Längst nicht von allen Frauen, die der Verein Garten der Frauen e.V. würdigt, können die Grabmale in den Garten der Frauen umgesetzt werden, aber ihre Namen sind dort auf der Erinnerungsspirale verzeichnet, so auch der von Marie Anne Lippert, geborene Zacharias (1854-1897). Und in diesem Fall entschied sich der Verein außerdem auch dafür, an ihrem Grab eine Tafel mit einem erklärenden Text aufzustellen, aus dem unter anderem zu erfahren ist, dass Marie mit ihrem Ehemann Eduard Amandus Lippert (1844-1925) in den 1880er-Jahren nach Afrika ging. Seine zum Teil sehr verwickelten geschäftlichen Aktivitäten - Diamanten, Dynamit etc. - sind allerdings nicht Gegenstand dieses Artikels.
Wer mehr darüber erfahren möchte, sei auf die Publikation über die Lipperts verwiesen, die die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung 2018 herausgegeben hat.1 Marie Lippert war eine sehr sympathische und auf-geschlossene, vielfältig interessierte Persönlichkeit, die einen eher unkonventionellen Lebensstil schätzte, wie er ihr in Afrika teilweise begegnete. Als ihr Mann 1891 eine Reise ins Matabeleland unternahm zu Verhandlungen mit König Lobengula,2 begleitete sie ihn auf dieser recht abenteuerlichen Exkursion, was für eine Frau in der damaligen Zeit sehr ungewöhnlich war. Die Briefe, in denen sie ihrer Familie in Hamburg darüber berichtete, ließ ihr Mann nachihrem frühen Tod 1897 "nur für den Freundeskreis" drucken.3
Leider zwang Maries Krebserkrankung das Ehepaar 1895 zur Rückkehr nach Hamburg. Um seiner Frau den Abschied von Afrika zu erleichtern, zog Eduard Lippert 1896 mit ihr ins ländliche Poppenbüttel auf das dort erworbene Gut Hohenbuchen, wo Marie schließlich am 18. Juni 1897 starb. Mit dem großen, für Ohlsdorf einmaligen Grabmal, das Szenen aus Maries Leben zeigt, setzte Eduard seiner Frau ein ganz besonderes Denkmal (Grablage U23, 21-35; V23, 17-25).
Das Grabmal in Form einer Exedra wurde von Martin Haller und Hermann Geißler entworfen. Die Reliefs stammen von dem Bildhauer Johannes Schilling. Im überhöhten Mittelteil in Form einer Ädikula ist das Ehepaar Lippert in antikisierenden Gewändern dargestellt. Was manche Betrachter verwundert, ist der Umstand, dass nicht die verstorbene Marie Lippert diejenige ist, die fortgeht, sondern ihr Mann. Ihre Haltung drückt aber sehr klar aus, dass sie ihm alles Gute wünscht für seinen weiteren Lebensweg. Eher ungewöhnlich ist auch, dass Eduard Lippert nicht größer als seine Frau dargestellt ist. Vermutlich entsprach dies der Realität, denn Lippert wird als "short, roundshouldered man", also als klein und rundschultrig beschrieben,4 aber der Künstler müsste es ja nicht so darstellen. Die Fotografie des Ehepaares bietet jedenfalls zur Größe keine Anhaltspunkte, da Marie vor ihrem Mann auf einem Stuhl sitzt. Aber in der ganzen Darstellung am Grabmal kommt zum Ausdruck, dass sich die Beiden im Leben auf Augenhöhe begegnet sind.
Das linke Relief zeigt Marie Lippert in Afrika, links stehend, mit Blumen in den Händen, inmitten einer üppigen, tropischen Vegetation, und rechts sitzend am Tisch, mit der Schreibfeder in der Hand. Sie schaut sinnend vor sich hin. Vielleicht verfasst sie gerade einen der zahlreichen Familienbriefe oder sie schreibt an ihrem Bericht über die Expedition ins Matabeleland, zu dem sie von einer englischen Zeitung aufgefordert worden war.
Im rechten Relief ist Marie in Hohenbuchen zu sehen - zwischen zwei Buchen. Die Kinder, die sie umringen, sind laut Familienüberlieferung ihre Nichten und Neffen. Rechts schaut sie auf eine junge Frau und ein Kleinkind, die bittend die Arme emporstrecken. Offenbar bat die Frau darum, ihr Kind in das meist als Waisenhaus bezeichnete Kinderheim aufzunehmen, das im Relief im Hintergrund zu erkennen ist. Eduard Lippert hatte es erbaut, vielleicht auch, um seiner Frau das Gefühl zu geben, dass hier eine Aufgabe auf sie warten würde. Aber ihre Krebserkrankung war schneller. Marie erlebte die Eröffnung nicht mehr. Das Haus steht, wenn auch ganz anders genutzt, heute noch an der Poppenbüttler Hauptstraße 25.
Nun noch etwas zu den Inschriften. Über den beiden Reliefs stehen zwei bekannte Bibelzitate: "Selig sind, die reines Herzens sind." aus der Bergpredigt (Matthäus 5,8) und, auf Friedhöfen besonders beliebt, "Die Liebe hoeret nimmer auf" (1. Korinther 13,8). Unter dem rechten Relief findet man diese Zeilen: "WER WAHRE UND VOLLKOMMENE LIEBEHAT SUCHT IN KEINER SACHE SICH SELBST."
Die Quelle dazu ist laut Wikipedia eine Schrift von Thomas von Kempen(um 1380-1471), Augustiner-Chorherr, Mystikerund geistlicher Schriftsteller des15. Jahrhunderts.5 Das Zitat steht wohl nicht ohne Grund unter der Darstellung von Hohenbuchen, denn man findet es ebenfalls am südwestlichen Giebel des im Relief gezeigten Kinderheims, dort gefolgt von Marie Lipperts Sterbedatum: 18. Juni 1897. Nicht so einfach war allerdings die Suche nach dem Ursprung der Zeilen unter dem linken Relief. Sie lauten: "NUR EINMAL WEILE ICH AUF DIESER ERDE. ALLES GUTE DAHER, DAS ICH THUN, JEDE LIEBE DIE ICH EINEM MEINER MITMENSCHEN ERWEISEN KANN, LASS SIE MICH SOGLEICH THUN. LASS MICH NICHT SÄUMEN. DASS ICH DIE ZEIT NICHT UNGENUTZT VERSTREICHEN LASSE ! DENN NIEMALS WERD' ICH DIESES WEGES WIEDER ZIEHEN." Warum wählte Eduard Lippert diesen Ausspruch? Die Erklärung dafür ergibt sich aus dem letzten Absatz der Reisebriefe, der wie folgt lautet: "Damit schloss eine an Mühen und Sorgen reiche Episode in unserem südafrikanischen Leben für uns erfolgreich ab. In jenen Tagen war es, dass meine Frau in ihr Gedenkbuch den Spruch eintrug, mit welchem jenes Buch schliesst, und nach welchem sie gelebt hat: 'I shall pass through this world but once. Any good thing therefore that I can do, orany kindness that I can show to any human being, let me do now. Let me not defer it or neglect it, for I shall not pass this way again.'"
Und diese englische Fassung ist im Internet tatsächlich zu finden. Als Urheber wird Stephen Grellet6 genannt, ein bedeutender Quäkermissionar (1773-1855).
1Albrecht, Henning: Diamanten, Dynamit und Diplomatie, Hamburger Kaufleute in imperialer Zeit - Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung, 2018
2https://de.wikipedia.org/wiki/Lobengula - abgerufen 11.4.2026
3Reisebriefe von Marie Lippert, Zur Erinnerung an Marie Lippert, Ihre Reisebriefe und Skizzen aus Matabeleland, 21. September bis 23. Dezember 1891, Privatdruck 1897/98
4Albrecht Henning, wie Anm. 1, S. 72
5https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_von_Kempen - abgerufen 11.4.2026