OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Trauer um Pferd und Hund - Aktuelles und Historisches

 - Februar 2005
Ausgabe: 
Nr. 88, I, 2005

Wenn 200 Gäste an einer Trauerfeier teilnehmen, muss es sich nicht um den Abschied einer prominenten Persönlichkeit handeln.

Auch dahingegangene Tiere sind in der Lage, für eine große Begleitung auf dem letzten Weg zu sorgen. Wie Kolibri. Kolibri, der bekannteste Hengst des Landgestüts Neustadt/Dosse, Star der ostdeutschen Pferdezucht, starb am 29. November des vergangenen Jahres im Alter von 25 Jahren an einer Kolik. Bereits zu Lebzeiten war der Schimmelhengst zu einer mit einer Bronzeskulptur in Originalgröße geehrten Legende geworden, berichtet die Fachzeitschrift Reiten und Zucht in Berlin-Brandenburg. Kolibri, meistfrequentierter Beschäler der neuen Bundesländer, erhielt 1997 den Ehrentitel „Pferd des Ostens“, Kolibri war unbestrittener Star vieler Hengstparaden im Brandenburgischen Haupt- und Landgestüt. Der „Landgraf des Ostens“ deckte in 22 Jahren durchschnittlich 110 Stuten pro Jahr und wurde so Vater von 1800 Nachkommen, die im deutschen Turniersport bisher über 1,2 Millionen Euro Preisgeld geholt haben. Zur Zeit sind 854 Nachkommen von ihm als Sportpferde registriert; 21 gekörte Söhne und 560 eingetragene Zuchtstuten sind von Kolibri gezeugt worden, 75 davon haben die Auszeichnung einer Staatsprämie erhalten.

Wie schon berühmte Vorgänger hätte Landesstallmeister Jürgen Müller den eingegangenen Star unter den Hengsten auf dem gestütseigenen Pferdefriedhof beisetzen lassen. Dort war 1963 die letzte Bestattung registriert worden. Das aber, so der Trakehner-Verband Neumünster, ist nach den jetzigen Veterinärbestimmungen innerhalb der EU nicht mehr statthaft. Auch ist es nicht mehr möglich, Organe wie zum Beispiel das Herz zu entnehmen und zu beerdigen. Dennoch konnte eine Urne der Erde des Gestüts neben dem Denkmal anvertraut werden – gefüllt mit Kolibris Schweif- und Mähnenhaar. Auf dem Grab steht ein Findling mit der Inschrift „Kolibri 1979 – 2004“. Und als letzte Wegzehrung wurde davor ein Gedeck aus Möhren niedergelegt.

Beisetzungen für Tiere höheren Standards und höherer Haltung waren indes vor 250 Jahren kein Thema, wie am Beispiel der berühmten Windspiele Friedrich des Großen (1712-1786) deutlich wird. Bis zu 80 dieser kleinen, kurzhaarigen, zerbrechlich wirkenden, dennoch äußerst widerstandsfähigen, sauberen und nicht bellenden Edelhunde hatte Friedrich II. auf seiner Zuchtstätte Jägerhof/Potsdam. Damit war er in angemessener Tradition: Schon im alten Ägypten galten Windspiele als Begleiter der Göttin Isis und waren somit heilig. Kleopatra züchtete Windspiele, sie sind folgerichtig in Mumiengräbern zu finden. Mit Windspielen beglückten römische Heerführer ihre Damen, die sie auf seidenen Kissen ruhen ließen.
Niemand, kein Mensch, stand Friedrich dem Großen näher als seine Windspiele. Stets, Tag und Nacht, hatte er mindestens einen dieser graziösen Hunde bei sich. Das mag zwei Ursachen gehabt haben: Zum einen war auch schon sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), ein erklärter Liebhaber dieser Rasse. Zum anderen heißt es, dass sein Sohn durch die intensive Beschäftigung mit den Tieren von der hinter vorgehaltener Hand geäußerten Vermutung ablenken wollte, dem eigenen Geschlecht näher zu stehen als dem seiner ihm zwangsweise angetrauten Ehefrau Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern.

Friedrich der Große tat es den Gepflogenheiten der römischen Damen nach: Mit ihm teilte auch stets ein Windspiel das Schlafzimmer, das sich neben seinem Bett in einem mit Seidenkissen ausgestatteten Sessel der Ruhe hinzugeben pflegte. Als Friedrich II. am 17. August 1786 für immer die Augen schloss, waren nur zwei Lebewesen anwesend: Sein Leibhusar und ein Windspiel. Die Windspiele des Preußenkönigs, die er ganz besonders schätzte, fanden ihre letzte Ruhe an herausgehobener Stelle seines Preußens: Im Garten seines Schlosses Sanssouci in Potsdam, versehen mit einem Grabstein, erhalten bis auf den heutigen Tag.

Sanssouci
Grabsteine der Windspiele Friedrichs des Großen (Foto: Schreiber)

Dort wollte auch er sein Grab finden. Das aber dauerte. Zunächst wurde er neben seinem Vater in der Garnisonskirche Potsdam beigesetzt. Die Entwicklung des Zweiten Weltkriegs veranlasste das Militär, beide Särge zunächst in einem Bunker bei Potsdam in Sicherheit zu bringen. Gut zwei Jahre später, beim Näherrücken der Roten Armee, wurden sie in ein Kalibergwerk im Eichsfeld verbracht, dorthin kamen auch die Schreine Paul von Hindenburgs und seiner Frau. Der Lagerort ist mit Steinsalz verschlossen worden. Nach kurzer Zeit dort erfolgte am 17. August 1945 ein Weitertransport in die evangelische Elisabethkirche Marburg. Da die Bundesregierung am 13. Februar 1952 der Bitte von Prinz Louis Ferdinand von Preußen nachkam, die Särge auf der Stammburg der Hohenzollern in Hechingen in der evangelischen Christus-Kapelle beizusetzen, wurden sie im August 1952 dorthin transportiert. 1991 schließlich, nach fünf Zwischenstationen, fand Friedrich der Große endlich seine von ihm vorbestimmte letzte Ruhe in Potsdam – in unmittelbarer Nähe seiner geliebten Windspiele.

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