OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Im Schatten der Vorgesetzten - Ehemalige Arbeitsbedingungen in der Friedhofsverwaltung Ohlsdorf

 - Mai 2006
Ausgabe: 
Nr. 93, II, 2006

Die Verwaltung eines in vielen Jahrzehnten auf 400 Hektar Größe angewachsenen Friedhofs bedurfte seit jeher einer besonderen Struktur.

Die Funktion des eigentlichen Friedhofsverwalters (-leiters) trat dabei jahrzehntelang kaum in das öffentliche Bewusstsein. Sie stand im Schatten der weitaus bekannteren Vorgesetzten, zu denen der Friedhofsdirektor Wilhelm Cordes von 1879 bis 1917 und der Garten- und Friedhofsdirektor Otto Linne von 1919 bis 1933 gehörten.

Um den 1877 eröffneten ersten kommunalen "Centralfriedhof" Hamburgs zu verwalten, wurde 1882 eine eigene Friedhofsbehörde, die Friedhofsdeputation, eingerichtet. Sie ging 1928 auf in der Baudeputation (später Baubehörde). Linne, seit 1914 Gartendirektor in Hamburg, übernahm damit offiziell als Garten- und Friedhofsdirektor auch die Leitung des gesamten Friedhofswesens der Stadt. Bemerkenswert ist, dass nach Eröffnung des Friedhofs noch drei Jahrzehnte vergehen sollten, bis ein Verwaltungsgebäude am Haupteingang geplant und 1911 bezogen werden konnte. Die Entscheidung für den Bau wurde lange Zeit hinausgezögert, da man ausreichend Erfahrung für den Umfang der erforderlichen Räumlichkeiten für eine funktionsfähige Verwaltung sammeln wollte. Im Ergebnis kam es zu einer räumlichen Trennung zwischen Bestattungs- und Gärtnereiverwaltung sowie der übergeordneten Verwaltungsaufgaben.

Erstmals wird zur Linnezeit von einem Amtsleiter für den Friedhof gesprochen, der aber nach außen hin kaum in Erscheinung trat. Dennoch hat er, der spätere Gartenamtmann Georg Goppelt, auf die Gestaltung der Friedhofserweiterung im Sinne der Friedhofsreformbewegung nachweislich wesentlichen Einfluss genommen. Er war es, der 1914 im Namen seines Vorgesetzten Linne die sehr kritische Stellungnahme zum Erweiterungsentwurf des ersten Friedhofsdirektors formulierte. Später, in der baulichen Durchführung des Erweiterungsprojektes, mag es unter seiner Leitung sehr turbulent zugegangen sein, und vermutlich hat es auch erhebliche Organisationsmängel gegeben. So ist von einer "Aufklärungsschrift über Mißstände in der Geschäftsführung auf den Ohlsdorfer Friedhöfen" zu berichten, in der 1921 das Friedhofsgewerbe u.a. das unsachgemäße Einkaufen von Gehölzen und die Verwahrlosung von Anpflanzungen auf dem Erweiterungsgelände beklagte. Es protestierte damit "auf das Entschiedenste gegen die unkaufmännische Geschäftsführung des kom. Friedhofsdirektors" und nicht die des Friedhofsleiters. Goppelt muss auch für berufsständische Vereinigungen tätig gewesen sein, denn unter seiner Anschrift firmierend gibt es aus den 1920er-Jahren zwei Briefbögen mit der Bezeichnung Berufsgemeinschaft der gärtnerischen Beamten und Angestellten in öffentlichen Verwaltungen Deutschlands sowie Reichsverband der staatlichen und kommunalen Gartenbau- und Friedhofsbeamten und Angestellten.

Obergärtner
Obergärtner in Ohlsdorf, ca. 1910 (Foto: Museum Friedhof Ohlsdorf)

Von den ehemaligen Arbeitsbedingungen kann nur wenig berichtet werden. Sie müssen hart gewesen sein: So betrug 1885 und auch noch 1906 der Stundenlohn 27 Pfennige. Auf Gesuch der Arbeiterschaft im Jahre 1882, ihre 13-stündige Arbeitszeit um zwei Stunden zu kürzen oder den Lohn zu erhöhen, wurde ablehnend reagiert. Erst im November 1919 wurde auf Antrag der Friedhofsarbeiter ein Beisetzungsverbot an Sonntagen eingeführt. Zu jener Zeit wird der Stundenlohn bei etwa 70 Pfennigen gelegen haben, für 1927 werden 99 Pfennig ausgewiesen. Bereits im Jahr 1885 gründete das Friedhofspersonal einen Spar- und Unterstützungsverein, der im Krankheits- oder Sterbefall finanzielle Zuschüsse gewährte. Aus den 1952 geänderten Vereinsstatuten ist nicht zu entnehmen, ob die Stadt Hamburg als Arbeitgeber auch einen Beitrag geleistet hat. Von sozialen Bindungen unter der Arbeiterschaft ist kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Das Großfoto von 1907 Gesangsverein "Frohsinn" Ohlsdorf von 1891 im Museum Friedhof Ohlsdorf lässt jedoch erahnen, dass solche bestanden haben könnten.

Büro
Büro des Friedhofskulturdienstes, ca. 1930 (Foto: Museum Friedhof Ohlsdorf)

Hin und wieder wird von besonderen Ereignissen berichtet, die ungewöhnliches Verwaltungshandeln erforderten. So mussten 1892 innerhalb weniger Wochen über 8.000 Opfer der Choleraepidemie begraben werden. Otto von Ahlefeldt, langjähriger Feldmesser des Friedhofs (s. auch den Beitrag von Torsten Herbst), schrieb 1927 u.a. dazu: "An die Friedhofsverwaltung wurden in der Cholerazeit erhöhte Ansprüche gestellt, aber es ging alles seinen richtigen und ordnungsgemäßen Gang. Das Personal im Beerdigungs-, Schreib- und technischen Büro wurde den Verhältnissen entsprechend vermehrt. ... Es wurde eine Tag- und eine Nachtschicht bei den Arbeitern und Aufsehern gebildet, die sich gegenseitig ablösten. Im Büro wurde während der 6 Wochen täglich von 6 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts ununterbrochen gearbeitet. ... Zum Glück für die Verwaltung ließ keiner der Arbeiter seinen Brotherrn im Stich. Da sie nachts nicht nach Hause kommen konnten, erhielten sie von der Friedhofsverwaltung für die Person und für eine Nacht 60 Pf., damit sie in Ohlsdorf schlafen konnten." Leichenträger und Totengräber hatten keine angenehme Beschäftigung. Um sich gegen die unheimliche Krankheit zu schützen, gab man ihnen von Staats wegen ein Gläschen Alkohol "zur innerlichen Verwendung". Damals hieß es bei ihnen, bevor die Toten in den Massengräbern zu bestatten waren: "Erst Rum, dann rin".

Erdarbeiten
Erdarbeiten am Prökelmoor, ca. 1927 (Foto: Museum Friedhof Ohlsdorf)

Fast genau 51 Jahre später, Ende Juli/Anfang August 1943, waren etwa 37.000 Tote als Opfer der mehrtägigen Bombenangriffe in ebenfalls nur wenigen Wochen zu bestatten. Zum Ausheben der Massengräber wurden Planierraupen eingesetzt. Zeitweise mussten bis zu 50 bis 60 Häftlinge der "2. SS-Baubrigade" des KZ Neuengamme die notwendigen Handarbeiten an den Gräbern vornehmen. Die zivile Hilfe bei Luftangriffen auf Hamburg sollte durch Luftschutzhelfer sichergestellt werden. Dazu wurden alle männlichen Mitarbeiter des Friedhofs in einem Einsatzplan erfasst, der für ihren Wohnort galt. Aber auch zum erweiterten Selbstschutz des Betriebes Friedhof wurden Bedienstete herangezogen und der Betriebsfeuerwehr zugeteilt.

Aufschlussreich für damalige Arbeitsbedingungen sind einige authentische Berichte, wie der einer Enkelin des Obergartenmeisters Pinkwart, der von 1891 bis 1931 auf dem Friedhof tätig war. Sie schreibt 1996 u.a.: "Er war mit Leib und Seele in seinem Beruf tätig. Die Disziplin, das Verantwortungsbewusstsein und die aufopfernde Hingabe der damaligen Angestellten ist für uns kaum mehr vorstellbar. Es gab kaum Freizeit. Es wurde zehn Stunden am Tag gearbeitet, auch sonnabends und oft auch am Sonntagvormittag." Die Erinnerung an seinen Namen ist dem Verfasser aus seiner Lehrzeit mit dem Begriff "Pinkwart’sches Pflanzloch" verbunden – vermutlich von ihm ausgedacht. Zum rationellem Pflanzen von kleinen Gehölzen im gelockerten Boden war beim Herstellen eines spatenbreiten und -tiefen Pflanzloches folgender Sechser-Rhythmus einzuhalten: Je ein Spatenstich an den Kanten des Loches musste sofort bis in die endgültige Tiefe reichen, mit dem vierten Stich hob man den Boden heraus und warf damit das vorher ausgehobene Loch wieder zu (ein zweiter Mann hielt in dieses Loch bereits das zu pflanzende Gehölz), trat einen Schritt zurück und verweilte für die Dauer eines Taktes. Dieser Rhythmus musste unerbittlich beibehalten werden.

Unter den Arbeitern herrschte damals eine strenge Hierarchie. Sie kam gegenüber der Öffentlichkeit in einer unterschiedlich uniformierten Arbeitskleidung zum Ausdruck. Der gärtnerische Leiter eines Reviers wurde Obergärtner oder Gartenmeister, jedoch kaum Gärtnermeister genannt. Das lässt den Schluss zu, dass der Revierleiter nicht unbedingt die Meisterprüfung abgelegt haben wird. Die Obergärtner unterstanden zwei Garteninspektoren, die Kontakt zum Friedhofsleiter hatten. In den 1920er- Jahren wurden zum Materialtransport erstmals Kraftfahrzeuge eingesetzt. Es waren E-(Elektro-)karren mit einem erheblichen Leergewicht. Der Fahrer steuerte mit den Fußpedalen und regelte mit einem Handrad die Geschwindigkeit. Das Ganze funktionierte gleichermaßen in Vor- bzw. Rückwärtsfahrt. Mit offenem Fahrerstand waren solche Fahrzeuge bis in die 1970er-Jahre hinein üblich.

Leiterwagen
Leiterwagen mit Elektrokarre, ca. 1930 (Foto: Museum Friedhof Ohlsdorf)

Die Arbeiten der privaten Friedhofsgärtner unterlagen strengen Regelungen. Jens Marheinecke berichtet aus dem Jahr 1947: Vor Arbeitsbeginn musste in einem Anmeldebuch genau aufgeführt werden, auf welchem Grab welche Arbeiten ausgeführt werden sollten. Je Grabstelle war eine Gebühr von 50 Reichspfennig zu entrichten. Mit einem Stempel wurde die Arbeitserlaubnis erteilt. Das Buch musste als Beleg mitgeführt und den Kontrolleuren vorgezeigt werden. Betrat ein Friedhofsbesucher den Friedhof mit einem Spaten in der Hand, war er gleich der Schwarzarbeit verdächtig. Übers Ziel hinausgeschossen ist nach Angaben eines ehemaligen Mitarbeiters Ende der 1920er-Jahre die Grabmalberatungsstelle, die einen nicht einsichtigen privaten Steinmetz über Nacht im Verwaltungsgebäude eingesperrt haben soll. Die Bindung zum Friedhof als Arbeitsstelle dokumentiert sich in den Namen von Familien, die in mehreren Generationen hier beschäftigt waren. So tauchen bis in die Neuzeit wiederholt die Familiennamen Finnern, Lenffer, Prieß und Schmolke auf.

Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schreibt 1998 der Gärtnermeister Curd Knudsen u.a.: "Ab 1947 begann auch für den Friedhof Ohlsdorf der Wiederaufbau. Es fehlte einfach alles. Die Unterkünfte waren seit 1920 nicht verändert worden. Fast kein elektrisch, drei Telefone, Arbeitsgeräte veraltet, Holzschubkarren mit Eisenbereifung, Pferdegespanne und Ochsen zum Ackern und Transport. Die Unterkünfte in Holzbauweise, keine oder wenig Schränke. Das waagerecht verlängerte Abzugsrohr des Ofens wurde als Abstellplatz zum Essenwarmhalten und in der Nacht als Trockenplatz für nasse Arbeitskleidung genutzt. Bei Reviergrößen von 12 bis 15 Hektar konnten Meister und Gärtner durch Signale mit der Trillerpfeife herbeigeholt werden (Auch 30 Jahre später wurde dies noch praktiziert, Anm. des Verf.). ... Mit ca. 800 Beschäftigten wurde versucht, die alte Form der Anlagen wieder herzurichten. Arbeit fast ohne Ende. Der feste Arbeitsplatz war trotz geringer Bezahlung wieder gefragt. ... Um die persönlichen Bindungen aus dem Arbeitsleben im Ruhestand zu erhalten, wurde 1953 eine Vereinigung der Rentner und Pensionäre gegründet. Es gab keine festen Beiträge. Jedes Mitglied zahlte freiwillig ein bis zehn DM in die Kasse, kleine Ausfahrten, Lichtbildervorträge, Gesang ergänzten die Versammlungen."

Zu jener Zeit gab es noch 30 Gärtnereireviere, geleitet von je einem Obergärtner. Heutzutage sind es nur acht, d.h. die Größe der Reviere, Friedhofsgärtnereien genannt, ist auf durchschnittlich 50 ha angewachsen. Sie werden geführt von Gärtnermeisterinnen und Gärtnermeistern, die direkt dem Friedhofsleiter unterstehen.

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