OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Eine kleine Geschichte des Urnengrabmals

 - November 2003
Ausgabe: 
Nr. 83, IV, 2003

Zusammen mit der Wiedereinführung der Feuerbestattung entwickelten sich auch neue Grabmalformen für die Beisetzung der Asche und wie alle kulturellen Erscheinungen veränderten auch sie sich im Laufe der Zeit.

Anfangs suchte und fand man die neuen Formen in alten Vorbildern: Schon in frühhistorischen Kulturen wurden die menschlichen Aschenreste in Gefäße - Urnen (lat. urna "Topf, Krug") - gefüllt und an bestimmten Orten beigesetzt. Bis zum Verbot der Feuerbestattung durch Karl den Großen wurden in Europa Urnen aus Ton, Stein oder sogar Glas in den unterschiedlichsten Formen hergestellt: Es gab Gesichtsurnen, d.h. Gefäße auf die der Kopf des Verstorbenen modelliert war; Figurenvasen; Hausurnen und mit Reliefs geschmückte Aschenkisten. Mit dem Christentum brach diese Tradition ab. Trotzdem wurden weiterhin Urnen aufgestellt. Besonders seit der Wiederentdeckung der antiken Kunst in der Renaissancezeit nutzte man griechische Vasen- und Urnenformen als sozusagen inhaltsleeren symbolischen Schmuck für Bauwerke und Innenräume.

So konnte man, als die Feuerbestattung im 19. Jahrhundert neu eingeführt wurde, leicht auf die bekannten historischen Formen zurückgreifen. Hinzuweisen ist, dass gerade damals die Kunststile vergangener Jahrhunderte von der neuen Wissenschaft der Kunstgeschichte untersucht und in Abbildungen weit verbreitet wurden (ermöglicht durch die Entwicklung von Fotografie und Drucktechnik). Folgerichtig verwendete man im ausgehenden 19. Jahrhundert am liebsten antikisierend gestaltete Urnen für die Asche der Verstorbenen. Da ihr Andenken sozusagen für die Ewigkeit bewahrt werden sollte, ließ man diese neuen Urnen besonders gern aus Speckstein oder härteren Steinsorten arbeiten. Diese Urnen wurden im Freien auf Sockeln platziert oder innerhalb der neuen Krematoriumsbauten in Nischenreihen eingestellt. Diese Urnen trugen Namen und Lebensdaten der Verstorbenen eingraviert, so dass bei dieser Form der Aufstellung Bestattungsbehälter und Grabmal in eins fielen.

Auch die Nischenreihen ahmten im Übrigen historische Beisetzungsformen nach, denn man nahm sich damit die Nischenreihen in den römischen Katakomben zum Vorbild, jene Kolumbarien (lat. Taubenschlag), die auch der neuen Aufstellung ihren Namen gab. Anfangs wurden diese Kolumbarien in Innenräumen eingerichtet und schmückten die Wände der neuen Trauerhallen über den Verbrennungsöfen. Wie ungewohnt die Feuerbestattung und Urnenbeisetzung allerdings noch war, zeigt die Tatsache, dass auf dem Ohlsdorfer Friedhof in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts noch jede einzelne Urnenaufstellung vom Hamburger Senat genehmigt werden musste.

Urnenhain
Erster Urnenhain auf dem Ohlsdorfer Friedhof um 1900 (Foto: Archiv Leisner)

Erst später wies man eine junge Birkenschonung als ersten Urnenhain aus, der nur für die Beisetzung von Aschen reserviert war. Neben der sichtbaren Aufstellung der Urnen auf Sockeln oder in Grabmalnischen wurden dort auch Urnen unterirdisch beigesetzt. Daneben war die Beisetzung im eigenen Familiengrab möglich. In großen Grabmalarchitekturen und -wänden, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert von wohlhabenden Familien gern aufgestellt wurden, finden sich manchmal Nischen für Urnen, die nach einer Beisetzung mit einer Schmuckplatte verschlossen wurden oder in offener Form die Urne als Schmuck in das Grabmal integrierten. Selbstverständlich gab es auch hier die schlichte Beerdigung der Asche, deren Ort durch einen Pult- oder Kissenstein markiert wurde. Diese Kennzeichnung war auch für Körperbestattungen üblich, so dass sich die beiden unterschiedlichen Beisetzungsarten in diesem Fall dem Aussehen nach kaum voneinander unterschieden.

Grabmalwand
Grabmalwand der Familie Fera um 1900 (Foto: Archiv Leisner)

Erst mit der Friedhofsreformbewegung vom Anfang des 20. Jahrhunderts setzte eine deutliche Veränderung in der Erscheinung des Urnengrabmals ein. Die verschnörkelten antikisierenden Urnen kamen ebenso aus der Mode wie die Kolumbarien. Die Friedhofsreformer wandten sich außerdem gegen die oberirdische Beisetzung. Einfachheit, Gleichheit und Funktionalität waren ihre Stichworte. So versuchten sie nicht nur für die Erdbestattung, sondern auch für die Urnen eine stärker funktional geprägte Grabmalkultur durchzusetzen. Als beliebtes Beispiel seien auch hier die langen dicht über dem Erdboden angelegten Nischenreihen genannt, mit denen Fritz Schumacher eine neue Art von seriell vorgefertigten Aschengräbern und -grabmalen für den Urnenhain in Dresden-Tolkewitz vorgab.1

Diese Aufbewahrung der Urnen in genormten dauerhaften Kästen hat sich im 20. Jahrhundert auf fast allen katholisch geprägten Friedhöfen durchgesetzt. Sie bildet eine Art von Massenkultur für Urnengrabmale. Die rechteckigen Kästen dafür werden inzwischen als vorgefertigte Rohkörper aus Stahlbeton geliefert, die erst auf dem Friedhof mit dem ortsüblichen Steinmaterial verkleidet werden. Sie können in verschiedenen Varianten für eine beliebige Anzahl von Urnennischen zusammengefügt werden, wobei die Nischen in unterschiedlicher Form - also zum Beispiel als gerade Wände, Quader oder Pyramiden - zusammengebaut werden und nach dem Baukastensystem erweiterbar sind. Die fabrikmäßige Vorfertigung von Bauteilen oder ganzen Bausätzen hat damit auch auf dem Friedhof Einzug gehalten. Die Frontseiten der einzelnen Urnenplätze können dann von den Angehörigen mit Deckplatten aus unterschiedlichem Material versehen werden, auf denen die Angaben zu dem Verstorbenen ebenso wie kleine Blumenvasen, Fotos und Symbole Platz finden.

Urnenwand
Urnenwand aus vorgefertigten Stahlbetonkästen (Foto: Fa. Walz; www.urnenwandsysteme.de)

Im protestantischen Norden Deutschlands haben sich diese Urnenwände im Freien allerdings nicht ganz so stark durchgesetzt wie im Süden. Hier wurde während der Friedhofsreformbewegung ein anderes Konzept für die Aschenbestattung entwickelt: das Aschengrabfeld. Eigens dafür wurden neue Grabmale entworfen und propagiert. Sowohl flache, ganz schlichte Kissensteine, wie kleine reichprofilierte quaderförmige Steinblöcke und - als ganz neue Form - Pfeiler auf quadratischem Grundriss mit pyramidenförmiger Abdeckung wurden dafür entworfen.

Pfeilergrabmale
Pfeilergrabmale in einem frühen Aschengrabfeld (Foto: Leisner)

Mit der Verlegung der Aschenbeisetzung unter die Erde setzten sich besonders die schlichten Kissensteine in der Folgezeit durch. Damit verschwand zugleich die greifbare Erinnerung an das letzte Stück Materie, das von einem Verstorbenen übrig bleibt, aus dem Blickfeld der Trauernden. Diese Tendenz machte nicht vor den größeren Familiengrabmalen halt. Auch dort wurden die Urnen jetzt eher versteckt angebracht. Selbst Urnennischen wanderten auf die Rückseite von Grabmalen und wurden damit - nur noch mit einer schlichten Bronzeplatte abgedeckt - fast unsichtbar.

Erst mit dem Aufkommen der anonymen Urnenhaine ab den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Urnengrabmal erneut tiefgreifend. Denn mit diesen neuen Begräbnisflächen verschwand das private und persönliche Aschengrabmal vollständig von der Bildfläche. Da aber die einfache Rasenfläche von manchen als öde und leer empfunden wurde, versuchten die Friedhofsverwaltungen mit einem gemeinschaftlichen Mal einen Ersatz zu schaffen. Anstelle der endlosen Reihen unterschiedlicher persönlicher Grabzeichen stellte man jetzt eine einzelne moderne oder historische Plastik am Rand oder in der Mitte der Bestattungsfläche auf. Vasen oder Wassertröge sowie gepflasterte Flächen zum Ablegen von Blumen und Kränzen gaben dabei zusätzlich Raum für jene Gesten der Erinnerung, die nicht mehr direkt am Grab ausgedrückt werden konnten.

In der Folgezeit entwickelten sich dann weitere neue Grabfeldgestaltungen, mit denen man die Vereinfachung der Grabpflege mit dem Bedürfnis der Hinterbliebenen nach einem Ort der Trauer auf dem Friedhof zu verbinden versuchte. Beispiele dafür sind die Aufstellung eines oder mehrerer gemeinsamer Grabsteine, auf denen alle Namen eingeschlagen werden, deren Aschen in der Nähe des Steines beigesetzt worden sind; die Beisetzung auf einer aufgegebenen Grabstätte mit historischem Familiengrabmal, auf dem oder neben dem die Namen der neu Beigesetzten auf einer gesonderten Steinplatte ihren Platz finden oder die Beisetzung im Wurzelbereich eines Baumes, der ein Namenstäfelchen erhält.

Auffällig ist, dass den Menschen inzwischen bei einer Urnenbestattung eine Vielfalt von Wahlmöglichkeiten offen steht, wenn sie ein Zeichen der Erinnerung für ihre Verstorbenen setzen wollen: Bevorzugt man die "heile Natur" und wählt eine schlichte Baum- oder Rasenbestattung? Setzt man ein aufwändig vom Steinmetz angefertigtes Grabmal, das ganz persönlich auf den Verstorbenen bezogen ist? Wählt man die anonyme Bestattung ohne jedes Zeichen oder doch lieber eine, wo auf einem schon aufgestellten Stein der Name eingeschlagen wird? Soll man auf die kostengünstige Urnennische mit Verschlussplatte zurückgreifen, weil die Beerdigung sowieso schon teuer genug ist? Oder entscheidet man sich für eine kostbare Urne aus Glas, Metall oder Stein, die offen in eine der neuen Kolumbariumsnischen in einem Innenraum eingestellt werden kann? Lässt man die Asche auf einer Wiese verstreuen, wie es in Deutschland bisher allerdings nur in Rostock möglich ist? Dann könnte man sich vielleicht wenigstens ein kleines "Am-Urn-Let" anfertigen lassen; einen Anhänger, der mit einem geringen Teil Asche vom Verstorbenen befüllt wird und den man immer bei sich tragen kann. Auch die andere Variante wäre in Erwägung zu ziehen, nämlich etwas Asche in einer kleinen Kapsel in die Erdatmosphäre schießen zu lassen, wo sie als Sternschnuppe verglüht.

Am-Urn-Let
"Am-Urn-Let" (Foto: Krematorium Celle; www.fbcelle.de)

Damit spiegelt sich die noch relativ junge Multikulturalität der Gesellschaft sowie die immer größere Individualisierung des Einzelnen verbunden mit einer neuen Marktkonformität auch in den letzten Dingen wider.

1 Norbert Fischer, Technisierung des Todes. Feuerbestattung - Krematorien - Aschenbeisetzung. In: Raum für Tote. Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal. Braunschweig 2003, S. 145-162, Abb. 7-15, S. 161

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