OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

In der Fremde begraben

 - Februar 2001
Ausgabe: 
Nr. 72, I, 2001

Auf dem Ohlsdorfer Friedhof bei den museal aufgestellten Soldatengedenksteinen, liegt eine bronzene Gedenkplatte, die mit ihrer Inschrift in rührender Weise die Zwiesprache der Eltern mit ihrem im Dezember 1914 in Polen gefallenen und dort beerdigten Sohn wiedergibt.

In Gedichtform ist dort zu lesen:

Am Grabe in Polen

Das letzte Lied hat ausgeklungen
Das Dir der Steppenwind hat gesungen
Und lind und sacht
Hat Dir der Schnee Dein Bett gemacht
Und Dich in tiefste Ruh gewiegt
Mein Kamerad nun magst Du träumen
Wie unter den verschneiten Bäumen
So fern und weit
Zur Weihnachtszeit
Dein Elternhaus in Frieden liegt

Die Platte wurde 1998 nach Ohlsdorf verbracht, als die ehemalige Familiengrabstätte Bove-Rode (nunmehr "Löwengrabstätte") eine andere Nutzung erhielt. Sie ist am Weg zwischen der Mittelallee und den deutschen Soldatengräbern zu finden. Die unmittelbare Nähe von Soldatengräbern beider Weltkriege sowie Grabfelder mißhandelter Zwangsarbeiter und sowjetrussischer Kriegsgefangener und das Wissen um weitere Grabanlagen der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft mit insgesamt fast 50.000 Toten aus 28 Nationen, nur auf dem Ohlsdorfer Friedhof, lässt am Beispiel dieser Verse erahnen, wie Millionen von Angehörigen in aller Welt um ihre Kriegstoten trauern mussten, ohne zu wissen, wo fern der Heimat ihr Grab zu finden sei. Und wenn es nur eine Auflistung gäbe, die Standorte der bekannten Gräber würden Bücher füllen.

Titelblatt
Titelseite Nr. 72
Stele am Kopfende des Begräbnisplatzes des Chinesischen Vereins auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Bp 68 (Foto: Schulze)

Der Kriegstod ist ein besonders tragisches Beispiel für "Begraben in der Fremde", weil es sich um den gewaltsamen, erzwungenen Tod handelt. Dies gilt erst recht für die Opfer von Diktatur und Gewaltherrschaft, die häufig namenlos verscharrt wurden – zum Beispiel KZ-Opfer. Nur in wenigen Fällen wurde ihnen – zuweilen nachträglich – eine angemessene Bestattung zuteil.

Die vorliegende Ausgabe von "Ohlsdorf" versammelt einige Beispiele dafür, wie in diesen Fällen die Erinnerung durch Grabstätten wachgehalten wird. Weitere Beiträge handeln vom Tod im Exil und von Grabstätten der Roma und Sinti, vom Deutschen Friedhof in Rom, von der Begräbnisstätte des Chinesischen Vereins in Hamburg.

Heft-Rubrik: 

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