Geschlecht und Erinnerung
"Aber in Ohlsdorf - da schwatzen die Toten, die unsterblichen Toten, vom unsterblichen Leben!" heißt es bei Wolfgang Borchert. Eine Form des unsterblichen, des ewigen Lebens ist die Erinnerung an die Toten. Doch leider werden Frauen oft nur als schwatzend wahrgenommen, ohne dass ihrem Wirken und ihren Taten respektvoll Gewicht beigemessen wird. Kaum eine Gedenktafel erzählt von ihren Taten, wenige Plätze oder Straßen zieren ihre Namen, kaum eine Publikation beschäftigt sich mit ihrem Schaffen. Das steht ganz im Gegensatz zum Umgang mit männlichen Persönlichkeiten.
Nach wie vor finden die Leistungen von Männern sowohl zu ihren Lebzeiten als auch nach ihrem Tod mehr Beachtung und Würdigung als Verdienste von Frauen. So wird das Andenken an männliche Persönlichkeiten auf eine vielfältigere Weise gewahrt, als dies bei Frauen üblich ist.
Dieses Vorgehen widerspricht dem Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Für die Durchsetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter spielt die Erinnerung eine gravierende Rolle. Erinnert man sich nicht an die Leistungen von Frauen, nimmt man sie auch in der Gegenwart nicht wahr und empfindet sie für die Zukunft als unbedeutend. Damit wird die Diskriminierung von Frauen fortgeschrieben, und es kommt zu falschen Interpretationen gesellschafts- und kulturpolitischer Entwicklungen.
Angesichts der erwähnten Tatsache, dass Männern postum mehr Erinnerung zuteil wird als Frauen, ist es wichtig einzuschreiten, wenn die wenigen Orte oder Gegenstände verschwinden, die an Frauen erinnern, wie z. B. wenn deren Grabsteine entsorgt und für Straßenbelag geschreddert werden. Solches geschieht mit Grabsteinen, wenn die Nutzungsdauer der Grabstätten abgelaufen ist, und niemand für die Kosten einer Verlängerung der Nutzungsdauer aufkommt.
Von solch einem Schicksal waren und sind auch viele Grabsteine bedeutender Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof betroffen. Deshalb wandte sich die Historikerin Dr. Rita Bake im Jahr 2000 an die Friedhofsverwaltung mit der Idee, einen besonderen Ort einzurichten, in den die Grabsteine bedeutender Frauen verlegt werden, nachdem die Nutzungsdauer der Grabstätten abgelaufen ist und niemand für die Verlängerung aufkommt. Dazu holte sie sich Mitstreiterinnen in der ersten Reporterin des NWDR - dem Vorläufer des NDR - und Ehrenvorsitzenden des Landesfrauenrates Helga Diercks-Norden (†) und in der damaligen Bürgerschaftsabgeordneten Dr. Silke Urbanski. Damit solch ein Garten der Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof Wirklichkeit wird, gründete Rita Bake mit Helga Diercks-Norden und Silke Urbanski den Verein Garten der Frauen e.V., dessen konstituierende Sitzung im Oktober 2000 im Sitzungsraum der Ohlsdorfer Friedhofsverwaltung stattfand.
Die Anfänge
Dann begann die Suche nach einem geeigneten Platz für den Garten. Die Kriterien für dessen Standort: ein lichter und sonniger Platz im historischen Teil des Ohlsdorfer Friedhofes, in der Nähe einer Bushaltestelle und gut erreichbar über weder zu dunkle noch uneinsehbare Friedhofswege. Die Friedhofsverwaltung, unter der damaligen Leitung von Wolfgang Pagels, war der Idee von einem Garten der Frauen sehr zugetan und begab sich auf die Suche. In der Nähe von Kapelle 10 an der Cordesallee fand sich eine geeignete Fläche. Der damals ca. 500 qm große Platz präsentierte sich zuerst als bloße Rasenfläche. Nach neunmonatiger Bauzeit war der Garten der Frauen fertig gestelltund konnte am 1. Juli 2001 eingeweiht werden. Heute nach 25 Jahren umfasst der Garten der Frauen eine Fläche von 1700 qm.
Die Startfinanzierung in Höhe von 50.000 DM für die gärtnerische Anlage des musealen Teils des Gartens erhielt der Verein von der Umweltbehörde, nachdem die damaligen GAL- und SPD-Bürgerschaftsfraktionen gemeinsam einen entsprechenden Antrag an den Senat gestellt hatten, der auch von der sich damals in der Opposition befindenden CDU unterstützt wurde. Das Amt für Denkmalschutz der Kulturbehörde beteiligte sich mit 19.500 DM am Aufstellen und Fundamentieren der historischen Grabsteine sowie dem Anfertigen der Aluminiumtafeln mit Kurzbiografien der bedeutenden Frauen.
Als der Garten der Frauen eröffnet wurde, gab es einige Skeptiker, die die Konzeption des Gartens der Frauen nicht verstehen wollten. Für sie war der Garten der Frauen ein Projekt ewiggestriger Feministinnen. So mancher Mann fand sich besonders geistreich und witzig, wenn er fragte: "Und: gibt es auch einen Garten der Männer?"
Auch so manche Journalistin bzw. Journalist meinten den Garten der Frauen mit einem Frauenfriedhof vergleichen zu wollen und kreierten Überschriften wie "Männer müssen draußen bleiben - allerdings nur, wenn sie schon tot sind," oder "Nach dem Tod bleiben Frauen unter sich. Männerfrei..."
Doch um die Errichtung eines Frauenfriedhofes ging es dem Garten der Frauen nie. Es geht ihm darum, einen Ort derErinnerung zu schaffen mit historischen Grabsteinen bedeutender Frauen und einer letzten Ruhestätte für Frauen in Gemeinschaftsgrabstätten. Dieses europaweit einmalige Projekt wird seit seiner Gründung getragen, gepflegt, entwickelt und finanziert von dem gemeinnützigen Verein Garten der Frauen e.V., der ausschließlich ehrenamtlich arbeitet und in dem sowohl Frauen als auch Männer Mitglied sein können.
91 historische Grabsteine
Heute stehen 91 historische Grabsteine bedeutender Frauen im Garten der Frauen. In mehreren so genannten Geschichtsbüchern - auf Ständern befestigte Ringbücher aus Aluminiumtafeln - sind die Lebensgeschichten der Frauen nachzulesen. Ebenso kann man sich auf der umfangreichen Website vom Garten der Frauen www.garten-der-frauen.de über die Frauen und die Anlage des Gartens sowie über dortige Veranstaltungen, Führungen etc. informieren. Unter den Frauen, an die im Garten der Frauen erinnert wird, sind z. B. Frauen, die sich politisch engagierten, sich für Frauenrechte einsetzten, im humanitären Sinne pädagogisch tätig waren, ihr künstlerisches Talent entfalten konnten, durch ihre Energie und den Einsatz ihrer persönlichen Fähigkeiten Ungewöhnliches leisteten, sich wohltätig engagierten, während der NS-Zeit im Widerstand kämpften oder Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Ein Jahr nach der Eröffnung des Gartens stellte sich die Frage: Wie halten wir die Erinnerung an diejenigen bedeutenden Frauen Hamburgs wach, deren Grabstellen auf dem Ohlsdorfer Friedhof bereits aufgehoben und deren Grabsteine, soweit welche vorhanden waren, schon entsorgt wurden? Das Nichtmehr-Vorhandensein eines Grabsteins darf kein Kriterium sein, diese Frauen der Welt des Vergessens zu überlassen. Deshalb wurden für diese Frauen Erinnerungssteine in Form einer Spirale aufgestellt - Symbol des wiederkehrenden Lebens. Auf den Erinnerungssteinen sind die Namen von 65 Frauen verewigt. Nachdem die Spirale ihr räumliches Ende erreicht hatte wurde 2021 eine Erinnerungssäule aufgestellt, an der Medaillons angebracht werden, auf denen die Namen der zu erinnernden bedeutenden Frauen nachzulesen sind (bisher sechs Namen, Stand: April 2026).
Wer als bedeutend gilt, definiert der Verein Garten der Frauen e.V. selbst. Die Kriterien, die hierzu angesetzt werden,müssen immer im Zusammenhang mit den Geschlechterrollenbildern gesehen werden - und vor dem Hintergrund machtpolitischer Konstellationen, individueller Vorlieben und Einflussmöglichkeiten. Denn der Platz im öffentlichen Gedächtnis hängt im Wesentlichen von den "gesellschaftlich legitimierten offiziellen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern" ab. Bis heute ist unsere Erinnerungskultur durch ein patriarchales Geschlechter- und Gesellschaftmodell geprägt. Dazu äußert der französische Soziologe Pierre Bourdieu: "Männer wie Frauen" haben "in Form unbewußter Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata die historischen Strukturen der männlichen Ordnung verinnerlicht. Wir laufen Gefahr, daß wir zur Erklärung männlicher Herrschaft auf Denkweisen zurückgreifen, die selbst das Produkt dieser Herrschaft sind." Der Garten der Frauen versucht, dem entgegenzuwirken und orientiert sich bei seiner Begriffsbestimmung, wer bedeutend ist, nicht an dem herrschenden patriarchalen Gesellschaftsbild.
Recherche nach bedeutenden Frauen
Der Garten der Frauen ist stets im Wandel, denn es werden dort immer wieder neue historische Grabsteine aufgestellt. Die Recherchearbeit nach bedeutenden Frauen Hamburgs gleicht oft einer Sisyphusarbeit, finden sich Notizen doch meist versteckt in Zeitungsartikeln, kleinen Aufsätzen und weniger in umfangreichen, gut zugänglichen Biographien. Außerdem ist es häufig nicht ergründbar, warum über die eine mehr als über eine andere ebenso bedeutende Frau geschrieben wurde. Hier spielen z. B. zu Lebzeiten der Frau vorhandene bzw. mangelnde Kontakte zur journalistischen Zunft, aber auch eine durch gesellschaftlich opportune Aktivitäten gewonnene Popularität eine Rolle. Hinzu kommt, dass viele Geschichtsforscherinnen und -forscher eine besondere Vorliebe für bestimmte Frauen der Geschichte entwickelt haben. Schließlich ist auch die historische Forschung abhängig von Moderichtungen und von Überlegungen, mit welchem Forschungsfeld Karriere zu machen ist.
Auch in den Archiven sieht es vielfach nicht anders aus. Nur wer zu Lebzeiten seine Öffentlichkeit hatte, behält sie auch über den Tod hinaus. Nachlassverwalterinnen und -verwalter, Verwandte, Bekannte bemühen sich zwar oft, dass Nachlässe ihrer verstorbenen Verwandten, Freundinnen, Freunde und Anvertrauten in einem Archiv aufgenommen werden. Besonders alteingesessene Familien einer Stadt oder Region handeln hierbei sehr traditionsbewusst und halten es für wichtig, dass ihre Familie durch die Archivierung schriftlicher Nachlässe das ewige Leben erlangt. Solche Fragen der Tradierung entscheiden häufig mehr über den Bekanntheitsgrad und die "Bedeutung" einer Person als deren eigene Handlungen und Leistungen zu Lebzeiten.
Andere Familien dagegen haben nie den Mut, den Nachlass ihrer Angehörigen in ein Archiv zu geben, weil sie die Aktivitäten ihrer weiblichen Verwandten nicht für relevant halten.
Die Suche nach wichtigen verstorbenen Frauen der Zeitgeschichte gestaltet sich also als schwierig. Umso mehr ist es notwendig, die Leistung der Frauen über ihren Tod hinaus zu würdigen, denn ihr Leben und Wirken ist Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns und wird auch das künftige mitbestimmen.
Gemeinschaftsgrabflächen: Kein Unterschied zwischen bedeutend und weniger bedeutend
Die Tatsache, dass sich immer mehr Frauen anonym bestatten lassen, weil sie ihren Angehörigen mit der Grabpflege nicht zur Last fallen wollen oder alleinstehend sind und niemanden für die Pflege haben, nahm der Verein zum Anlass, nicht nur historische Grabsteine bedeutender Frauen aufzustellen, sondern auch Gemeinschaftsgrabstellen für Frauen anzubieten, wo Frauen, die die Idee des Gartens der Frauen unterstützen möchten, bestattet werden können. Um die Kontinuität von Frauengeschichte besonders zu verdeutlichen und die Verbindung zwischen Historieund Gegenwart aufzuzeigen, erhielt jede Gemeinschaftsgrabanlage an ihrem Kopfende einen historischen Grabstein einer bedeutenden Frau. Auf elf Gemeinschaftsgrabflächen befinden sich insgesamt 618 Grabstellen.
Mit dem Erwerb ihrer Grabstätte und der hierfür notwendigen Mitgliedschaft im Verein Garten der Frauen e.V. treten Frauen als Mäzeninnen zum Erhalt der historischen Grabsteine auf. Auch für die im Garten der Frauen bestatteten Vereinsmitglieder (sofern diese es wollen) können Tafeln mit deren Lebensgeschichten aufgestellt werden, denn der Verein Garten der Frauen macht keinen Unterschied zwischen den als bedeutend bezeichneten historischen Frauen und den Frauen, die sich im Garten der Frauen bestatten lassen. Dieses Konzept von einem Ort für Frauen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, der sowohl einen musealen als auch einen Bereich für Beisetzungen hat, macht es möglich, dass Frauengeschichte kontinuierlich fortgeschriebenwerden kann.
Ein Platz zur Beschäftigung mit dem Lebensthema "Leben und Tod"
Hinter dem Anliegen des Vereins Gartens der Frauen steckt politisches, soziales, frauenhistorisches Engagement, gleichzeitig die ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema Leben und Tod. Der Garten der Frauen bietet hierfür eine einzigartige Möglichkeit, sich auf besondere Weise diesem Thema zu widmen.
Die Gartengestaltung ist so gewählt, dass Besinnung auf die wesentlichen Dinge des Lebens leichtfallen kann. Durch seine historischen Grabsteine und die auf Aluminiumtafeln verewigten Biografien der Frauen schlägt der Garten der Frauen eine Brücke zwischen Leben und Tod. Die durch den Garten der Frauen ausstrahlende Gelassenheit und Ruhebietet eine tröstliche Grundstimmung, die auch Raum lässt für die ebenso selbstverständliche schmerzvolle, oft auch verzweifelte Trauer beim Verlust eines lieben Menschen.
Der Garten der Frauen hat Platz für alle Gefühle, die die Beschäftigung mit dem Thema Leben und Tod in uns auslösen können. Wir klammern nichts aus. Und deshalb reihen wir uns auch nicht ein in die seit einiger Zeit mit demThema "Tod" betriebene Eventkultur. Diese nutzt das Bedürfnis der Menschen, sich dem Thema "Tod" wieder intensiver zu widmen, indem man beim Verzehr von z. B. Grillwürstchen und Bier alternative Bestattungsformen anbietet. Die Inszenierung schaurig-schöner Stimmungen mittels z. B. Krimilesungen an Gräbern oder Friedhofs Rundgängen mit Gespenstern und Séancen, sollen Interesse an den Angeboten wecken. Schmerz und Trauer, diese Stimmungen sind dabei nicht gewünscht.
Auch im Garten der Frauen finden Veranstaltungen statt und es wird dort auch gefeiert. Zumeist am ersten Sonntag im Juli wird jedes Jahr der Geburtstag des Gartens begangen. Außerdem werden im Garten der Frauen Führungen angeboten und Veranstaltungen mit Lesungen, Musik und szenischen Darbietungen durchgeführt, so z. B. wenn ein historischer Grabstein oder ein Erinnerungsstein eingeweiht wird. Zu den Veranstaltungen gibt es auch Kaffee und Kuchen sowie Musik von Klassik über Tango bis zum Jazz. Aber bei all diesen heiteren Unterhaltungen steht eine heitere Gelassenheit im Vordergrund, die auch zulässt, dass der Garten der Frauen als Ort wahrgenommen wird, wo man seinen Gedanken in aller Stille nachspüren kann, wo miteinander über bereits Verstorbene geredet, aber auch miteinander über sich selbst und über das eigene Leben und den Tod gesprochen werden kann - und wo die Trauer ihren selbstverständlichen Platz hat. Hier kann man Trost finden, denn der Garten der Frauen macht spürbar, was Thornton Wilder einmal geäußert hat: "Zwischen dem Reich der Toten und der Lebenden gibt es eine Brücke - die Liebe."