OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Museumsbereiche auf dem Friedhof Nienstedten

 - August 2000
Ausgabe: 
Nr. 70, III, 2000

Der vorliegende Text ist eine Zusammenfassung des 1999 erschienenen Faltblatts "Die Museumsbereiche auf dem Friedhof Nienstedten" aus der Reihe "Denkmalpflege Hamburg extra". (Kostenlos erhältlich im Denkmalschutzamt Hamburg oder in der Verwaltung des Friedhofs Nienstedten).

Das Problem der Erhaltung von historisch wertvollen Grabmalen

Der Grabstätten- und Grabmalbestand auf Friedhöfen ist traditionsgemäß einer gewissen Fluktuation unterworfen (Wiederbelegung von Gräbern, Abräumung alter und Aufstellung neuer Grabmale). Darüber hinaus haben der gesellschaftliche Wandlungsprozess der letzten Jahrzehnte und eine damit zusammenhängende, veränderte Einstellung zum Tod starke Auswirkungen auf das heutige Erscheinungsbild der Friedhöfe. Besonders hat die Unterhaltung alter Familiengräber an Bedeutung verloren. Verstärkt werden wertvolle historische Grabmale abgeräumt und zerstört. Außerdem ist der Trend zu anonymen, grabsteinlosen Bestattungen ungebrochen. Möglicherweise wird die herkömmliche Grabmalkunst in absehbarer Zeit als eine sterbende Kultur zu bezeichnen sein.

Umso wichtiger ist es, den jetzt noch vorhandenen Grabmalbestand – stärker als bisher – zu dokumentieren und zu erforschen sowie geeignete Erhaltensmaßnahmen einzuleiten.

Auf kleineren Friedhöfen, deren Leiter einer Erhaltung von wertvollen Grabmalen positiv gegenüberstehen – leider eher die Ausnahme -, ist aus ökonomischen Gründen der Erhalt einer größeren Anzahl von historisch bedeutenden Grabstätten mitsamt der entsprechenden Grabmale meist nicht realisierbar, da dies den Platz für Bestattungen verringert. Deshalb empfiehlt sich hier eine Doppelstrategie: Erhaltung von wenigen ausgesuchten Gräbern und zugleich die Anlage von Museumsbereichen, in denen wertvolle Grabsteine neu aufgestellt und dadurch vor der Zerstörung bewahrt werden. Wünschenswert ist aber in jedem Fall die genaue Erfassung des heutigen Grabmalbestandes vor den beschriebenen Maßnahmen, um eine gewisse Systematik der Erhaltensmaßnahmen zu erreichen. Ein Beispiel eines kleineren Friedhofs, auf dem dies alles vorbildhaft praktiziert wurde, ist der Friedhof Nienstedten im Westen Hamburgs, der hier mit seinen Museumsbereichen vorgestellt werden soll.

Ein Friedhof für Dorfbewohner und Großbürger

Der 1814 gegründete Friedhof Nienstedten ist einer der ältesten noch betriebenen Friedhöfe Hamburgs. Ursprünglich für die Dörfer Nienstedten und Blankenese nebst umliegenden Ortschaften geplant, wies er in den ersten Jahren einen vorwiegend dörflichen Charakter auf.

Bald wurde der Friedhof zunehmend auch von Familien des hanseatischen Großbürgertums und wohlhabenden Altonärn bevorzugt, die Parkanlagen mit Land- und Sommerhäusern am Elbufer unterhielten; auf den Grabsteinen sind zahlreiche Namen zu finden, die aus der Geschichte beider Städte geläufig sind. Der Friedhof stellt eine bemerkenswerte Verbindung eines Dorffriedhofs mit einem Bestattungsort für städtische Oberschichtfamilien dar.

Noch heute findet sich auf dem Friedhof eine ungewöhnlich hohe Anzahl kunst- und kulturhistorisch bedeutender Grabmale aus zwei Jahrhunderten. Dazu zählen - unter vielen anderen Grabsteintypen - einfache Sandsteinstelen aus dem frühen 19. Jahrhundert ebenso wie größere Grüfte oder aufwendige Grabbauten der wilhelminischen Zeit.

Wie allgemein üblich, werden auch auf dem Friedhof Nienstedten Grabmale von Grabstätten abgeräumt, die von ihren Besitzern aufgegeben wurden. Besonders seit den 60er-Jahren wurde dadurch der historische Bestand an Grabsteinen zunehmend gefährdet.

Museumsbereiche und "Historische Gräber"

Die für den Friedhof Nienstedten Verantwortlichen ergriffen rechtzeitig entsprechende Gegenmaßnahmen. In den 70er-Jahren wurden einige historische Grabsteine von aufgegebenen Grabstätten vor der Zerstörung bewahrt: Man stellte sie in einem eigens hierfür eingerichteten Museumsbereich neu auf. Außerdem beschloß der Kirchenvorstand Nienstedten, die Grabtätten bedeutender Personen als "Historische Gräber" unverändert zu erhalten. Die Auswahl dieser Grabstätten muß - notgedrungen - beschränkt bleiben, da jedes "Historische Grab" den Platz für Bestattungen verringert. Die einzige Möglichkeit zur Rettung einer größeren Anzahl erhaltenswerter Grabmale war die Anlage weiterer Museumsbereiche.

Seit Anfang der 80er-Jahre beteiligte sich das Denkmalschutzamt Hamburg an der Einrichtung und Gestaltung mehrerer neür Museumsbereiche und übernahm deren museumsdidaktische Vermittlung. Nach folgenden Auswahlkriterien wurden Grabmale für die Aufstellung in den Museumsbereichen ausgesucht:

1) allgemeine historische oder stadt- und dorfgeschichtliche Bedeutung

2) kunsthistorische Bedeutung

3) Bedeutung als typischer Vetreter einer der historischen Epochen der Grabmalkultur

Für die Anlage der Museumsbereiche wurden ehemalige Grabstätten verwendet. In zwei Fällen konnte das jeweilige Hauptgrabmal an seinem ursprünglichen Standort belassen und in die Einrichtung einbezogen werden.

Bis heute sind sieben Museumsbereiche mit insgesamt rund 90 historischen Grabsteinen außchließlich des Friedhofs Nienstedten angelegt worden. Sie stammen vorwiegend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Im neusten Museumsbereich wird auch das mittlere und späte 20. Jahrhundert vertreten sein.

Museumsdidaktik

An sämtlichen Eingängen des Friedhofs weisen Schilder auf die Museumsbereiche hin. Weitere Schilder bieten auf den einzelnen Bereichen kurze Informationen sowohl über einzelne Grabmale und ihre ehemaligen Besitzer als auch allgemein über Stil und Typologie der einzelnen Epochen der Grabmalkunst.

Ausführlichere Informationen über die Museumsbereiche und die dort aufgestellten Grabmale sowie über die Geschichte des Friedhofs sind zwei kleinen Broschüren zu entnehmen, die in der Friedhofsverwaltung erhätlich sind. Der Friedhof bietet durch die museumsdidaktische Präsentation der Grabmale auf den Museumsbereichen die Möglichkeit, einen informativen Überblick über die Geschichte der Grabmalkunst zweier Jahrhunderte zu gewinnen.

Nienstedten sollte Vorbild sein

Viele Bereiche der Grabmalkunst auf den Hamburger Friedhöfen sind bislang unzureichend dokumentiert und erforscht. Deshalb ist zu hoffen, daß auch andere Friedhöfe dem Beispiel Nienstedten folgen werden und zumindest Maßnahmen zur Erhaltung wertvoller historischer Grabmale ergreifen werden.

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