OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Ein Denkmal am Viehweg - Über die Bestattung religiös Verfolgter am Beispiel der Schwenckfelder

 - November 2004
Ausgabe: 
Nr. 87, IV, 2004

Im niederschlesischen Harpersdorf (heute Twardocice, Polen) erinnert ein Denkmal an eine Zeit, in der die Glaubensunterschiede zwischen den Christen so wichtig waren, dass man einander sogar die ehrenvolle Beerdigung auf dem geweihten Friedhof verwehrte.

„Hier ruhen die glaubenstreuen Schwenckfelder, welche in den Jahren 1720 und 1740 auf diesem Viehwege beerdigt wurden. — Die Liebe der Nachkommen in Nord-Amerika setzte den Voreltern zu Probsthayn, Harpersdorf, Langenneudorf und Lauterseifen dieses Denkmal 1863.“ So lauten die schlichten Worte auf dem Hauptfeld des hohen Pfeilers, die an diese schmähliche Behandlung erinnern.

Die Schwenckfelder waren eine aus der Reformationszeit stammende Glaubensgemeinschaft, deren Gründer Kaspar von Schwenckfeld 1489 in Schlesien geboren wurde. Als ältester Sohn einer adeligen Familie verbrachte er sein frühes Erwachsenenleben an den Höfen verschiedener schlesischer Fürsten. Mit neununddreißig Jahren – ein Jahr, nachdem Martin Luther seine Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hatte – hatte er ein Bekehrungserlebnis, das er als „Heimsuchung“ bezeichnete. Daraufhin wandte er sich den Ideen Luthers zu, die sich gerade in Schlesien auszubreiten begannen. Er zog als Laienprediger durch das Land und wirkte für die Reformation. Doch schon 1526 führten seine radikalen Ideen über das Abendmahl zu seiner Abspaltung von Luther. Später plädierte er für Glaubensfreiheit, religiöse Toleranz und Trennung von Kirche und weltlicher Obrigkeit. Er musste Schlesien verlassen und starb 1561 im freiwilligen Exil in Ulm.

Seine Anhänger waren zuerst Adelige und Gelehrte. Später mischten sich immer mehr Handwerker und Bauern darunter. Der größere Teil von ihnen lebte in Niederschlesien, aber es gab auch in Süddeutschland Gruppen von Schwenckfeldern, besonders in Augsburg, Kaufbeuren und Ulm, wo er am Ende seines Lebens gewirkt hatte. Während für die Lutheraner die einzigen Heilsmittel in Wort und Sakrament lagen, betonten sie das freie Wirken des Geistes und forderten die Nachfolge Christi im Sinne der Bergpredigt sowie Gewissensfreiheit und Toleranz, dazu verweigerten sie den Dienst mit der Waffe und den Eid. So kam es dazu, dass die Schwenckfelder im Laufe der Jahrhunderte immer wieder als Ketzer unterdrückt und verfolgt wurden.

1719 wurden zwei Jesuitenpriester nach Harpersdorf abgeordnet, um die Glaubensgemeinschaften endgültig zum römischen Katholizismus zu bekehren. Die Jesuiten verschärften als erstes die Bedingungen, unter denen die Schwenckfelder lebten. Wer sich weigerte, seine Kinder katholisch taufen zu lassen, wurde als Ketzer behandelt. Irrgläubige aber durften nicht auf geweihtem Kirchhofsboden beerdigt werden. So kam es dazu, dass die Schwenckfelder ihre Toten auf dem Abfallplatz bei der Tongrube außerhalb von Harpersdorf zu Grabe tragen mussten. Zwischen 1720 und 1740 fanden dort auf dem Viehweg mehr als zweihundert Schwenckfelder ihre letzte Ruhe.

Da die Jesuiten keinem Mitglied der Glaubensgemeinschaft erlaubten, sein Eigentum zu verkaufen und die Stadt zu verlassen, nahm man im Geheimen Kontakt mit Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf auf, der seinen Untertanen Glaubensfreiheit gewährte. Im Dunkel der Nacht verließen im Laufe der folgenden Jahre über fünfhundert Harpersdorfer heimlich ihre Heimat. Sie waren fast mittellos, weil sie nur das mitnehmen konnten, was sie selbst zu tragen vermochten. Die meisten siedelten sich in Berthelsdorf und Görlitz an. Doch auch dort war ihre Glaubensfreiheit nicht endgültig sicher, so dass sich schließlich ein großer Teil der Flüchtlinge entschloss, nach Amerika auszuwandern. Zwischen 1731 und 1737 kamen sie in mehreren Gruppen in Pennsylvania an, wo sie sich in der Umgebung von Philadelphia niederließen. Der in Schlesien verbliebene Rest, dem 1740 von Friedrich dem Großen Toleranz gewährt wurde, starb 1826 aus.

Die amerikanischen Schwenckfelder waren es, die knapp vierzig Jahre später Geld für die Errichtung des erwähnten Denkmales sammelten. 1909 gründeten sie die „Schwenkfelder Church“, deren Gemeinden mit etwa 2 500 Mitgliedern noch heute dafür sorgen, dass ihr Denkmal in Polen in gutem Zustand bleibt. Inzwischen steht vor dem neugotischen Denkmal ein niedriger Stein, auf dem die deutsche Inschrift sowohl in polnisch wie auf englisch zu lesen ist.

Literaturhinweis:
Reiner Sörries, Friedhöfe und Erinnerungskultur in Schlesien.
In: Friedhof und Denkmal, 4, 2004, S. 20-26.

Internetadresse: www.centralschwenkfelder.com

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