OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Künstlernekropole im Wald

 - Februar 2004
Ausgabe: 
Nr. 84, I, 2004

Mit der Künstlernekropole befindet sich im Habichtswald (nicht weit von Kassels Innenstadt) ein Bestattungsort der besonderen Art.

Dort sind im Umkreis des Blauen Sees moderne Kunstwerke zu finden, die ebenso am Wegrand wie an exponierten Stellen oder mitten zwischen den Bäumen stehen. Ob sie für uninformierte Spaziergänger als Grabmale und das Gebiet als Friedhof erkennbar ist, sei dabei dahingestellt. Denn alles, was normalerweise einen Friedhof ausmacht – Einfriedigung, Tor, Feierhalle, ordentlich angelegte Wege und Beete – fehlt in dieser „Totenstadt” der Künstler, die sich in den vorhandenen Wald hinein ausbreitet. Dazu gibt es direkt vor Ort keine Erläuterungen bei den einzelnen Kunstwerken, deren Aussage sich nicht immer auf den ersten Blick erschließt.

Die Idee, ausgewählten Künstlern von „Documenta-Rang” schon zu Lebzeiten die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Grabmal am Ort dieser großen Ausstellung der moderner Kunst zu schaffen, wo später auch ihre Asche – nicht jedoch ihr ganzer Körper – die letzte Ruhestätte finden soll, stammt von Prof. Harry Kramer, der 1925 in Lingen geboren und 1997 in Kassel gestorben ist. Sein beruflicher Werdegang führte ihn vom Frisör über die Stationen eines Tänzers, Schauspielers, Puppenspielers, Bildhauers, Filmemachers und Performers zur Professur für Bildhauerei an der Kasseler Gesamthochschule.

Brummack
Grabmal Heinrich Brummack (Foto: AFD)

Er rief 1992 eine Stiftung ins Leben, mit der die Künstlergrabmäler ermöglicht werden. Seitdem können sich einzelne vom Stiftungsrat vorgeschlagene Künstler auf dem Gelände der Nekropole ihren ganz persönlichen Grabplatz aussuchen und dort ihr Werk frei verwirklichen. Die Kosten werden von der Stiftung übernommen. Acht Grabmale wurden bisher in dem Waldstück realisiert. Eines der ersten stammt von Timm Ulrichs, der schon 1992 die Hohlform seines Körpers senkrecht und kopfüber in die Erde versenken ließ.

Schwegler
Grabmal Fritz Schwegler (Foto: Haase)

Als weitere Künstler und Künstlerinnen sind vertreten: Rune Mields mit einem gepflasterten in sich geschlossenen Weg, der eine bestimmte Zahlsymbolik in sich trägt; Werner Ruhnau mit einem Festplatz, der von Totempfählen umstanden ist; Heinrich Brummack mit einer überdimensionalen steinernen Vogeltränke und Karl Oskar Blase, der für den bereits verstorbenen Künstler Blalla W. Hallmann einen hohen Pfeiler geschaffen hat, auf den ein großes Auge aufgesetzt ist, dessen Pupille nach der einen Seite konvex hervorkommt und nach der anderen hin konkav einsinkt. Etwas entfernt von diesen Werken hat Fritz Schwegler auf einer Anhöhe dicht neben einem steilen Abhang und einem Hohlweg zum Blauen See einen großen Sarkophag aufgestellt und verwirrt den Besucher mit unverständlichen Sätzen wie „weiszt du weil ich bin und du bist auch wer”. Gerade vor kurzem wurde ein Werk von Ugo Dossi neu aufgestellt: Unter dem Titel „Denk-Stätte” hat er acht Stahlplatten fast labyrinthartig ineinander gesetzt. In jede ist eine andere rätselhafte Zeichnung eingeschnitten, so dass die Platten und ihre Schatten je nach Lichteinfall Aussehen und Form verändern und zu einem geheimnisvollen Irrgarten werden.

Ruhnau
Grabmal Werner Ruhnau (Foto: Haase)

So erfüllt sich im Habichtswald Harry Kramers Traum und zugleich seine künstlerische Idee, einen „Ort im Wald zu schaffen, an dem Monumente des Todes der Skulptur im öffentlichen Raum eine neue Bedeutung geben”, durch die Aufstellung immer neuer Kunstwerke. Es ist eigentlich folgerichtig, dass kein Werk von Kramer an dieser Stelle zu finden ist. Immerhin aber fand seine Urne hier ihren – völlig anonymen – Grabplatz.

(Zur Information für Besucher: Die Künstlernekropole liegt in Richtung Wilhelmshöhe und ist vom Waldparkplatz an der Ahnatalstraße oberhalb der Rasenallee zu erreichen. Literatur: Dirk Eckart, Die Kasseler Künstlernekropole. Ein Buch für interessierte Spaziergänger. Book on Demand)

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