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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Maritime Gedenkstätten an Hamburgs Hafenrand

Noch etwa hundert Kilometer sind es ab Hamburg, bis der Elbestrom die Nordsee bei Cuxhaven erreicht und das im steten Wechsel zweimal am Tag, hin und zurück der Gezeiten wegen.

Seit Jahrhunderten ist die große Entfernung jedoch kein Hindernis, fern der Küste einen Seehafen zu unterhalten und Welthandel zu betreiben. Der Hamburger Hafen, Deutschlands Tor zur Welt auf dem Wasserweg, hat damit das Leben in der Freien und Hansestadt nachhaltig maritim geprägt. Ihr nördlicher Hafenrand, vom Binnenhafen bis zum Falkensteiner Ufer, dokumentiert in einmaliger sowohl urbaner als auch landschaftlicher Lage diese Tatsache. Eingebettet in diese Vorzeigemeile, aber wenig bekannt, sind die Gedenkstätten, die hier an Geschehnisse erinnern, die Seeleuten den Tod brachten.

Der Streifzug entlang des Hafenrandes beginnt am Zollkanal, er ist ein Teil des Binnenhafens und somit die Urzelle des Hamburger Hafens schlechthin. Dort steht die Seemannskirche St. Katharinen, die ehrwürdigste der Hauptkirchen in der Innenstadt und bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Seit 1958 erinnert in der Eingangshalle unter dem Kirchturm eine Gedenktafel an die 80 Opfer des Untergangs der Viermastbark "Pamir". Das Segelschulschiff verschwand am 21. September 1957 spurlos auf dem Atlantik im Seegebiet der Azoren. Von Buenos Aires kommend war sie in einen Hurrikan geraten und sank kurz nach dem verzweifelten SOS-Ruf "Kommt schnell – Schiff macht Wasser – wir sinken". 78 Schiffe nahmen an der Rettungsaktion teil. Nur sechs Überlebende konnten drei Tage danach geborgen werden. Tausend Jahre Handelsschifffahrt unter Segeln waren mit dem Untergang der "Pamir" nun endgültig vorbei.

Pamir
Pamir-Gedenktafel in der Hauptkirche St. Katharinen (Foto: Schulze)

Über der etwa zwei Meter breiten Bronzetafel mit den Namen der Opfer hängt vollplastisch und frei ein bronzener Albatros, die Verkörperung der Seele eines verstorbenen Seemannes, aber auch Abbild für den markantesten Seevogel der südlichen Breiten, dessen erste Begegnung für jeden jungen Seemann ein unvergessliches und hoffnungsvolles Erlebnis darstellt. Er ist gleichzeitig das Zeichen der Kapitänsvereinigung der Cap Horniers. Die letzte Zeile der Gedenktafel lautet: "Wir, so gut es gelang, haben das unsere getan" (Hölderlin). Die "Stiftung Pamir und Passat" gab in Abstimmung mit der Hamburgischen Landeskirche und dem Kirchenvorstand die Gedenktafel in Auftrag. Den Entwurf dafür schuf der Bildhauer Gerhard Marcks. Die Initiatoren waren sich damals einig, den heute gewählten Standort im Turmraum sowohl wegen der Lichtverhältnisse, als auch aus architektonischen Gründen abzulehnen. Wie recht hatten sie doch, und außerdem verstellt bei Veranstaltungen ein hölzernes Kassenhäuschen den Blick darauf. Am 1. November 2005 nahmen an dieser Stelle die letzten Cap Horniers Abschied von dem 84-jährig verstorbenen Kapitän Heiner Sumfleth. Als junger Seemann umrundete er auf dem Frachtsegler Priwall viermal Kap Horn. In den letzten Berufsjahren war er Seelotse und wurde 1996 als erster Deutscher zum "Grand Mât" der weltweiten Bruderschaft der Cap Horniers gewählt. Seine letzte Reise wird er im Dezember auf der Nordsee antreten. Er wird auf See bestattet.

Am St. Pauli Fischmarkt, gegenüber dem Schwimmdock 11 von Blohm & Voss, steht seit 1985 hinter der Flutschutzmauer die "Madonna der Meere", eine Gedenkstätte für alle auf See Gebliebenen. Das weithin sichtbare Bronzemonument des Bildhauers Sihle-Wissel markiert hier den "Platz der Seefahrt": Eine Woge scheint nach einer auf hohem Sockel kauernden Frau zu fassen. Dennoch ist ihr Blick unbeirrt seewärts gerichtet, als wolle er noch hinter den Horizont greifen, und als suche die Frau etwas, was noch kommen müsste. Sie will nicht glauben, dass alles Warten vergebens ist.

Madonna
"Madonna der Meere" am St. Pauli Fischmarkt (Foto: Schulze)

Die Gedenkstätte ist der Initiative eines eigens dafür gegründeten Vereins und der Cap Horniers zu verdanken. Ihr Anliegen war es, den auf See gebliebenen Fischern und Seeleuten eine angemessene Gedenkstätte an herausragender Stelle zu errichten. Starben doch in den vorangegangenen hundert Jahren fast 26 000 Seeleute der deutschen Fischerei- und Handelsschifffahrt den Seemannstod. Für die Inschrift am Sockel wählte man Worte des großen Erzählers des Meeres Joseph Conrad (1857-1924):

Der unvergeßlichen See,
den Schiffen, die nicht mehr sind
und den schlichten Männern
deren Tage nicht wiederkehren.

Einer der Initiatoren war der Cap Hornier Kapitän Bernhard Masson. Er verstarb 1993. Sein Grabmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof ist geschmückt mit dem farbigen Zeichen der Cap Horniers und dem Wachwechselspruch
Sieben vorbei – acht verweht,
Wache kommt – Wache geht.

Eine kleine Kopie der "Madonna der Meere" steht seit November 2001 in der Kapelle am Kap Horn, der Südspitze Südamerikas, 13 Kilo schwer und gestiftet von der Werft Blohm & Voss. Die letzten Cap Horniers unter Führung von Kapitän Rudolf Wittenhagen haben sie dorthin gebracht. Die deutsche Sektion dieser exklusiven Vereinigung hat sich 2004 aufgelöst.

Einige Gehminuten vom Platz der Seefahrt entfernt und oberhalb der Großen Elbstraße steht etwas beziehungslos in der Grünanlage des Elbuferwanderwegs (unterhalb des Hauses Palmaille Nr. 45) eine reichgeschmückte Sandsteinstele mit der Inschrift:
Helgoland 9. Mai 1864
Dem Andenken
der gefallenen Tapferen
der Österreichischen Marine.
Das Hamburger Comité
für die Opfer des Seekrieges

Marine
Denkmal für die Gafallenen der österreichischen Marine in Altona (Foto: Schulze)

Die Stele erinnert an den deutsch-dänischen Krieg von 1864 in Schleswig-Holstein und an die Seeschlacht vor Helgoland: Während die Gefallenen des Seegefechts auf dem Ritzebütteler Friedhof in Cuxhaven beigesetzt wurden, brachte die österreichische Marine ihre Verwundeten nach Altona. Die im Lazarett Verstorbenen wurden auf dem Begräbnisplatz der katholischen St. Joseph-Kirche in Altona beerdigt. Ihnen, den "im hiesigen Lazarett gestorbenen Kriegern der verbündeten deutschen Flotte", zu Ehren wurde das Denkmal nach einem Entwurf von Martin Haller und W. P. Behrmann vor dem ehemaligen Waisenhaus an der Königsstraße errichtet. 1896/97 erfolgte eine Umgestaltung unter Hinzufügen üppigen kriegerischen Zierrats in der Ornamentskartusche der Spitze und dem Doppeladler der k.u.k. Monarchie in der Wappenkartusche am Fußteil. Vermutlich aus städtebaulichen Gründen erhielt das Denkmal 1958 hier am Elbhang seinen endgültigen, aber beziehungslosen Platz.

Für die ev.-lutherische Bevölkerung des damaligen, zunächst dänischen Altona war landeinwärts 1831 ein Friedhof an der Norderreihe eingerichtet worden. Er besteht heute noch als Grünanlage und dokumentiert mit seinem historischen Grabmalbestand die Geschichte der einst selbstständigen Stadt, die eng mit der Seefahrt verbunden war. Dazu gehört der etwa ein Meter hohe Sandsteinblock mit gegiebeltem Aufsatz für Jens Jacob Eschels (1757-1842).

Eschels
Grabmal Jens Jacob Eschels (Foto: Schulze)

Er stammte aus einer mittellosen Föhringer Seemannsfamilie und fuhr bereits mit elf Jahren auf holländischen Walfangschiffen zur See. Nach zehn Jahren wechselte er zur Handelsschifffahrt. Auf zahlreichen Reisen ins Mittelmeer und nach Westindien erwarb er vielfältige Kenntnisse in der Steuermannskunst, so dass er bereits mit 24 Jahren erfolgreich ein Schiff führen durfte. Bekannt wurde Eschels mit seiner "Lebensbeschreibung eines alten Seemannes", die er 1835 für seine Kinder und Enkel aufschrieb und später auch als Buch herausgab. Die Schrift hat wegen ihres unvergleichlichen Detailreichtums der damaligen Lebens- und Arbeitsverhältnisse schifffahrtsgeschichtlich auch heute noch einen hohen Quellenwert. Sie ist die früheste deutsche Kapitänsautobiografie überhaupt.

Zurück zum Elbhang: Oberhalb von Neumühlen umgibt ein längst aufgelassener Friedhof die Christianskirche, einen Backsteinbau mit dörflichem Charakter. Neben den vielen historischen Grabsteinen fällt vor ihrem Westportal eine übermannshohe Granitstele auf. Mit blauer Schrift und der Flagge der Reederei Harmstorf erinnert sie namentlich an die 12 Besatzungsmitglieder des Frachtmotorschiffes "Lühesand", die am 20. Januar 1960 im Skagerrak ums Leben kamen. Die abschließende Inschrift "Er stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da ward es ganz stille" ist dem neuen Testament, Matthäus 8, 23-27 entnommen: Die Hilflosigkeit seiner Jünger bei einer stürmischen und bedrohlichen Schifffahrt lässt Jesus handeln, nachdem er sie fragte "Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?"

Lühesand
Gedenkstein zum Untergang des Frachtmotorschiffs Lühesand (Foto: Schulze)

Das 875 BRT große Schiff befand sich mit einer Erzladung auf der Reise von Sauda nach Rotterdam. Etwa 40 Seemeilen südlich Cap Lindesnes wurde die Meldung abgesetzt, dass in schlechtem Wetter eine Lukenabdichtung zerbrochen sei und Wasser in das Schiff dringe. Seitdem ist die "Lühesand" verschollen. Die damalige Nähe des Sitzes der Reederei A. F. Harmstorf & Co. und das besondere Verhältnis zwischen Reeder und dem Kapitän Gerd Nissen mögen bei der Aufstellung des Gedenksteins an der Christianskirche eine Rolle gespielt haben.

Am Elbwanderweg unterhalb von Nienstedten bei dem kleinen Restaurant "Dill sin Döns" erinnert ein Gedenkstein an ein tragisches Schiffsunglück im Jahr 1902: Das überladene Vergnügungsschiff "Primus", ein uralter Raddampfer aus dem Jahr 1839 und damals das älteste eiserne Schiff auf der Unterelbe, kollidierte vor Nienstedten mit dem Hochseeschlepper "Hansa", sank und riss 101 Menschen mit in den Tod. Nach dem Unglück bildete sich ein "Hilfsausschuss", der sich um ihre gemeinsame Beisetzung und die künstlerische Ausgestaltung der Gemeinschaftsgrabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof sorgte. Das Unglück bewegte damals alle Hamburger. So vermerkt dort eine Erinnerungsplatte am Sockel des Grabmals in niederdeutscher Sprache:
"Bi’t Unglück an de Waterkant,/ Da geev dat nich meer Nam’n/ un Stand./ Een Nood, een Dood,/ Een Grav, een Leev,/ Ganz Hamborg stün tosam`n/ un geev."

Primus
Primus-Gedenkstein an der Unterelbe (Foto: Schulze)

Vier der Ertrunkenen ruhen auf dem oberhalb des Gedenksteins liegenden Nienstedtener Friedhof neben der alten ehrwürdigen Nienstedtener Kirche an der Elbchaussee. Weitere 78 Opfer wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof in einer später künstlerisch gestalteten Gemeinschaftsanlage beigesetzt. Auf beiden Friedhöfen erinnern noch heute zahlreichen Gräber an Menschen, die mit ihrem einstigen Wirken untrennbar mit der Seefahrt in Verbindung zu bringen sind. Sie sind so vielfältig und zahlreich, dass ihnen zum 800. Hafengeburtstag im Jahr 1989 eine eigene Ausstellung gewidmet wurde: Der letzte Hafen. Schifffahrt und Hafen im Spiegelbild der Ohlsdorfer Grabmalkultur war ihr beziehungsreicher Name. Der Gedenkstein am Ort der Primuskatastrophe wurde erst 1988 auf Betreiben der Patriotischen Gesellschaft Hamburgs aufgestellt.

Zu dem Wenigen, was am Blankeneser Elbufer noch an die Zeit erinnert, als dort Fischer, Schiffer und Lotsen ihrer Tätigkeit nachgingen, zählt das Wrack der "Uwe" am Falkensteiner Ufer. Markiert mit zwei schwarzen Dreiecken eines Seezeichens ragt ihr Heck seit 1975 bei Ebbe an der Fahrrinnenkante hoch auf, eine dahinrostende Erinnerung an den einst hier ansässigen und in Hamburg wohl bekannten Taucher- und Bergungsbetrieb Harmstorf, aber auch an einen Zusammenstoß von drei Schiffen, bei dem ein Seemann seinen Tod fand.

Im Seeamtsspruch ist dazu u.a. festgehalten worden: "Am 19. Dezember 1975 ist das seewärts gehende Motorschiff "Wiedau" bei dichtem Nebel auf der Elbe vor Wittenbergen mit einem aufkommenden polnischen Motorschiff und anschließend mit dem Binnen-Motorschiff "Uwe" zusammengestoßen. Die "Wiedau" und das Binnenschiff sind gesunken. Ein Besatzungsmitglied der "Wiedau" hat den Tod gefunden. Ein schuldhaftes Verhalten ist keinem der Beteiligten nachzuweisen."

Bis auf das nun herrenlose Heck konnte die "Uwe" geborgen und verschrottet werden. Es hat danach immer wieder die Phantasie der Blankeneser angeregt. So wussten gleich nach dem Unfall am Stammtisch des "Schifferhauses Blankenese" ein alter Lotse und ein Kapitän von dem Schrei einer Frau zu berichten, der beim Zusammenstoß achtern unter Deck zu hören gewesen sei. Obwohl "seemannsgarnverdächtigt", hat Tage später die Wasserschutzpolizei mit Hilfe eines Tauchers das Innere des Schiffes untersucht. Eine Leiche war nicht zu finden, aber eine verkorkte Flasche, wie sie am besagten Stammtisch geleert wurde. Der darin eingerollte Zettel hatte die kurze und verständliche Botschaft: "Die hat sich der Klabautermann schon geholt."

Nahe dem Süllberg und unterhalb der Anhöhe Bismarckstein endet ein gleichnamiger Weg auf einem beliebten Aussichtspunkt. Von hier aus schweift der Blick elbabwärts, dorthin, wo der Elbstrom breiter wird und er die Elbinsel Neßsand in seiner vollen Länge erfasst. Inmitten des Platzes steht ein wuchtiger Findling, ein Marine-Gedenkstein. Diesen schönen Ort pries einst der Schriftsteller Hans Leip (1893-1983) mit den Worten: "Und gen Westen abwärts liegt das Marinekap des Parkes Bismarckstein mit dem freien Blick in den Sonnenuntergang". Die kupferne, fast zwei Meter hohe Gedenkplatte an dem Stein schuf 1949 der Blankeneser Goldschmied Hans Kay. Sie ersetzt die ehemalige Tafel mit einem sehr patriotischen Inhalt, die 1935 von der Marine-Kameradschaft Blankenese im Nationalsozialistischen Deutschen Marinebund hier eingeweiht wurde. Das Relief erinnerte an die Seeschlacht von 1916 im Skagerrak und bediente sich der legendären Darstellung eines Matrosen, der auf einem Floß stehend die Reichskriegsflagge mit den Namen der untergegangenen deutschen Kriegsschiffe in der Hand hält. Die heutige Tafel trägt die Inschrift "Was auch die See verschlang, die Zeit verschlang das Weh, ewig bleibt die See. Zum ehrenden Gedenken an die Gefallenen der Marine". Hans Leip hat eigens dafür diesen Text verfasst. Jahrzehnte später verarbeitete der Schriftsteller Siegfried Lenz das Thema literarisch. In seinem Roman "Die Klangprobe" beschreibt er gleich zu Anfang dieses Denkmal, geschaffen von einem Bildhauer mit dem fiktiven Namen Hans Bode.

Gedenkstein
Marine-Gedenkstein auf dem Bismarckstein (Foto: Schulze)

Skagerrak ist das Seegebiet nördlich Dänemarks und eng mit einer Seemannstragödie des 1. Weltkrieges verbunden: die Seeschlacht zwischen britischen und deutschen Kriegsschiffen am 31.5./1.6.1916, in der es keine Sieger gab, aber viele Tote. Darunter war auch der begeisterte Kriegsfreiwillige Johann Kinau (1880-1916), besser bekannt unter seinem Pseudonym Gorch Fock. Auf dem Alten Friedhof Finkenwerder, drüben auf der anderen Elbseite, erinnert eine Inschrift auf der Grabstätte Kinau an ihn.

Gorch Fock
Grabmal Kinau / Gorch Fock in Hamburg-Finkenwerder (Foto: Schulze)

Das Grabmal ist im Kopf mit einem Anker geschmückt und trägt über dem Sockel die Inschrift "Seefahrt ist not", Titel des mehrfach aufgelegten Buches des Sohnes Gorch Fock aus dem Jahr 1913. Der Roman ist im Jahr 1887 angesiedelt, als die Hochseefischerei unter Segeln ihre Blütezeit hatte. Auf Finkenwerder waren damals 187 Schiffe beheimatet. Er erzählt von den Fahrten des Besanewers "Laertes HF125" und von dem alten und jungen Klaus Mewes, für die die "Seefahrt not ist", navigare necesse est, wie Gorch Fock schreibt, also unabdingbar für das Sein der beiden. Der Vater findet im Skagerrak den Seemannstod, wie auch 29 Jahre später der Schriftsteller selbst auf dem Kleinen Kreuzer "Wiesbaden". Begraben wurde Gorch Fock auf der schwedischen Felseninsel Stensholmen nahe der Stadt Göteborg.

Auf dem etwas entfernten Neuen Friedhof Finkenwerder zieht in seiner Nordwestecke ein ungewöhnliches Objekt mit maritimem Bezug den Blick auf sich: Kieloben liegt ein Rettungsboot am Rand des Grabfeldes für anonyme Urnenbestattungen. Es ist ein originales, 6 m langes und schwimmfähiges Aluminiumboot eines unter Panama-Flagge gefahrenen deutschen Handelsschiffes. Es bietet seit 1985 den Ort, an dem Blumenschmuck abgelegt wird. Dem unkundigen Betrachter scheint es symbolhaft für die ehemalige Elbinsel Finkenwerder zu stehen, deren Menschen einst eng mit der Seefahrt verbunden waren.

Doch weit gefehlt. Dem Künstler Felix Droese, ein Schüler von Joseph Beuys, dient das Alltagsfundstück auf dem Friedhof der überkonfessionell-religiösen Symbolik: der Rettung. Hajo Schiff interpretiert in "Kunst im öffentlichen Raum" das Kunstwerk als ein politisches und resultiert: Und so wird der Seelenkahn auch zum politischen Hoffnungsträger der alten Fischerdörfer an der südlichen Elbe, die sich von der verheerenden Flutkatastophe 1962 noch erholt hatten, die aber vom endgültigen, vernichtenden Zugriff der gefräßigen Erweiterung der Hafenindustrie hinweggespült zu werden drohen.

Rettungsboot
Rettungsboot am Rand des Grabfelds für anonyme Urnenbestattungen (Foto: Schulze)

Zwanzig Jahre nach der Aufstellung wird die vom Rumpf abblätternde Farbe von Ranken des Efeus überdeckt und wieder schlägt die Industrie zu. Nun sind es Teile des im Westen Finkenwerders gelegenen Naturschutzgebietes Mühlenberger Loch, das inzwischen für den Bau von Superflugzeugen zugeschüttet wurde. Es scheint, das Boot verstecke sich von selbst unter Efeuranken und habe die in es gelegte Hoffnung aufgegeben.

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Maritime Gedenkkultur (November 2005).
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