OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Kann ein Friedhof lustig sein?

 - August 2005
Ausgabe: 
Nr. 90, III, 2005

Gedanken zur gleichnamigen Grabkreuzausstellung auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Kann es einen „lustigen“ Friedhof geben, der ohne den nötigen Ernst um die Trauer der Hinterbliebenen auskommt? Die Medien haben diese Frage bereits beantwortet. Sie waren es, die aufgrund der Grabinschriften auf dem Museumsfriedhof Kramsach/Tirol diesem Friedhof die ungewöhnliche Bezeichnung gaben; ein zugkräftiger Name, wie sich herausstellen sollte. Ausgewählte Exponate der Tiroler Sammlung sind nunmehr auch auf dem Friedhof Ohlsdorf zu sehen. Geworben wird für die Ausstellung auch hier mit der Tiroler Bezeichnung „Der lustige Friedhof“. Und die Besucher kommen in Scharen. Die Tiroler Bauernzeitung vom 9. Juni 2005 berichtet sogar: „Tiroler Grabkreuze bringen Hamburger zum Lachen“. Bei einem Gang durch die Ausstellung fragt sich der kritische Betrachter, was an den Sprüchen denn so lustig sei. Es ist doch eine ernste Sache, den Ort einer Grabstätte zu kennzeichnen und sie mit einem persönlichem Grabmal zu schmücken.

Plakat
Werbung für Ausstellung

Zunächst einmal zum Begriff „lustig“. Im Duden sind Hinweise zu sinnverwandten Begriffen wie fröhlich, vergnügt, lebensmunter, fidel u.a.m. zu finden. Von einem Friedhof in Verbindung mit „lustig“ zu sprechen, erscheint daher unpassend oder gar pietätlos zu sein. Vor einer Bewertung sollte man zunächst die sogenannten „lustigen“ Sprüche einmal mit Bedacht lesen und auf ihren Inhalt achten. Meist ist es der Volksmund, den der Täfelchenmaler auf den Blechtafeln der Grabkreuze sprechen lässt. In naiver Form wird der Umstand des Todes treffend kurz geschildert, oft in Reime gefasst und manchmal ebenso naiv bebildert. „Dabei tritt oft eine überraschende Tiefe und Innigkeit zutage und geht ebenso zu Herzen wie die unbewusste Komik, die unsterblicher ist als das Sterbliche, auf das sie gemünzt ist“ so aus dem Nachwort aus einer 1936 erschienenen Auswahl von Grabschriften und Marterln, gesammelt von Ludwig Hörmann (1837-1924). Ein Beispiel ist die Inschrift „Hier liegt Martin Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug“, abgebildet auf der Titelseite des Buches „Der lustige Friedhof“ von Martin Reiter. Kurz und knapp wird hier vermeldet, dass der Verstorbene Organist und nicht gerade gut zu seiner Frau und den Kindern war. Oder die Inschrift „Hier liegt die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl gestorben im siebzehnten Jahr just als sie zu brauchen war“. Dazu muss man wissen, dass junge Mädchen und Frauen gleich welchen Alters, die nicht verheiratet waren, als Jungfrau bezeichnet wurden. Mit einem Alter von 17 Jahren galt eine Frau als vollwertige Arbeitskraft in Land- und Haushaltswirtschaft und war außerdem im heiratsfähigen Alter. Für die damalige Gesellschaft also zu bedauern, dass sie schon mit 17 Jahren starb. Noch kürzer, aber um so treffender ist die Inschrift gelungen:„Aufigschtieg’n, obagefall’n, hin gwös’n“, die noch durch eine naive bildliche Darstellung des Geschehens unterstrichen wird. Der Betrachter erkennt sofort die Todesursache: Beim Äpfel pflücken klettert ein Mann eine Leiter hoch, diese kippt um und er bricht sich das Genick.

Erkennt man den tiefen und letztlich ernsten Sinn solcher höchst persönlichen Grabinschriften, so muten sie keineswegs lustig an, die Bezeichnung erscheint unpassend. Hans Guggenberger, der solche Grabkreuze aus Tirol sammelt und sie auf seinem Museumsfriedhof ausstellt, hat dazu eine eigene Meinung, geprägt durch Tradition und Brauchtum seiner Heimat: „Damals, vor über hundert Jahren, hatten die Menschen noch eine andere Einstellung zum Tod, zum Sterben. Man musste ihm Tag für Tag ins Auge schauen und die Trauer anders bewältigen.“ Der Tod gehörte wie die Geburt, anders als heute, zum täglichen Leben. Die Menschen gingen gelassener mit ihm um. Der Schmied und der Täfelchenmaler vor Ort waren jene Handwerker, die dem Verstorbenen auf ihre Art ein persönliches und für den heutigen Betrachter ein ausgefallenes Erinnerungszeichen gefertigt haben.

Dass Beispiele dieser Volkskunst erhalten wurden und auch in Norddeutschland gezeigt werden können, ist höchst erfreulich. Halten wir es daher mit dem Pressebericht des Hamburger Abendblattes vom 8. Juni 2005, das von einem Friedhof „zum Schmunzeln“ berichtete. Schmunzeln, „ein mit Wohlgefälligkeit und Verständnis in sich Hineinlächeln“ so der Duden, ist wohl eine passendere Bezeichnung. Gleichwohl bleibt „Der lustige Friedhof“ im heutigen Medienverständnis ein zugkräftiger Name.

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