OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Über einige neue Trends europäischer Bestattungskultur

 - November 2000
Ausgabe: 
Nr. 71, IV, 2000

Der Tod, so scheint es zu Beginn des neuen Jahrtausends, wird allmählich wieder zu einem öffentlichen Ereignis.

Dies wurde im europäischen Maßstab – so befremdlich es zunächst klingen mag - vielleicht durch nichts deutlicher als durch die medienwirksam inszenierte Trauer um die tödlich verunglückte Prinzessin Diana im Herbst 1997, also vor zweieinhalb Jahren. Damals hatte jene emotionale Leere, die aus der herrschenden Routine im Umgang mit dem Tod resultierte, eine Kompensation gefunden. Das Maß an Aufmerksamkeit, daß diesem Todesfall gewidmet wurde, zeigt, daß es nur eines Ventils bedurfte, um den in der allgemeinen Bestattungsroutine fast erstickten Gefühlen neuen Ausdruck zu verleihen. So sollten wir den Kult um den Tod der Prinzessin, auch wenn er uns manchmal "kitschig" erschien, vor allem als Hinweis auf ein Bedürfnis nach offener, vorzeigbarer Trauer verstehen. Dieses Bedürfnis sucht sich neuerdings immer häufiger seinen individuellen Ausdruck - wir wir sehen werden, eher in einigen unserer europäischen Nachbarländer als in Deutschland.

Ein immer wieder zitiertes Musterbeispiel bieten die Niederlande, die in den letzten Jahren bekannt wurden für ihre innovative Bestattungskultur. Der zunächst wichtigste Unterschied zu Deutschland liegt darin, daß Friedhöfe und Krematorien sowohl kommunal als auch privatwirtschaftlich betrieben werden. Im übrigen ist der Anteil der Kremationen mit 50% sehr hoch. Die Krematorien – gleichviel, ob privat oder kommunal – offerieren ein wesentlich breiteres Dienstleistungsangebot als hierzulande: Wer will, kann die Trauerfeier von Bongo-Trommeln oder Multimedia-Technik, lauter Rock- oder leiser Harfenmusik, aber auch von einer Laser-Show begleiten lassen. Zur Beisetzung stehen sowohl Urnenhaine und Kolumbarien als auch ansprechend gestaltete Aschenstreuwiesen bereit - oder man nimmt die Asche mit nach Hause (übrigens kann die Aschenausstreuung auch als ”Luftbestattung” per Flugzeug über dem Meer ausgeführt werden). Auch Halsketten sind im Angebot, in deren Herzchen, Kugeln und Kreuzen sich Asche einfüllen läßt. Die stark kundenorientierten, sich als Dienstleister verstehenden Krematorien offerieren darüber hinaus spezielle Empfangs- und Kondolenzräume, Aulen und Kapellen für Trauerfeierlichkeiten, Musikberatung und Musikervermittlung. Mit der sogenannten "koffiekamer" gibt es eigene Räume für den Leichenschmaus, der – auch dies ist aufschlußreich und für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich - in der Regel während der Einäscherung stattfindet. Ansonsten kann man auch der Einäscherung direkt beiwohnen. Die Bestattungszeiten werden flexibler als in Deutschland gehandhabt, beispielsweise sind Samstagsbestattungen durchaus möglich. Viele Friedhöfe bieten eine Videoaufzeichnung der Trauerfeier an.

Auch die niederländische Grabmalkultur ist vielfältiger als die deutsche, weil die Phantasie nicht von rigiden Reglements erstickt wird. Es gibt zahlreiche Varianten der halbanonymen Beisetzung. Bekannt wurde der Gemeinschaftsbegräbnisplatz für die Fans des Fußballvereines Ajax Amsterdam. Rasensoden des alten Ajax-Stadions wurden ausgestochen und auf dem Amsterdamer Friedhof Westgaarde zu einer Aschenstreuwiese neu zusammengelegt - die an der Bande befestigten Namenstafeln haben konsequenterweise die Form eines Fußballs. Niederländische Kindergräber wirken in ihrer Verspielheit und Objektfreudigkeit oft wie kleine Spielzimmer.

Auch in Skandinavien sind die Friedhöfe vom hohen Anteil an Feuerbestattungen bzw. anonymen Bestattungen geprägt. Viele großstädtische Friedhöfe zeigen weite, von Grabmälern freie Rasenflächen. Dies gilt nicht zuletzt für Dänemark - obwohl das Bestattungswesen zum größten Teil in Händen der Kirche liegt. Rund 70% aller Toten werden in unserem nördlichen Nachbarland eingeäschert. Entsprechend spielen die Krematorien – zwei Drittel von ihnen werden von der Kirche betrieben - und Urnenfriedhöfe eine noch größere Rolle als bei uns. Das Friedhofswesen ist liberaler, das heißt: viel weniger von Reglementierungen geprägt. Weil zudem die Grabsteine im Vergleich zu Deutschland recht preiswert sind, werden häufig individuell kreierte Steine aufgestellt. Ein weiterer Unterschied: Aschenkapseln sind keine Pflicht, daher gibt es mehr Spielraum zur Gestaltung der Urnen. Nicht selten werden die Urnen von Hinterbliebenen selbst bemalt.

In der Schweiz hat die Idee der Naturbestattung neue Formen angenommen. Im vergangenen Jahr ist der erste sogenannte "Friedwald" eingerichtet worden, genauer gesagt: in Mammern im Kanton Thurgau (ein zweiter befindet sich im Seebachtal, weitere sieben sind in Vorbereitung). Rein äußerlich ist von einem Bestattungsplatz wenig zu erkennen. Die Idee dieses von einem Verein betriebenen "Friedwaldes" liegt darin, die Aschenbestattung mit landschaftlich schöner Umgebung, vor allem aber mit Bäumen zu verbinden (in der Schweiz kann die Asche nämlich an jedem beliebigen Ort beigesetzt werden). Die menschlichen Überreste werden mittels einer Röhre in einen bestimmten, zuvor käuflich erworbenen und dann im "Friedwald" gepflanzten Baum eingelassen. Kleine Hinweistäfelchen an den Bäumen sind vorgesehen. Eine andere Form der "Naturbestattung" wird auf der Alp Spielmannda (Freiburgerland) praktiziert. Diese Alp wird von einem Verein als "Natur- und Grabstätte" geschützt. Die Asche wird ohne Urne im Mittelteil der Alp, der von Alpenrosenbüschen bewachsen ist, ohne Erinnerungszeichen beigesetzt und anschließend der Natur überlassen.

Teilweise ganz ähnliche Ziele verfolgt das 1991 in Großbritannien gegründete Natural Death Centre. Es fördert die Einrichtung sogenannter Nature Reserve Burial Grounds (Naturfriedhöfe). Auf diesen "grünen" Begräbnisplätzen, die ebensowenig wie das Schweizer Beispiel mit den in Deutschland bekannten Waldfriedhöfen zu verwechseln sind, kommt ein Baum statt eines Grabsteins auf jede Ruhestätte. Kein Bestattungsmonopol behindert hier, wie in Deutschland, solche Aktivitäten. Im übrigen unterstützt das Natural Death Centre häusliches Sterben ebenso wie selbstorganisierte Bestattungen. Der Öffentlichkeitsarbeit dient der jährliche English Day of Dead, der jeweils am zweiten Sonntag in April veranstaltet wird. Zu den Schwerpunktthemen gehörten in den 90er Jahren unter anderem "Kunst und Musik" sowie "Bestattungsrituale". Übrigens ist auch in Großbritannien das private Verstreuen der Asche möglich - wo immer man möchte.

Auch in Deutschland wird das Bedürfnis nach Veränderung im Bestattungswesen immer stärker. Wie eine Umfrage aus dem Jahr 1998 zeigt, wünscht rund ein Viertel der Bevölkerung, daß man die Grabstätte nach eigenen Wünschen gestalten kann – frei von den auf deutschen Friedhöfen allgemein üblichen strengen Gestaltungsvorschriften. Viele möchten auch die Asche von Verstorbenen mit nach Hause nehmen können. Dies wird derzeit noch durch die Bestattungsvorschriften verhindert. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die teilweise bereits begonnene oder demnächst jedenfalls zu erwartende Liberalisierung der Friedhofs- und Grabmalvorschriften hier neue Freiräume und Alternativen schafft. Die im vergangenen Jahr publizierte Doktorarbeit des Juristen Tade M.Spranger hat ja gezeigt, daß die in Deutschland so strengen Gestaltungsvorschriften auf Friedhöfen rein rechtlich kaum zu halten sind, weil sie die Persönlichkeitsrechte einschränken.

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