OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Frauenbild – Männerporträt

 - Mai 2004
Ausgabe: 
Nr. 85, II, 2004

Aus der Zeit um 1900 – genauer seit der Schließung der Grabstätten auf den alten Friedhöfen Hamburgs im Jahr 1892 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918, also aus einem Zeitraum von etwa dreißig Jahren – sind in Ohlsdorf über 300 vollplastische Kunstwerke und etwa 150 Reliefs erhalten geblieben.

Ihren Platz haben sie meist vor hohen fassadenartigen Architekturen, felsartig behauenen großen Steinkreuzen und monumentalen Findlingen gefunden, seltener dagegen als einzelne Figuren oder Figurengruppen auf einem Sockel.

Bei der Auswertung der Inventarisation dieser künstlerisch gestalteten Grabmale im Jahr 1986 fiel deutlich ins Auge, dass von den Bestellern als häufigstes Motiv die Gestalt der trauernden Frau oder des weiblichen Engels gewählt worden war.1 Plastiken von Männern in allegorischer Gestalt wurden dagegen sehr selten dokumentiert. Nur vereinzelt tritt ein Pilger oder Sämann in Erscheinung. Doch ist der Friedhof damit nicht den Frauengestalten allein überlassen. Das Bild des Mannes erscheint nämlich in einer Vielzahl von Porträts auf den Grabstätten. Medaillons, Büsten und sogar einzelne vollkörperliche Bildnisse wurden für die männlichen Verstorbenen am Ort ihrer letzten Ruhestätte aufgestellt. Sie zeigen jeden Einzelnen so, wie er zu Lebzeiten aussah. Im Relief dem Grabmal angeheftet, als Plastik in eine Nische oder auf einen Sockel gestellt geben diese Kunstwerke Auskunft über Gestalt und Gesichtsform, überliefern Mimik, Alter und Haartracht und manchmal sogar die Details der Kleidung der Nachwelt. Damit bewahren sie das Andenken an die jeweils einzelne und einmalige Persönlichkeit des am selben Ort Beerdigten für die "Ewigkeit". Porträts von Frauen sind wie-derum unter den Plastiken und Reliefs in Ohlsdorf äußerst selten vertreten.2

Koellisch
Porträt Hein Köllisch, 1901 (Foto: Schulze)

Den weiblichen Gestalten auf dem Friedhof ist es damit überlassen, um die Verstorbenen zu trauern; und zwar nicht als sie selbst, also nicht individuell mit ihrer jeweils eigenen zeitgebundenen Persönlichkeit, sondern als allgültige Personifikationen der Trauer, als zu Stein oder Bronze "erstarrtes" Gefühl, und damit als Stellvertreterinnen für das Gefühl der Angehörigen, die das Grab besuchten. Gleichgültig ob als himmlische Botin mit ausgebreiteten Schwingen oder als irdische Trauernde – stets erscheinen diese Frauen und Engel in altersloser Frische als ewig jugendliche Weiblichkeit, manchmal nicht ohne Beimengung erotischer Reize, wenn zum Beispiel nackte Haut oder sogar eine Brust entblößt wird oder aufreizende Trauerposen eingenommen werden, die weibliche Körperformen besonders deutlich hervortreten lassen. Immer wird dabei das zeitgenössische Idealbild der schlanken zum Teil noch fast kindlichen Frau gewählt, ein Bild, das mit dem Alter der tatsächlich bestatteten Frauen selten übereinstimmen dürfte. Manchmal wird anstelle der leicht süßlich-erotischen jungen Gestalt auch eine herbere, sozusagen schicksalsschwere Variante gewählt: Immer noch junge Frauen in kräftiger Gestalt blicken mit ernstem Gesicht unbeteiligt in die Ferne.

Nuerck
Grabmal Nuerck, 1899 (Foto: Schulze)

Da es sich bei den Grabstätten, auf denen eine solche aufwändige Grabmalgestaltung ausgeführt wurde, stets um größere Familiengräber handelt, scheint diese Art der Ausschmückung sozusagen per se dem männlichen Familienoberhaupt zu gelten und damit zugleich die gültige Rangfolge innerhalb des zeitgenössischen Familienlebens aufzuzeigen.

Dass es sich dabei aber nicht immer um gelebte Realität, sondern möglicherweise nur um das Idealbild von den gesellschaftlichen Verhältnissen handelte, lässt sich meiner Meinung nach am Beispiel des Grabmals des August-Heerlein-Stiftes zeigen. Ein hoher rechteckiger Pfeiler, bekrönt mit dem Hanseatenkreuz und Girlanden, ist mit Bronzetafeln besetzt, auf denen bürgerliche Maximen der Wohltätigkeit zu lesen sind: "Wer über seine Tage hinaus wirkt hat wahrhaft gelebt" – "Gebet und empfanget in Liebe" – "Aus der Zeit in die Ewigkeit". Auf der Vorderseite vor den Inschriften: "Zum Gedächtnis an August Heerlein 1804–1904" und "Begräbnisstätte des August Heerlein Stift" kniet eine junge Frau in Bronze – das dünne Hemdgewand ist ihr kokett von der Schulter gerutscht – und reicht einen Kranz zu der Schrifttafel mit dem Namen des Geehrten empor. Auf der Rückseite gibt eine weitere Inschrift Auskunft über die Stifterfamilie. Zu lesen ist: "Zum 100 Jährigen Geburtstage den 21. Sept. 1904 errichtet von seiner Tochter".

Auf den ersten Blick scheint es so, als ob man hier ganz im Topos der bürgerlichen Totenehrung geblieben ist: Der Name des männlichen Erinnerten und Haushaltungsvorstandes erscheint zweimal an der Vorderseite des Grabmals und ersetzt das noch individuellere Porträt des Verstorbenen, der an dieser Stelle nicht bestattet ist. Trauer und Erinnerung werden durch die Hinzufügung der allgemein gültigen Allegorie der weiblichen Gestalt personifiziert. So weit ist die Rollenverteilung eindeutig. Dann aber macht die Rückseite des Denkmals auf eine weitere Beteiligte aufmerksam, nämlich die Tochter des Geehrten. Tatsächlich war sie diejenige, deren tatkräftiges Wirken in diesem Erinnerungsmal zum Ausdruck kommt. Anna Elisabeth Heerlein stiftete zusammen mit ihrer schon sehr alten Mutter Auguste unter dem Namen des Vaters Freiwohnungen in St. Georg für "hiesige unbemittelte, christliche Witwen und Jungfrauen aus den gebildeten Gesellschaftskreisen". Sie war es auch, die die künstlerische Ausgestaltung der Stiftsgrabstätte in Auftrag gab.

Heerlein
Grabmal August-Heerlein-Stift, 1904 (Foto: Schulze)

Die Familie Heerlein lebte seit dem 18. Jahrhundert in Hamburg und besaß eine Weinhandlung in der Stadt. In St. Georg bewohnte man einen Sommersitz. Dort verlebte Anna Elisabeth, die 1836 geboren wurde, eine glückliche Kindheit. Doch dann erkrankte sie an einem Nierenleiden, das sie an den Rollstuhl fesselte. Als ihr Vater 1894 im hohen Alter starb, errichtete die damals schon fast Sechzigjährige aus dem ererbten Vermögen die genannte Stiftung zu seinen Ehren. Zehn Jahre später ließ sie zu seinem hundertsten Geburtstag die gemeinsame Grabstätte der Stiftsbewohner mit einem repräsentativen Erinnerungsmal ausschmücken, das explizit dem Gedächtnis des Vaters gewidmet ist. Und doch bleibt eine gewisse Doppeldeutigkeit des Denkmals: Dass die genannten Tugenden dem Handeln der Tochter entsprachen, die den Vater ehrte, dürfte den Zeitgenossen und ganz sicher den Stiftsbewohnerinnen bekannt gewesen sein. Dazu besitzt die jugendliche Gestalt vor dem Denkmal, die den Namen des Vaters bekränzt und damit noch ein weiteres Mal und sozusagen für die Ewigkeit ehrt, ein sehr ausgeprägtes Gesicht und trägt ihre lockigen Haare schlicht aber dennoch nach der Mode der Zeit. Nur ihr dünnes Kleid entspricht nicht der bürgerlichen Kleidung eines jungen Mädchens der Jahrhundertwende. Trotzdem liegt die Vermutung nahe, dass in diese Plastik Züge eines Jugendbildnisses der Stifterin eingeflossen sind. Wenn das zutrifft, hätte sie sich zugleich mit dem Erinnerungsmal an den Vater ein eigenes Denkmal gesetzt, was ja auch mit der Stiftung selbst zutrifft und ausdrücklich auf dem Denkmal erwähnt wird. Damit ist der Stifterin sozusagen der Zirkelschluss gelungen, mit der Ehrung des Vaters tritt sie offiziell mit ihren Werken zurück und stellt sich gleichzeitig trotzdem in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, dorthin, wo eine Frau nach zeitgenössischer Meinung nichts zu suchen hatte. Denn der Spruch des Paulus "Das Weib schweige in der Gemeinde" hatte für bürgerliche Frauen um 1900 noch immer die volle Gültigkeit trotz aller Reformbestrebungen durch die Vorkämpferinnen der weiblichen Emanzipation.

1 Wie eng die Trauernde und der Engel miteinander verwandt sind, zeigen die Galvanoplastiken, bei denen manche Trauernde mit oder ohne Flügel im Katalog angeboten wurden, also wahlweise als Frauen oder Engel bestellt werden konnten.

2 Wie irritierend dieses Ergebnis noch in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts gewesen sein muss, zeigt die Tatsache, dass diese Auswertung 1986 prozentual und verbal in der schriftlichen Erarbeitung der Ergebnisse der Inventarisation des Ohlsdorfer Friedhofs herausgearbeitet wurde. Die Zahlen, Aussagen und Schlussfolgerungen wurden dann bei der Überarbeitung von fremder Hand gestrichen und 1990 nicht mit veröffentlicht. Sie sind nachzulesen in dem Manuskript: Ergebnisse des Forschungsprojektes Ohlsdorf, 1986, (mehrere Ordner im Denkmalschutzamt Hamburg).

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