Direkt zum Inhalt

OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Siki, der vergessene Box-Weltmeister - und sein Grab im Senegal

Anfang des Jahres erschien in der Rubrik "Geschichte" der Zeitung "DIE ZEIT" ein langer Artikel von Andrea Böhm: lesenswert in vielerlei Hinsicht! Hingucker sind schon der fettgedruckte Titel "Siki, der Einzigartige" und darunter das 20 x 30 cm große Bild von Amadou M'Barick Fall (1897-1925) alias Battling Siki beim Training vor einem Spiegel.

Aber auch der Untertitel dazu ist ein ganzes Programm in sich und macht neugierig mit seinen (heute so aktuellen!) Themen: "Er war Migrant, Kriegsheld, Trinker, Ikone des Antikolonialismus - und in den 1920er-Jahren der erste afrikanische Box-Weltmeister. Ein Besuch am Grab von Amadou M'Barrick Fall im Senegal, wo einer der berühmtesten Söhne des Landes langsam wiederentdeckt wird".
Heute weiß wohl kaum noch jemand, wer dieser Siki war; und während Sportmeldungen über Fußball sich täglich häufen, hört man selten vom Boxen - jedoch immer wieder von Migration, Krieg, Alkoholismus und Postkolonialismus...


"Battling Siki" (1897-1925) beim Training vor einem Spiegel, Juni 1922 (Bildnachweis: Par Agence Rol - Cette image provient de la bibliothèque en ligne Gallica sous l'identifiant ARK btv1b53082406k, Domaine public, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115698649) (1)

Schon am 26.06.2018 hatte der Journalist David Signer in der "Neuen Züricher Zeitung" einen Beitrag mit dem Titel "Das kurze, wilde Leben von Battling Siki" geschrieben - und lieferte darin diese noch kürzere Zusammenfassung: "Er war der erste Afrikaner, der es zum Boxweltmeister brachte. Battling Siki wurde als Affe verhöhnt, 1922 erlangte er weltweite Berühmtheit - und mit 28 Jahren wurde der gebürtige Senegalese in New York erschossen". Damals berichteten unzählige Zeitungen über ihn und sein Schicksal, ebenfalls mehrere Schriftsteller: etwa Arthur Miller, George Bernard Shaw - oder Ernest Hemingway, der selber am 24. September 1922 mit rund 40.000 Zuschauern im Stade Buffalo bei Paris dabei war und darüber die Kurzgeschichte "Fifty Grand" schrieb. Danach blieb Siki lange Zeit fast vergessen - bis sein kurzes, wildes Leben Eingang in den Film "Siki" (1992) von Niek Koppen fand; 2003 gibt es sogar eine "Boxoper" genannte Oper am Theater Bonn namens "Battling Siki - boxe et opéra" (tatsächlich eine Videoinstallation mit Computer- und Livemusik). Und 2008, mit "Battling Siki: A Tale of Ring Fixes, Race, and Murder in the 1920s", eine weitere Biographie über ihn von dem Professor und Box-Liebhaber Peter Benson, der lange im Senegal gelebt hat (und Siki um zehn Jahre älter macht).
Die Informationen über seinen Lebenslauf sind oft aus unsicheren Quellen gesammelt und gründen mitunter auf Spekulationen. So ist Amadou (später auch Louis) M'Barrick Fall "vermutlich im September 1897 als Sohn eines Fischers und einer Tuchfärberin" in Saint Louis, einst Hauptstadt von Französisch-Westafrika, geboren, schreibt Andrea Böhm. "Seine Kindheit ist so verschwommen wie sein Weg nach Europa". Mit acht Jahren (zehn oder elf?) wird er von einer Tänzerin (Französin? Holländerin?) nach Europa mitgenommen und lebt von Gelegenheitsarbeiten. Mit 15 beginnt er zu boxen, wird technisch und physisch schnell stärker. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist Schluss mit Boxen, er wird mit 17 Jahren zum Wehrdienst eingezogen; als "Tirailleur sénégalais" überlebt er die Schlacht von Gallipoli in Apulien und wird, mehrfach ausgezeichnet, 1919 aus der Armee entlassen. Er ändert dann bald seinen Namen ("Fall" bedeutet in Wolof "Erhebe den Kopf") - zwischen 1919 und 1922 gewinnt er 43 von 46 Kämpfen, davon 27 durch K.o.

Am 24. September 1922 kommt dann seine große Chance im Wettkampf gegen den weißen Boxer und Publikumsliebling Georges Carpentier (1894-1975). Siki gewinnt bei tosendem Beifall und wird Boxweltmeister im Halbschwergewicht - zwar nicht als erster Schwarzer, aber zum ersten Mal mit weltweiter Fangemeinde in Europa, in den USA und den damaligen Kolonien. Er ist ein Star - doch leider nur kurz, denn es schlägt ihm ebenso viel Verachtung wie Bewunderung entgegen; kurz nach dem Kampf, vermutlich auf Druck der Wettbüros, wird er aus der französischen Boxervereinigung ausgeschlossen. Er ist zwar ein mutiger Kämpfer, humorvoll, intelligent (spricht ohne Schulbildung fließend sechs Sprachen) - seine Hautfarbe bleibt aber schwarz. Für viele Weiße der 1920er Jahre gelten die Schwarzen als "Primitive", als Tiere, und die Presse verleiht ihm Beinamen wie "Monster" und "Championzee" (boshafte Wortkreation aus "Champion" und "Schimpanse"). Er sorgt auch für Kontroversen, weil er die Korruption in der Pariser Boxwelt anprangert und sich gegen die Rassentrennung in den amerikanischen Südstaaten ausspricht. Um sich Respekt zu verschaffen, schmeißt Siki nur so mit dem Geld um sich; seine extravagante Kleidung, seine Absinth-Exzesse und seine unzähligen Frauengeschichten sind beliebter Stoff für die Boulevardzeitungen.
Aus Wut erzählt Battling Siki in Dezember 1922 der Presse die Wahrheit - der Kampf gegen Carpentier sei von dessen Managern gekauft worden (gegen Bestechungsgeld sollte er verlieren), fand aber seinen Gegner hart und unfair und erkannte, dass er selbst besser war. Es nützte ihm aber nicht... Der Skandal erschütterte Frankreich, die weiße Fangemeinschaft schwand, mehrere europäische Länder ließen ihn nicht mehr spielen. Verzweifelt trinkt er mehr, verliert immer öfter. Im September 1923 fährt er (trotzt Segregation in den USA und brutalerem Rassismus als in Frankreich) nach New York, wo er auf eine Besserung seiner Lage hofft. Seine Hoffnungen werden enttäuscht, obwohl er vor allem in Harlem bis zu seinem Tod populär bleibt. Am 15. Dezember 1925 wird der nur 28 Jahre alte Siki im berüchtigten New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen (auch Clinton oder Midtown West) von einem Unbekannten zweimal in den Rücken geschossen und stirbt an seinen Verletzungen.

Obwohl er Muslim ist, lässt ihn seine Witwe (angeblich eine weiße Amerikanerin) christlich beerdigen. Erst 1993, auf Betreiben des afrikanischen Boxverbandes, werden seine sterblichen Überreste nach Saint Louis zum Fischerfriedhof überführt, wo er nach muslimischem Ritus noch einmal bestattet wird. Andrea Böhm hat sich selbst nach Senegal auf dem Weg zum Grab des französischen Boxers gemacht und in Saint Louis über das kurze Leben von Battling Siki recherchiert. Ein Gärtner hilft ihr bei der schwierigen Suche nach dem Grab auf dem Friedhof von Guet Ndar, dem Stadtteil der Fischer von Saint Louis (es fand sich niemand mehr, um es zu pflegen): Es ist ein kniehohes Rechteck aus weißen Kacheln, von Gras überwuchert. "An der Kopfwand eine verwachsene Tafel, die vielleicht einmal blau gewesen ist. Der Name 'Battling Siki' läßt sich nur erraten" - und welch krasser Kontrast mit den goldenen Boxhandschuhen am Grab vom berühmten Boxtrainer Fritz Sdunek (1947-2014, Grablage BO 69-447) bei Kapelle 13 in Ohlsdorf, der auch beide Brüder Klitschko trainierte.



Grab vom Boxtrainer Fritz Sdunek (1947–2014) auf dem Ohlsdorfer Friedhof (Fotos: C. Behrens 2024) (2 und 3)

In der Stadt Saint Louis kann man dafür Sikis Porträt auf seinem Geburtshaus sowie seine Silhouette auf Collagen von Künstlern entdecken, weitere Porträtfotos von ihm beim Buchhändler kaufen, auch T-Shirts mit dem Emblem seiner Box-Handschuhe. Außerdem ist ein schickes Boutique-Hotel nach ihm benannt. Es existiert zudem ein "Siki Bar und Restaurant", und neuerdings der Markenname "Siki"... Wird es nach hundert Jahren doch noch eine langsame Wiederentdeckung geben?

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Arthur Bock - in memoriam Heiko Schulze (Juni 2024).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2024).