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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Der Bildhauer Richard Kuöhl - ein deutscher Lebenslauf im 20. Jahrhundert

Der Bildhauer, Bauplastiker, Keramiker und Entwerfer Richard Kuöhl (Abb. 1) wurde durch zahlreiche Werke vor allem in Hamburg und sowie im weiteren norddeutschen Raum bekannt.

Richard Kuöhl (1880-1961) (1)

In der öffentlichen Diskussion umstritten ist Kuöhl durch sein 1936 in Hamburg eingeweihtes "76er-Denkmal" am Dammtor-Bahnhof (Abb. 2). Mit seinen marschierenden Soldaten und der Inschrift "Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen" gilt es als kriegsverherrlichend im Sinn der national-sozialistischen Auftraggeber.

76er-Denkmal am Dammtor (2)

Direkt benachbart wurde im Auftrag des Hamburger Senats 1985/86 ein vom österreichischen Bildhauer Alfred Hrdlicka entworfenes sogenanntes Gegendenkmal errichtet. Seit November 2015 steht dort außerdem ein weiteres Denkmal, mit dem an Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz erinnert wird (Abb. 3).

76er-Denkmal, rechts Deserteurs-Denkmal (3)

Der wirtschaftlich erfolgreiche Kuöhl zählte in Hamburg zu den populärsten Bildhauern seiner Zeit und galt als führender Bauplastiker. In der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus hat er das Hamburger Stadtbild mitgeprägt. Richard Kuöhl zeigte in seinen zahlreichen, fast seriell produzierten Arbeiten vielseitiges handwerkliches Können. Er passte sich dem jeweils herrschenden Kunstgeschmack und seinen Auftraggebern an. Zu seinem stilistischen Repertoire zählen naturalistische und expressionistische Figuren, Arbeiten im Bereich der Neuen Sachlichkeit und Werke im Sinn der nationalsozialistischen Kunstideologie. Sein Oeuvre reicht von Kleinkeramiken und -plastiken sowie Terrakottareliefs über figürliche Darstellungen und Brunnen bis hin zu zahlreichen, zunächst monumental-heroisierenden, nach dem Zweiten Weltkrieg christlich geprägten Kriegs- und Ehrenmälern.

Geboren am 31.05.1880, wuchs Richard Kuöhl in wirtschaftlich ärmlichen Verhältnissen in Vorbrücke, dem heutigen Stadtteil von Meißen, auf. Sein Vater, ein Steinmetz, starb bereits früh. Der Sechzehnjährige absolvierte bis 1900 eine vierjährige handwerkliche Lehre als Kunsttöpfer in der Keramischen Modellfabrik für Porzellan, Öfen und Fliesen in Meißen. Anschließend war er in dieser Firma zwei Jahre als Angestellter tätig. 1902-1905 studierte er an der Kunstgewerbeschule Dresden in der Modellierklasse des Bildhauers Karl Groß.

Nach seiner Ausbildung arbeitete Kuöhl 1905/06 als leitender Modelleur an der Bauchemischen Versuchsanstalt von Julias Bidtels Keramischer Fabrik Bidtelia in Meißen. Dort erprobte er neue technische Verfahren in der Bearbeitung von Ton und Terrakotten. U.a. entwarf er Spielzeugtiere, die von Dresdener und Meißener Kunsthandwerkstätten ausgeführt wurden.

1906 zog Kuöhl nach Berlin, wo er - von nun an freischaffend tätig - Objekte für die Werkstatt des Jugendstil-Keramikers Richard Mutz entwarf. Darüber hinaus erhielt er in seiner Berliner Zeit Aufträge von verschiedenen Architekten, darunter Albert Geßner, und Bildhauern, wie Hugo Lederer. Am 01.08.1910 heiratete Richard Kuöhl die aus Berlin stammende Stickerin Gertrud Suckau.

Seine nächste berufliche Station bildete ab 1912 Hamburg. Hier beauftragte ihn der Bau- und spätere Oberbaudirektor Fritz Schumacher, den er in Dresden kennengelernt hatte, 1912-1915 und ab 1919 mit der Ausführung von plastischem Schmuck für seine öffentliche Bauten. Während des Ersten Weltkriegs wurde Kuöhl als sogenannter Kriegsgräber-Beirat hinter der Ost- und Westfront mit der Gestaltung von Gefallenendenkmälern und Soldatenfriedhöfen beauftragt.

In seiner Hamburger Zeit lebte und arbeitete er größtenteils im Stadtteil Uhlenhorst - zunächst im Lerchenfeld, nach dem Ersten Weltkrieg im Schrötteringksweg. Sein Atelier verblieb zunächst im Lerchenfeld, bevor Kuöhl ab 1924 vorübergehend in der Straße Beim Schlump arbeitete. 1927 bezog er ein neues, räumlich großzügiges Atelier mit Mustersalon in der Uhlenhorster Osterbekstraße, das von von den Architekten Friedrich Dyrssen und Peter Averhoff gestaltet wurde. Sein Wohnsitz lag nun in der benachbarten damaligen Goethestraße, der heutigen Grillparzerstraße.

Erstmals breiteren Kreisen bekannt wurde Kuöhl mit seinem farbigen Keramikbrunnen auf der Ausstellung des Deutschen Werkbundes in Köln 1914. In seiner Hamburger Zeit entstanden zahlreiche Bauplastiken. Neben den Arbeiten für Fritz Schumachers Staatsbauten - z. B. die Finanzbehörde am Gänsemarkt, die Davidwache in St. Pauli und das Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof - lieferte er Werke u.a. an dem von Fritz Höger entworfenen Chilehaus, am Pressehaus und am Altstädter Hof im Kontorhausviertel. Im Stadtteil Neustadt schuf er den Hummelbrunnen, der an die Hamburger Symbolfigur des Wasserträgers Hans Hummel erinnert. Von Kuöhl stammen auch der Rattenfängerbrunnen in Barmbek und das Kriegerdenkmal in Langenhorn sowie die Plastik eines Fischers an der von Fritz Schumacher entworfenen Gorch-Fock-Halle im Stadtteil Finkenwerder (Abb. 4). Auch auf Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg stehen zahlreiche Arbeiten von Richard Kuöhl (siehe dazu den folgenden Beitrag in diesem Heft).

Kuöhls Fischerfigur in Finkenwerder (4)

In der Zeit ab 1933 entstand zwischen Dammtor-Bahnhof und Stephansplatz als eines seiner monumentalen Hauptwerke das oben genannte Ehrenmal für die Gefallenen des Hamburgischen Infanterie-Regiments Nr. 76, das sogenannte 76er-Denkmal. Zudem entwarf er nationalsozialistische Hoheitszeichen. Am 03.08.1937 beantragte Kuöhl die Aufnahme in die NSDAP. 1938 erhielt er die Berechtigung zur Ausbildung von Lehrlingen in der Kunsttöpferei. 1940 war Kuöhl an der Großen Deutschen Kunstausstellung in München beteiligt, die nationalsozialistische Kunst repräsentierte. Seine Verbundenheit mit der nationalsozialistischen Ideologie zeigte er - abgesehen von entsprechenden Auftragsarbeiten - auch darin, dass er die ideologisch-kriegsverherrlichende Aussage des "76er-Denkmals" während des Entstehungsprozesses noch verschärfte. So lässt sich feststellen, dass Kuöhl mit seinen Arbeiten die nationalsozialistische Propaganda und damit ein verbrecherisches Regime stützte.

In Bad Oldesloe schuf er u.a. folgende Werke: den von Friedrich Bölck gestifteten Gänselieslbrunnen vor dem Alten Rathaus, die Figur des Jünglings vor der Stormarnhalle, die Gedenktafel an der Mennokate, Reliefs am Stormarnhaus, den sogenannten Sämann am Haus des Kreisbauernverbandes Stormarn. Außerdem entwarf er die figürliche Plastik der Trauernden als Ehrenmal für die Bombenopfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Alten Friedhof und das Ehrenmal auf dem neuen Friedhof Bad Oldesloe (Abb. 5). Daneben gestaltete Kuöhl in Stormarn u.a. Ehrenmäler in Trittau und Großhansdorf sowie den figürlichen Schmuck am Eingang zur U-Bahnstation Ahrensburg-Ost.

Kuöhls Ehrenmal für Bombenopfer, Friedhof Bad Oldesloe (5)

In Bremen entstanden Keramiken für das Kontorhaus der Wollkämmerei und Portalreliefs für das Reichspostamt, in Flensburg die figürlichen Köpfe für das Stationsgebäude des Bahnhofs (Abb. 6), in Lübeck Klinkerkeramik am Kontorhaus des ehemaligen Handelshofes, in Wilster das Ehrenmal im Stadtpark, in Wilhelmshaven ein Marinedenkmal. Regimentsdenkmäler von Richard Kuöhl stehen - außer in Hamburg - in Rendsburg, Lübeck und Düsseldorf. In Coburg schuf er das Denkmal des Coburger Convents, also des Korporationsverbandes der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen.

Figürlicher Schmuck von Kuöhl am Bahnhof Flensburg (6)

Richard Kuöhl war Mitglied im Deutschen Werkbund, in der Künstlervereinigung Hamburgische Sezession, im Hamburger Künstlerverein von 1832 und in der Hamburgischen Künstlerschaft.

Nach der Zerstörung seines Hamburger Ateliers durch die Bombenangriffe im Juli/August 1943 verlegte der Bildhauer seinen Wohn- und Arbeitssitz nach Kupfermühle bei Bad Oldesloe (Kreis Stormarn), wo er 1931 mit der sogenannten Schäferkate einen Sommersitz erworben hatte. Zudem betrieb er eine Werkstatt im ehemaligen Gerichtsgefängnis von Bad Oldesloe.

Nach dem Ende von Diktatur und Zweitem Weltkrieg wurde ihm wegen seiner Arbeiten für nationalsozialistische Auftraggeber die Aufnahme in den wiedergegründeten Berufsverband der Hamburgischen Künstlerschaft verweigert.

Am 19.05.1961 starb er in Bad Oldesloe und überlebte damit seine Frau um acht Jahre. Er wurde auf der Familiengrabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg bestattet.

Das Stormarnsche Dorfmuseum in Hoisdorf besitzt eine Sammlung kleinerer Arbeiten von Richard Kuöhl und widmete ihm 1998 eine Einzelausstellung. Das Kreisarchiv Stormarn in Bad Oldesloe erwarb 2020 einen wichtigen Teil aus seinem Nachlass.

Anm. der Red.: Der folgende Text beruht auf dem Artikel des Verfassers "Richard Kuöhl" im Stormarn Online-Lexikon (www.stormarnlexikon.de/richardkuoehl/)

Fotos: (1) Kreisarchiv Stormarn, Bestandssignatur I 1 / 7648; Media-ID 110875.
2, 3, 5, 6: Norbert Fischer; 4: Sylvina Zander.

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