OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Von Obdachlosen und vergessenen Toten

 - November 2002
Ausgabe: 
Nr. 79, IV, 2002

Am 20.06.02 verabschiedeten sich ehrenamtliche Betreuer des Mitternachtsbusses würdevoll vom Obdachlosen Jens Joswig; kein einziger Familienangehöriger oder Leidensgenosse war auf dem Friedhof Öjendorf dabei.

Drei Monate später ist von der Informationsstelle des Friedhofs über diesen Menschen nichts weiter zu erfahren als die Lage, an der die Urne beigesetzt wurde. Südlich der italienischen Ehrenanlage ist die Stelle 203-03-142 leicht zu finden. Dort wächst jedoch nur junges Gras. Eine schlichte 20x40x8 cm große Gedenkplatte aus hellem Sandstein mit Namen und Lebensdaten - wie bei manchen der naheliegenden Nachbarn auf diesem Reihengräber-Feld - gibt es nur dann, wenn jemand sie beim Sozialamt beantragt hat und bereit ist, die Kosten zu übernehmen. Für den Stein allein liegen diese bei etwa 150 Euro. Immerhin ist hier eine Ruhezeit von 25 Jahren gewährleistet.

Das ist anders bei den "Clochards" in Paris, deren Zahl auf etwa 15.000 geschätzt wird und über die Gerd Kröncke in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung berichtete ("Rotweingottes verlorene Kinder", SZ vom 24.12.2001, S.2). Im Jahr zuvor waren 44 von ihnen tot auf der Strasse gefunden worden. "Früher war es selbstverständlich, dass ihre toten Körper der Forschung dienten und dass sie namenlos in einem Gemeinschaftsgrab unter die Erde gebracht wurden." Dies hat sich glücklicherweise inzwischen geändert, sie werden "unter ihrem Namen zu Grabe getragen und dürfen für die überschaubare Ewigkeit von fünf Jahren dort bleiben, bevor das Grab wieder umgepflügt wird." Und wo? Auf dem 120 Hektar großen kommunalen Friedhof von Thiais, der weit außerhalb der Stadt (Val-de-Marne) liegt und "gewiss der traurigste aller Pariser Friedhöfe" sein soll.

Auch in Hamburg gibt es im Osten der Hansestadt einen speziellen Ort für die von ihren Mitbürgern "vergessenen Toten" - das anonyme Rasenfeld am Schleemer Bach in der Nordost-Spitze des Friedhofs Öjendorf beim Grabfeld 318. In einem Bericht von Jens Meyer-Wellmann über Obdachlose gibt das Hamburger Abendblatt für die Großstadt Hamburg (HA vom 17.07.02, S.10: "Helfen ja - aber sparsamer") die folgenden Zahlen und Fakten an: 1200 Menschen, die ohne Obdach auf der Straße leben; rund 3000 wohnungslose Personen und 3700 wohnungsberechtigte Zuwanderer in städtischen Unterbringungen. Es liegt nahe zu glauben, dass die dort beerdigten Menschen hauptsächlich den ärmsten Randgruppen angehören; dies ist jedoch nicht immer der Fall.

Die Süddeutsche Zeitung hatte wiederum vor knapp zwei Jahren eine ganze "Seite Drei" (SZ vom 25./26.11.2000) diesem Thema gewidmet. Mit dem Titel "Requiem für Nummer 16098" machte deren Hamburger Korrespondent Reymer Klüver darauf aufmerksam, dass immer mehr Leichen unter die Erde kommen, ohne dass Angehörige Notiz davon nehmen. Er zitierte den Fall einer 97 Jahre alten Frau, die alle ihre Verwandten überlebt hatte, als sie "im gesegneten Alter" verstarb. Anderswo sind die Verhältnisse so zerrüttet, jeder Kontakt so verkümmert, dass manche Menschen schon über Jahre ohne Verbindungen gelebt haben, ehe sie sterben. Manchmal merkt man erst angesichts einer Leiche, dass kein Termin für eine Beisetzung, kein Beerdigungsschein, kein Totenschein vorliegen. Dann fängt die Suche an. Es kann acht bis zehn Wochen dauern, bevor alle Papiere zusammen sind. In der Hälfte der Fälle erreicht man Verwandte; und zwei Drittel davon lassen sich dazu bewegen, die letzte Ehre doch nicht zu verweigern. Oft heißt es aber auch: "Den kenne ich gar nicht" oder: "Entsorgen Sie den doch einfach." Die für diese schwierige Aufgabe zuständige Arbeitskraft musste in den letzten Jahren lernen "wie viel der Umgang mit den Toten über unser Leben verrät, über den Lebensstil einer Gesellschaft, die sich ans Wegwerfen gewöhnt hat und diese Übung selbst bei den letzten Dingen nicht ablegt."

Wenn jedoch überhaupt kein Verwandter mehr vorhanden ist, werden die sterblichen Überreste im Krematorium des Friedhofs Öjendorf verbrannt, so wie auch über die Hälfte der 19.000 im Jahr 1999 registrierten Hamburger Toten. Die sogenannten "herrenlosen Leichen" werden immer verbrannt, es ist einfach günstiger als eine Erdbestattung, und dies ist dann Sache der Umweltbehörde. In dieser Jahreszeit werden "Hamburgs vergessene Tote" besonders aktuell: So betont Sannah Koch (Hamburger Abendblatt vom 7.10.2002, S. 13), dass jeder 30. Sterbefall in Hamburg heute dazugehört. Die Sozialbestattung mit Bestatter, Aufbahrung, Trauerfeier und Grabstein - alles einfach, aber würdig - entfällt: Die jetzige Variante der Umweltbehörde ist etwa 1000 Euro billiger. "Beschämend", kommentiert in einem Leserbrief vom 9.10.2002 Rainer Jarchow, Pastor für Menschen mit HIV und Aids.

Ende der 80er Jahre lag nämlich die Zahl der sogenannten Zwangsbeisetzungen nach Paragraph 10 des Hamburger "Gesetzes über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen" noch bei fünf oder sechs Fällen jährlich. Im Jahre 1996 zählte man in Hamburg davon etwa hundert. Bis dahin wurden Sozialscheine an Freunde und Betreuer des Verstorenen gegeben; eine Änderung dieses Gesetzes hatte dann zur Folge, dass sich die Zahl ein Jahr später mehr als verdreifacht hatte. Die Tendenz ist seitdem auffallend steigend: 1998 waren es 376, 1999 schon 470, 2000 knapp 500 und 2001 rund 630.

pastor probst
Pastor Jürgen Probst (Foto: Behrens)

Etwa alle zwei Wochen fährt Pastor Jürgen Probst oder einer seiner Kollegen gegen Mittag nach Öjendorf, um dort im Feierraum Nord die im Durchschnitt 10 bis 20 Urnen dieser von unserer Gesellschaft vergessenen Menschen auszusegnen. Am 25.09.02 wohnte ich einer solchen Aussegnung mit elf Urnen bei - allein mit dem Pastor und einem Friedhofsmitarbeiter. Von den einzelnen Schicksalen weiß man nur die Lebensdaten und die Namen, die vorgelesen werden; die am nächsten Tag beerdigten elf Menschen waren zwischen knapp 20 und 100 Jahre alt geworden. Bedrückend auch ein Besuch des Urnenfeldes 318/03 in Öjendorf: Dort sieht man angehäufelte Löcher, wenn die Aschebehälter gerade frisch knietief versenkt worden sind; auf den älteren Reihen wächst schon wieder der Rasen, das Feld wirkt friedlich, nur - die maulwurfhügel-ähnlichen Häufchen sind einfach zu regelmäßig verteilt (Abbildung auf den Umschlagseiten).

Das Großhamburger Bestattungsinstitut GBI bemüht sich ebenfalls um die "Vergessenen Toten" der Hansestadt und will demnächst diesen Hamburger Bürgerinnen und Bürgern eine Gedenkstätte in Öjendorf errichten, um sie vor dem Vergessen zu bewahren:
"Auf einer unscheinbaren Wiese liegt die letzte Ruhestätte für Hamburgs 'Vergessene Tote'. Verstorbene, um die sich kein Angehöriger mehr kümmert, für die keine Angehörigen mehr aufzufinden sind. Vergessene alte Menschen aus Pflegeheimen, Obdachlose, Drogentote werden hier durch die Umweltbehörde zwangsbeigesetzt. Ohne Stein - ohne Blumen - ohne Abschiedsfeier - ohne Gebet." Für den Ankauf einer Grabstätte und das Aufstellen der von der Hamburger Bildhauerin und Künstlerin Ricarda Wyrwol geschaffenen Skulptur "Die Beweinung" bittet das GBI um die Unterstützung von Mitbürgern.

Diese Bronzeplastik von 1994, die Trauernde vor einem liegenden Körper darstellt, war übrigens eine von zehn Entwürfen für den Grabmalwettbewerb des Vereins Memento e.V. für Aidsopfer, als vor vier Jahren eine zweite gemeinsame Grabstätte nötig wurde. Sie war schon auf dem Titelbild unserer Zeitschrift Ohlsdorf Nr. 63, IV/98, mit dem Thema "Trauer und Gedächtnis" zu sehen. Auch die Beiträge dieser Nummer widmeten sich diesem Thema - jener Barbara Leisners wie auch "Trauer(Un)Kultur in Deutschland" von Klaus Behner oder "Leidenschaftliches Plädoyer für eine würdige Totenpflege" von Cordula Caspary, Kulturwissenschaftlerin aus Bremen. Sie schrieb:

"In dem geschilderten Umgang mit verstorbenen Menschen spiegelt sich ein Menschenbild wider, das in unserer Gesellschaft vorherrscht. Menschen werden vor allem daran gemessen, was sie für 'die Gesellschaft' leisten können. Deshalb wird allen, die 'nichts bringen' die gesellschaftliche Fürsorge auf ein Minimum reduziert: Den Alten, den 'unheilbar' Kranken, den Infizierten, den Obdachlosen, den Drogensüchtigen - den Verstorbenen."

Über diesen üblen Zustand wollen Geistliche und Kirche nicht einfach Gras wachsen lassen, und so ist jeder Schritt gegen diesen Trend erfreulich. In der katholischen Gemeinde St. Joseph in Wandsbek, wie die Extra-Beilage vom Hamburger Abendblatt "Die Kirchen" berichtet (Sept.-Nov. 2002, S. 4), wird eine alte Tradition wieder belebt: Wie früher im Mittelalter, besonders bei armen Menschen, kümmern sich Männer und Frauen in einer Bruderschaft um würdige Beerdigungen.

Und seit Jahren engagiert sich Pastor Jürgen Probst - Seelsorger in Hamburger Pflegeheimen und Beauftragter für Heimseelsorge im Kirchenkreis Stormarn - sowohl für eine bessere Abschiedskultur als auch für eine würdige Sterbebegleitung in Pflegezentren im Hamburger Osten. Damit sind nicht nur Altersheime gemeint, sondern auch Suchtkrankenheime und Heime für Menschen mit Behinderungen. In der Öffentlichkeit versucht er gegen den Trend und für eine öffentliche Wahrnehmung der Situation zu handeln. "Eine lebensnotwendige Aufgabe", sagt er. "Pflegeheime sind - gern verdrängte - Krisengebiete menschlicher Not." Wer weiß sonst schon, dass 20 % der Bevölkerung über 65 Jahre in Heimen sterben?

Ein Artikel mit dem lapidaren Titel: "Wider eine unwürdige Bestattungspraxis: Entsorgung - Nein danke!" hatte Pastor Probst im November 2000, wie oben erwähnt, in die "Süddeutsche Zeitung" gebracht. Auch die letzte Meldung gibt etwas Hoffnung und Ermutigung: Ein Bericht über die Situation der Pflegeheime hat jetzt dazu beigetragen, dass die Kirchenkreissynode des Kirchenkreises Stormarn eine weitgehende Förderung der Heimseelsorge beschlossen hat, und zwar politisch, theologisch und praktisch.

Dies sei uns allen ein Ansporn für unsere gesellschaftliche Verantwortung, für mehr Menschlichkeit und immer mehr persönliches Engagement gegen Einsamkeit und Vergessen - wenn möglich noch rechtzeitig im Leben.

Nachtrag:

In Verbindung mit den früheren anatomischen Forschungen über "Clochards" in Paris und dem Schicksal anderer herrenloser Leichen sei hier auf die Leichenschau "Körperwelten" hingewiesen, die - gegenwärtig in London und Seoul - in sechs Ländern in Europa, Südkorea und Japan mehr als neun Millionen Menschen angezogen hat. Sein Erschaffer, der deutsche Anatom Gunther von Hagens, der 1977 in Heidelberg die Technik der gesteuerten Verwesung und Plastination entwickelte, sucht in der Ferne, was ihm in Deutschland versagt blieb: In Zentralasien findet er nicht nur Ehre und wissenschaftliche Anerkennung, sondern auch - wie beispielweise in Kirgisien - billige Arbeitskräfte ... und verfügbare Leichen. Wie Jörg Blech Ende September berichtet ("Der Spiegel" 39/2002, S. 190 - 193), hat Hagens bisher mehr als 60 Körper mit dem von ihm perfektionierten Verfahren der Plastination für die Ewigkeit erhalten. Herrenlose Leichen aus Kirgisien und Sibirien: "10 000 sollen es werden - Leichenpräparate vom Fließband." Mehr als 5000 Besucher sollen dem Anatom nach dem Tod ihren Leib vermachen wollen. "Doch dient die Totenschau tatsächlich 'der Demokratisierung der Anatomie und der Gesundheitsaufklärung', wie ihr Schöpfer glauben machen will? Oder stellt sie in Wahrheit einen 'illegalen Friedhof' dar, wie ihm manche vorwerfen?" Dies aber ist ein anderes Thema...

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