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OHLSDORF - Zeitschrift für Trauerkultur

Das Grabmal Alexander Schäffer und die Frage des Freitods

Vor dem Ohlsdorfer Friedhofsmuseum steht das von Engelbert Peiffer geschaffene Grabmal Alexander Schäffers. Es befand sich ursprünglich in der Nähe der Steinkreise – Grablage T14, 145 – und wurde 2004 in den Außenbereich des Museums versetzt. Am Grabmal ist der Name allerdings mit ‚AE' geschrieben, was vielleicht dem Umstand zuzuschreiben ist, das der Umlaut bei Großschreibung nicht so gut unterzubringen war. „Schäffer“ ist jedenfalls nach den offiziellen Urkunden die korrekte Schreibung.

Wer etwas über Alexander Schäffer erfahren möchte, findet heutzutage bei Wikipedia einen kurzen Beitrag. Dort wird angegeben, dass er von Beruf Zivilingenieur war. Eines seiner Projekte war der Kaispeicher B in der Speicherstadt, und auch mit der Frage der Untertunnelung der Elbe hatte er sich befasst, aber das Projekt kam ja erst Jahre später zur Ausführung. Über sein Lebensende wird mitgeteilt: „Aufgrund einer schweren Krankheit beging er 1890 im Alter von 45 Jahren Selbstmord.“

Porträt Alexander Schäfer

Wie es sich für Wikipedia gehört, sind einige Quellen angegeben. Unter anderem wird der 2004 in unserer Zeitschrift erschienene Artikel von Christine Behrens über das Schäffersche Grabmal aufgeführt, des Weiteren ein Stadtführer von Ralf Wegner über die Speicherstadt, auf den sich auch Christine Behrens bezieht. Bei beiden heißt es sinngemäß, Schäffer habe auf Grund einer schweren Erkrankung seinem Leben ein Ende gesetzt. Wegner nennt seinerseits als Quelle die 1909 erschienene „Denkschrift zum 50-jährigen Stiftungsfest des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Hamburg“. Dort wird Ale-xander Schäffers Leben ausführlicher beschrieben. Den Selbstmord sucht man allerdings vergebens. Man findet nur den Hinweis auf „ein schweres körperliches Leiden“, „das seinem Leben am 12. Januar 1890 ein Ziel setzte.“ Diese Formulierung ist heute vielleicht etwas ungewöhnlich, ein Suizid ist damit aber definitiv nicht gemeint. Daraus folgt, dass Herr Wegner nicht genau gelesen hat – und dass also auch Quellen nicht immer verlässlich sind.

Grabmal Alexander Schäffer vor dem Ohlsdorf-Museum (Foto: Petra Schmolinske)

Zum Glück kam niemand auf die Idee, für unser voriges Heft zum Thema Freitod auch Alexander Schäffer heranzuziehen, denn dann wäre die Falschmeldung noch ein weiteres Mal gedruckt worden. Und sollte zu einem späteren Zeitpunkt der angebliche Selbstmord bei Wikipedia nicht mehr zu finden sein, hat sich jemand verdient gemacht und die Stelle geändert.

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