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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der "Día de Todos los Santos" in Murcia (Spanien)

Bereits in den Tagen vor dem "Día de Todos los Santos" Anfang November ist der Nuestro Padre Jesús-Friedhof von Murcia voller Leben. Die Grabstätten, größere und kleinere, werden aufwändig gereinigt und mit frischem Blumenschmuck versehen. Das ist bisweilen Aufgabe der ganzen Familie. Die Arbeiten führen auch zu vielerlei Gesprächen zwischen den Grabstätten.

Zur Feier der Toten kommt es schon morgens auf den Zufahrtsstraßen um den außerhalb der Stadt gelegenen Friedhof es zu langen Staus. Fast alle reisen mit dem Auto an, um ältere Familienangehörige mitnehmen zu können sowie frischen Grabschmuck zu transportieren. Polizei regelt den Verkehr. Auch Sonderbusse zum Friedhof werden eingesetzt. Wer ein Taxi gerufen hat, ist ohne jede Chance, weil es ab dem späten Vormittag nicht mehr zum Friedhof durchkommt ...

1 Sonderfahrt zum Friedhof

Vor dem Friedhofseingang spielt sich jahrmarktähnliches Treiben ab. Neben den üblichen Blumengeschäften und Cafés haben zahlreiche Händler ihre Stände aufgebaut. Menschen unterhalten sich bei Kaffee und Gebäck, Wein wird angeboten. Die Stände offerieren nicht zuletzt den vielen mitgekommenen Kindern Süßigkeiten, bunte Luftballons und allerlei Spielzeug. So nimmt allerlei das Bummeln zwischen den Ständen beträchtliche Zeit ein, bevor der Friedhof selbst aufgesucht wird.

2 Buntes Treiben vor dem Friedhofstor

Am Tor kommt es dann zu langen Warteschlangen, weil der Zugang wegen des Andranges geregelt wird. Ein Grund dafür ist nicht zuletzt, dass auf dem Friedhof zahlreiche Veranstaltungen stattfinden. Dazu zählen Gottesdienste, öffentliche Musikveranstaltungen und andere Aufführungen. So zeigt sich das Treiben auf dem Friedhof als eine Art Volksfest, das in geregelte Bahnen gelenkt wird. Gebäck, Kaffee und andere Getränke werden mitgebracht und im Gespräch mit den Angehörigen oder den Hinterbliebenen benachbarter Grabstätten verzehrt. Bei regnerischem Wetter ist es durchaus von Vorteil, dass die Grabkapellen als sepulkrale Bauwerke auch innen genügend Platz für einen längeren Aufenthalt bieten. An manchen Gräbern wird ein Glas Rotwein im Andenken an die Verstorbenen getrunken. Für die Stadt zählt der Tag auf dem Friedhof - neben der Osterprozession - zu den bedeutendsten Ereignissen im Jahreslauf.

3 Warteschlange vor dem Friedhofstor

Charakteristisch für den in kommunaler Trägerschaft befindlichen Begräbnisplatz von Murcia sind zahlreiche, nebeneinander liegende Grabkapellen - historische und moderne - sowie die Gedenkstätte für die Internationalen Brigaden, die im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik und gegen den von Hitler und Mussolini unterstützten Franco kämpften. In einer öffentlich zugänglichen Online-Datenbank können Informationen zu den einzelnen Grabstätten und ihre Lage nachgeschlagen werden.

Über den Nuestro Padre Jesús-Friedhof von Murcia ist in den letzten Jahren unter Leitung von Klaus Schriewer und Pedro Martínez Cavero (Universität Murcia) viel geforscht worden. Dabei sind unter anderem bislang vier aufwändig gestaltete Broschüren entstanden. Sie dienen als Führer und thematisieren unterschiedliche Aspekte einerseits der Friedhofs- und Grabmalkultur, andererseits der Stadtgeschichte von Murcia. Eine Broschüre ist beispielsweise den lokalen Schriftstellern und Künstlern gewidmet, weitere den bürgerlichen Eliten des 19. Jahrhunderts und bedeutenden Frauen aus Murcia. Die Projekte dienen dazu, den Friedhof mit der lokalen und regionalen Geschichte anhand von individuellen Lebensgeschichten zu verbinden. So dokumentiert der Friedhof den wirtschaftlichen Aufstieg und die Industrialisierung der Region, die verschiedenen hier zusammenlebenden Religionen und den Auf- und Abstieg von Familien. Die genannten Forscher haben 2018 und 2020 auch die Erste und Zweite Europäische Friedhofskonferenz veranstaltet, auf denen Friedhofsentwicklungen in unterschiedlichen Ländern verglichen wurden.

4 Das Schmücken der Gräber

5 Gräberschmuck mit Besuchern, u.a. Friedhofsforscher Schriewer

6 Einzelne Grabstätte mit Blumenschmuck

7 Symphonie unterschiedlicher Farben

Das im Südosten Spaniens am Segura-Fluss liegende Murcia ist die Hauptstadt der gleichnamigen autonomen Region Murcia, die als Produzent von Obst, Gemüse und Blumen bekannt geworden ist. Die Stadt hat rund 450.000 Einwohner und zählt zu den größten Universitätsstädten des Landes. Bekannteste Attraktion ist die Kathedrale der Heiligen Maria im Stadtzentrum, zu der das gegenüberliegende, vom Architekten Rafel Moneo gestaltete Rathaus räumlich einen modernen Kontrapunkt bildet. Die Kathedrale ist der Mittelpunkt der römisch-katholischen Diözese Cartagena.

Fotos: Norbert Fischer

Auflistung alle Artikel aus dem Themenheft Tag des Todes (Dezember 2021).
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