskulösen Männer mit ihren wallenden Haaren, kräftigem Kinn, gerader "Bocknase", breitem Hals, starker Brust, großen Händen und Füssen leicht erkennbar, ebenfalls bei Bock die typische Art des Faltens und Drapierens der Stoffe bei den weiblichen Figuren. Natürlich kam sein Stil nach 1933 der nationalsozialistischen Ideologie entgegen, er schuf sogar eine Bronzebüste für Wilhelm Gustloff. Dennoch sollte man ihn nicht sofort mit dem Lieblingsbildhauer Hitlers, Arno Breker (1900-1991), vergleichen, zumal keiner weiß, in welchem Maße Bock über diesen Auftrag hinaus dem Kunstverständnis der Nationalsozialisten zugearbeitet hat. Sicher ist, dass die Jahrhundertwende mit dem Jugendstil eine monumentale Kunst mit sich brachte; man denke hier an viele Jugendstil-Fassaden, an die steinerne Macht vom Bismarck-Denkmal (1901-1906) in Hamburg und vom Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (1898-1913); oder an die riesigen Figuren "Kraft" und "Schönheit" vor dem Ernst-Ludwig-Haus in Darmstadt (1901), die das Programm der 1920er- und 1930er-Jahre schon enthalten. Möglicherweise arbeitete Bock wie viele seiner Zeitgenossen in ganz Europa, ästhetisch beeinflusst vom Zusammenwirken aus Kunst, Ideologie und Zeitgeist, dessen Ausformungen zwangsläufig Zeichen einer politischen Ausrichtung waren. Ein spätes Werk von Arthur Bock, ein handsigniertes Bronzeporträt von Wilhelm Pieck (1876-1960) – der von 1949 bis zu seinem Tod erster und einziger Präsident der DDR war – lässt eher vermuten, dass der Auftrag für ihn wichtiger war als Auftraggeber und politische Motive.

Literatur:

Caesar Scharff, Arthur Bock: Der Hamburger Friedhof und sein plastischer Schmuck. Ein Wort an das kunstliebende Hamburger Publikum, Hamburg, ohne Jahr

Alfred Aust: Der Ohlsdorfer Friedhof, Hamburger Heimatbücher, Hamburg, 1953

Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg, DuMont, 1989

Leisner, Schulze, Thormann: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf, Geschichte u. Grabmäler, Hamburg, 1990

Klaus-Jürgen Sembach: Jugendstil, die Utopie der Versöhnung, Taschen, 1990

Kopitzsch, Tilgner: Hamburg Lexikon, Hamburg, 1998

Jens Marheinecke: Werke von Arthur Bock, Hamburg, 1999

Helmut Schoenfeld: Der Friedhof Ohlsdorf, Hamburg, 2000

Norbert Fischer: Arthur Bock, in: Hamburgische Biografie, Personenlexikon, Band 1, Hamburg, 2001, S. 49-50

Barbara Leisner: Caesar Scharff – ein Jugendstilkünstler auf dem Ohlsdorfer Friedhof, in: Ohlsdorf Nr. 73, II/2001, S. 5-10

Christine Behrens: Bildhauer und Plastische Kunst auf dem Ohlsdorfer Friedhof, in: Ohlsdorf Nr. 73, II/2001, S. 11-18

Christine Behrens: Schönheit und Erotik auf dem Ohlsdorfer Friedhof, in: Ohlsdorf Nr. 85, II/2004, S. 16-28

Werner Johannsen: Wer sie waren...wo sie ruhen. Ein Wegweiser zu bemerkenswerten Grabstätten auf dem Friedhof Nienstedten, Kiel, 2004

Der neue Rump: Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs, Hamburg, 2005

Helmut Schoenfeld: Der Ohlsdorfer Friedhof, Bremen, 2006

Rudolf Conrades (Hg.): Zur Diskussion gestellt: Der Bildhauer Arno Breker, Schwerin, 2006

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Der Bildhauer Arthur Bock (November 2007).
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