OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der heilige Strand von Varkala - Feuerbestattung in Indien

 - August 2006
Ausgabe: 
Nr. 94, III, 2006

Wer den indischen Subkontinent bereist, dem fällt möglicherweise auf, dass es – mit Ausnahme von kleinen Begräbnisplätzen am Rande der Straße, deren Grabmale entweder christlich oder muslimisch gekennzeichnet sind – im Land keine Friedhöfe gibt.

Tatsächlich kennt die Hauptreligion Indiens, der Hinduismus, die Idee des dauerhaften Bestattungsplatzes und der Totenruhe nicht. Hindus gehen davon aus, dass jeder Mensch viele Male wiedergeboren wird. Damit die Seele nicht am toten Körper anhaften bleibt, geht es nach dem Tod darum, die Verstorbenen möglichst rasch zu kremieren und die Asche dem heiligen Element des Wassers anzuvertrauen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass westliche Touristen, die mit der hinduistischen Kultur nicht vertraut sind, im südindischen Badeort Varkala gar nicht wahrnehmen, dass ein Teil des Strandes, an dem sie leicht bekleidet sommerliche Badefreuden genießen, ein heiliger Ort ist, an dem Einheimische ihrer Toten gedenken.

Varkala Beach
Heiliger Strand von Varkala Beach (Foto: Leisner)

Da der Hinduismus keine einheitliche Religion ist und viele Ausformungen kennt, gibt es keine kanonisch festgelegten Bestattungsregeln, doch dürften sich die Abläufe insgesamt in allen hinduistischen Bundesstaaten ähneln. Grundsätzlich sind für die rituellen Handlungen Priester zuständig: Sie kennen die Mantras (heiligen Formeln) sowie den richtigen Ablauf des Bestattungsrituals und bringen aufgrund ihrer spirituellen Ausbildung auch die innere Reinheit mit, die für das Gelingen jeder rituellen Handlung benötigt wird.

Direkt nach dem Tod wird, wenn möglich zu Hause, ein Feuerritual (homa) durchgeführt, bei dem neun Wassertöpfe (Kumbhas) aus Messing und ein Tongefäß gesegnet werden. Diesen Ritus führt der "Haupttrauernde" durch: wenn der Vater stirbt, der älteste Sohn; beim Tod der Mutter, der Jüngste. Nach diesem Ritual leitet der Sohn die Waschung und Vorbereitung des Leichnams (arati), wofür das Wasser gesegnet wurde. Anschließend wird der Leichnam in ein weißes Tuch gewickelt. Wenn die Familie ihren Toten nicht nach Hause holen kann, mietet man dafür einen speziellen überdachten Platz bei einem Tempel an. Die Aufgabe selbst – also das Waschen und Vorbereiten des Toten – wird niemals Fremden überlassen.

Danach wird der Verstorbene in einen Sarg oder auf eine Bahre gelegt. Dort führen Kinder und Frauen ein Abschiedsritual durch. Als erste umkreisen die Kinder den Leichnam, wobei sie kleine brennende Stöcke tragen und Hymnen singen. Ihnen folgen die Frauen, die dem Mund des Verstorbenen luftgestoßenen Reis anbieten, um ihn für die große Reise zu nähren. Die Witwe hängt ihrem Ehemann ihren Hochzeitsanhänger (tali) um den Hals als Symbol für ihre andauernde Verbindung mit ihm.

Für die Verbrennung wird der Leichnam entweder auf einem allgemein zugänglichen Verbrennungsplatz, in ein öffentliches Krematorium oder privat im Bereich des eigenen Besitztums auf einen Holzstoß gelegt. Verbrennungsplätze liegen oft in der Nähe eines Flusses, wobei Varanasi am heiligen Ganges als einer der wichtigsten Orte für die Bestattung angesehen wird. Zum Ort der Verbrennung gehen nur Männer, angeführt von dem Haupttrauernden. Zwei Töpfe werden mitgetragen: der vorher gesegnete Tontopf und ein anderer, der Glut vom "Homa"-Ritual enthält. Der Leichnam wird dreimal links herum um den Holzstoß getragen und dann darauf gesetzt. Wenn ein Sarg benutzt wird, wird die Abdeckung entfernt. Wie die Frauen bieten auch die Männer dem Verstorbenen luftgestoßenen Reis an. Dann bedecken sie den Körper mit Holz und bringen Räucherwerk und Büffelbutter dar. Mit dem Tongefäß auf seiner linken Schulter umkreist der Haupttrauernde den Holzstoß, wobei er hinter seinem Rücken einen brennenden Holzscheit hält. Bei jeder Umkreisung stößt ein Angehöriger mit einem Messer ein Loch in den Topf und lässt damit das geweihte Wasser heraus, als ein Symbol für das Leben, das seinen Behälter verlässt. Am Ende der drei Umkreisungen lässt der Trauernde den Topf zu Boden fallen. Dann zündet er, ohne das Gesicht dem Leichnam zuzuwenden, den Holzstoß an und verlässt den Verbrennungsplatz. Die anderen folgen.

Teilweise scheint es allerdings auch üblich zu sein, dass Angehörige bei der Verbrennung vor Ort bleiben: Das 1999 eingeweihte Muktidham Krematorium in der indischen Stadt Sidhpur bietet sogar einen Internet-Service an, bei dem man über Webcams dem gesamten Ritual beiwohnen kann. "Wenn man die Beerdigung über das Internet zeigt, haben mehr Menschen die Chance sie zu verfolgen und die Toten haben eine bessere Chance ins Nirwana zu kommen", so der Initiator dieses Dienstes (http://www.muktidham.org/index.htm).

Da ein Toter seine Umgebung rituell verunreinigt, baden alle nach ihrer Rückkehr und säubern zusammen das Haus. Dorthin, wo der tote Körper lag, werden eine Lampe und ein Wassertopf gestellt. Das Wasser wird täglich gewechselt. Die Bilder bleiben gegen die Wand gewendet. Der Raum mit dem Ahnenschrein wird geschlossen und ein weißes Tuch über alle Bilder gehängt. Während der Zeit der rituellen Verunreinigung bringen Nachbarn und Verwandte Mahlzeiten, um die Belastungen während der Trauerzeit zu erleichtern. Die Trauernden selbst besuchen niemanden und nehmen weder an Feiern noch am Tempeldienst teil. Einige halten diese Trauerzeit bis zu einem Jahr lang ein. Beim Tod von Freunden, Lehrern oder Schülern, ist das Befolgen der Trauerzeit freigestellt. Obwohl Trauer nie unterdrückt oder abgelehnt wird, warnen die hinduistischen Schriften vor übermäßigem Klagen und unterstützen eine freudige Freigabe des Verstorbenen. Es heißt, dass die abgereiste Seele sich der emotionalen Kräfte, die auf sie gerichtet sind, genau bewusst ist. Langes Klagen kann sie im Erdenbewusstsein halten und den vollen Übergang in die Himmelswelten hemmen.

Nach der Verbrennung sammeln die männlichen Familienangehörigen die Überreste des Verstorbenen. Asche und kleine Stücke der weißen Knochen – "Blumen" genannt – werden auf ein großes Tablett gelegt. Die Asche wird möglichst zum Ganges geschickt, damit sie dort zusammen mit Girlanden und Blumen ausgestreut werden kann. Sie kann aber auch zu einem anderen Fluss oder zum Meer gebracht werden. So führen am schon genannten Strand von Varkala Treppenstufen zum südlichen Teil herab, vor denen tagsüber immer ein bis zwei Priester im Schatten geflochtener Palmblätter sitzen. An sie wenden sich trauernde Familien, um die Asche ihrer Verstorbenen dem Meer anzuvertrauen. Da es im Landesinneren am Zugang zum Strand seit zweitausend Jahren einen Tempel gibt, darf man annehmen, dass dieser heilige Ort, der auch als Pilgerstätte, wo man sich von seinen Sünden reinigen kann, berühmt ist, ebenso lange auch der Bestattung der letzten Überreste der Verstorbenen dient, welche dort von einer kräftigen Strömung vom Strand weg getrieben werden.

Am 3., 5., 7. oder 9. Tag nach dem Tod kommen die Verwandten zu Hause zu einem Mahl zusammen, bei dem das Lieblingsessen des Verstorben aufgetischt wird. Ein Teil wird vor seinem Foto aufgestellt und später zeremoniell an einem verlassenen Platz zusammen mit brennenden Kampferstäbchen zurückgelassen. Die Gewohnheiten während dieser Periode sind unterschiedlich. Einige opfern neun Tage lang pinda (Reiskugeln). Andere kombinieren alle diese Opfer mit den folgenden Sapindikarana-Ritualen, die einen oder mehrere Tage dauern.

Am 31. Tag wird ein Erinnerungsdienst abgehalten. In einigen Traditionen ist es eine Wiederholung der Begräbnisriten. Das Haus wird wieder von allen zusammen gründlich gesäubert. Danach führt ein Priester eine rituelle Reinigung durch und führt das sapindikarana durch: Er stellt einen großen Reisball (pinda) her, der den Verstorbenen darstellt, sowie drei kleinere, die Vater, Großvater und Urgroßvater symbolisieren. Die große Kugel wird in drei Stücke geschnitten und mit den drei kleinen verbunden, um die Seele rituell mit den Vorfahren in der folgenden Welt zu vereinigen. Die Reisbälle werden an Krähen oder eine Kuh verfüttert oder den Fischen vorgeworfen. Einige führen diesen Ritus am 11. Tag nach der Verbrennung durch; andere zweimal: am 31. Tag oder (11., 15., usw..) und nach einem Jahr oder auch monatlich während eines ganzen Jahres. Nach dem ersten sapindikarana endet die rituelle Unreinheit.

Am Jahrestag des Todes (nach dem Mondkalender) leitet der älteste Sohn oder ein Priester zu Hause die Shraddha-Riten (Shraddha sanskrit "Glaube"), bei der den Vorfahren pinda geopfert wird. Diese Zeremonie wird so lange jedes Jahr durchgeführt, wie noch Söhne des Verstorbenen leben. Keine männlichen Nachkommen zu haben gilt auch deshalb besonders in Südindien als ein großes Unglück. Man fürchtet dann, dass der Verstorbene im Geistreich verweilen müsse und nicht weitergehen könne, weil niemand die notwendigen Riten vollziehen könne.

Üblicherweise wird heute in Indien shraddha für Vorfahren direkt vor einem bestimmten jährlichen Festival durchgeführt. Dieser Zeitpunkt wird auch für den Fall gewählt, wenn der Todestag unbekannt ist. Den Verstorbenen werden Opfergaben dargebracht – Speisen und Getränke, die es ihnen ermöglichen, im Jenseits Verdienste anzuhäufen. In den folgenden Jahren nach dem ersten Jahrestag führen die Verwandten das Ahnenritual jährlich durch. Zum Strand von Varkala drängen am Tag dieses Rituals – der Zeitpunkt liegt im August, dem letzten "Karkidakam" genannten Monat des alten vom Mond abhängigen "Malayalam-Kalenders" – Tausende zum Strand, um das in Kerala "Vavu Bali" genannte Ritual für die Ahnen durchzuführen. Da der August als ungünstiger Reisemonat gilt, findet dieses Großereignis, zu dem Polizeieinheiten eingesetzt und Eintrittskarten für den Strand im Voraus ausgegeben werden, ohne die Gegenwart von Touristen statt.

Weitere Informationen:

http://www.krsna.de/forum56831/Forum0206/85.html

http://www.religion-online.info (Stichwort Hinduismus)

http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?url=358976.htm

The Hindu Faith, Mourning, Burial at Sea and Cremation, ursprünglich veröffentlicht in der Zeitschrift "Hinduism Today", April, 1990, im Internet unter http://www.seaservices.com/hindu.htm.

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