OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Dem Friedhof eine Lobby

 - Juni 2002
Ausgabe: 
Nr. 77/78, II/III, 2002

Der Ohlsdorfer Friedhof feiert in diesem Jahr ein großes Jubiläum und natürlich wünscht ihm sein Förderkreis, dass er noch mindestens weitere 125 Jahre als Parkfriedhof und Kulturerbe der Hansestadt Hamburg bestehen bleiben möge.

Schließlich hat es sich unser Verein zum Ziel gesetzt, an der Erhaltung der historischen Substanz dieses einzigartigen Begräbnisplatzes mitzuwirken und dies wird ein andauernder Prozess sein. Zusammen mit den guten Wünschen für die Zukunft stellt sich natürlich zugleich die Frage: Wie steht es denn inzwischen um die Erhaltung dieses historischen Erbgutes, und wie wird es damit weitergehen?

Statt einer direkten Antwort sei an die offiziellen Feierlichkeiten erinnert, die 1977 anlässlich des hundertjährigen Friedhofsbestehens stattfanden. Damals hatte es neben dem obligatorischen Festakt auch eine große Ausstellung gegeben, die zum ersten Mal die Geschichte des Friedhofes in allen ihren Facetten nachzeichnete. Zudem wurde ein Jahr später eine Reihe von Experten zu einem Symposium eingeladen, um über den weiteren Umgang mit der Friedhofsanlage und ihren Grabmalen zu diskutieren. Das internationale Jahr des Denkmalschutzes, das zwei Jahre zuvor stattgefunden hatte, hatte das Bewusstsein für den Umgang mit historischem Kulturgut geschärft.

Prompt klassifizierten die geladenen Wissenschaftler und Fachleute den Ohlsdorfer Friedhof als ein Gesamtkunstwerk von überregionaler und sogar internationaler Bedeutung. Diese Einordnung brauchte allerdings ihre Zeit, bis sie sich im Bewusstsein der Verantwortlichen durchsetzte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Friedhof zwar als größter Begräbnisplatz der Welt und Hamburger Sehenswürdigkeit gegolten, doch um das kunst- und kulturgeschichtliche Erbgut hatte man sich wenig gekümmert.

Immerhin nahm im Anschluss an das Expertentreffen ein Forschungsprojekt von Seiten des Denkmalschutzamtes und des Garten- und Friedhofsamtes seine Arbeit auf, so dass in den folgenden Jahren eine Gesamtinventarisation des Grabmalbestandes durchgeführt werden konnte. Mitte der 80er Jahre lagen die Ergebnisse unter anderem in Form von Erhaltensaussagen vor. Jetzt hieß es, an die Umsetzung zu gehen, Grabmale und Teile der Anlage unter Schutz zu stellen sowie wertvolles Erbgut vor der weiteren Zerstörung zu bewahren. In diesen Jahren lag auch die Geburtsstunde unseres Fördervereins.

Erinnert sei daran, dass mindestens bis 1975 auch große Grabmalplastiken nach Ablauf des Nutzungsrechts in vielen Fällen rigoros vom Friedhof entfernt wurden. Immerhin war nach dem Forschungsprojekt das Bewusstsein der Verantwortlichen inzwischen so weit geschärft, dass ab jetzt als erhaltenswert eingestufte Grabmale von der üblichen Abräumung ausgenommen wurden und auf der Grabstätte stehen bleiben durften. Allerdings zog das Denkmalschutzamt zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr mit am selben Strang. Eine offizielle Eintragung in die Denkmalliste ist bis heute weder für erhaltenswerte Grabmale, noch für entsprechende Grabbauten geschweige denn für Teile der Friedhofsanlage erfolgt.

Darüber hinaus liegt für den Umgang mit der historischen Gesamtanlage immer noch kein verbindliches Parkpflegewerk der Umweltbehörde vor. Und noch nicht einmal der Umgang mit Grabstätten berühmter Hamburger Persönlichkeiten wurde geregelt. Noch heute enthält die Liste jener Personen, die würdig sind, dass ihre Grabstätte vom Staat erhalten und gepflegt wird, nur wenig mehr als eine Hand voll Namen. Alle anderen Grabstätten bekannter Hamburger und Hamburgerinnen, die nicht ganz so berühmt sind, der Stadt Hamburg aber trotzdem nicht gleichgültig sein dürften, müssen privat erhalten werden, wie zum Beispiel die Grabstätte von Hans Albers vor einiger Zeit bewies.

So liegt der schützende und pflegende Umgang mit dem wertvollen historischen Erbgut Ohlsdorf allein in der Hand der Friedhofsverwaltung. Umso höher ist daher deren Initiative einzuschätzen, selbst zur Erhaltung von Grabstätten beizutragen und die Bevölkerung der Hansestadt dazu aufzurufen, durch Grabmalpatenschaften das Ihre dazu beizutragen. Auch wenn so nur ein geringer Teil der vielen historisch interessanten, kulturhistorisch wichtigen oder künstlerisch eindrucksvollen Grabmale erhalten werden kann, so zählt hier doch jeder einzelne Beitrag, der den Friedhof vor weiteren Verlusten bewahrt.

Wie man sehen kann, sind inzwischen sogar einzelne der besonders schlimm verfallenen Mausoleen wieder in private Hand übergegangen und strahlen frisch renoviert in neuem Glanz, wie zum Beispiel das kleine Tempelchen bei Kapelle 1, das einst der Familie Rolfing gehörte. Auch einzelne besondere Schmuckanlagen des Friedhofes, die verloren gegangen waren, sind inzwischen von Seiten der Verwaltung in Anlehnung an das historische Vorbild wiederhergestellt worden, wie die Ehrenallee auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof und der Rosengarten beim Cordesdenkmal.

Auch der Förderkreis hat seit über zehn Jahren als Privatinitiative mit Hilfe seiner Sponsoren und seiner ehrenamtlichen MitarbeiterInnen einen Beitrag für die Erhaltung des Friedhofes geleistet: besonders durch seine Friedhofsführungen, die überhaupt erst das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit für das Kulturerbe Ohlsdorf geöffnet haben, aber auch durch die Übernahme von Nutzungsrechten und Grabmalpatenschaften, die Einrichtung des Grabmalmuseums, das gerade jetzt erweitert wird, oder die Erstellung eines Kataloges von Grabmalen, die für Patenschaften in Frage kommen.

Unser bisheriger Erfolg ist Ansporn genug, um auch über das 125. Jahr hinaus weiter zu machen, neue Möglichkeiten zu erkunden und sie umzusetzen sowie die gute Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung fortzuführen und zu vertiefen.

Und was die Finanzierung von künftigen Maßnahmen angeht, so wird manches vielleicht zu einer Utopie werden, weil das Geld fehlt, so die Verantwortlichen. Aber wo bleiben andere Ideen? Spenden z. B. sind immer willkommen. So hat der Förderkreis im Rahmen seiner Möglichkeiten schon einiges dazu beigetragen. Erinnern wir uns beispielsweise an die Gräber und Grabmale von Caroline Brahms und Hans von Bülow oder das Lapidarium vor dem Friedhofsmuseum.

Aber warum könnten nicht andere, finanzkräftigere Institutionen spenden oder es gar mit "stiften statt spenden" versuchen? Zu diesem Thema erschienen im April und Mai diesen Jahres in einer Hamburger Tageszeitung hoffnungsvolle Berichte: Mit 829 Stiftungen sei Hamburg bundesweit die Stiftungshauptstadt und etwa 100 Stiftungszwecke seien bisher noch nicht genutzt worden. Auch Kunst und Kultur haben längst ihre Förderer gefunden! Mal sehen, welche Anregungen der in der Pfingstwoche in Hamburg tagende Stif-tungskongress für die zuständigen Behörden bereit hält. Immerhin war das Forschungsprojekt zur Gesamtinventarisierung des Friedhofs vor zwanzig Jahren auch nur mit Hilfe einer Stiftung, der Volkswagenstiftung, möglich.

Trotz dieser vielen positiven Ansätze muss man aber doch die Frage noch einmal wiederholen: Wie wird es weitergehen? Welche Entwicklung wird der Friedhof nehmen, wenn sich die Verhältnisse ändern, wenn die Verantwortung in andere Hände übergeht, wenn Einflüsse von außen auf den Friedhof drängen, oder wenn die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens Hamburger Friedhöfe auf dem Spiel steht? Bisher wurde mehr oder weniger alles, was für die Erhaltung der Anlage getan wurde, aufgrund freier Entscheidung ausgeführt. Damit aber müssen alle positiven Bemühungen in gewisser Weise Stückwerk bleiben, das mit jeder Änderung der inneren oder äußeren Struktur des Friedhofsunternehmens abbrechen kann.

Doch gerade eine historische Parkanlage wie der Ohlsdorfer Friedhof braucht eine kontinuierliche Pflege mit klaren Zielvorgaben. Dafür aber wird ein umfassendes Konzept benötigt, das den gewünschten Erhaltungszustand der Friedhofsanlage, der Grabfelder und Grabstätten sowie der historischen Grabmale zusammen mit dem Weg dorthin nicht nur für die Gegenwart sondern auch für kommende Generationen festschreibt. Sonst wird der Friedhof trotz aller Einzelbemühungen lange vor Ablauf der nächsten 125 Jahre seinen Reichtum an historischen Grabmalen ebenso verloren haben wie sein parkartiges Aussehen.

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