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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Von Bordeaux über Afrika und Hamburg nach Ohlsdorf zu Bock…

Rückblickend, nach 55 Jahren in Klein Borstel, war es spannend zu überlegen, wie ich als Französin, die in Bordeaux Geografie und Geschichte studiert hatte, mich schließlich auch für Friedhöfe, Grabmalkultur - und Bildhauer wie Arthur Bock interessieren konnte. Es brauchte tatsächlich viel Zeit, auch wenn mir gleich im Frühling 1969 die Pracht der blühenden Rhododendren im benachbarten Friedhof Ohlsdorf gezeigt wurde...

Nach einem Jahr Forschung in Bordeaux, Abidjan und Paris, sowie einer Reise auf einem Frachter entlang der westafrikanischen Küste mit sechzig dort durch die gefährliche Brandung angeheuerten Seeleuten, hatte ich in Hamburg vor, eine Dissertation über diesen Küstenstamm "Kru" aus Liberia und der Elfenbeinküste zu schreiben. Über 150 Jahre lang waren diese Arbeitskräfte unentbehrlich für den europäischen Handel; denn diese tüchtigen Männer, zuletzt spezialisiert auf das Verladen (besonders von Holz) der Frachtschiffe im tropischen Afrika, waren auch dazu bereit, für die Dauer der weiteren Reise nach Süden mitzufahren. Auch ich, frisch verlobt mit einem Hamburger, durfte mitfahren und konnte an Bord jeden der mitgenommenen Männer einzeln interviewen. So hörte ich dort zum ersten Mal von der deutschen Firma Woermann, für die ein "Kruman" oft gearbeitet hatte; und fand in ihren Dörfern im Südwesten der Elfenbeinküste auf den traditionellen Lehmhütten dieser Seeleute entsprechende Dekorationen - bemalte Bullaugen, Schiffe mit nummerierten Luken, einmal mit den Namen "Normandie" und sogar "Hambogue"! Erst später entdeckte ich in Hamburg das Afrika-Haus mit Herero und Elefanten, dann in Ohlsdorf die große Grabanlage von Carl Woermann, auch sehr viele Schiffe... und eine schöne Afrika-Karte auf dem Grabmal Koberstein. In meiner neuen Heimatstadt angekommen, musste ich zuerst Deutsch lernen. Als ich weiter forschen konnte, war ich überwältigt von der Fülle der Quellen in der Hansestadt - auf Deutsch, Englisch, auch Französisch! Dann, nach meiner Promotion 1972, fand ich gleich eine Tätigkeit im Institut für Afrika-Kunde, später kamen monatliche Übersetzungen für die Firma Alfred Toepfer International dazu - beides verfolgte ich bis 1992.


Afrika in Ohlsdorf: Grabmal Koberstein, um 1936, heute aufgestellt in der Museumsanlage vor dem Ohlsdorfer Museum (Foto: C. Behrens) (1)

Mit ganz neuem Blick lernte ich Hamburg kennen, als ich 1986 durch eine Freundin auf "l'Art Nouveau" in Brüssel stieß: So entdeckte ich Jugendstil überall auf Fassaden, Eingängen und Kacheln; später kamen Zeugnisse expressionistischer Baukunst dazu, schließlich insgesamt die Bildhauerei und Kunst im öffentlichen Raum. Da inzwischen unsere Töchter selbstständiger wurden, hatte ich auch wieder mehr Zeit für meine Entdeckungen in der Stadt sowie frühere Interessen wie Kunst, Musik - Kultur im Allgemeinen, aber auch Glaubenssachen, Soziologie und immer wieder Natur. Auf einmal wurde mir klar - alles, was mich interessierte, gab es auch in Ohlsdorf vor meiner Tür! Und so fing ich in den 90er Jahren endlich an, den Friedhof peu à peu systematisch und thematisch zu entdecken und zugleich fotografisch festzuhalten: So sind meine ersten Bock-Bilder ab 1992 zu datieren und erinnern so seit über 30 Jahre an manche Werke, die in Ohlsdorf inzwischen verschwunden sind.
1998 wurde auch ich aktiv im "Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e. V." als Beisitzerin im Vorstand, sowie bei der Redaktion - und zuerst mit den Kollegen Schoenfeld und Hammond-Norden bei der Suche von Grabsteinen der 1920er und 30er Jahre für die erste museale Aufstellung von Grabsteinen vor dem Friedhofsmuseum. Dem Beispiel anderer Vorstandsmitgliedern folgend beschlossen mein Mann und ich, ebenfalls eine Patenschaft für ein Grabmal zu suchen. Das uns zuerst vorgeschlagene und ausgesuchte Grabmal Möller-Jarke von 1900 (sehr schönes Jugendstil-Frühwerk von Barlach) war leider neu belegt und kam nicht mehr in Frage. Im ähnlichen schönen Waldgebiet fand dann mein geselliger Mann das Grabmal Rittscher von 1908 - eine halbe, schlichte Rundbank mit Kreuz und Rosenranken - und signiert: "Arthur Bock Hamburg".


Grabmal Familie Rittscher von Arthur Bock, 1908, mit Grabmalpatenschaft (Foto: C. Behrens) (2)

Ab da wurde ich recht neugierig, mehr über Werke und Leben dieses Bildhauers zu erfahren. Der Katalogteil des Buches über den Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf von 1990, war schon lange das Referenz-Buch für alle Ohlsdorf-Interessierten, natürlich auch für mich - eine Art "Friedhof-Bibel" mit 54 Werken von Bock, dabei jedoch wenigen Bildern. Erste Informationen über Bock fanden sich bereits im Buch "Der Ohlsdorfer Friedhof" von Alfred Aust (1953 + 1964), so auch dieses Zitat: "Bock ist einer der ersten Pioniere des guten Geschmacks in der Hamburger Friedhofskunst gewesen". Viel hilfreicher war jedoch das kleine Heft von Jens Marheineke (1999) "Werke von Arthur Bock. Eine Wanderung zu den Skulpturen des fleißigsten Bildhauers auf dem Ohlsdorfer Friedhof" mit Einleitung, Karte und 44 Schwarz-Weiß Fotos. Dank weiterer Quellen konnte ich für unsere Zeitschrift "Ohlsdorf" schließlich selbst einen Beitrag zum Thema "Der Bildhauer Arthur Bock" leisten, der Titel lautete "Der Bildhauer Arthur Bock (1875-1957) in Hamburg"; versehen mit dem "Versuch eines Werkverzeichnisses" mit etwa 80 in der Hansestadt befindlichen Werken (damals die erste Übersicht... wie ich es jetzt weiß).
Am 19.11.2017 hielt Heiko K. L. Schulze einen Vortrag über unbekannte, in ganz Europa zu findende Werke von Bock - eine Entdeckung für mich: Da trafen wir uns zum ersten Mal, dabei hörte ich von seinem Projekt. Als er das Layout unserer Zeitschrift "Ohlsdorf" 2019 übernahm (die seitdem merklich an Klarheit und Farbe gewonnen hat!), lernten wir uns bei den Redaktionssitzungen besser kennen - bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie, da die Video-Sitzungen für mich problematischer wurden. Dann, herausgegeben vom Denkmalschutzamt Hamburg, kam 2022 das 355 Seiten schwere, bemerkenswerte Buch von Heiko K. L. Schulze "Arthur Bock (1875-1957). Ein Hamburger Bildhauer" heraus - mit Leben und Werk, Katalog, Werkverzeichnis und Anhang und 288 Werken, nicht nur aus Deutschland: Ein faszinierendes Ergebnis nach Jahren unablässiger, akribischer Recherche, die Heiko Schulze trotz seiner Krankheit geleistet hat! Im Katalog werden in 22 Bereichen für jedes Werk Foto, Nummer, Bezeichnung, Datierung, Standort/Besitz, Material, Maße, Signatur, Hersteller/Guss, Inschrift, Beschreibung, Hintergrundinformationen, Bemerkungen und Literatur (noch nie wurde ich so oft zitiert...) sehr genau erforscht. Und hier ein ganz persönliches Beispiel unser Patenschaftgrabmal betreffend: Durch Heikos Forschung erfuhren wir nach 25 Jahren misslungener Nachfragen endlich, wer jener Rittscher war (nämlich ein Kaffeehändler für Guatemala); ebenso wissen wir seither - dank eines historischen Fotos - dass die Bank ursprünglich anders gedacht war, und zwar bekrönt von einem auf Girlanden sitzenden Putto!


Historisches Foto des Grabmals Rittscher im dem neuen Katalog von Heiko Schulze (3)

Das erinnert an viele andere Werke Bocks, spontan an die beiden Knabengruppen "Streit" und "Frieden" des ehemaligen Brunnens am Sievekingplatz (von 1912/13), die früher mit Blumenranken auf hohen Pfeilern standen... Und ebenfalls, diesmal in der Nähe, an diese für mich ganz frische Entdeckung - den Brunnen mit fünf Knaben aus derselben Zeit, die in Wellingsbüttel hinter dem ehemaligen Restaurant Randel immer noch heute fröhlich toben... Danke, Heiko - für alle diese Entdeckungen!!!



Zwei Kindergruppen von Arthur Bock: "Streit" am Sievekingplatz und "Brunnen mit fünf Knaben" in Wellingsbüttel - beide um 1912/13 (4 und 5)
Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Arthur Bock - in memoriam Heiko Schulze (Juni 2024).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2024).