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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Kriegstote und Erinnerungskultur: Beispiele aus Frankreich und Belgien

Kriege hinterlassen tiefe Spuren, millionenfach Familien und ihre Angehörigen sind davon betroffen. Das gilt auch für Hamburg und seine vergangenen wie gegenwärtigen Bewohnerinnen und Bewohner - der Parkfriedhof Ohlsdorf mit seinen 52.135 Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft, verteilt auf etwa zwölf Hektar seiner gesamten Fläche, zeigt dies auf eindrückliche Weise. Mehr als ein Jahrhundert nach dem ersten Weltkrieg werden der 11.11.1918 und der 8.5.1945 stets offiziell bedacht, in Frankreich gelten beide Daten noch als Feiertage. In Erinnerung an ihre Kriegstoten - Soldaten wie Zivilisten - besitzen nicht allein in Europa viele Ortschaften Monumente und Mahnmale; allein in Belgien wie auch im Norden und Osten Frankreichs finden sich überdurchschnittlich viele davon.

So etwa das Memorial des inzwischen als "Weltfriedenstadt" bezeichneten Verdun, das Ossuarium von Douaumont mit Überresten von ca. 130.000 französischen und deutschen Soldaten; oder Sedan ebenfalls an der Meuse, wo während der Deutsch-Französischen Kriegen 1870 und 1940 Schlachten stattfanden. Aber auch fern von den Kriegsfronten gibt es viele Denkmäler und Erinnerungen.

Im Bordeaux der fünfziger Jahre waren die Zeremonien am schulfreien 8. Mai mit Uniformen, Fanfaren und Kindern in elsässischen/lothringischen Trachten, die damals direkt vor den Fenstern paradierten - einer Generation ohne Fernsehen ein wahres Erlebnis, zu dem Blumenkränze am Fuß der reitenden Statue von "Jeanne d'Arc" abgelegt wurden. Die französische Heldin Johanna, die oft ihren Platz in katholischen Kirchen hat, steht heute noch vor der breiten Kreuzung des "Cours du Maréchal Foch" (der ab 1918 gemeinsamer Oberbefehlshaber der Armeen der Allierten an der Westfront war) und des "Cours de Verdun". Diese Straßennamen sprechen für sich, ebenso wie die nach vier weiteren Schlachten an den Flüssen Yser (18-31.10 1914), Marne (Sept. 1914 und Juli 1918), Argonne (26.9.-11.11.1918) und Somme (1916 und 1940) benannten Straßen um dem Siegesplatz " Place de la Victoire" - von den nach dem Zweiten Weltkrieg benannten "Cours de la Libération" (der Befreiung) und "Place des Martyrs de la Résistance" (Widerstandsopfer) ganz zu schweigen.

Bordeaux liegt im Südwesten Frankreichs und damit von den Schauplätzen dieser schrecklichen Schlachten weit entfernt, jedoch wurden auch dort viele Toten beweint. So etwa im Vorort Gradignan im Süden der Stadt, wo am Hauptplatz nah der Kirche ein sehr gepflegtes Mahnmal zur Ehre der Toten dieser Gemeinde steht. Vorne am Obelisk sieht man oben ein Bronzerelief mit zwei Soldaten im Profil, unten die Skulptur einer Trauernden mit Kind; dazwischen in großer goldener Schrift "1914-1918", darunter "Gradignan à ses enfants morts pour la patrie". Auf der Hinterseite befindet sich ein hoher Palmwedel über einer Feuerschale und die Inschrift "Patrie" (Vaterland), links und rechts oben je ein Kranz über langen Totenlisten; einige Namen wurden später in Erinnerung an Verstorbene des Zweiten Weltkriegs (1939-45) sowie der Kriege in Indochina (1946-54) und Algerien (1954-62) hinzugefügt (Abb. 1).

1 Mahnmal in Gradignan

Weit häufiger stößt man im Osten und Norden Frankreichs auf solche Monumente und Spuren der Kriege, zum Beispiel in der Region "Hauts-de-France", der Nordspitze des Pentagons, wenn man die Autobahn A1 nach Lille verlässt: Ein Beispiel dafür ist Noyon, 24 Km nördlich von Compiègne und etwa 100 km von Paris. Als Geburtsort des Reformators Calvin (1509) besitzt die kleine Stadt mit ca. 13.000 Einwohnern eine lange Geschichte und eine riesige Kathedrale, in der der junge Karl der Große im Jahre 768 zum König von Neustrien gekrönt wurde. Der Erste Weltkrieg - die sogenannte "Grande Guerre" prägt Noyon stark. Schon am 30.8.1914 von den Deutschen besetzt, im März 2917 befreit, im März 1918 wieder besetzt, wird sie monatelang bombardiert. Am 1.4.1918 (Ostern) brennt das Dach der Kathedrale nach einem Granatenbeschuss, die das Innere ebenfalls sehr beschädigen; das Bauwerk wird in den 1920er Jahren und (verschont vom Zweiten Weltkrieg) bis 1952 renoviert. Das erklärt das rechts von Kathedrale und Bischofshaus befindliche, imposante Art-déco-Kriegerdenkmal von 1923 - mit seiner Spitze in Form einer Granate, vier Reliefs oben sowie zwei Treppen, die links und rechts eines Innenraums in die Höhe laufen. In der Kathedrale selbst erinnert eine zweisprachige goldene Tafel an die eine Million britischer Toten des Ersten Weltkriegs, und in einer Kapelle für alle Kriegstote liest sich hundert Jahre später das mannshohe Schild über "La Grande Guerre, 1914-2014" als historische und pädagogische Ermahnung (Abb. 2).

2 Noyon, Kapelle

Wenige Kilometer nördlich von Noyon steht im kleinen Ort Muille-Villette ein weiteres Mahnmal mit buntem Relief von 1936 mit Soldatennamen auf der Rückseite (85 im Ersten, dagegen nur zwölf im Zweiten Weltkrieg) und fünf zivilen Namen auf der Vorderseite (Abb. 3).

3 Denkmal in Muille-Villette

Weiter nach Norden zeigt die Gemeinde Roupy (235 Einwohner im Jahre 2018) eine wohl ehemalige gotische Kirche, sichtlich zerstört und im Art déco-Beton neu gebaut; direkt davor steht wieder ein Schild für ihre zwölf Opfer und drei toten Zivilisten (Abb. 4).

4 Roupy, Gedenktafel vor der Kirche

Weiter nach Norden führt die Landstraße nach Saint-Quentin, mit knapp 54.000 Einwohner die größte Stadt des Départements Aisne; da diese im Ersten Weltkrieg zu 70 Prozent zerstört war, wurde sie beim Wiederbau die Wiege des Art déco in Frankreich. Sie besitzt einen deutschen Soldatenfriedhof mit 8229 deutschen Kriegstoten des Ersten Weltkriegs, auch eine nationale Nekropole als Kriegsgräberstätte des Ersten und Zweiten Weltkriegs, außerdem eine bemerkenswerte Gedenkstätte für die Gefallenen der beiden Weltkriege (Abb. 5).

5 St-Quentin, Gedenkstätte für Gefallene beider Weltkriege

Letztere steht südlich des Kanals von St-Quentin von 1810, dessen Art déco-Brücke Allegorien der vier Stadtflüsse Seine, Oise, Somme und Escaut zeigt - sie bilden einen Ersatz für die 1917 geschmolzenen Skulpturen aus dem Jahr 1907. Die große Anlage dieser Gedenkstätte an der "Place du monument aux morts" erinnert mit drei Reliefs an die "Schlachten von St-Quentin" (einem großen mit zwei kleineren links und rechts). Die erste davon fand bereitsam 10.8.1557 statt (im Zuge des Habsburgisch-Französischen Konfliktes mit deutlichem Sieg der Spanier, dazu gibt es unweit auch eine große Skulptur (Abb. 6); die zweite am 19.1.1871 zwischen den Generälen August von Goeben und Louis Faidherbe.

6 St-Quentin, Denkmal für die große Schlacht von 1557

Unter diesen drei Reliefs stehen Tausende, alphabetisch geordnete Namen; auch seitlich und auf der Rückseite ist jede freie Fläche beschriftet. Links und rechts des riesigen Mahnmals stehen außerdem diverse Monumente in Erinnerung an einzelne Menschen oder Kämpfe - natürlich auch an Verdun, darüber hinaus aber auch (unter anderen) an Alexandre I., Vereiniger des Königreichs Jugoslawien; an die beiden Marschalle de Lattre de Tassigny (1889-1952) mit der Ersten Armee "Rhin et Danube" sowie Leclerc (1902-1947) (Abb. 7); an die Märtyrer des Aufstandes des Warschau-Ghettos vom April 1943; oder auch in Memoriam des für Frankreich verstorbenen Kameraden in Nordafrika (Tunesien, Marokko, Algerien) 1952-1964 und Indochina 1945-1954.

7 St-Quentin, Beispiel eines Erinnerungsmals für einzelne Kämpfe oder Personen

Auch Belgien, jenseits der Grenze gelegen, ist von den Weltkriegen nicht verschont geblieben. Namur, mit seiner riesigen Zitadelle die Hauptstadt der belgischen frankophonen Region Wallonien, liegt am Zusammenfluss von Meuse (Maas) und Sambre - eine strategische Lage, die seit der Römerzeit wiederholt zu Belagerungen führte. Trotz heroischem Widerstand wurde die Stadt im Ersten Weltkrieg besetzt, zudem ausgeplündert und am 23.8.1914 teilweise abgebrannt: So erklärt sich das an einer Hauswand befindliche Relief mit einem Namen, eben diesem Datum sowie dem Spruch "Belgier erinnert Euch" (Abb. 8). 1940 wurde die Stadt Namur wiederholt besetzt und bis 1944 mehrfach bombardiert.

8 Namur

Südlich von Namur führt eine Landstraße an der malerischen Meuse mit ihren Windungen und vielfältigen Felswänden entlang; die Geschichte dieses Fleckchen ist allerdings weit weniger schön. An einer kleinen Kreuzung in der Gemeinde Anhée wird unerwartet nach einem Museum in Haut-le-Wastia hingewiesen; der Besuch dieses kleinen, gleich neben der Grundschule im ehemaligen Haus des Lehrers gelegenen "Musée du Souvenir-Mai 40" lohnt sich. Hier, an der "Place des Français", wurden auf vier Ebenen reichlich Flaggen, Waffen, Fotos, zeitgenössische Gegenstände sowie in Uniformen gekleidete Schaufensterpuppen (auch weibliche mit schwarzen Schnurbarten) zusammengetragen. Zusätzliche gute Informationen und Karten (Abb. 9), ein dreidimensionales Modell der Maas-Überfahrt 1940-1945, auch ein Schlauchboot aus der Zeit (Abb. 10) erklären konkret die damalige Situation der Gegend in Belgien, in der viele Franzosen der 4. und 5. Divisionen starben.

9 Informationstafeln in Haut-le-Wastia

10 Schlauchboot im Museum in Haut-le-Wastia

Bei der Maas-Luftschlacht vom 13.-16. Mai 1940 kämpften 180 Flugzeuge der "Armée de l'Air" - gegen 850 der Luftflotte und noch 1000 Bomber. Daher der Name des Platzes, sowie ein Monument am nördlichen Rand des Ortes - beide sind ein Dank der lokalen Bevölkerung an die gefallenen Franzosen.

Weiter nach Süden, 28 km von Namur und nur 20 km von der französischen Grenze entfernt, erreicht man Dinant mit heute über 13.000 Einwohnern und einer bewegten Vergangenheit. Durch den Handel mit Produkten ihrer Spezialität, der "Dinanderie" (Messinghandwerk), gehörte die Stadt zur Hanse und ist außerdem bekannt als Geburtsstadt des Erfinders des Saxophons, Adolphe Sax (1814-1894). Leider gehört sie auch zu den Städten Belgiens, die am meisten unter den beiden Weltkriegen gelitten haben. Unterhalb der Festung entdeckt man in der Stiftskirche "Collégiale Notre-Dame" mit Zwiebelartigem Turm neben einem modernen Altar und Ambonen in der traditionellen Technik an der Wand ein weiteres Kunstwerk: "In Erinnerung an die Opfer des 23 August 1914". Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verübten deutsche Truppen das Massaker von Dinant - sie töteten 674 Zivilisten und zerstörten über 1100 der 1800 Häuser der Stadt; mehrere Denkmäler erinnern an das Schicksal dieser Menschen. Schon am 15.8.1914 hatten die Deutschen Dinant bombardiert, Charles de Gaulle (1890-1970) war mit seiner Einheit vor Ort und wurde bei den Angriffen verletzt; so wurde genau 100 Jahre später im Rahmen der Gedenkfeiern in Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs eine 2,5 Meter große Kupferstatue von ihm im Alter von 24 Jahren enthüllt. Sehr beeindruckend am linken Ufer der Maas ist aber vor allem das Memorial für die zivilen Opfer des 23.8.1914 in Form einer absichtlich verrosteten, durchlöcherten, liegenden Stele mit eingewurzelter Krypta . Die nur von Innen lesbaren 674 alphabetisch eingeordneten Namen sind begleitet von Strichen und Punkten (Jahrzehnte und Jahre) (Abb. 11 und 12).

11 und 12 Dinant, Memorial für zivile Opfer

Auf dem an der Außenseite befindlichen, mit Löchern angedeuteten Stadtplan - ein Loch pro Totem am betreffenden Ort - sind als Friedensfluss Weltzitate in großen Buchstaben zu : "Warum Krieg?" (von einem unbekannten deutschen Soldat); "Die Bestätigung des Friedens ist der größte Kampf" (J. Jaurès); "Auge um Auge lässtt schließlich die ganze Welt erblinden" (Ghandi); "Frieden ist eine ständige Schöpfung" (Poincaré); "Ein Krieg verursacht nicht hundert tausend Tote, sondern hundert tausend mal einen Toten" (Unbekannt); "Die beste Waffe ist, sich hinzusetzen und zu reden" (N. Mandela); "On ne souhaite pas la paix, on la fait" - das heißt "Man wünscht nicht den Frieden, man tut ihn"...

Obwohl Mecklenburg weit von Frankreich und Belgien entfernt liegt, soll von dort - quasi als Echo - ein letztes Beispiel zu den vorher genannten Kriegsstätten kommen. Denn auch in Schwerin hat die deutsche Bevölkerung leiden müssen, wie es im Chorumgang des Schweriner Doms vier Tafeln in Erinnerung an die Kriegstoten beweisen. Dicht nebeneinander gesetzt, schwarz, in hölzernem Rahmen mit Lorbeerfries gefasst, stammen die drei ersten Tafeln aus dem 19. Jahrhundert: zwei Listen für Opfer der Befreiungskriege 1813-1815 gegen Napoleons Herrschaft (erst Offiziere und Soldaten, dann, nach Berufen aufgelistet - etwa Schuster, Pantoffelmacher, Schlachter, Chirurgius, Arbeitsmann..., - die Zivilisten); die dritte Liste für die im Kriege 1870-71 "gebliebenen" Schweriner. Die vierte Tafel (hier weiß, schwarz umrandet, größer, mit zwei Flügeln) ist vom Feldartillerie-Regiments Nr. 108 seinen Gefallenen gewidmet, die 1914-1918 "Den ehrenvollen Tod für das Vaterland starben". Besonders interessant sind ganz unten und gut lesbar die zusätzlichen weißen Inschriften auf schwarzem Hintergrund: "Champagne, Narew, Bilsk, Niemen, Moulins-sous-Touvent, Höhe 304, Dou-aumont, Aisne, Flandern, Cambrai, Moreuil, Somme und Avre, Lassigny" - allesamt (bis auf die drei an der Ostfront) Schlachten an der Westfront im Norden Frankreichs und in Belgien: eine gute Zusammenfassung dieses Berichtes (Abb. 13).

13 Schwerin, Tafel des Feldartillerie-Regiments Nr. 108 im Dom

War das alles nur Vergangenheit? Angesichts der auch heute weltweit geführten Kriege mögen uns die klugen Gedanken des Memorials von Dinant bewusster machen, in welchem Maße ein friedliches Miteinander auch heute vom Verhalten jedes einzelnen abhängt.

Fotos: Christine Behrens

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