OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Baum am Grab, Grab am Baum - Gedanken und Reisenotizen

 - Februar 2004
Ausgabe: 
Nr. 84, I, 2004

Parkfriedhof, Waldfriedhof, Friedwald... „Letzte Ruhe am Fuße eines Baumes” betitelte Karen Miether ihren Bericht aus Osnabrück über die zunehmende Anzahl von Urnengräbern im Landesforst (Hamburger Abendblatt, 8./9.11.2003, S.6).

Und mit einem ähnlichen begleitenden Kommentar –„Letzte Ruhe unter Bäumen”– bietet neuerdings auch der Ohlsdorfer Friedhof „Baumgräber” innerhalb seiner Grenzen an. Bäume scheinen „in” zu sein in der heutigen Trauer der westlichen Welt, obwohl diese besondere Beziehung zu Friedhöfen und Bestattungen wohl keine sehr lange Geschichte hat.

Bis ins 18. Jahrhundert herrschten auf Kirchhöfen vornehmlich Erde, Gras und höchstens noch Obstbäume und Sträucher als Nutzpflanzen für Pfarrer, Messner oder Totengräber vor. Die ersten Bepflanzungen von Friedhöfen Ende des 18. Jahrhunderts bis weit ins 19. hatten ausschließlich hygienische Zwecke: Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden nämlich die alten Ängste vor „Miasmen” als falsch erkannt. Auf der dem Ort zugewandten Seite des Friedhofes sollten also hohe Bäume (vorzugsweise Pappeln und Weiden) vor gefährlichen Ausdünstungen durch die Verwesung schützen, innerhalb des Friedhofes dagegen wurden diese wegen der Luftzirkulation und des Lichteinfalls möglichst vermieden; dementsprechend kahl wirkten so lange die Friedhöfe Europas.

Nach der Aufklärung mit der neuen Landfriedhofsbewegung und durch eine zunehmende Verdrängung des Todes kam dann im 19. Jahrhundert der Gedanke eines romantischen Parkfriedhofes auf; dieser war nunmehr von einem ästhetischen Konzept und einer gartenkünstlerischen Gestaltung geprägt. Laubbäume sollten den ernsten Charakter des Friedhofes abmildern und versinnbildlichen durch ihren biologischen Rhythmus Werden, Vergehen und Wiedererstehen (siehe „Bepflanzung” in: Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur, Band 1, S. 40-41).

Als erster Friedhof im Stil eines Landschaftsgartens gilt der Père Lachaise in Paris, der 1802 eröffnet wurde. Um 1820 war seine prächtige Vegetation schon welt- berühmt, 1831 eine bedeutende Touristenattraktion. Mit 43 Hektar zählt er heute 12 000 Bäume, darunter 300 Lebensbäume, 50 schwarze Nussbäume, 500 Ulmen, 300 Ahorne, außerdem Platanen, Buchen, Linden, Kirschbäume, Zypressen, Zedern und Eschen. Er ist zu einer grünen Oase in der dicht bebauten Hauptstadt geworden.

Mount Auburn
Mount Auburn Cemetery bei Boston (Foto: Behrens)

Nach diesem Vorbild entstanden weitere Parkfriedhöfe in Nordamerika – wie 1831 Mount Auburn bei Boston, der mit 5 000 Bäumen aus der ganzen Welt als Arboretum nationaler Größe gilt – sowie in England und Deutschland: 1877 folgte in Hamburg der Ohlsdorfer Friedhof. In seiner heutigen Größe von 400 Hektar und als einmaliger Naturraum angelegt, darf dieser Friedhof stolz sein, mit seinen 36 000 heimischen und exotischen Bäumen den Titel „Größter Parkfriedhof der Welt” zu tragen.

Eine besondere Art von bewaldeten Friedhöfen stellen auch alte Friedhöfe dar, die schon lange geschlossen wurden und/oder aus bewusster Überzeugung bzw. finanzieller Not in ihrer Ursprünglichkeit und Wildnis erhalten werden. Etliche Friedhöfe könnten hier erwähnt werden, wie der Elias-Friedhof in Dresden oder der Highgate Cemetery bei London, die einen urtümlichen Charakter erhalten haben, dazu gehören im Grunde alle jüdischen Friedhöfe.

Highgate
Highgate Cemetery bei London (Foto: Behrens)

Der sogenannte „Waldfriedhof” folgte im 20. Jahrhundert mit dem 1907 eröffneten Münchner Beispiel. Als Fanal der Grabmal-Reformbewegung verbindet er das Modell des Parkfriedhofes mit mehr Natur und dem Gedanken des Waldes als einer Landschaftsformation, die „dem deutschen Gefühl besonders nahe stünde” und „durch ihre erhabene Gestaltung noch mehr der deutschen Mentalität gerecht werden sollte” (wie oben, unter „Bepflanzung” und „Waldfriedhof”, S.41 und 340).

Sicher ist, dass beide zuletzt erwähnten Friedhofsformen in den südlicheren Regionen Europas kaum vorhanden sind; und noch weniger denkbar ist dort der in Deutschland just geborene „Friedwald”, von dem die Schweiz seit 1999 in nur wenigen Jahren schon über 40 zählt.

So war es für die französische Mentalität schon ziemlich neu und fremd, als die Großstadt Bordeaux 1977 in Artigues und 1982 in Mérignac zwei interkommunale „cimetières-parcs” eröffnete, um angesichts der Überfüllung der 27 kommunalen Friedhöfe neue Flächen zu schaffen (siehe auch Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 83: „Kremation im internationalen Kontext und am Beispiel Frankreichs”). Der zweite Parkfriedhof in Mérignac ist eigentlich ein 106 Hektar großes Stück Pinienwald, der erst allmählich landschaftlich angelegt wird. Auf beiden Parkfriedhöfen finden alle Arten der Bestattung statt; die Aschen, die dort nicht begraben werden, können ins Kolumbarium gegeben oder davor auf eine kleine Rasenfläche – den „Jardin du Souvenir” oder „Garten der Erinnerung” – gestreut werden. Vorgesehen ist dazu aber auch die „Clairière du Souvenir” oder Lichtung der Erinnerung, eine größere Fläche unter Bäumen (es sind Eichen in Artigues, Kiefern in Mérignac). Diese Flächen, die betreten werden dürfen, sollten offiziell anonym bleiben; faktisch aber werden die einzelnen Bäume doch immer wieder als persönlicher Ort der Erinnerung übernommen, indem Blumensträuße hingelegt und Blumen hingepflanzt werden.

Bordeaux
Blumensträuße unter Bäumen, cimetière-parc Artigues (Foto: Behrens)

Wenn eine Bepflanzung überhaupt vorhanden ist, überwiegen auf den meisten Friedhöfen Frankreichs immergrüne Gehölze und ganz besonders Zypressen, die auch unter trockenem Klima wachsen und schon in der Antike auf Gräbern angepflanzt wurden. So wurden nach dem Orkan vom Dezember 1999, der in vielen Orten besonders im Süd-Westen Frankreichs wütete, sehr schnell wieder junge Zypressen auf den Friedhöfen gepflanzt. Durch ihre Langlebigkeit und ihr beständiges Grünen ist die Zypresse ein Lebensbaumsymbol; sie sollte deshalb nicht, wie oft im heutigen Europa fehlinterpretiert wird, lediglich als Todeszeichen und Totenbaum verstanden werden – was eher für die Trauerweide zutrifft.

Ohlsdorf
Sockel zwischen Efeu und Lärche, Ohlsdorfer Friedhof (Foto: Behrens)

Auch auf deutschen Friedhöfen ist die Symbolik des Lebensbaums bekannt: Oft wird das Grabmal noch heute symmetrisch flankiert von zwei grünen Säulen. Links und rechts davon findet man außer Lebensbäumen auch Zypressen, Eiben, Wacholder, Buchsbäume oder Rhododendren. Nicht selten sind diese Bäume in der Zwischenzeit so gewachsen, dass der Stein kaum noch zu sehen ist, manchmal sogar schon abgeräumt wurde. Dies gilt z. B. oft bei Grabsteinen der 20er- und 30er-Jahre auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Dort kann man übrigens ein gutes Beispiel der Kraft der Natur beobachten (Grablage R 23, westlich der Waldstraße): Nur der hundertjährige „Grotten”-Sockel hat den Druck zwischen Efeu (Hedera Helix steht auf einem Schild) und einer riesigen Lärche überlebt, die jener bis fast ganz oben hochklettert.

Bilton
Bilton, Baum mit Erinnerungstafel (Foto: Behrens)

Zuletzt noch zwei Reisenotizen aus anderen Ländern, die eine andere Verbundenheit zur Natur ausdrücken. In Island, wo durch die härteren klimatischen Bedingungen Bäume klein und selten sind, werden diese gern in der Nähe eines Friedhofs, wenn möglich direkt am Kopf eines Grabes gepflanzt: Bäume am Grab sollen der Seele erlauben, empor zu gehen.

Island
Friedhof Island (Foto: Behrens)

In England auf ländlichen Friedhöfen bei Coventry verzichtet man hin und wieder auf Grabsteine und pflanzt an deren Stelle lieber einen jungen Baum oder eine Rose – ergänzt von einem Schildchen (gegebenenfalls mehreren) mit den Daten des Verstorbenen, manchmal auch noch mit einem „In loving Memory of...” davor.

Dunchurch
Dunchurch, Rose mit Erinnerungstafel (Foto: Behrens)

Auf diese Weise werden sogar Rosen entlang von ganzen Wegen gepflanzt, wie auf dem Kirchhof von St. Mark’s Church in Bilton. Sicher werden sich Steinmetze darüber nicht besonders freuen, aber – wäre dies für besonders Naturverbundene auf dem Ohlsdorfer Friedhof nicht auch denkbar?

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