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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Die Arbeiten Arthur Bocks - eine unendliche Geschichte?

Meine erste Begegnung mit Arthur Bock war Anfang der 1990er Jahre. Mein Mann hatte zufällig die Ankündigung einer Führung über den Friedhof entdeckt. Ich fand es sehr interessant und ging dann ziemlich regelmäßig mit, wobei mir natürlich nach und nach zahlreiche Bocksche Grabmale vorgestellt wurden. Ich entdeckte auch die ersten Bücher, "Der Ohlsdorfer Friedhof" von Alfred Aust und "Von Mönckeberg bis Hagenbeck" von Hans-Günther Freitag. So kam es, dass ich mich bei einer Führung mit einer Ergänzung zu Wort meldete und die Führerin, es war damals Frau Prieß, meinte, ich wisse ja auch schon gut Bescheid, ob ich nicht Lust hätte, selber zu führen. So fing es an.

"Der Hamburger Hauptfriedhof Ohlsdorf" von Barbara Leisner, Ellen Thormann und Heiko K. L. Schulze vervollständigte die Grundausstattung, und ich begann auch nach anderen Quellen zu suchen. Gerade zu Arthur Bock mit seiner Vielzahl von Werken hätte ich gerne mehr gewusst. Eine schmale Akte im Staatsarchiv war wenig ergiebig, aber ich stieß auf ein Konvolut historischer Aufnahmen und konnte außerdem antiquarisch eine ursprünglich von Caesar Scharff herausgegebene Broschüre erwerben, deren Bildteil Bock erheblich mit Bildern der von ihm gestalteten Grabmale ergänzt hatte.


Einige Bilder aus dem kleinen Bilderkonvolut (Archiv P. Schmolinske, ebenso Abb. 2, 4-8 und 10-12) (1)

Das Bildmaterial zeigt bekannte Werke Arthur Bocks, teils als Modell, teils ausgeführt am Aufstellungsort. Bei einigen weiteren Arbeiten ließ sich durch die Bilder die bis dahin unbekannte Urheberschaft Bocks belegen. Außerdem sind Fotos von schon länger geräumten Grabmalen vorhanden. Darauf sind nur in Ausnahmefällen Namen deutlich zu erkennen, so dass die Ermittlung von Personen und Standorten schwierig ist. Allerdings war Bock sehr geschäftstüchtig und gab noch weitere Broschüren heraus, die nicht nur Bilder, sondern auch Listen mit den Namen seiner Auftraggeber enthalten, also eine weitere Quelle, die unter Umständen Anhaltspunkte bietet.


Broschüre von Caesar Scharff und Arthur Bock (2)

Arthur Bocks Auftraggeber (Archiv Förderkreis, ebenso Abb. 9) (3)

Meine persönliche Beschäftigung mit Arthur Bock intensivierte sich schließlich, als ich Heiko K. L. Schulze kennenlernte. Zunächst war es ja 2017 sein hochinteressanter Vortrag, in dem er völlig neue Einblicke zu Arthur Bocks Schaffen gab. Und dann übernahm Heiko 2019 das Layout unserer Zeitschrift, so dass sich durch die Redaktionssitzungen ein direkter Austausch ergab. Ich erfuhr Näheres über das Werden seines Buches und konnte ihm mein Material zur Verfügung stellen, von dem einige Abbildungen auch Verwendung fanden. Und da ich die Erlaubnis habe, in den alten Friedhofsregistern zu recherchieren, konnte ich auch etwas mithelfen bei der Absicherung mancher Grablagen und bei anderen Recherchen. Somit durfte ich doch einen kleinen Teil zu Heikos umfangreichem Werk beitragen, worauf ich - wie ich zugeben muss - schon ein wenig stolz bin. Und es freut mich auch ganz besonders, dass Heiko die Fertigstellung seines Werkes noch erleben durfte.
Im Folgenden stelle ich vier Gräber vor, die zu den frühen Arbeiten Arthur Bocks gehören. Auch bei den noch vorhandenen Grabmalen lässt sich seine Urheberschaft nur durch die oben beschriebenen Quellen belegen, da Signaturen fehlen. Bei den ersten beiden konnten wir grundlegende Angaben wenigstens noch rechtzeitig vor Drucklegung ermitteln.
Noch vorhanden ist das Grabmal, das heute unter dem Namen Direng geführt wird, ein Exedragrabmal aus rotem Granit mit schönen Bronzereliefs im Mittelteil (Grablage O12, 107-122).


Grabmal Wedells, heute Direng (4)

Grabmal Wedells, Detail (5)

In der Liste der Auftraggeber verbirgt es sich hinter dem Namen Wedells. Siegfried Wedells, ein wohlhabender Kaufmann mit jüdischen Wurzeln, hatte 1890 Ella Elisabeth Direng geheiratet. Am 2. Oktober 1894 erwarb er die Grabstätte für sich, seine Ehefrau, eventuelle Kinder, sowie für seine Schwiegereltern und deren weitere Nachkommen. Als die Ehe 1913 geschieden wurde, verzichtete Wedells aber auf das Nutzungsrecht, dass damit auf die Familie Direng überging. Er erwarb stattdessen für sich ein anderes Grab, das dicht beim Wasserturm liegt und von dem Bildhauer Walther Schmarje gestaltet wurde (Grablage N23, 13-17; O23, 1-5). An Siegfried Wedells erinnert heute der nach ihm benannte Platz vor der HanseMerkur-Versicherung beim Dammtor. Dort steht sein früheres Wohnhaus, das ist in den Komplex der Versicherung integriert wurde. Wedells hatte es mitsamt seiner wertvollen Gemäldesammlung der Stadt vermacht. Die Kunstwerke sollten eigentlich in dem Haus verbleiben und dort ausgestellt werden. Daran hielt man sich aber nicht. Ein Teil der Sammlung gehört heute zum Bestand der Kunsthalle.
Von dem besonders monumentalen Grabmal der Familie Herschel wissen wir dagegen nur noch auf Grund der Abbildungen. Da der Name eher selten ist, ließ sich ein mögliches Grab relativ einfach ermitteln, und ich fand die noch vorhandene Einzeichnung in einer älteren Detailkarte, die genau die Form des Grabmals wiedergibt, was die Annahme bestätigte (Grablage Z24, 281-83; Z25, 159-65).


Lage des Grabmals Herschel (6)

Das Grabmal wurde errichtet für den jüdischen Augenarzt Dr. Wolfgang Arthur Herschel. Seine Frau Sophie war weitläufig mit der bekannten Familie Warburg verwandt. Das Ehepaar hatte zwei Töchter. Als die jüngere, Anna Ottilie, 1904 mit 16 Jahren starb, wurde sie eingeäschert, und Arthur Bock erhielt den Auftrag, das Grabmal zu errichten, das mit zwei sehr zarten Reliefs geschmückt war.


Grabmal Familie Dr. Herschel (7)

Detail vom Grabmal Herschel (8)

Nach Fertigstellung wurde die Urne am 2. November 1905 im Grabmal aufgestellt. Trotz dieser Riesenanlage waren also von Anfang an nur Urnenbestattungen vorgesehen. Allerdings wurden später alle Urnen in der Erde beigesetzt. Dr. Herschel starb 1913, seine Frau 1928. Sie war nach dem Tod ihres Mannes aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten und Olga, die zweite Tochter, hatte sich evangelisch taufen lassen. Das interessierte aber bekanntlich nach 1933 nicht mehr. Olga war ledig geblieben, eine hoch begabte junge Frau, die ihr Geschichtsstudium in München mit der Promotion abgeschlossen hatte. Sie war politisch konservativ eingestellt und eine engagierte Nationalistin. Emigration hielt sie lange für unpatriotisch, und die kam auch bei ihrer Grundeinstellung nicht infrage. Als ihr die Novemberprogrome den Ernst der Lage klar machten, nahm sie sich am 17. November 1938 das Leben. Ihr Schicksal ist ausführlich dargestellt auf www.stolpersteine-hamburg.de.
Zu den beiden Gräbern, die ich hier noch vorstellen möchte, habe ich Informationen leider erst in allerletzter Zeit ausfindig machen können, weil mir einige Quellen erst seit Kurzem zur Verfügung stehen, besonders die Digitalisate der alten Hamburger Tageszeitungen, die die Staatsbibliothek jetzt freigegeben hat. Darauf zugreifen kann man über diesen Link: https://zeitungen.sub.uni-hamburg.de/
Dass Arthur Bock nicht nur großformatig arbeitete, zeigen Fotos des kleinen Grabmals für Albert Panzer, das ich durch den Hinweis eines Kollegen wiederentdeckte.


Ausschnitt aus dem Generalplan von 1916 (9)

Albert Panzer - historisches Foto (10)

Offiziell ist es gar nicht mehr vorhanden. Bereits auf den Plänen, die bei der Inventarisation in den 1980er Jahren Verwendung fanden, fehlt die Position. Und da dies bislang niemand aufgefallen ist, kennt auch die interaktive Karte des Friedhofs die zugehörige Grablage Z13, 17 nicht. Das aktuelle Foto beweist aber, dass das Grabmal sehr wohl vorhanden ist, wenn auch der Aufsatz etwas verschoben ist und Teile - bronzene Griffe? - daran fehlen. Das Grabmal steht in der Nähe des Nordteichs in dem kleinen Grabfeld Y12-13 / Z12-13. Dies war der erste Urnenhain des Ohlsdorfer Friedhofs. Der kleine Ausschnitt aus dem Generalplan von 1916 zeigt die kleinteilige Struktur des Feldes. Entsprechend kleinformatig sind die Grabmale. Dieses ist nur 130 cm hoch, hat aber trotzdem eine Tendenz zum Monumentalen.


Albert Panzer - aktuelles Foto (11)

Der hier bestattete Albert Panzer starb am 30. November 1908 im Alter von 52 Jahren. Er stammte aus Pommern und war ledig, wie im Bestattungsregister vermerkt ist. Beruflich war er als Zuckermakler tätig. Angehörige gab es in Hamburg wohl nicht, denn das Grab wurde von Friedrich Christian Sieben erworben für die oberirdische Aufstellung "der Urne mit der Asche von Albert Ludwig Friedrich Panzer, für den Zeitraum von 25 Jahren". Die Einäscherung erfolgte am 3. Dezember 1908. Die Urne konnte aber erst am 9. Mai 1909 beigesetzt werden, als das Grabmal fertiggestellt war. Oberirdische Aufstellung muss ja nicht bedeuten, dass die Urne sichtbar ist. Sie befindet sich im Mittelteil des Grabmals. Herr Sieben hatte sein Familiengrabmal (Grablage U12, 111-17) von Caesar Scharff gestalten lassen, daher war es für ihn naheliegend, Arthur Bock als dessen Nachfolger den Auftrag zu erteilen. Zu Albert Panzer ist hier noch anzumerken, dass er offenbar ein sehr sozial eingestellter Mensch war. Im Hamburgischen Correspondenten vom 13. Juni 1909 bedanken sich 23 Vereine und caritative Einrichtungen für zugegangene Vermächtnisse. Insgesamt wurden 17.000 Mark ausgezahlt, unter anderem an das Seefahrer-Armenhaus, die Verbände für Mädchen- und Knabenhorte und an den Verein Sommerfrische für ältere arme Leute.
Nur bildlich wissen wir noch von dem Grabmal der Familie Fritz L. Jollasse. Das Exedragrabmal mit Bänken in den seitlichen Rundungen hatte ein Metallgitter über dem Mittelteil und an beiden Seiten niedrige Pfeiler mit Putten.


Grabmal Familie Fritz L. Jollasse (12)

Der Name ist auf dem Foto gut erkennbar, aber im Ohlsdorfer Register ist kein Fritz verzeichnet, nur ein Friedrich Lorenz Jollasse, 1850-1910. Dass auf dem Grabmal nur ein vom offiziellen Namen abweichender Rufname steht, ist eher unüblich. Daher war die Zuordnung zunächst nicht sicher, aber bestätigt wurde sie jetzt durch eine kleine Notiz im Hamburgischen Correspondenten vom 16. Februar 1897, in der Herr Fritz Jollasse und Frau Emma geb. Rockstrohen die Geburt einer Tochter anzeigten. Jollasse hatte sich beruflich mit Diamanten befasst. Im Hamburger Handelsadressbuch von 1890 ist ausführlich angegeben: "Gammius & Jollasse. Lager von Juwelen, Import von rohen Diamanten, Dampfschleiferei. Inh. Max Gammius und Fr. L. Jollasse". Von dem Partner Max Gammius ist bekannt, dass er kurzzeitig Agent der Lipperts in Südafrika war. 1910, nach dem Tod ihres Mannes, erwarb Emma Jollasse geb. Rockstrohen zunächst ein Grab in AG12. Offenbar gefiel ihr die Stelle dann aber doch nicht. 1911 nahm sie stattdessen eine Grabstätte in AC16, 33-46 und ließ ihren Mann dahin umbetten. Da dies Grab nicht auf Friedhofsdauer erworben war, wurde es nach Ablauf 1971 geräumt.
Diese vier hier vorgestellten Fälle konnten eindeutig geklärt werden, auch wenn es bei den beiden letzten leider zu spät war, diese Erkenntnisse noch in das Buch einfließen zu lassen. Aber es gibt noch weitere Bilder und Namen, bei denen eine Zuordnung zu einer Grabstätte bislang nicht möglich war. Es kann also immer noch weiter geforscht werden!

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Arthur Bock - in memoriam Heiko Schulze (Juni 2024).
Erkunden Sie auch die Inhalte der bisherigen Themenhefte (1999-2024).