OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Friedhof und Musik: Themen und Variationen in der Grabmalkunst

 - August 2003
Ausgabe: 
Nr. 82, III, 2003

Wer gerne singt, selber ein Instrument spielt oder ganz einfach Musikliebhaber ist, findet auf hamburgischen Friedhöfen ungewöhnlich viele musikbezogene Grabmalmotive, und diese ganz besonders auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

Hamburg hat auf dem musikalischen Gebiet eine lange Tradition: Sie ist nicht umsonst stolz auf große Komponisten wie Georg Philipp Telemann (1681-1767), Johann Adolf Hasse (1699-1783), Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1798), Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), Johannes Brahms (1833-1897) und Gustav Mahler (1860-1911), die hier gelebt und gewirkt haben. Dass auch Peter Tschaikowsky (1840-1893), der russische Romantiker, mehrfach in der Hansestadt weilte und dass seine 5. Sinfonie 1889 hier ihre westeuropäische Erstaufführung erlebte, wissen nur wenige.

So wie früher das ehemalige Stadttheater, sorgen heute die Musikhalle, die Hamburgische Staatsoper und die Musikhochschule sowie viele Kirchen weiterhin für eine sehr lebendige Musikszene. So erklärt sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof die große Zahl von Grabstätten mit Zeugnissen dieser Musikliebe. Sie stehen sowohl für mehr oder weniger bekannte Musiker, Komponisten, Sänger und Dirigenten als auch für viele einfache Musikliebhaber.

Kann man auf anderen Friedhöfen auch eine solche Fülle an Musikmotiven finden? Auf den Pariser Friedhöfen zum Beispiel erzählen in der Regel nur die Namen, vielleicht noch ein Portrait, von großen Komponisten wie Chopin, Debussy, César Franck; so auch in Prag von Dvorák und Smetana und in St. Petersburg von Glinka, Balakirew, Mussorgsky und Rimski-Korsakoff (dort hat allerdings als einziger der benachbarte Borodine ein goldenes Mosaik mit Noten hinter seiner Büste und darunter ein Saiteninstrument). Auf dem Zentralfriedhof in Kiew (s. Ausgabe Nr. 64, I/99 dieser Zeitschrift) findet man einige sehr plastische Grabmale mit Noten bei Komponisten, z.B. dem berühmten Lyssenko, oder mit Pult und Stock bei dem Dirigenten Piradow.

Piradow
Grabmal Piradow in Kiew (Foto: Behrens)

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof dagegen sind fast alle Musikinstrumente bzw. -symbole für eine Vielzahl von heute oft vergessenen Künstlern und vielen unbekannten Menschen gang und gäbe: Lyra, Harfe, Laute, Geige, Cello und Gitarre; Flöte, Horn, Posaune und Trompete; Klavier, Flügel und Orgel. Auch Noten oder Violinschlüssel sind häufig anzutreffen, ebenso musizierende Engel aller Art.

Einer der ältesten Grabsteine zum Thema Musik auf dem Ohlsdorfer Friedhof wurde für den Pianofortefabrikanten RACHALS (1801-1866) von dem Bildhauer Engelbert Peiffer errichtet. Der Stein zeigt ein Relief mit einer auf einer Werkbank sitzenden Frau in langem Gewand mit Lederschurz, den linken Arm aufgestützt auf den Deckel eines Flügels, in der rechten Hand Hammer und Stimmgabel. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trifft man häufiger auf Berufszeichen der Musik, so die Lyra auf dem Grabmal ARMBRUST, 1869 von der Bachgesellschaft "Ihrem Freunde und Dirigenten" gestiftet. Beide Grabmale befinden sich seit 1938 im Grabmal-Freilichtmuseum Heckengarten und stammen von den alten Friedhöfen vor den Toren Hamburgs.

In der Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert wurden oft musizierende Engel oder Putten als Grabmalplastik oder als Relief dargestellt. Der Friedhof Ohlsdorf besitzt davon sehr schöne Beispiele: Die Lyra, das apollinische Attribut, Symbol für Musik und Poesie und deswegen häufig dargestellt, und ein Genius (MIRSCH, 1894, Grablage Z 7) oder zwei einander zugewandte kniende Engel (DIRENG, 1905, Grablage O 12); vom Bildhauer Karl Garbers der in sich versunkene, lautenspielende Engel der ersten Besitzer des Hotels "Vier Jahreszeiten" (HAERLIN, 1911, Grablage M 23).

Grabmal Haerlin
Laute spielender Engel auf dem Grabmal Haerlin von Karl Garbers, Grablage M 23, 85-96 (Foto: Behrens)

Einen geigespielenden Engel findet man auf dem Grabmal WENCKE (1904, Grablage V 26, Abb. Titelseite) wie auch auf dem Grabmal KUSSEROW (1906, Grablage R 7). Dieses Grabmal war Vorlage für die Titelseite des Informationsblattes des Förderkreises Ohlsdorfer Friedhof e.V. Ein geigespielender Putto krönt das Grabmal MOELLER-JARKE von Ernst Barlach (1900, Grablage U 25). Genauso entzückend und verträumt sitzt ein anderer auf der Reliefplatte HAMMACHER (1912, Grablage V 21). Anzutreffen sind auch häufig himmlische Engelschöre, so bei der Weihnachtsdarstellung des Bildhauers Xaver Arnold beim oben zitierten Grabmal WENCKE oder bei der Andeutung des erreichten Paradieses (HÜNLINGHOF, 1908, Grablage S 23). Ein Engelschor mit Palmwedel, Gesangbuch und Flöte schmückt das Bronzerelief einer Stele für die Musiklehrerin Wilhelmine MARSTRAND (1904, nunmehr im Garten der Frauen). Oder drei Engelsköpfchen füllen den oberen Teil eines Medaillons hinter dem Schriftzug "Ehre sei Gott in der Höhe" (KRAEMER, 1906, Grablage AC 16).

Grabmal Kraemer
Kinderchor auf dem Grabmal Kraemer, Grablage AC 16, 1-12 (Foto: Behrens)

Diese barockisierende Stele aus rotem Sandstein hat vermutlich der Friedhofdirektor Wilhelm Cordes entworfen. Er hatte für sein Familiengrab bereits zu Lebzeiten fast das gleiche Motiv bestimmt (CORDES, 1919, Grablage AD 12): drei Putten aus weißem Marmor, Xaver Arnold zugeschrieben, singen die Noten des "Halleluja" aus dem evangelischen Osterlied "Christ ist erstanden".

Ab 1920 und mit der Grabmalreform werden die Grabmäler kleiner und einfacher, aber Noten oder Musikinstrumente findet man häufig bei musikalisch Gebildeten, den Liebhabern von Musik, den Laien- und Berufssängern. Ein Grabmal mit einem Horn steht im Außenbereich des Museums Ohlsdorfer Friedhof. Die "musikalischen" Grabsteine aus dieser Zeit zeigen am häufigsten Saitenin-strumente wie Lyra, Harfe, Geige und Cello, aber auch Blasinstrumente wie Flöte und vor allem das Horn, hin und wieder auch Noten. Mehrmals erkennt man darin den Anfang der Ode an die Freude. In der Tonleiter nach oben ansteigende Noten können auch einen klaren Siegesschrei ausdrücken, etwa "endlich da angekommen, kommt mir nach!" Der Psalm 150, 3-5 wird zweimal sehr deutlich dargestellt: "Lobet ihn mit Pauken und Reigen" ist bildlich auf einem expressionistischen Grabstein mit einem tanzenden Mädchen zu lesen (WULF, 1927, Grablage O 11), genauso wie "Lobet ihn mit Posaunen..." auf dem Grabmal RICHARDT (1936, Museumsanlage Bm/Bl 56) mit Horn und Posaune und der Inschrift "Ps. 150" in einem Medaillon. Die verwendeten Musiksymbole der letzten Jahre sind allerdings sehr vereinfacht dargestellt, z.B. nur ein Violinschlüssel (neuerdings auch auf dem islamischen Grabfeld zu sehen), künstlerisch ärmer und oft nur eingeritzt, dem Zeitgeist aber angepasst mit Gitarre, Saxophon oder sogar Schallplatte.

Einige Grabmäler sind wegen ihrer besonderen Thematik oder künstlerischen Ausgestaltung besonders zu nennen: Die Geschichte von Orpheus und Eurydike wird zum Beispiel mehrmals dargestellt. Es gibt die beiden Fassungen vom Bildhauer Arthur Bock, die erste von 1918 als Halbrelief auf dem Grabmal TROPLOWITZ (Grablage O 24), die zweite vollplastisch (SCHUMACHER/WULFF, 1920, Grablage P 8); weniger bekannt ist eine modernere Version als Halbrelief in Form eines flachen Medaillons (BERNSTEIN, undatiert, Grablage J 16). Das Grabmal KOESTER/GROOTHOFF von 1902 (Grablage S 26/T 26/T 27) zeigt eine Frauengestalt aus rötlichem Granit. Mit einem Stern im Haar und einer flachen Schale vor dem Körper tritt sie von einer Felsstufe herab. Auf dem Postament wird Brahms Requiem zitiert: "Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet". Auch das Grabmal STOLLEY (1913, Grablage X 24) ist geprägt vom deutschen Kulturgut: Vor einem schlichten, großen Kreuz auf einem Felsunterbau kniet eine Frau in mönchsartiger Kutte, die Elisabeth unter dem Kreuze aus der Oper Tannhäuser darstellt. Am Felsen ist zu lesen: "Was vergessen kehrt nicht wieder / aber ging es leuchtend nieder / leuchtet's lange noch zurück." Diese Frauenfigur ist Titelbild des aktuellen Friedhofsführers von Helmut Schoenfeld.

Vom Bildhauer Hans Dammann stammt das Grabmal BIEBER (1910, Grablage Y 24): Es zeigt vor einem großen Granitkreuz die Bronzeplastik eines Pilgers und neben ihm, angelehnt an eine Felswand, eine Leier mit zerrissener Saite. Der Münchner Bildhauer Hermann Obrist schuf 1908 für den Dirigenten und Sänger Julius STOCKHAUSEN (1826 - 1906) ein großes Jugendstilgrabmal (Grablage AD 20) mit zwei Allegorien: Die als Nonne gekleidete Figur links vertritt den kirchlichen Gesang, die Gestalt in volkstümlicher Tracht rechts das weltliche Lied. Die Wahl Stockhausens 1862 zum Dirigenten der Singakademie in Hamburg veranlasste den Mitbewerber Johannes Brahms seiner Heimatstadt den Rücken zu kehren und sich Wien zuzuwenden. Auf zwei bemerkenswerte Flöten- spieler sollte noch aufmerksam gemacht werden: Der ältere und bekanntere, 1936 von Ernst Barlach geschaffen, befindet sich auf dem Grabmal BRAMMER auf dem Öjendorfer Friedhof. Der zweite mit Panflöte und Schmetterling schmückt das eigene Grab des Bildhauers Ernst HANSSEN (1895 - 1989), er gestaltete 1958 in der Caffamacherreihe den bronzenen Gedenkstein für Johannes Brahms.

Grabmal Hanssen
Flötenspieler auf dem Grabmal des Bildhauers Ernst Hanssen (Foto: Behrens)

Ein Fundstück aus neuerer Zeit im Hamburger Raum, ein bronzener sitzender Esel als Organist mit fliegendem Vogel (BLUM, 2000, Waldfriedhof Wohldorf) ist vermutlich mit einer ähnlichen Schnitzerei aus Holz am Gestühl der Bürgermeisterkapelle der St. Marien Kirche in Lübeck (Ende 14. Jahrhundert) in Verbindung zu bringen.

Grabmal Blum
Grabmal Blum: Orgel spielender Esel auf dem Wohldorfer Waldfriedhof (Foto: Behrens)

Allerdings sitzt dort ein hölzerner Esel sichtbar bequemer an der Orgel, und statt davonzufliegen, hören drei Vögel anscheinend sehr vergnügt zu. Und wer weiß schon, dass sich eine berühmte Hamburger Grabplatte mit musizierendem Esel im Museum für Hamburgische Geschichte (im ersten Stock am Treppenhaus hinten rechts) befindet? Die Grabplatte des Ehepaars van dem Holte (um 1510) lag ursprünglich in der Hamburger Domkirche. Die über zwei Meter große und sehr gut erhaltene Kalksteinplatte mit einem Dudelsack blasenden Esel (zu dem Thema gibt es eine hanseatische Geschichte über die Frau Gesche von Holten mit dem Titel "Der Esel als Dudelsackpfeifer") wurde 1537 noch einmal verwendet. Die Platte lehnte dann an der Südwand des Domes und galt allen Handwerksburschen als Wahrzeichen, dessen Kenntnis als Nachweis für ihren Hamburgaufenthalt während der Wanderschaft akzeptiert wurde. Der musizierende Esel symbolisiert eine "verkehrte Welt" der närrischen Eseleien im Gegensatz zu der "wahren Welt", die sich in den Symbolen der vier Evangelisten in den Eckrosetten offenbart. Zwei Wappen dazu ergänzen die Ikonographie; ein nackter Mann, nur mit einem Korb bekleidet, erinnert an die Vergänglichkeit der Welt, ein Kranich hingegen bedeutet Wachsamkeit in Glaubensdingen.

Aufschlussreich nach diesen Betrachtungen über "Friedhof und Musik" wäre eine umgekehrte Untersuchung, wie in der Musik das Thema Friedhof oder Gräber behandelt und umgesetzt wird. Man denke dabei zum Beispiel an J. S. Bach und seine Matthäus-Passion, in der nach Christi Tod der Evangelist vom Vorhangriss und Erdbeben singt, "und die Gräber täten sich auf ...". Und an die vielen Requiems: Bei Mozart die Stelle "Tuba mirum": "Die Posaune wird mit wunderbarem Ton, die Gräber überall durchdringend, ..." Und ganz anders, bei Brahms in seinem Deutschen Requiem: "Denn es wird die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich ..." Oder die Umsetzung des gleichen Textes im dritten Teil vom Händels Messias mit der Bass-Arie "The trumpet shall sound, and the dead shall be raised incorruptible ..." Auch in der Opernwelt gäbe es etliche Werke zu nennen: Als erstes natürlich Mozarts "Don Giovanni" mit der berühmten Friedhofsszene am Beginn des zweiten Aktes als Don Giovanni und Leporello sich zwischen den Gräbern wiederfinden und die Statue des toten Komturs den Mund auftut und die Ruhe der heiligen Stätte verteidigt.

Ja, interessant wäre es - oder pure Eselei?

Quellen:

Lutz Mackensen, Hanseatische Sagen, 1928

Gisela Jaacks, Musikleben in Hamburg zur Barockzeit, Museum für Hamburgische Geschichte, Hamburger Porträt, Heft 8/78

Heimo Reinitzer, Asinus ad tibiam, Zur Ikonographie einer Hamburger Grabplatte, Friedrich Wittig Verlag, Hamburg, 1980

Der Hamburger Hauptfriedhof, Geschichte und Grabmäler, Band 1+2, Christians Verlag, Hamburg, 1990

Barbara Leisner; Helmut Schoenfeld, Der Ohlsdorf-Führer, Christians, Hamburg, 1993

Helmut Schoenfeld, Der Friedhof Ohlsdorf, Christians Verlag, Hamburg, 2000

Marcus Stäbler, Spuren am Jungfernstieg, Welche Freundschaft Tschaikowsky mit Hamburg verband, Hamburger Abendblatt, 30.04/1.5.2003, S. 1+7

www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/hamburg/dudelsackpfeifer.html

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