OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der "Campo Santo Teutonico" in Rom

 - Februar 2001
Ausgabe: 
Nr. 72, I, 2001

Rom war immer das Ziel christlicher Pilger, besitzt diese Stadt doch mit den Grabstätten der Apostel Petrus und Paul fast so bedeutsame heilige Stätten des Glaubens wie das Heilige Land selbst.

Aber auch andere Besucher - Kunstliebhaber, Touristen, Studenten - suchten und suchen immer noch in Scharen die heilige Stadt auf. Auch unzählige Deutsche haben sich auf den Weg über die Alpen gemacht, um in das milde Klima Italiens zu kommen. Aber die Reise durch und über die hohen Berge war lange Zeit ein äußerst gefährliches und mühsames Unternehmen. Zu Fuß, zu Pferd, auf Mauleseln oder sogar in der Sänfte führte der Weg durch schroffe Täler und über unwirtliche Pässe. So nimmt es nicht Wunder, dass manch ein Wanderer in der Fremde blieb und nicht wieder in die Heimat zurückkehrte: Sei es, dass die heilige Stadt ihn zum Bleiben einlud; sei es, dass er von den Anstrengungen der Reise geschwächt in der heiligen Stadt den Tod fand. Schon zu Zeiten Kaiser Karl des Großen wurde für jene unbemittelten Pilger aus dem fränkischen Reich, die in Rom erkrankten, eine eigene Einrichtung geschaffen, wo sie ernährt und gepflegt wurden, und wo man die Toten begrub. Diese "schola francorum" besaß auf dem Gelände direkt neben der damaligen Peterskirche ihre eigene Kirche und ein Hospiz.

Selbstverständlich wurden die Toten in und um die Kirche herum beigesetzt. Die ganze Anlage befand sich auf einem Teil jenes römischen Circus, in dem unzählige Christen unter Kaiser Nero den Märtyrertod erlitten hatten. So galt die geweihte Erde, in die man die Toten senkte, als besonders heilig. Zeitweise wurde sogar behauptet, dass die Heilige Helena Erde vom Kalvarienberg hierher gebracht hatte. Wahrscheinlicher ist, dass der Vatikan in späteren Zeiten, als Pisa für seinen Friedhof Erdreich aus Jerusalem erhielt, ebenfalls solche heilige Erde eingeführt hat. Auf jeden Fall galt der Boden des Friedhofes seit dem fünfzehnten Jahrhundert als so heilig, dass sich viele Orte zur besonderen Weihe neueingerichteter Begräbnisplätze etwas Erde von diesem Platz erbaten und sie auch mit päpstlicher Erlaubnis erhielten.

Die Gründung Karls des Großen stand von Anfang an unter der kirchlichen Autorität von St. Peter. So kam kam die "schola francorum", als das karolingische Reich auseinander fiel, ganz unter die Oberhoheit der Basilika. Die ursprüngliche Intention der Einrichtung blieb dabei erhalten: Weiterhin erhielten Pilgern und Arme deutscher Zunge hier eine Herberge im Leben und im Tode. Erst als der heilige Bezirk um St. Peter im 14. Jahrhundert immer mehr verfiel, weil die Päpste in Avignon residierten und das Schisma die Kirche spaltete, gingen auch die kirchlichen Gründungen unter. Doch es gab die ganze Zeit über eine einflussreiche deutsche Kolonie in der Stadt, so dass nach der Rückkehr der Päpste an derselben Stelle bald wieder neues Leben erwuchs. Das Hospiz und der Friedhof Karls des Großen war niemals ganz in Vergessenheit geraten. So umgab man Anfang des 15. Jahrhunderts den inzwischen vergrößerten deutschen Begräbnisplatz neben der Peterskirche mit einer Mauer und errichtete ein Wächterhaus.

Einige Jahrzehnte später - wahrscheinlich kurz nach der schweren Pestepidemie von 1448 - wurde unter der Führung des damaligen deutschen Beichtvaters von St. Peter, Johannes Golderer, eine Armen-Seelen-Bruderschaft gegründet, die wie so viele ähnliche Bruderschaften im deutschen Sprachraum die Aufgabe erhielt, für ein ordentliches Begräbnis armer Landsleute ebenso wie für die für das Seelenheil unerlässlichen Gebete und Messen zu sorgen. Diese Bruderschaft, die 1579 zur Erzbruderschaft erhoben wurde und heute noch besteht, erbaute eine neue Kirche und daneben ein Hospiz für die deutschen Pilger. Sie entwickelte auch den Campo Santo zu einer nationalen Institution. Noch heute trifft man sich bei besonderen religiösen Anlässen in den traditionellen mittelalterlichen schwarzen Kutten mit Kapuzen. Diese Gemeinschaft - es war die erste deutsche Nationalstiftung in Rom – ist immer noch Eigentümerin und Sachwalterin des Campo Santo, auf dem bis in die Gegenwart Pilger und Ansässige des deutschen Sprachraumes das Recht haben begraben zu werden.

Während des folgenden 17. und 18. Jahrhunderts nahm die deutsche Bevölkerung Roms ständig ab, so dass der Campo Santo und die Bruderschaft mehr und mehr vernachlässigt wurden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam es am "Campo Santo Teutonico" zur Neugründung eines Institutes für archäologische Studien und die Erforschung der Kirchengeschichte. Seit 1888 unterhält die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft (GG) das Historische Institut – Campo Santo Teutonico - in Rom. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde die Kirche wiederhergestellt und mit farbigen Glasfenstern ausgeschmückt, sowie das angrenzende Gebäude stark vergrößert. Heute besitzt man dort eine große Bücherei, sowie ein Museum mit Sammlungen zur christlichen Antike und zu der modernen Kirchengeschichte und gibt wissenschaftliche Schriften heraus.

Das "Heilige Feld" selbst, also der Begräbnisplatz, wurde in der Zwischenzeit in eine nationale Stiftung für Katholiken aus Deutschland und Österreich umgewandelt. Ihr weltliches Oberhaupt ist der österreichische Staatspräsident; ein Kardinal der Kurie übt das geistliche Protektorat aus. In Verbindung mit den Erzbischöfen von Salzburg, München und Köln hat dieser Kardinal das Recht den Rektor der Stiftung zu ernennen. Der Friedhof wurde damit zu einer staatsrechtlichen Rarität: Seit dem Lateranvertrag von 1929 gilt er als exterritorial, ist also kein Teil des vatikanischen Staatsgebietes, kann aber trotzdem nur vom Vatikan aus betreten werden. Aufgrund dieses besonderen Status ist er rechtlich mit dem Gelände einer Botschaft vergleichbar, so dass während der deutschen Besetzung Italiens 1943/44 Mussolini-Gegner und Juden dort eine sichere Zuflucht finden konnten.

Heute liegt der deutsche Friedhof an der Nordwestecke des Petersdomes hinter dem linken Halbrund der Arkaden des Petersplatzes. Der Zugang wird von den prächtig gekleideten Schweizer Gardisten bewacht. Doch jedem Besucher, der hier die Worte "Campo Santo teutonico" ausspricht, wird problemlos die Schranke geöffnet, so dass man mit wenigen Schritte durch die Arkaden hindurch zu dem Tor der hohen Friedhofsmauer hinübergehen kann, über dem ein Majolikabild mit Kaiser Karl angebracht ist, der ein Kirchenmodell in den Händen hält. Die Inschrift darunter weist auf die Jahrhunderte lange Tradition dieses besonderen Ortes hin: "Carolus Magnus me fundavit" - "Karl der Große hat mich gegründet". Nach der Hektik, die ständig auf dem Petersplatz und im Dom herrscht, betritt man durch dieses Tor eine Oase der Stille und des Friedens. Frisches Grün, Kieswege, blumengeschmückte Grabstätten, sowie hohe Zypressen und Palmen bestimmen den ersten Eindruck. Die Fläche dieses beschaulichen Totengartens ist nicht allzu groß und wird von einem Wegekreuz durchschnitten. Die Grabstätten liegen deutlich höher, als die Wege, so dass man ein wenig zu den rechtwinkeligen Grabfeldern hinaufsteigen muss. An zwei Seiten wird der quadratische Raum von der hohen Friedhofsmauer, an den beiden anderen von Akarden begrenzt. Entlang der Mauer sind Kreuzwegstationen mit großen farbigen Kachelbildern angebracht. Darüber ragt im Hintergrund die Kuppel des Petersdomes auf.

Natürlich haben im Laufe der Jahrhunderte besonders geistliche Würdenträger und Aristokraten auf diesem Friedhof ihre ewige Ruhe gefunden. Aber es sind auch Künstler, Kaufleute und einfache Pilger beerdigt worden. Bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts gab es neben den Einzelgräbern die üblichen Massengräber und die Bestattung erfolgte ohne Sarg. Die Liegezeit betrug in der Regel nur acht bis zehn Jahre. Wie überall wurden nach Ablauf der Ruhezeit auch hier die Gebeine in einem Beinhaus gesammelt aufbewahrt. Später beerdigte man in einfachen Holzsärge. Ab 1924 wurden dann gemauerte Grüfte obligatorisch. Bevorzugte Grabanlagen waren wie sonst auch der Bereich vor dem Kircheneingang, entlang der Friedhofsmauer und um das Kreuz im Zentrum. Nur in diesen Zonen gab es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Familien- und Erbbegräbnisse, die mit Grabplatten und Denkmälern versehen wurden.

Heute ist der Friedhof dicht mit Grabsteinen besetzt, die viele bekannte Namen tragen, neben den Geistlichen, findet man die Namen von Künstlern, wie Koch, Achtermann, von Rhoden, Ahlborn und den Maler Friedrich Overbeck. Daneben gibt es die Gräber von hochgeborenen Adeligen, wie das der Königin-Mutter Carlotta von Dänemark oder der Prinzessin Caroline Sayn-Wittgenstein, die seit 1849 als Lebensgefährtin von Franz Liszt großen Einfluss auf sein musikalisches Schaffen hatte. An einer Arkadenwand ist die Porträtbüste des 1954 verstorbenen Archäologen Ludwig Curtius eingelassen und auch das schlichte Grabmal des Schriftstellers Stefan Andres, der lange Jahre in Italien lebte und 1970 hier bestattet wurde, befindet sich mitten in einem der Grabfelder.

Wendet man sich nach einem Rundgang wieder dem Ausgang zu, so ist über dem Tor die Inschrift "Teutones In Pacem" zu lesen. Und tatsächlich scheint hier ein Stückchen Frieden mitten im Trubel einer heutigen Großstadt über die Jahrhunderte hinüber gerettet worden zu sein, so geruhsam und schön liegt diese "letzte Heimat" der Fremden mit deutscher Zunge im Schatten der Peterskuppel.

Literatur:

Grass, N.: Camposanto-Teutonico-Privilegien für Österreich. Ein Beitrag zur Sakralkultur im Zeitalter Kaiser Maximilians I. In: Domus Austriae - Festgabe für Hermann Wiesflecker zum 70.Geburtstag. Graz 1983, S.137-158.

Hildebrand, Gustav: Deutsche Toteninsel am Rand der Vatikanstadt. In: Mittelbayerische Zeitung, 26./27. März 1994

Waal, Anton de. Campo Santo de' Tedeschi. In: The Catholic Encyclopedia, Volume III, 1908

Heft-Rubrik: 

Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.
Fuhlsbüttler Strasse 756, 22337 Hamburg
Telefon: 040 / 50 05 33 87 | E-Mail: info@fof-ohlsdorf.de
Werden Sie Mitglied oder unterstützen Sie uns durch eine Spende.

© Stero Webservice www.stero.de