OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Waldis letzte Reise

 - Februar 2005
Ausgabe: 
Nr. 88, I, 2005

Das Gesetz erlaubt zwar die Bestattung von Haustieren im Garten, wer aber nicht aufpasst, kann im Falle eines tierischen Trauerfalles dennoch mit einigen Gesetzen in Konflikt kommen.

Jedenfalls war das so im Falle von Pastor Bartels1, von dem der Verfasser aus zuverlässiger Quelle erfahren hat. Pastor Bartels war Witwer, hochbetagt und weißhaarig. Er lebte in einer Mietwohnung in Braunschweig zusammen mit seiner langjährigen Haushälterin Julchen und Drahthaarterrier Waldi, bis zu dem Tag, an dem letzterer verstarb und eine Reihe von Verwicklungen auslöste. Pastor Bartels hatte eine gute Pension, aber er war auch ein sparsamer Mann. Wenn er jetzt seinen Tierarzt oder das städtische Veterinäramt um Entsorgung von Waldis Körper bäte oder gar ein Grab auf dem städtischen Tierfriedhof pachtete, das würde kosten, Gebühren, die man doch vermeiden könnte, wenn man einen eigenen Garten hätte.

Grab im Garten
Grab der Hündin Cora im Garten (Foto: Korn)

Pastor Bartels hatte, wie gesagt, eine Mietwohnung in der Stadt, aber keinen eigenen Garten. Jedoch, da fiel ihm ein, seine Tochter Katharina, die zusammen mit ihrem Mann Helmuth in Bremervörde ein umgebautes Bauernhaus mit einem großen Grundstück besaß, die würde einem kleinen Hund problemlos eine würdige Ruhestätte zum Nulltarif geben können. Man telefonierte. Vater und Tochter waren sich einig: die Lösung des Problems schien gar nicht so schwer. Blieb nur die Frage, wie der tote Waldi von Braunschweig bis nach Bremervörde kommen sollte. Waldi war ein eher kleiner Hund, ein Leichtgewicht unter den Hunden sozusagen. Deshalb beschloss der auf Sparsamkeit bedachte geistliche Ruheständler, etwaige Skrupel, man könnte vielleicht gegen die Postordnung verstoßen, beiseite lassend, Waldis sterbliche Hülle in Plastiktüten einzupacken und als Postpaket auf seine letzte Reise zu schicken. Er würde ja am nächsten oder übernächsten Tag an seinem Ziel sein, dachte er.

Leider waren Katharina und Helmuth gerade nicht zu Hause, als der Postbote bei ihnen klingelte, um das Päckchen abzugeben. Er klingelte einmal, zweimal, dreimal. Keiner machte auf. Er hätte eine Benachrichtigungskarte ausfüllen können mit der Aufforderung, das Päckchen am nächsten Tag unter Vorlage eines Personalausweises beim Postamt abzuholen.

Aber – das tat er nicht. Wollte wohl den lieben Leuten den weiten Weg zum Postamt sparen und kam auf die glorreiche Idee, das Päckchen beim Nachbarn abzugeben. Auch dieser Nachbar hatte ein großes Grundstück, von Katharinas Garten nur durch einen Jägerzaun getrennt, und darauf betrieb er eine Gastwirtschaft. Der Wirt der Gaststätte war bereit, das Päckchen für Katharina anzunehmen. Er nahm es mit in seine Wirtschaft, bis in die Küche und legte es fürs erste oben auf den Küchenschrank. Schließlich konnte er nicht wissen, was drin ist, und er wollte der Nachbarin sicher alsbald Bescheid sagen. Aber leider, er vergaß es!

Seit mehreren Tagen wartete Katharina vergeblich auf das Paket aus Braunschweig. Schließlich rief sie bei ihrem Vater an, um sich zu erkundigen, ob und wann das Paket aufgegeben wurde. Schon vor einer Woche abgeschickt, ließ Pastor Bartels wissen, müsste längst da sein. Müsste, müsste, war aber nicht. Wo in aller Welt war das Päckchen – mit seinem verderblichen Inhalt – nur geblieben? Kein Mensch kam auf die Idee beim Nachbarn zu fragen. Warum auch? Ein Nachforschungsantrag beim Postamt des Absenders schien die letzte – aber auch heikle – Möglichkeit zu sein, Waldi wieder aufzutreiben. Aber die Post würde vielleicht nach dem Inhalt der vermissten Sendung fragen. Wäre bestimmt peinlich.

Durch Zufall begegnet an einem dieser sorgenvollen Tage Katharinas Mann dem Gastwirt von nebenan am Gartenzaun. Man plaudert über das Wetter, die Bundesliga und die letzten Neuigkeiten aus der Umgebung. Schließlich kriegt die Post ihr Fett ab, denn auf die kann man sich scheinbar auch nicht mehr verlassen. Schon über eine Woche wartet Katharina vergeblich auf ein Päckchen, das ihr Vater ihr schicken wollte. Jetzt dämmert es plötzlich dem Gastwirt: „Oh, wir haben für Euch vor kurzem was angenommen. Ein Päckchen. Ich hab’s ganz vergessen. Tut mir wirklich leid. Ich hole es mal rüber.“ Auf diese Weise kommt zum guten Schluss die Hundeleiche doch noch rechtzeitig aus der Küche einer Gastwirtschaft – das zuständige Gewerbeaufsichtsamt hätte das wirklich nicht gut gefunden – in sein würdevolles Hundegrab in Katharinas Garten.

1 Namen wurden vom Verfasser geändert

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