OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Eisenkunst in der Ohlsdorfer Grabmalkultur

 - August 2005
Ausgabe: 
Nr. 90, III, 2005

Betrachtet man die zur Zeit in Ohlsdorf ausgestellten historischen Grabkreuze aus Tirol, so kann man die Leichtigkeit dieser alpenländischen Schmiedekunst bewundern.

Obwohl nicht heimisch und viel seltener in unseren Breitengraden, ist die Eisenkunst auf dem Friedhof präsenter als angenommen und stellt sich, verglichen zum allseits hervortretenden Grabstein, als scheinbar leichterer Zugang zum Himmel dar. In der Grabmalkunst findet man heute noch einzelne Familiengräber, an denen sich zwar wenige, dafür sehenswerte Beispiele aus Eisen sehen lassen können – Grabkreuze und Grabgitter aus Gusseisen wie Schmiedeeisen; Genossenschaften bzw. Gemeinschaftsgrabstätten weisen ebenfalls gelegentlich schmiedeeiserne Hinweisschilder auf. Ob westliche Umzäunung und romantische Brücke zum Rosengarten aus Cordes’ Zeit, ob spätere Zugaben bekannter Kunstschmiede – Gittertüre des Bombenopfer-Mahnmals, plätschernder Margarethenbrunnen, Eingangstore im Osten und zum anonymen Urnenhain – oder eben die selteneren Beispiele schmiedeeiserner Grabmalkunst: die ganze Erscheinung des Parkfriedhofs ist mehr oder weniger deutlich von der Eisenkunst geprägt, und man kann sagen, dass die ihr eigene optische Leichtigkeit zur inneren Ruhe beiträgt.

Grabmäler aus Gusseisen

Seit dem 16. Jahrhundert bekannt und einst noch exklusiv, sind die gusseisernen Grabmäler, Grabkreuze vor allem, typisch für die Grabmalkultur des 19. Jahrhunderts. Als seriell gefertigte Produkte stehen sie im Zusammenhang mit dem Industriezeitalter und dem technischen Fortschritt in der Eisengusstechnik; damals billiger als ähnliche aus Stein, fanden sie weite Verbreitung in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft. Ob diese Grabmäler in Hamburg seltener aufgestellt wurden als anderenorts, oder ob sie durch das feuchte Klima nicht mehr erhalten sind, ist nicht klar. Insgesamt zählt das Denkmalschutzamt in seinem Ohlsdorf-Inventar von 1990 nur 27 gusseiserne Grabkreuze, davon 11 durch Fotografien und drei durch Zeichnungen überliefert; inzwischen ist der Rest bedauerlicherweise auch nicht mehr vorhanden.

Heute befinden sich im Heckengartenmuseum sieben der ältesten gusseisernen Grabmäler von den früheren Steintor- und Dammtorfriedhöfen und aus der Mitte des 19. Jahrhunderts – fünf Kreuze und zwei Stelen; auf einer dieser seltenen Stelen mit geschwungenem Bogen steht der Text auf Englisch (Katalog 108). Neben den meist sehr schlichten lateinischen Kreuzen können feinere Beispiele erwähnt werden: die Grabkreuze Schrader von 1831 und Schwartze von 1849, oder das für den Maler Oldach, ausgestattet mit einem Porträtmedaillon, das ebenfalls aus Eisenguss gefertigt wurde (1829, Kat. 83).

Schwartze
Eisengusskreuz Schwartze im Heckengartenmuseum (Foto: Behrens)

Außerdem wurden in Ohlsdorf acht Grabkreuze auf privaten Grabstätten aufgestellt, wie zum Beispiel zwei kleine bei der großen Familiengrabstätte Plath mit insgesamt 25 Grabmälern in der Nähe der Kapelle 1 (Kat. 109, eins der drei erwähnten Kreuze fehlt heute), oder die beiden Eisenkreuze von 1837 und 1849 für den Postverwalter und die Postverwalterin Meincke bei Kapelle 2 (Kat. 233).

Meincke
Zwei gusseiserne Kreuze auf der Grabstelle Meincke (Foto: Behrens)

Besonders elegant ist das gotisierende, 1,60 m große, fein durchbrochene Eisengusskreuz des Generals Enno von Conring (1886, Kat. 176) mit Schmetterling und pflanzlichen Motiven.

von Conring
Grabkreuz von Conring (Foto: Behrens)

Gusseiserne Grabmäler späteren Datums sind kaum vorhanden. Nicht im Katalog aufgenommen, unweit vom Nordteich und undatiert steht das reizende Grab für Helga Schröder (wohl um 1940? – aber erst 1986 überlassen, Grablage X 14, 292); aus hellem Sandstein gefertigt besitzt es ein Mittelfeld aus Gusseisen; dort schwebt ein weiblicher Engel mit Lyra in einem Kreis über durchbrochenen Ornamenten. Trotz der Werbung der Steinmetze, die bei der 125-Jahr-Feier des Ohlsdorfer Friedhofs ein schönes gotisierendes Kruzifix aus Gusseisen vor dem Krematorium ausstellten, ist die Nachfrage äußerst gering. Das kleine Grabkreuz Röwekamp südlich vom Heckengartenmuseum (Lage Bh 54, 2097) bleibt wohl eine moderne Ausnahme.

Kruzifix
Während der 125-Jahr-Feier ausgestelltes gusseisernes Kruzifix (Foto: Behrens)

Grabmäler aus Schmiedeeisen

Die aus Süddeutschland bekannten, oftmals reich ornamentierten Schmiedeeisen-Grabkreuze sind in Norddeutschland nicht heimisch geworden. Nach dem oben zitierten Inventar vom Denkmalschutzamt hatten sich 1990 nur neun Grabmäler aus Schmiedeeisen in Ohlsdorf erhalten, fünf Kreuze (eins unterdessen verschwunden) und vier stelenartige Aufbauten. Das älteste Grabkreuz auf der Grabstätte Petersen (Kat. 246) in der Nähe der Kapelle 3, mit eingerollten Eisenbändern und flammenartigen Blechzungen, stammt von 1894.

Das Grabmal Gödecken (Kat. 757), östlich vom „Millionenhügel“, ist 1914 für einen Kriegsgefallenen errichtet worden. Es besteht aus einer rechteckigen, steinernen Stele auf flachem, breitem Sockel, über der sich ein großes überdachtes Kreuz erhebt; in der Mitte ist ein Eisernes Kreuz aus Eisenblech aufgesetzt.

Gödecken
Überdachtes geschmiedetes Eisenkreuz für Werner Gödecken (Foto: Behrens)

Das bei Kapelle 2 stehende, 1,50 m hohe Grabmal Hohm aus dem selben Jahr (Kat. 758) ist mit geschwungener Schriftplatte aus Blech durchbrochen gearbeitet. Auch sehr schön ist das schmiedeeiserne, gitterartig gestaltete Kreuz Wilhelmi aus dem Jahr 1915 (Kat. 789).

Wilhelmi
Schmiedeeisernes Grabkreuz Wilhelmi (Foto: Behrens)

Im darauf folgenden Jahr 1916 entstand das stelenartige Gitter mit ellipsoider, von Ranken und Blüten eingefasster, blechernen Schriftfläche der Familie Knöchelmann (Kat. 811, jetzt Patenschaft Kuhbier), zu finden in der Nähe des Freilichtmuseums der Ämtersteine; zauberhaft ist die Leichtigkeit und Durchsichtigkeit dieses gepflegten Grabmals im Kontrast zu der romantischen, naturbelassenen Umgebung aus alten Bäumen und rankendem Efeu.

Knöchelmann
Grabmal Knöchelmann, jetzt Patenschaft Kuhbier (Foto: Behrens)

Östlich der Gärtnerei der Kapelle 9 ist dagegen das Kreuz Krutisch von 1919, umgeben von Ranken und flammenden Herzen und mit geschwungenem, dachartigem Abschluss, leider in einem traurigen, weil stark verrosteten Zustand (Kat. 906); dort zeigt sich, welche zerstörerische Kraft die Korrosion unter den hiesigen klimatischen Bedingungen entfalten kann – und wie es den Eisenkunstobjekten ergeht, sobald sie nicht regelmäßig gepflegt und gestrichen werden.

Die zeitliche Gruppierung dieser fünf Grabmäler aus Eisen ist wohl im direkten Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zu sehen. In der Zeit nach der Grabmalreform sind solche schmiedeeisernen Grabmäler äußerst selten vertreten, die meisten davon in den 1940er-Jahren; auch hier dürften sie also in enger Verbindung zur Notsituation während des Zweiten Weltkrieges stehen. Die Kreuze sind dann aus dünnen Stäben gefertigt und tragen ornamentalen Schmuck nur im Bereich des Kreuzungspunktes, wie etwa das Grabkreuz von Mercklin aus dem Jahre 1944 (Grablage J 13). Ein schmiedeeisernes, verziertes Kreuz zwischen zwei eisernen Schriftplatten auf den katholischen Grabfeldern entstand 1942 für das Grab des Schlossermeisters Heimer und seiner Frau; vermutlich zeigt es daher eine sehr persönliche Ausgestaltung (Kat. 1256).

Heimer
Grabkreuz Heimer (Foto: Behrens)

Neue schmiedeeiserne Grabkreuze bleiben in Ohlsdorf heute eine Seltenheit, sind aber hin und wieder anzutreffen – wie zwei kleine Kreuze in der Nähe des Eingangs Hoheneichen, das bunte und reich verzierte Kreuz Mohr von 1998 am Stillen Weg (Lage AC 8, 238) oder das Kreuz Potthast von 1999 am südlichsten Friedhofzipfel (B 15, 4-5); vielleicht lassen sich derlei Anschaffungen durch die Herkunft der Verstorbenen erklären – oder aber durch schöne Erinnerungen an alpenländische Reisen nach Oberbayern oder Tirol.

Grabgitter

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war es üblich, die Familiengräber mit Grabgittern einzuzäunen; nicht allein, um die Grabstätte und die Grabbepflanzung zu schützen, sondern ebenfalls zur Zierde. Diese „Totengärtchen“ unterstrichen aber auch den Besitzanspruch auf eine bestimmte Grabstätte, die nicht selten auf Friedhofsdauer eingekauft worden war. So prägten solche Gitter aus Eisen lange das Erscheinungsbild der Friedhöfe Deutschlands, auch im Norden. Anfang des 20. Jahrhunderts gerieten diese Totengärtchen als Ausdruck bürgerlicher Individualität in die Kritik der Friedhofsreformbewegung, die solcherlei Parzellierungen die Einheitlichkeit einer das Friedhofsbild bestimmenden Natur entgegensetzen wollte. Trotz eines weitgehend durchgesetzten Verbots sind uns zum Glück zahlreiche dieser Grabgitter im alten Teil des Ohlsdorfer Friedhofs erhalten; die meisten wurden als erhaltenswürdig eingestuft. Es sind nicht nur Einzäunungen aus Gusseisen, sondern auch sehr oft wunderschöne Kunstwerke aus Schmiedeeisen, wie sie von der Gründerzeit bis nach dem Ersten Weltkrieg auf großstädtischen Friedhöfen verbreitet und sogar in Mode waren.

Viele sind leider beschädigt, verwahrlost oder unvollständig; Teile fehlen, meist auch die Pforten, wie beim schlichten gusseisernen, verrosteten Gitter des Grabmals Dahnert von 1889 im Bereich der Kapelle 1 (Kat. 196) und ähnlichen Grabgittern an der Ilandkoppel. Einige Einzäunungen waren nur durch eiserne Ketten geschlossen, die heute fast immer fehlen; dafür sind einzelne Halterungen noch zu sehen, wie an einem Beispiel westlich der Teichstraße (Grablage U 12). Wie es ursprünglich ausgesehen haben muss, kann man gut bei der großen Grabanlage Port von 1895 an der Talstraße nachempfinden.

Dahnert
Verrosteter und unvollständiger Gitterzaun am Grabmal Dahnert (Foto: Behrens)

Eines der aufwändigsten kunstgeschmiedeten Gitter von 1899, das der höchsten Kunst des Barocks im 18. Jahrhundert gleicht, umfasst die große Grabfläche des Grabmals Breuer von Xaver Arnold (Kat. 292), an der Kapellenstraße unweit vom Grabmal Lippert gelegen. Ebenfalls durch ihre besonders kunstvolle Leichtigkeit beeindruckend ist die vollständige schmiedeeiserne Einfassung von 1904 bei der Grabstätte Störzel (Kat. 703) westlich der Teichstraße.

Störzel
Schmiedeeiserne Einfassung der Grabstätte Störzel (Foto: Behrens)

Noch erwähnenswert ist der große Grabbezirk der Familie Thörl von 1909/10 (Kat. 528), östlich vom „Millionenhügel“ ist der rechteckige Eingangsbereich beiderseits von einer sechs Meter langen Mauer mit Eisengitter, verziert mit entzückenden Engelköpfchen, umgeben.

Oft verbunden mit einem schwarzen Obelisk bieten die großen Anlagen aus der Zeit der Jahrhundertwende wunderschöne kunstgeschmiedete, meist pflanzliche Motive – wie auch Tür und Treppenhaus bei den Jugendstilhäusern ihrer Besitzer in Rotherbaum, Eppendorf und anderswo. Solche Anlagen, nicht immer komplett und doch oft mit sehr viel Liebe gepflegt, sind bei den Grabstätten Baar (1903, Grablage V 31), Schneider (1904, W 29) oder Uppleger (1907, AH 23) zu bewundern – man freut sich über jeden frischen schwarzen Anstrich!

Uppleger
Grabstätte Uppleger (Foto: Behrens)

Ein Kuriosum findet sich in der Nähe des Eingangs Kornweg. Auf halber Strecke in Richtung der Kapelle 6 steht neuerdings ein altes, grau gestrichenes und bestens erhaltenes Grabgitter; in der Mitte des „Totengärtchens“, im letzten Frühjahr ganz mit Vergissmeinnicht bepflanzt, befinden sich jedoch weder Grab noch Angaben. Wie in der Gärtnerei zu erfahren war, ist dort am 11.4.2002 unter dem Namen Klebe ein Sarg bestattet worden; der schöne Zaun mit den Lorbeerblättern soll aus dem Osten kommen und auf dem Friedhof zusammengebaut worden sein.

Auch hier lässt sich ein weiteres Mal feststellen, dass die Vielfalt des Ohlsdorfer Friedhofs immer aufs Neue überrascht... Die hiesige Eisenkunst inmitten der freien Natur zu entdecken und im selben Zuge mehr über Hamburgs Geschichte zu erfahren, das gehört sicher zu einer der reizvollsten Aufgaben.

Literatur:
Barbara Leisner u.a.: Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf. Geschichte und Grabmäler. Band 1 und 2. Hamburg 1990

Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Band 1. Braunschweig 2002

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